Zwei Berufsgruppen freuen sich dieses Jahr ganz besonders auf Weihnachten: die Wissenschaftsminister und die Hochschulrektoren. Die letzten beiden großen Studentenstreiks 1997 und 2003 haben die Festtage nämlich nicht überlebt, im Januar folgten jeweils die Ernüchterung und die Rückkehr der Studenten in einen universitären Alltag, der sich kaum verändert hatte. Auch diesmal haben viele Besetzer diskutiert, wie sie die nächsten zwei Wochen überbrücken sollen, wenn es die Mehrheit von ihnen für ein paar Tage heimwärts zieht.

Doch es gibt einen Unterschied zu früheren Protesten: Der Bildungsstreik 2009 ist schon jetzt die erfolgreichste studentische Bewegung der letzten vier Jahrzehnte. Die öffentliche Wahrnehmung, die die Streikenden erfahren, die gesellschaftliche Debatte über den Sinn und Wert von Bildung, die sie angestoßen haben, vor allem aber der erstaunliche Aktionismus der Verantwortlichen belegen dies eindrücklich – ein Aktionismus, der in täglich neuen Ankündigungen bildungspolitischer Kurswechsel gipfelte.

Da forderte die Bundesbildungsministerin plötzlich einen Masterzugang für alle und erklärte die Föderalismusreform, deren Verfechterin sie gewesen war, zum Irrtum. Da fassten die Wissenschaftsminister einen Beschluss nach dem anderen, in denen sie den Hochschulen jedes Mal noch größere Freiräume bei der Gestaltung von Studiengängen einräumten. Und die Rektoren, die als Reformbürokraten ein Schema F durchgezogen hatten, entdeckten den wahren Geist von Bologna: die Studenten in die Mitte der Hochschule zu holen, ihr Recht auf gute Lehre und Mitwirkung erstmals in der Geschichte wirklich zum Selbstverständnis einer Universität hinzuzufügen.

Kurzum: Der Bildungsstreik 2009 wird die Hochschulen in einem Maß verändern, das noch vor Monaten unvorstellbar war. Ob allerdings tatsächlich zum Guten, hängt nicht mehr von den Studenten ab, sondern davon, ob die Bildungspolitiker ihrem symbolischen Kniefall Taten folgen lassen. Denn wenn man sich die Versprechen der Minister im Detail ansieht, fällt auf: Darin steckt überraschend wenig Neues. Vom längeren Bachelor über den freien Masterzugang bis zu weniger Prüfungen, rechtlich war all das schon vor den Streiks möglich.

Dass es kaum irgendwo verwirklicht wurde, hatte einen einfachen Grund: Die Verantwortlichen haben sich vielerorts um die Meinung der Studenten so lange nicht geschert, bis sie mit ihren Aktionen auf Seite eins der Zeitungen auftauchten. Möglich, dass die Politik in alte Verhaltenmuster zurückfällt, sobald die Proteste, wie absehbar ist, wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden.

Ein Blick auf die substanzlosen Ergebnisse des Bildungsgipfels von Kanzlerin und Ministerpräsidenten verstärkt solche Befürchtungen: Die vom Bund gemachte Zusage, die Länder mit zusätzlichen Milliarden für Schulen und Hochschulen zu unterstützen, fiel so allgemein aus, dass nach Einsparungen an anderer Stelle unterm Strich kein Extraeuro mehr für die Bildung übrig bleiben könnte.

So steht am Ende dieser Bilanz eine Warnung. Der Bildungsstreik hat das erstaunliche Potenzial der heutigen angeblich so unpolitischen Studentengeneration gezeigt, sich zur Wehr zu setzen. Darin steckt auch ein gewaltiges Frustpotenzial für den Fall, dass man ihre berechtigten Forderungen erst scheinbar erfüllt, um sie dann doch links liegen zu lassen. Die Bildungspolitik wäre selbst schuld, wenn sie es darauf ankommen ließe.