Zwei junge Männer, beide Anfang 20, sitzen in der U-Bahn. Sie kommen aus einer Vorlesung an der Uni Frankfurt, Jura, zweites Semester. Sie kennen sich schon seit der Schulzeit, haben zusammen Abitur gemacht, spielen gemeinsam Fußball. Da Frankfurt eine teure Stadt ist, wohnen die Studenten in Dietzenbach, einer Kleinstadt, etwa 20 Kilometer entfernt. Die beiden unterhalten sich im breitesten hessischen Dialekt über den vergangenen Spieltag der Bundesliga und wie hart die Winterpause für sie werden wird, ganz ohne Fußball. Der eine hält zur Eintracht Frankfurt, der andere zum SC Freiburg. Der Freiburg-Fan sagt: »Ich selbst stehe jetzt lieber im Tor.« Warum? »Der Torwart braucht am meisten Disziplin von allen, er muss Ordnung schaffen – wenn der Ball durch ist, steht keiner hinter ihm, um seinen Fehler wiedergutzumachen.«

Zwei junge Männer in Deutschland. So weit alles normal. Fast.

Denn der Torwart, Hassan Khateeb, dürfte eigentlich gar nicht hier sein. Zumindest nicht, wenn es nach der Ausländerbehörde im Landkreis Offenbach geht, die für Dietzenbach zuständig ist. Vor drei Jahren verfügte sie eine Ausweisung gegen Hassan Khateeb und seine Familie.

»Ich fühle mich als Teil dieser Gesellschaft. Hier ist unsere Heimat«

Als das Land 2006 gerade das Sommermärchen der Weltmeisterschaft feierte, standen eines Morgens Polizeibeamte vor der Tür der Familie. Sie hatten einen Durchsuchungsbefehl und den Auftrag, in der Wohnung der neunköpfigen Familie nach Dokumenten zu suchen – Dokumenten, die belegen sollen, dass die Familie jordanischer Herkunft sei und nicht palästinensischer. Sie hätten, so der Vorwurf, bei der Einreise 1992 und bei ihrem Asylantrag falsche Angaben gemacht. Deshalb sollten sie jetzt ausreisen. »Ich habe das alles für einen Irrtum gehalten. Für ein großes Missverständnis. Plötzlich sollten wir alle Jordanier sein«, sagt der 22-Jährige. Aber er war doch in Jenin im Westjordanland, also auf palästinensischem Boden, geboren worden. Das hatten ihm seine Eltern erzählt. Und jetzt waren er und seine Geschwister Deutsche. Dietzenbacher.

Als Hassan zusammen mit seinen Eltern und den beiden ältesten Geschwistern nach Deutschland kam, war er fünf Jahre alt. Sie hatten keine Pässe und galten deshalb als staatenlos. Ein Asylantrag der Eltern wurde abgelehnt, eine Klage gegen diese Ablehnung ebenfalls. Seit 1998 war die Familie »zur Ausreise verpflichtet«, wie es in der Verfügung der Ausländerbehörde des Kreises Offenbach heißt. Doch Klarheit über die Herkunft der Familie konnte sich die Behörde offensichtlich nicht verschaffen. Eine bizarre rechtliche Situation, die nun seit 17 Jahren besteht: Auch wenn viele Palästinenser die jordanische Staatsangehörigkeit besitzen, stellten die jordanischen Behörden den Khateebs keine Pässe aus, gleichzeitig wurden die Dokumente der Familie, die sie als Palästinenser auswiesen, in Deutschland nicht anerkannt – aber als Staatenlose durften sie nicht abgeschoben werden. Also blieben sie in Dietzenbach.

Die Kinder der Familie wuchsen auf, gingen in den Kindergarten und zur Schule, verbrachten ihre Freizeit in Dietzenbacher Schwimmhallen und Büchereien, spielten in Vereinen Fußball.

Hassan Khateeb hat dunkle, kurz geschnittene Haare, er trägt Jeans und Sneaker wie Hunderte andere Studenten. Er sagt: »Ich vertraue dem deutschen Rechtsstaat. Deshalb studiere ich Jura. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir gehen sollen.« Oder: »Ich fühle mich als Teil dieser Gesellschaft. Hier ist unsere Heimat.« Wie er es sagt, klingt es fast ein wenig überangepasst. Deutscher als deutsch. Aber kann das ein Vorwurf sein? Ein junger Mann, der schnell erwachsen geworden ist, Verantwortung für sich und seine Geschwister übernehmen will – ein Ausländer, wie ihn sich Deutschland schon immer gewünscht hat. Die Khateebs waren längst in Deutschland angekommen, als sie wieder gehen sollten. In einer Stadt, die viele andere gern verlassen würden, wie man hört.

Mittlerweile sind es mehr als 30 Prozent der Einwohner in Dietzenbach, die einen Migrationshintergrund haben. Die Hochhaussiedlung, das Projekt der »Sozialen Stadt« im Spessartviertel, verrät viel davon, dass hier nicht alles glattläuft. Unterschiedliche Kulturen mit unterschiedlichen Problemen, Arbeitslosigkeit, Armut, Verwahrlosung – auch das gibt es in Dietzenbach.

 

Seit Ende der neunziger Jahre wollte Landrat Peter Walter (CDU), ein ehemaliger Kriminalbeamter, sich diesen Kosmos genauer ansehen. Wollte prüfen, wer von den 30 Prozent in Deutschland sein durfte und wer nicht. Wer rechtmäßig Sozialleistungen empfing und wer nicht. Wer Palästinenser war und wer nicht. Ein Kriminalist, für den in erster Linie die Lösung eines kniffligen Falles im Vordergrund stand. Die Durchsetzung deutschen Rechts. 2006 wurde unter seiner Leitung die »AG Wohlfahrt« gegründet, eine gemeinsame Abteilung von Ausländerbehörde und Polizei, die »dem Sozialleistungsbetrug zu Leibe rückt«, »zum Schutz unseres Staates«, wie es in einer Pressemitteilung heißt; mit der ZEIT sprechen wollte die Behörde nicht. Wer die Pressemitteilung liest, erfährt weiter, dass Asylbewerber aus Jordanien, die sich als Palästinenser ausgaben, ohne Anspruch Sozialleistungen von mehr als drei Millionen Euro erhalten hätten. Innerhalb von zwei Jahren habe man 80 Ermittlungsverfahren zum Abschluss gebracht, 65 Personen seien abgeschoben worden, 73 hätten »freiwillig die Heimreise« angetreten.

Auch die Khateebs seien eigentlich Jordanier, behauptet die AG Wohlfahrt, hätten unrechtmäßig Sozialhilfe erhalten. In der Ausweisungsverfügung gegen Hassan Khateeb steht: »Durch Recherchen konnte über die jordanische Botschaft festgestellt werden, dass Ihre Eltern… in Wirklichkeit jordanische Staatsbürger sind und beide jordanische Nationalnummern besitzen. Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass auch Sie die jordanische Staatsangehörigkeit besitzen.«

Nur: Die jordanischen Behörden haben der Familie bis heute keine Pässe ausgestellt. Und selbst die Nationalnummern, auf die sich die AG Wohlfahrt beruft, hat sie bislang nicht nachgewiesen. Dafür hat die Familie eine »Registration Card« des UN-Flüchtlingshilfswerks für Palästina-Flüchtlinge und eine Bestätigung der Palästinensischen Generaldelegation in Berlin, die sie als Palästinenser ausweisen. Doch die werden von den deutschen Behörden nicht anerkannt. Ein Gericht hat die Frage der Herkunft nicht geklärt – bis heute nicht. Und so stehen zwei Ansprüche einander unversöhnlich gegenüber: jener der Behörde, die den Missbrauch des Sozialstaates verhindern will – und jener der Familie, die seit fast zwei Jahrzehnten Teil der deutschen Gesellschaft ist und bleiben will.

»Wenn du mal groß bist, bekommst du auch ein Maschinengewehr«

An ihren Geburtsort dagegen haben Hassan und seine beiden ältesten Geschwister nur bizarre, fast unwirkliche Erinnerungen. »Was ich niemals vergessen werde, sind die Maschinengewehre, die in Wohnzimmern an der Wand hingen, wie Bilder. Eine Verwandte sagte: ›Wenn du mal groß bist, bekommst du auch so eine.‹« Dennoch sollte die erste Reise, die die Familie mit allen Kindern gemeinsam antrat, ihre Abschiebung sein, nach Amman, in eine Stadt in einem völlig fremden Land. Während Hassan mit einem Freund fürs Abitur lernte, wurde der Rest der Familie abgeholt und zum Flughafen gebracht. Der Pilot der Lufthansa-Maschine weigerte sich, sie auszufliegen. Später fand sich einer, der zumindest den Vater flog. Zwei Jahre sind seitdem vergangen. »Auch in Jordanien darf er nicht arbeiten. Jetzt sitzt er jeden Tag vor einem Kiosk und freut sich, wenn ein deutscher Tourist vorbeikommt«, erzählt Hassan.

Seit dem Abschiebeversuch lebt die Familie wie auf dem Sprung. Mutter Najah, die früher Lehrerin war, hatte in einer Schule putzen wollen. Doch ohne Aufenthaltserlaubnis gibt es keine Arbeitserlaubnis. Ihre Wohnung in einem Industriegebiet von Dietzenbach gibt Zeugnis vom Leben der Familie Khateeb in Deutschland. Kalt und leer ist sie, die meisten Möbel und Pflanzen hat Frau Khateeb verkauft. Amal, Hassans 17-jährige Schwester, hat immer eine gepackte Sporttasche griffbereit. Darin sind alle wichtigen Dinge verstaut, die sie mit ihrem Leben in Deutschland verbindet: Schulzeugnisse, Fotos von Klassenkameraden, Modeschmuck, zwei Flaschen Nivea-Shampoo.

Hassan hat keine gepackte Tasche. »Das geht über meine Vorstellung hinaus. Wir haben keine andere Heimat«, sagt er laut, selbstbewusst, konzentriert. Er sagt es so, als ginge es gar nicht um ihn und seine Familie, für die nun eine Petition im Hessischen Landtag eingereicht worden ist und für die Dutzende Dietzenbacher wochenlang Mahnwachen gehalten haben. Für die seine Kommilitonen Flyer verteilt haben. Als wäre es nicht seine Familie, die ausgewiesen wurde: »Eingliederungsschwierigkeiten dürften aufgrund dessen, dass auch der Rest der Familie sich in Jordanien befindet, sowie der Tatsache, dass Sie die Sprache des Heimatlandes beherrschen, nicht bestehen. Es kann Ihnen zugemutet werden, wieder in Ihr Heimatland zurückzukehren.« Er liest diese Sätze in der Ausweisungsverfügung immer und immer wieder und fragt sich: Wo anders soll das sein – Heimat?