Altruismus Wie kommt das Gute in die Welt?

Der Mensch ist gierig und egoistisch. Dachte man. Doch jetzt stellt sich heraus: Tief in unserem Gehirn entsteht der Trieb zu selbstlosen Taten, der unser Verhalten bestimmt.

Applaus für New Yorks Held der U-Bahn Wesley Autray: Der Mann rettete mit seinem selbstlosen Einsatz einem Fremden das Leben

Applaus für New Yorks Held der U-Bahn Wesley Autray: Der Mann rettete mit seinem selbstlosen Einsatz einem Fremden das Leben

Wesley Autrey wartete mit seinen beiden kleinen Töchtern auf die U-Bahn, als ein junger Mann neben ihm plötzlich zu zittern begann, sich verkrampfte und dann bewusstlos auf den Bahnsteig sank. Mehrere Passagiere eilten zur Hilfe, doch Autrey war schneller. Geistesgegenwärtig fragte er nach einem Kugelschreiber und klemmte ihn dem Fremden zwischen die Zähne, damit dieser sich bei seinem epileptischen Anfall nicht auf die Zunge bisse. Nach kurzer Zeit gingen die Krämpfe vorbei, der Epileptiker stand auf, und Autrey wollte seine Heimfahrt fortsetzen.

Ein Rumpeln kündigte den Zug an. In diesem Moment taumelte der Mann erneut. Er stolperte und fiel auf das Gleis. Autrey rief einer Wartenden zu, sich seiner Töchter anzunehmen, und versuchte, den Gestürzten wieder auf den Bahnsteig zu ziehen. Doch seine Hand glitt ab. Inzwischen fuhr der Zug ein, Autrey blieb keine Zehntelsekunde Zeit zum Nachdenken. Er sprang auf das Gleisbett, zerrte den Mann zwischen die Schienen und warf sich auf ihn. Schon fuhr der erste Waggon über beide, zwischen Autreys Scheitel und dem Zug blieben genau zwei Fingerbreit Luft.

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Fünf Wagen rollten über ihn. Dann blieb der Zug stehen, und Autrey hörte das Schreien seiner Töchter. Als eine Rettungsmannschaft später die beiden Männer aus ihrem Gefängnis zwischen den Rädern befreite, tropfte Wagenschmiere von Autreys Mütze. Die Sanitäter stellten an dem Epileptiker nicht mehr als ein paar Prellungen fest; Autrey selbst verzichtete auf medizinische Hilfe. Ohnehin war er der Ansicht, nichts Besonderes geleistet zu haben: »Ich sah nur einen Menschen, der Hilfe brauchte. Da tat ich, was zu tun war.«

Stefan Klein

ist Biophysiker. Er wechselte dann aber aus der Forschung zum Schreiben, weil er »die Menschen begeistern wollte für eine Wirklichkeit, die aufregender ist als jeder Krimi«. Der 44-Jährige hat die Bestseller Die Glücksformel, Zeit. Der Stoff aus dem das Leben ist und Da Vincis Vermächtnis oder wie Leonardo die Welt neu erfand geschrieben.

Sein Einsatz in der Station an der 137. Straße von Manhattan an jenem 2. Januar 2007 machte Autrey dennoch zu einem landesweit gefeierten Helden. Der bis dahin unauffällige Vorarbeiter wurde in Talkshows und ins Weiße Haus eingeladen, Medien feierten ihn als Vorbild. Doch keiner schien zu bemerken, wie verstörend das Ereignis zugleich war: Was bringt einen Vater in Gegenwart seiner erst vier und sechs Jahre alten Kinder dazu, für einen Fremden sein Leben zu riskieren? Wie kann sich ein Mensch blitzschnell zur völligen Hingabe an einen anderen entschließen?

Für die Wissenschaft bedeutet Autreys Tat eine echte Herausforderung. Denn nach ihren traditionellen Erklärungen hätten die Vorgänge unter der 137. Straße nie stattfinden dürfen. In der Verhaltensforschung setzte sich während der vergangenen Jahrzehnte ein Menschenbild durch, das uns als zutiefst eigennützige Wesen beschreibt. Biologen sehen uns auf maximalen Fortpflanzungserfolg programmiert, Evolutionspsychologen auf das Erringen von Status. Ökonomen verstehen menschliches Handeln mehrheitlich als Streben nach Bequemlichkeit und Wohlstand. Alle Theorien beruhen auf der Annahme, jeder sei sich selbst der Nächste und Altruismus eine Illusion.

Leser-Kommentare
  1. Wir hatten ja die Jahrhunderte der Unterdrückung, Unmündigkeit und Inquisition. Unsere Charaktere sind wohl falsch erzogen, Kein Einschreiten bei Unfällen, Überfällen etc. Abwarten, die eigene Haut retten. Nur ganz wenige handeln. Dass der U-Bahn-Retter einer von den Coloured People war, zeigt um so mehr, wie Menschlichkeit dort definiert wird. Viele Handelnde bei uns stammen aus einfachsten Verhältnissen, das sind die Einschreiter, die Anrufer, die Retter und Behüter, aber sie können auch das Gegenteil tun, je nach Familie. Je sozialer, gruppenbezogener die Menschen denken, desto mehr Helfer. Je mehr Achtsamkeitsaufrufe und Gemahnungen zur Vorsicht, desto mehr Handlungsunfähigkeit. http://viereggtext.blogsp...

  2. Mit einer Ausnahme: Während einerseits Befunde der evolutionären Psychologie referiert werden, wird diese Disziplin auf der anderen Seite als "krude" Wissenschaft diffamiert. Dabei kann man doch gerade die Wissenschaft als kooperative Unternehmung ansehen, in der alle an einem gemeinsamen Ziel arbeiten und nicht die eine gegen die andere Disziplin ausgespielt werden sollte. Der Fehler besteht darin, dass eine bestimmte theoretische Position mit einer wissenschaftlichen Disziplin (der Psychologie) gleichgesetzt wird. Das ist so gut wie immer falsch: In jeder Wissenschaft konkurrieren verschiedene Ansichten miteinander, sonst wäre es keine Wissenschaft mehr. Die evolutionäre Psychologie dient hier also lediglich dem rhetorischen Ziel, ein "straw man" Argument einzuführen und zu widerlegen. Das ist insbesondere deshalb schade, weil damit der Öffentlichkeit ein völlig falsches Bild von Wissenschaft vermittelt wird.

  3. "In der Verhaltensforschung setzte sich während der vergangenen Jahrzehnte ein Menschenbild durch, das uns als zutiefst eigennützige Wesen beschreibt. Biologen sehen uns auf maximalen Fortpflanzungserfolg programmiert, Evolutionspsychologen auf das Erringen von Status. Ökonomen verstehen menschliches Handeln mehrheitlich als Streben nach Bequemlichkeit und Wohlstand. Alle Theorien beruhen auf der Annahme, jeder sei sich selbst der Nächste und Altruismus eine Illusion."

    Naja, auch Altruismus kann egoistisch sein und dem Fortpflanzungserfolg dienen.

    • Cukhen
    • 27.12.2009 um 11:34 Uhr

    „Notwendigkeit macht Menschen altruistisch.“
    Das trifft den Nagel auf den Kopf, nun wird der Blick vom Menschen weg auf die Evolution gerichtet, woraus wiederum die „Emotion des altruistischen Handelns“ folge, doch muss der konsequent logische Charakter der Evolution miteinbezogen werden und genau hier scheiden sich wohl die Geister.

    Ich meine die Evolution gehört zum menschlichen Wesen, und somit auch zum menschlichen Charakter. Die Folge: Altruismus ist eine instinktive Handlung welche ursprünglich nichts anderes als Egoismus im menschlichen Wesen darstellt, aber durch die „Speicherung“ im emotionalen, schnellen Teil des Gehirns (welche sich wiederum auf Notwendigkeit für optimierten Egoismus bezieht) sich fest verankert hat. So fest, dass wir es oft nicht mehr als Egoismus erkennen können, obwohl es sich natürlich um einen solchen handelt.

    Warum also noch der Begriff? Altruismus ist in dem Sinne doppelter Egoismus, denn wir sprechen Eben nicht von Altruismus, wenn sich dieser reduziert als Egoismus enttarnt.
    Außerdem sehe Ich die Gefahr, im Menschen der sagt: „Mein selbstloses Handeln ist nicht selbstbezogen, weil es die Evolution war, welche mir dies direkt als Gefühl ein-impfte.“ Das macht die wunderbare Eigenschaft des doppelten Egoismus viel zu ungreifbar um noch praktisch zu sein.
    Letztendlich streitet man sich aber nur um Begrifflichkeiten.

  4. ... eine Erfindung der Wirtschaftswissenschaftler.

    Da es ihnen nicht möglich war die Handlungsschemata sozialer "Tiere" mit ihren Funktionsgleichungen zu erfassen, erfanden sie den Homo Oeconomicus, der nach dem immer gleichen und einfachen Handlungsprinzip agiert: Wie kann ich am meisten bekommen.

    Die Übertragbarkeit auf den Menschen ist inzwischen durch zahlreiche Versuche wiederlegt.

    Siehe Ultimatumspiel, Soziales Dilemma.

    Aus anderen Untersuchungen ist bekannt, dass sich Studenten der Wirtschaftswissenschaften eher im Sinne des Homo Oeconomicus verhalten als Studenten anderer Fachrichtungen. Also nicht schimpfen, wenn die Banker abkassieren, sie tun nur das, was sie gelernt haben.

  5. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst, beinhaltet alles was den Mensch glücklich machen kann unabhängig von Prestige, Geld und alles was man denkt zu brauchen.
    Ich glaube auch das das Krankheiten vorbeugen kann und Heilungen beschleunigt.
    Herzlichen Dank für den interessanten Artikel, die Feststellung „Notwendigkeit macht Menschen altruistisch“ ist jedoch genauso einfach wie alle anderen Diagnosen. Mehr noch glaube ich, dass wir über ein Gespür für die Notwendigkeit einer wirklichen Bedürftigkeit verfügen. Feingeistig, emotionale Empfindungen zu „Wellen“ verfügen, fühlen wir die Ernsthaftigkeit hinter einer Absicht. Deshalb ist es auch so wichtig, Kinder von klein auf für die Natur (Matsch, kniehoch im Wasser warten, sich selbst erleben) zu begeistern, damit sie diese so „einfachen“ wie wichtigen Synapsen geschaltet bekommen. Nur wer sich selbst liebt, kann andere lieben. Kinder vor Fernseher und Konsole empfinden anders, sie empfinden sich nur als Empfangsantenne, aber nicht als Geber.
    Wenn man Menschen beobachtet, deren Kosmos sich nur um sich selbst dreht, kann man beobachten, wie unzufrieden sie sich eigentlich in der Welt bewegen. Meist auch innerlich unsicher, wobei es nicht offen zutage treten muss.
    Man beobachte auch ihre Wortwahl, diese ist öfters geprägt von negativen Deutungen oder Fragestellungen.
    Soziales Verhalten befriedigt und befreit von inneren Zwängen. t.

  6. 7. zu 6

    Was das ist, kann jeder in seinem Umfeld selbst checken, wir fördern Wohlbehagen in unserer Umgebung und damit auch für uns selbst.

  7. Altruismus ist definiert als eine Verhaltensweise, die einem Individuum mehr Kosten als Nutzen einbringt zugunsten eines anderen Individuums. Ob es eine solche Verhaltensweise gibt ist wohl abhängig davon welche Größen ich hierbei einrechne.

    Wenn wir davon ausgehen, dass es das höchste Ziel eines Menschen ist, halbwegs glücklich zu leben, ist Geld nur ein Weg und zwar ein schlechter Weg dorthin. Schlecht deswegen, weil es keinen Glückszugewinn mehr bringt, sobald die Grundbedürfnisse befriedigt sind. Danach ist der einzige äußere Einfluss auf unsere Lebenszufriedenheit die Menge und Qualität von sozialen Interaktionen. Alle weiteren Faktoren für unser Glück produzieren wir intrapsychisch durch unsere Einstellungen und unsere entsprechenden Emotionen. In diesem Kontext würde altruistisches Handeln bedeuten mehr unangenehme Gefühle zu erleben als angenehme!

    Dies halte ich doch für sehr unwahrscheinlich.

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