Über Weihnachten ist Jonathan zu Besuch, sodass die Familie in dem weißen Haus mit den roten Giebeln in Schleswig-Holstein wieder vollständig versammelt ist. Der Papagei ahmt noch die Telefongeräusche und das Lachen der Nachbarin nach, Katze und Hund verstehen sich wie immer, einige Kaninchen sind gestorben, das kommt vor. Was ist anders?

Seit nunmehr sieben Monaten hat der Werkzeugmacher Manuel Rosenkranz, den die ZEIT -Leser in der ersten Hälfte dieses Jahres auf seinem Weg in die Arbeitslosigkeit und wieder heraus begleiten konnten, einen neuen Job. Damals gab er der Krise ein Gesicht, und darum ist die Versuchung groß, in ihm nun das lebende Abbild eines Landes zu sehen, das eine Krise durchlebt hat und gereift daraus hervorgegangen ist. Zu Manuel Rosenkranz würde das passen. Aber passt es zu dem neuen schwarz-gelben Deutschland, dem fröhlichen Mehr-Netto-vom-Brutto-Land, das die Krise schon vergessen hat, ehe sie richtig beginnt, und in dem irgendjemand anderes die Rechnungen bezahlt, irgendwann später?

Manuel Rosenkranz bezahlt seine Rechnungen pünktlich. Alle vier Monate bucht seine Bank die Rate für das neue Dach seines Hauses ab, das die Familie sich geleistet hat, kurz bevor sein alter Arbeitgeber im November vergangenen Jahres insolvent wurde. »Früher hat man das so weggesteckt«, sagt Rosenkranz. Jetzt legt er jeden Monat 250 Euro beiseite. Man redet viel über Geld, wenn man mit Familie Rosenkranz über ihre neue Lebenslage spricht. Geld ist wichtig, vor allem, wenn es fehlt. Aber es ist nicht das Wichtigste, und Christina Rosenkranz sagt es so überzeugt wie damals, als ihr Mann seinen Job verlor: »Wir jammern doch auf hohem Niveau.«

In Wirklichkeit jammert sie überhaupt nicht, sie schildert sachlich die neuen Verhältnisse. Das materielle Niveau ist gesunken. 350 Euro weniger im Monat, das bedeutet: keinen Urlaub mehr in Dänemark, nicht mehr ins Kino, nicht mehr essen gehen. Manuel Rosenkranz wäre gerne zum Geburtstag seiner Schwester in den Süden gefahren. »Aber mal eben übers Wochenende 200 Euro für Sprit ausgeben ist nicht mehr drin.« Früher hat er viel am Haus der Familie gearbeitet, zu tun gab es immer. In den Baumarkt geht er noch gelegentlich, »aber man überlegt sich schon, ob man einen Eimer Farbe mitnimmt«. Auch im Hause Rosenkranz setzt sich die Wirtschaftskrise als Haushaltskrise fort.

Dass es in der Familie nun knapper zugeht, ist aber nicht der wichtigste Unterschied und schon gar nicht der auffälligste. Was einem Besucher auf den ersten Blick ins Auge fällt, gerade wenn er den Familienvater ein paar Monate lang nicht gesehen hat, ist etwas Äußerliches: Manuel Rosenkranz ist binnen eines halben Jahres grau geworden. Das ist nicht weiter ungewöhnlich für einen Mann Anfang vierzig, und es kann dafür viele, auch triviale Gründe geben. Aber es passt zur Krise.

Und sonst? »Ich fühle mich freier«, sagt er.

Freier? In der Hightechfirma, in der der gelernte Werkzeugmacher nun gelandet ist, arbeitet er mehr als früher, viel mehr. 60, 70 Überstunden im Monat sind keine Seltenheit. »Körperlich ist er fertig«, sagt Jonathan sachlich. Gleichzeitig aber erlaubt der neue Job größere Eigenverantwortung, Manuel Rosenkranz kann seine Arbeit freier einteilen und mehr allein entscheiden. Früher hat er Aufträge ausgeführt, heute löst er Probleme. Früher hatte er seine Werkbank und seine festen Arbeitsstunden. Heute muss er mal hierhin auf Montage, mal dorthin. Gelegentlich hat er es mit englisch- oder spanischsprachigen Kollegen zu tun. Und es kommt vor, dass er aus einer Werkshalle ins Freie tritt, und es schiebt sich gerade ein Flugzeug um die Ecke. »Das ist schon toll«, sagt er.

Transparenz ist ein anderer Gesichtspunkt der neuen Freiheit. Als Werkzeugmacher eines Autozulieferers war Manuel Rosenkranz ein Rädchen in einer Maschine, in deren Funktionsweise er nur darum ein klein wenig Einblick hatte, weil die Kollegen ihn in den Betriebsrat gewählt hatten. Warum es dem Betrieb gut oder schlecht ging, und damit ja auch den Beschäftigten, das konnte er sich allenfalls zusammenreimen. Heute kommt sein neuer Arbeitgeber gelegentlich mit einer Idee zu ihm oder einem Kollegen. Er erlebt die Verhandlungen über die Aufträge mit, die er später ausführt, er sieht, wie sich sein Chef für die Firma ins Zeug legt und warum so viele Überstunden anfallen. Er fragt sich: »Hat der auch in einigen Jahren noch Arbeit für mich?« Und er denkt, dass die Antwort Ja lauten wird.