Selbstloses Verhalten ist nicht überlegt, sondern emotional gesteuert
Und umgekehrt war altruistisches Verhalten nie so notwendig wie heute. Nie zuvor haben Menschen so viel und über Kontinente hinweg gehandelt, haben sie so viel Austausch gepflegt und gemeinsam versucht, weltumspannende Probleme zu lösen, wie in unserer globalisierten und vernetzten Welt. Nie zuvor war jeder Einzelne so sehr von anderen, oft weit entfernten Menschen abhängig.
Umso wichtiger erscheint es, die Anlagen zu Großzügigkeit und Kooperationsbereitschaft zu fördern, statt egoistisches Verhalten zu begünstigen. Menschen setzen sich am bereitwilligsten für das Gemeinwohl ein, wenn sie wissen, wie sehr sie aufeinander angewiesen sind: Daher könnten Unternehmen in ihrem eigenen langfristigen Interesse gut beraten sein, statt in üppige Boni eher in ein gedeihliches Betriebsklima zu investieren. Und in der Politik mag es sich auszahlen, nicht nur auf Selbstverantwortung zu setzen, sondern auch die Solidarität in der Gesellschaft zu stärken, so wie es US-Präsident Obama mit seiner Gesundheitsreform derzeit versucht.
Selbstloses Verhalten ist nicht überlegt, sondern emotional gesteuert
Bloße Appelle an Moral und Gewissen dürften hingegen wenig fruchten. Schließlich belegen die neuen neurobiologischen Erkenntnisse, dass selbstloses Verhalten nicht so sehr bewusster Überlegung entspringt, sondern stark emotional gesteuert ist.
Auch Wesley Autreys Heldentat in der New Yorker U-Bahn legte ein eindrucksvolles Zeugnis ab von den Kräften jenseits der Vernunft, die Menschen füreinander einstehen lassen. Hätte sich Autrey bewusst entschieden, den Gestürzten vom Gleis zu retten, wäre er sicher nicht rechtzeitig vor dem Zug zur Stelle gewesen. Während nämlich die evolutionär alten Schaltungen in unserem Gehirn rasch Emotionen und Handlungen auslösen, arbeitet das Denken viel langsamer. So wie ein bedrohtes Tier instinktiv flieht, ließ vermutlich ein automatisches Programm Autrey zu Hilfe eilen.
Letztlich rühren Ereignisse wie das U-Bahn-Drama noch an weit tiefgründigere Fragen nach der Natur des Menschen. Denn sie deuten darauf hin, dass die Grenzen unseres Ichs viel weniger fest gefügt sind, als wir glauben. Davon ist jedenfalls Donald Pfaff überzeugt, der an der New Yorker Rockefeller-Universität die hirnphysiologischen Grundlagen des Altruismus erforscht. In bedrohlichen Situationen, aber auch in Momenten freudiger Erregung könne, so Pfaff, die sonst so deutlich erlebte Trennung zwischen »ich« und »den anderen« verschwimmen. Bisweilen würde sich diese Grenze sogar auflösen. So betrachtet hätte Autrey den Zug, der auf den Gestürzten zuraste, unwillentlich als Bedrohung für sich selbst wahrgenommen – und einfach so gehandelt, als müsste er seine eigene Haut retten.
Altruismus und Egoismus galten von jeher als unvereinbare Gegenpole des menschlichen Handelns. Im Licht der neuen Erkenntnisse aber stellt sich heraus, wie sehr beide einander bedingen und brauchen. Wenn Altruisten die eigenen Interessen vergessen, gehen sie unter; reine Egoisten allerdings sind in der Regel auch nicht lange erfolgreich. Darum würde man den menschlichen Empfindungen und fast all unseren Handlungen nicht gerecht, erklärte man sie allein durch Eigennutz oder aber ausschließlich durch die Sorge um andere. Oft ist nicht einmal klar auszumachen, wo die eigenen Belange aufhören und fremde beginnen. »Mitgefühl ist weder altruistisch noch eigennützig«, so hat es der amerikanische Neuroökonom Paul Zak formuliert. »In Wirklichkeit zeigt diese Regung, wie sehr wir gelegentlich die Bedeutung des Individuums überschätzen.«
Mitarbeit: Alexandra Rigos
- Datum 27.12.2009 - 08:46 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.12.2009 Nr. 53
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Wir hatten ja die Jahrhunderte der Unterdrückung, Unmündigkeit und Inquisition. Unsere Charaktere sind wohl falsch erzogen, Kein Einschreiten bei Unfällen, Überfällen etc. Abwarten, die eigene Haut retten. Nur ganz wenige handeln. Dass der U-Bahn-Retter einer von den Coloured People war, zeigt um so mehr, wie Menschlichkeit dort definiert wird. Viele Handelnde bei uns stammen aus einfachsten Verhältnissen, das sind die Einschreiter, die Anrufer, die Retter und Behüter, aber sie können auch das Gegenteil tun, je nach Familie. Je sozialer, gruppenbezogener die Menschen denken, desto mehr Helfer. Je mehr Achtsamkeitsaufrufe und Gemahnungen zur Vorsicht, desto mehr Handlungsunfähigkeit. http://viereggtext.blogsp...
Mit einer Ausnahme: Während einerseits Befunde der evolutionären Psychologie referiert werden, wird diese Disziplin auf der anderen Seite als "krude" Wissenschaft diffamiert. Dabei kann man doch gerade die Wissenschaft als kooperative Unternehmung ansehen, in der alle an einem gemeinsamen Ziel arbeiten und nicht die eine gegen die andere Disziplin ausgespielt werden sollte. Der Fehler besteht darin, dass eine bestimmte theoretische Position mit einer wissenschaftlichen Disziplin (der Psychologie) gleichgesetzt wird. Das ist so gut wie immer falsch: In jeder Wissenschaft konkurrieren verschiedene Ansichten miteinander, sonst wäre es keine Wissenschaft mehr. Die evolutionäre Psychologie dient hier also lediglich dem rhetorischen Ziel, ein "straw man" Argument einzuführen und zu widerlegen. Das ist insbesondere deshalb schade, weil damit der Öffentlichkeit ein völlig falsches Bild von Wissenschaft vermittelt wird.
"In der Verhaltensforschung setzte sich während der vergangenen Jahrzehnte ein Menschenbild durch, das uns als zutiefst eigennützige Wesen beschreibt. Biologen sehen uns auf maximalen Fortpflanzungserfolg programmiert, Evolutionspsychologen auf das Erringen von Status. Ökonomen verstehen menschliches Handeln mehrheitlich als Streben nach Bequemlichkeit und Wohlstand. Alle Theorien beruhen auf der Annahme, jeder sei sich selbst der Nächste und Altruismus eine Illusion."
Naja, auch Altruismus kann egoistisch sein und dem Fortpflanzungserfolg dienen.
„Notwendigkeit macht Menschen altruistisch.“
Das trifft den Nagel auf den Kopf, nun wird der Blick vom Menschen weg auf die Evolution gerichtet, woraus wiederum die „Emotion des altruistischen Handelns“ folge, doch muss der konsequent logische Charakter der Evolution miteinbezogen werden und genau hier scheiden sich wohl die Geister.
Ich meine die Evolution gehört zum menschlichen Wesen, und somit auch zum menschlichen Charakter. Die Folge: Altruismus ist eine instinktive Handlung welche ursprünglich nichts anderes als Egoismus im menschlichen Wesen darstellt, aber durch die „Speicherung“ im emotionalen, schnellen Teil des Gehirns (welche sich wiederum auf Notwendigkeit für optimierten Egoismus bezieht) sich fest verankert hat. So fest, dass wir es oft nicht mehr als Egoismus erkennen können, obwohl es sich natürlich um einen solchen handelt.
Warum also noch der Begriff? Altruismus ist in dem Sinne doppelter Egoismus, denn wir sprechen Eben nicht von Altruismus, wenn sich dieser reduziert als Egoismus enttarnt.
Außerdem sehe Ich die Gefahr, im Menschen der sagt: „Mein selbstloses Handeln ist nicht selbstbezogen, weil es die Evolution war, welche mir dies direkt als Gefühl ein-impfte.“ Das macht die wunderbare Eigenschaft des doppelten Egoismus viel zu ungreifbar um noch praktisch zu sein.
Letztendlich streitet man sich aber nur um Begrifflichkeiten.
... eine Erfindung der Wirtschaftswissenschaftler.
Da es ihnen nicht möglich war die Handlungsschemata sozialer "Tiere" mit ihren Funktionsgleichungen zu erfassen, erfanden sie den Homo Oeconomicus, der nach dem immer gleichen und einfachen Handlungsprinzip agiert: Wie kann ich am meisten bekommen.
Die Übertragbarkeit auf den Menschen ist inzwischen durch zahlreiche Versuche wiederlegt.
Siehe Ultimatumspiel, Soziales Dilemma.
Aus anderen Untersuchungen ist bekannt, dass sich Studenten der Wirtschaftswissenschaften eher im Sinne des Homo Oeconomicus verhalten als Studenten anderer Fachrichtungen. Also nicht schimpfen, wenn die Banker abkassieren, sie tun nur das, was sie gelernt haben.
Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst, beinhaltet alles was den Mensch glücklich machen kann unabhängig von Prestige, Geld und alles was man denkt zu brauchen.
Ich glaube auch das das Krankheiten vorbeugen kann und Heilungen beschleunigt.
Herzlichen Dank für den interessanten Artikel, die Feststellung „Notwendigkeit macht Menschen altruistisch“ ist jedoch genauso einfach wie alle anderen Diagnosen. Mehr noch glaube ich, dass wir über ein Gespür für die Notwendigkeit einer wirklichen Bedürftigkeit verfügen. Feingeistig, emotionale Empfindungen zu „Wellen“ verfügen, fühlen wir die Ernsthaftigkeit hinter einer Absicht. Deshalb ist es auch so wichtig, Kinder von klein auf für die Natur (Matsch, kniehoch im Wasser warten, sich selbst erleben) zu begeistern, damit sie diese so „einfachen“ wie wichtigen Synapsen geschaltet bekommen. Nur wer sich selbst liebt, kann andere lieben. Kinder vor Fernseher und Konsole empfinden anders, sie empfinden sich nur als Empfangsantenne, aber nicht als Geber.
Wenn man Menschen beobachtet, deren Kosmos sich nur um sich selbst dreht, kann man beobachten, wie unzufrieden sie sich eigentlich in der Welt bewegen. Meist auch innerlich unsicher, wobei es nicht offen zutage treten muss.
Man beobachte auch ihre Wortwahl, diese ist öfters geprägt von negativen Deutungen oder Fragestellungen.
Soziales Verhalten befriedigt und befreit von inneren Zwängen. t.
Was das ist, kann jeder in seinem Umfeld selbst checken, wir fördern Wohlbehagen in unserer Umgebung und damit auch für uns selbst.
Altruismus ist definiert als eine Verhaltensweise, die einem Individuum mehr Kosten als Nutzen einbringt zugunsten eines anderen Individuums. Ob es eine solche Verhaltensweise gibt ist wohl abhängig davon welche Größen ich hierbei einrechne.
Wenn wir davon ausgehen, dass es das höchste Ziel eines Menschen ist, halbwegs glücklich zu leben, ist Geld nur ein Weg und zwar ein schlechter Weg dorthin. Schlecht deswegen, weil es keinen Glückszugewinn mehr bringt, sobald die Grundbedürfnisse befriedigt sind. Danach ist der einzige äußere Einfluss auf unsere Lebenszufriedenheit die Menge und Qualität von sozialen Interaktionen. Alle weiteren Faktoren für unser Glück produzieren wir intrapsychisch durch unsere Einstellungen und unsere entsprechenden Emotionen. In diesem Kontext würde altruistisches Handeln bedeuten mehr unangenehme Gefühle zu erleben als angenehme!
Dies halte ich doch für sehr unwahrscheinlich.
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