Geistliche Gottes Wort im Oderbruch

Die Menschen ziehen weg aus den Dörfern Ostbrandenburgs. Der Berliner Vikar Robert Parr ging den entgegengesetzten Weg

Damit nicht auch noch Gott diese Gegend verlässt, ist Robert Parr nach Golzow gekommen. »Das sieht ja grausam aus«, dachte er, als er zum ersten Mal hier ausstieg, außer dem verlassenen Bahnhäuschen weit und breit nichts, woran er sich orientieren konnte außer an seinem Glauben. Parr, 29, kommt eigentlich aus Berlin. Er ist Vikar, ein evangelischer Pfarrer in Ausbildung. Seit gut einem Jahr lebt er im Oderbruch, 15 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, in einem Dorf mit 954 Einwohnern. Wenn überhaupt, dann ist Golzow bekannt, weil hier nach dem Krieg eine Langzeitchronik über eine Landschulklasse gedreht wurde. Sie heißt: Die Kinder von Golzow. Früher gab es hier einmal eine Grundschule und eine Oberschule. Die Grundschule ist noch übrig. In Golzow starben letztes Jahr sieben Menschen, zwei wurden geboren. Für die Dagebliebenen gibt es in der Eisdiele auch im Winter stets abwechselnde Sorten, immer in geraden Stunden hält der Zug nach Berlin. Robert Parr hat sich für den Zug in die andere Richtung entschieden, um zu lernen, was es bedeuten kann, das Wort Gottes unter die Menschen zu tragen.

Der Vikar und seine Mentorin sind allein für acht Gemeinden zuständig

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Es ist der Samstag vor dem dritten Advent, und Parr ist 23 Kilometer über Alleen und an Feldern vorbei in eine Nachbargemeinde gefahren, um beim Konfirmandenunterricht auszuhelfen. »Das ist natürlich ein no go, als Pfarrer selbst das Lieblings-Weihnachtslied zu vergessen, wenn es für die Konfirmanden Hausaufgabe war, es mitzubringen«, sagt Parr, wie immer gerade noch rechtzeitig angekommen, und steigt aus seinem blauen Volvo. Als der große Mann mit dem roten Bart in Socken die eiskalten Treppenstufen zum Unterrichtsraum hinaufklettert, kehrt dort gerade Ordnung ein; die Mädchen sitzen auf der rechten Seite, die Jungen auf der linken im Stuhlkreis. 13 Kinder sind gekommen, Parr gibt allen die Hand und begrüßt sie mit Namen.

Ihre Konfirmanden müssen die Gemeinden sich mühsam zusammensuchen. Eigentlich gibt es im Ort nur zwei, deshalb organisieren sie einen gemeinsamen Konfirmandenunterricht für Kinder aus Schulen in der ganzen Region, die auch mal 50 Kilometer auseinander liegen können. Sie treffen sich regelmäßig einmal im Monat, dafür aber für dreieinhalb Stunden. Heute beginnt das Treffen mit den ausgesuchten Lieblings-Weihnachtsliedern. Ein Junge hat seines im Handy gespeichert, den Weihnachtssong von Sido: »Wer cool sein will, geht raus in den Wald, sucht nach so ’nem Kerl in Rot und macht ihn kalt.«

Viele Gemeindeglieder sind alt, »mit der Jugend ist es mau, selbst wenn sie dazugehört, ist sie schwer zu begeistern«, sagt Parr. Wenn er redet, tut er es mit Bedacht, vorher schließt er kurz die Augen. Einer der Jungen im Konfirmandenunterricht erzählt, dass in seiner Klasse zwei Schüler getauft sind, außer einem anderen gehen alle zur Jugendweihe.

Weil sie in Golzow in diesem Jahr auch nur vier Konfirmanden haben und es für das nächste Jahr noch keine Anmeldungen gibt, denkt Robert Parr über eine ähnliche Zusammenarbeit nach, wie die Gemeinden hier um Neuentempel sie schon praktizieren, mit Abholdienst und Treffen nur am Wochenende, damit man die Termine aller beteiligten Schulen unter einen Hut bekommt.

Insgesamt für acht Kirchengemeinden sind der Vikar Parr und seine Mentorin, die Pfarrerin Anja Grätz, zuständig. Zusammen haben die Orte rund 5500 Einwohner, 850 davon gehören zur evangelischen Kirche. Als Anja Grätz ihre Pfarrstelle 2003 übernahm, waren es noch knapp 1000. Es ist eine Gegend, in der die Gotteshäuser noch nicht einmal in der Adventszeit voll sind. In den acht Gemeinden von Parr und Grätz gibt es zwei Kirchen aus den fünfziger Jahren, die alten Kirchen in den Dörfern wurden 1945 zerstört, als die Rote Armee sich nach Berlin vorkämpfte. Wo keine neuen Kirchen errichtet wurden, behilft man sich mit Räumen im Pfarrhaus oder kleinen Kapellen.

Leser-Kommentare
    • Fokko
    • 27.12.2009 um 2:31 Uhr

    ... es könnte mich auch reizen, dort hin zu gehen. Unsere Bunbdesrepublik ist ganz klar übervölkert und da sind diese beiden Länder, Meckpomm und Brandenburg als am dünnsten besiedelte Bundesländer durchaus ein Option, wenn man etwas Ellenbogenfreiheit möchte.

    Fokko vom Selbstversorger-Blog/Fantasy-Blog
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    http://selbstversorger-bl...
    http://fokko.wordpress.com/

  1. dass sie sich mit diesem Artikel wohltuend vom Mainstream der deutschen Blätter abhebt, die ja grossmehrheitlich der Meinung sind, gerade an Weihnachten gegen die Religion im Allgemeinen und die christlichen Kirchen im Besonderen schiessen zu müssen.
    Eine schöne Ausnahme, dieser Artikel !

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