Nestlé-Konzern Was sonst?Seite 2/2
Nun jedoch lancierte Nespresso ein eigenes Nachhaltigkeitsprogramm. Als Partner fungiert dabei seit Sommer die Rainforest Alliance, die mit dem US-Landwirtschaftsministerium verbunden ist; und gerade diese Regierungs- und Industrienähe machen andere NGOs der Alliance zum Vorwurf. Bis 2013 sollen 80 Prozent des Nespresso-Kaffees dem neuen Standard genügen. Angesprochen auf diese Zusammenarbeit – sprich: Konkurrenz –, gibt man sich bei Max Havelaar diplomatisch. Solche Labels seien ein »Kompliment für die eigene Arbeit«. Unter keinen Umständen will man es sich mit dem wichtigsten Anbieter verscherzen. Zu viel steht auf dem Spiel: Kaffee ist eines der wichtigsten Produkte in der Entwicklungspolitik. Klartext spricht die Journalistin Kathrin Hartmann: »Die Rainforest Alliance betreibt green washing«, sagt sie. Will heißen: Die Organisation verhilft einem Konzern wie Nestlé auf einfachem Weg zu einem grünen Image. »Solche Labels suggerieren, man könne die Welt durch Konsum schmerzfrei verändern«, schreibt Hartmann in ihrem Buch Das Ende der Märchenstunde, worin sie den Nachhaltigkeits-Lifestyle als Ablasshandel darstellt. Bei der neuen Vereinigung von Luxus, Ästhetik und ethischen Ideen blieben Letztere oft auf der Strecke – aber immerhin ist das Gewissen der Konsumenten beruhigt.
Tatsächlich unterscheiden sich die Kriterien für eine Zertifizierung durch Fairtrade respektive Rainforest Alliance frappant. Der größte Unterschied besteht im Preis. Fairtrade bezahlt den Kaffeebauern einen fixen Preis, der ihre Existenz sichert; zudem erhalten die Produzenten eine Abnahmegarantie für ihre Ernte. Dagegen offeriert Nespresso seinen Farmern – im Vergleich zum Weltmarktpreis – lediglich einen Aufschlag von 35 Prozent für bessere Qualität und schult sie im Anbau; ob die Bauern ihre Ernte dann tatsächlich losbringen, hängt aber von der Nachfrage ab.
Ganz egal, ob fair, öko, bio oder nachhaltig – Hauptsache ein Label
Nein, sagt Hans-Joachim Ritter von Nespresso, nicht der Preis habe den Ausschlag für eine Zusammenarbeit mit Rainforest gegeben. »Fairtrade-Kaffee erfüllt unsere Qualitätsanforderungen nicht«, meint der Kommunikationschef. Für Kathrin Hartmann ist dies ein »windelweiches Argument«. Nespresso kontert wiederum: Nur ein Prozent der weltweiten Kaffeeernte komme überhaupt für ihre Kapseln infrage. Weil der Gourmet-Kaffee sehr gefragt sei, rechne man bereits übernächstes Jahr mit Lieferengpässen.
Weshalb veranstaltet man also überhaupt solch einen Tugend-Vorstoß? Nespresso schütze sich so vor Reputationsverlust, meint Fairtrade-Spezialist Mark Starmanns von der Universität Zürich: »Damit hat Nestlé ja genügend schlechte Erfahrungen gemacht.« Kunden, NGOs und Medien verlangen solch ein Engagement. Zudem sind Nachhaltigkeits-Label Statussymbole – für Firmen wie für Konsumenten. »Ob öko, bio oder fair trade, man will solche Sachen nach außen tragen«, meint Trendforscherin Nicole Lüdi. Und Branchen-Beobachter James Amoroso sagt: «Gutes tun gleich gutes Geschäft!» Dies gilt gerade in der Schweiz, wo eine Erhebung von Max Havelaar ergab, dass die Bevölkerung viel eher bereit sei, für Nachhaltigkeit mehr zu zahlen. Auch beim Kaffee.
Hinter dem Label-Einkauf steckt aber kaum ein echtes Engagement. »Die beseelte Öko-Schicht bleibt in der Gesellschaft gleich klein«, sagt Nicole Lüdi. Ansonsten greifen die Konsumenten einfach zu jedem Label, das etwas Ökologie oder ein bisschen Gerechtigkeit verspricht. Verzicht ist ihnen sowieso ein Gräuel. Deshalb ist für Mark Starmanns klar, warum Nespresso das eigene Label bevorzugt: «Ein strengeres Fairtrade-Zertifikat bringt dem Unternehmen keinen weiteren Mehrwert». Die Industrie-Ersatzsiegel machen dem fairen Handel die Konsumenten streitig, und im Grunde können die Unternehmen damit weiter nach eigenen Richtlinien wirtschaften: »Sie machen alles nur noch schlimmer«, sagt Kathrin Hartmann.
- Datum 22.12.2009 - 12:24 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.12.2009 Nr. 53
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