Außenpolitik Der Diplomat und seine Formel
Weiß in der Krise die Außenpolitik nicht weiter, schlägt die Stunde von Michael Ambühl. Was ist sein Erfolgsgeheimnis?
Auf Fotos wirkt er blass. In Interviews trocken. Der Schweizer Chefdiplomat Michael Ambühl. Aber im lichten Büro W156 im Bundeshaus West sitzt man keinem Technokraten gegenüber. Gestenreich erklärt Ambühl seine Dossiers. Der 58-Jährige ist umgänglich, ohne Diplomaten-Dünkel. Sein Vokabular ist unverblümt. »Das dürfen Sie aber nicht zitieren«, schiebt er einem Satz manchmal hinterher. Und sein Pressesprecher runzelt besorgt die Stirn.
In der Debatte um die Schweizer Außenpolitik ist jeder ein Experte. Ehemalige Botschafter und Ex-Bundesräte erklären in Talkshows, sie würden alles anders machen – sprich: richtig. Parteien und Politiker fordern mal Konsequenzen, dann Köpfe; am liebsten bundesrätliche. Schnell wird einer zum Sachkundigen und tingelt durch die Schweizer Medienlandschaft. Aber Chefdiplomat Ambühl hält sich zurück.
Auch am 19. August. Einem Mittwoch. Drei Bundesräte sitzen auf dem Podium im Berner Medienzentrum. Der Saal ist proppenvoll. Hans-Rudolf Merz, Eveline Widmer-Schlumpf und Micheline Calmy-Rey verkünden: Der Steuerstreit mit den USA ist gelöst. »Wir haben unseren Rechtsstaat und die Souveränität des Landes verteidigt.« Ambühl sitzt rechts außen. Und schweigt.
Seit 1982 steht der Berner im diplomatischen Dienst. Über Kinshasa und Delhi kam er nach Brüssel, zur Schweizer Vertretung bei der EU. Für die ersten bilateralen Abkommen verhandelte er das Schlüsseldossier »Landverkehr«; Ambühl rang der Europäischen Union die Leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe (LSVA) ab. Bei den Bilateralen II war er Chefunterhändler. Sein damaliges Gegenüber bei der EU, Percy Westerlund, meint heute: »Michael Ambühl ist ein Schweizer im positivsten Sinn: akribisch, strukturiert und gut organisiert – aber kein Langweiler.« Trotz schwieriger Verhandlungen habe er immer gerne mit ihm zusammengearbeitet.
2005 ernannte der Bundesrat Ambühl zum Staatssekretär. Für viele Politiker ist er ein Türöffner im Außendepartement (EDA). »Es ist ein unschätzbarer Vorteil, dass er ein gutes Verhältnis zu seiner Chefin hat«, meint sein Kollege, EU-Botschafter Michael Reiterer.
Bei festlichen Vertragsunterzeichnungen steht Ambühl im Hintergrund. Ihn schickt man vor, wenn’s brennt. »Diplomatie besteht nicht darin, dass die Bundesräte Verhandlungen führen«, sagt er. Also keine Sololäufe wie jener von Bundespräsident Merz? »Natürlich können Ausnahmen angezeigt sein.« Er präzisiert. »Politiker sollen grundsätzlich den Rahmen vorgeben, innerhalb dessen die Unterhändler verhandeln.« Trotzdem avancierte der Chefdiplomat im außenpolitischen Krisenjahr 2009 zum Star. Der Boulevard sprach von der »Wunderwaffe Ambühl«, vom »Usain Bolt der Außenpolitik«. SP-Nationalrat Mario Fehr wollte den Chefdiplomaten gar zum »Ehrenpräsidenten der UBS« ernennen. Auch ausländischen Gesandten fällt Ambühls Dauereinsatz auf. Man fragt sich: Ist er die einzige »Trumpfkarte der Schweizer Diplomatie«, wie ein Brüsseler EU-Diplomat meint? Oder einfach die Beste?
Der Gelobte relativiert. Er nimmt einen Schluck Schwarztee aus der Goldrandtasse und greift zu Block und Stift. Erst skizziert er Quadrate, dann Variablen. Er versuche Komplexes in technische Details zu zerlegen und das Problem zu formalisieren: »Ich nenne das die algebraische Lösung.« Es ist die Ambühl-Formel. Als Verhandlungsführer muss er kein Fachmann auf dem jeweiligen Gebiet sein: »Man kann an einer Walfangkonferenz über Fangquoten diskutieren, ohne Meeresbiologe zu sein.« Aber perfekte Dossierkenntnisse sind unabdingbar. Nur so lassen sich diffuse Streitpunkte auf das Verhandelbare reduzieren. »Am besten handelt es sich dabei um eine Zahl«, sagt Ambühl. Egal, ob diese nun Tage, Kundendaten oder Franken bezeichne. »Je enger die Bandbreite, desto leichter findet man eine Lösung.«
Diese Zahlenversessenheit kommt nicht von ungefähr. Ambühl ist Mathematiker, sein Steckenpferd ist die Spieltheorie; über eines ihrer Teilgebiete verfasste er an der ETH Zürich seine Dissertation. Die Spieltheorie versucht das Wollen, Denken und Handeln des Gegenübers zu antizipieren. Aber diplomatische Verhandlungen sind weder ein Kuhhandel noch ein Nullsummenspiel – alle Parteien sollen am Ende profitieren. Doch funktioniert dies auch bei Verhandlungen mit einem kriminellen Regime? Schließlich baut die Spieltheorie auf die Rationalität des Menschen. Will heißen: Wird sie dem Verhalten der Libyer, von Oberst Muammar al-Gadhafi gerecht?
»Wir glauben zu wissen, was die Libyer wollen«, sagt Ambühl. Und was ist das? Er schweigt. Dann setzt er sein Pokerface auf, guckt zu seinem Sprecher und fährt fort: »Schreiben Sie, ich sei hier nicht sehr gesprächig.« Er lacht.
- Datum 22.12.2009 - 08:55 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.12.2009 Nr. 53
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Wer die Schweizer kennt, weiss, dass sie sehr selbstbezogen
sind. Manche nennen das auch einfach "Rosinenpickerei".
Ihre Nation, ihre Gesetze, ihr Wollen - kommen vor allen
anderen!Dabei vergessen sie aber oft, dass andere Länder
auch Interessen und Gesetze haben. Diesen gerecht zu werden
fällt dann oft sehr schwer. Eigentlich wäre man viel lieber
allein "auf eigener Insel in Europa". Doch möchte man aber
die Vorteile des Handelns mit der EU und dem Umgangsrecht
in Anspruch nehmen. Man lebt gut mit und von fremden Geld.
Im Moment kommt man nun an eine Abzweigung und muss
entscheiden: "gemeinsam mit allen (EU)- oder allein gegen
alle". Diese Entscheidung war nie deutlicher und
zwingender, wie heute. Der Ausgang ist offen!
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