Integration : Deutscher geht’s nicht

Die Khateebs sind eine mustergültige hessische Familie. Doch nach 17 Jahren will die Ausländerbehörde sie nun abschieben. Nur – in welche Heimat?

Zwei junge Männer, beide Anfang 20, sitzen in der U-Bahn. Sie kommen aus einer Vorlesung an der Uni Frankfurt, Jura, zweites Semester. Sie kennen sich schon seit der Schulzeit, haben zusammen Abitur gemacht, spielen gemeinsam Fußball. Da Frankfurt eine teure Stadt ist, wohnen die Studenten in Dietzenbach, einer Kleinstadt, etwa 20 Kilometer entfernt. Die beiden unterhalten sich im breitesten hessischen Dialekt über den vergangenen Spieltag der Bundesliga und wie hart die Winterpause für sie werden wird, ganz ohne Fußball. Der eine hält zur Eintracht Frankfurt, der andere zum SC Freiburg. Der Freiburg-Fan sagt: »Ich selbst stehe jetzt lieber im Tor.« Warum? »Der Torwart braucht am meisten Disziplin von allen, er muss Ordnung schaffen – wenn der Ball durch ist, steht keiner hinter ihm, um seinen Fehler wiedergutzumachen.«

Zwei junge Männer in Deutschland. So weit alles normal. Fast.

Denn der Torwart, Hassan Khateeb, dürfte eigentlich gar nicht hier sein. Zumindest nicht, wenn es nach der Ausländerbehörde im Landkreis Offenbach geht, die für Dietzenbach zuständig ist. Vor drei Jahren verfügte sie eine Ausweisung gegen Hassan Khateeb und seine Familie.

»Ich fühle mich als Teil dieser Gesellschaft. Hier ist unsere Heimat«

Als das Land 2006 gerade das Sommermärchen der Weltmeisterschaft feierte, standen eines Morgens Polizeibeamte vor der Tür der Familie. Sie hatten einen Durchsuchungsbefehl und den Auftrag, in der Wohnung der neunköpfigen Familie nach Dokumenten zu suchen – Dokumenten, die belegen sollen, dass die Familie jordanischer Herkunft sei und nicht palästinensischer. Sie hätten, so der Vorwurf, bei der Einreise 1992 und bei ihrem Asylantrag falsche Angaben gemacht. Deshalb sollten sie jetzt ausreisen. »Ich habe das alles für einen Irrtum gehalten. Für ein großes Missverständnis. Plötzlich sollten wir alle Jordanier sein«, sagt der 22-Jährige. Aber er war doch in Jenin im Westjordanland, also auf palästinensischem Boden, geboren worden. Das hatten ihm seine Eltern erzählt. Und jetzt waren er und seine Geschwister Deutsche. Dietzenbacher.

Als Hassan zusammen mit seinen Eltern und den beiden ältesten Geschwistern nach Deutschland kam, war er fünf Jahre alt. Sie hatten keine Pässe und galten deshalb als staatenlos. Ein Asylantrag der Eltern wurde abgelehnt, eine Klage gegen diese Ablehnung ebenfalls. Seit 1998 war die Familie »zur Ausreise verpflichtet«, wie es in der Verfügung der Ausländerbehörde des Kreises Offenbach heißt. Doch Klarheit über die Herkunft der Familie konnte sich die Behörde offensichtlich nicht verschaffen. Eine bizarre rechtliche Situation, die nun seit 17 Jahren besteht: Auch wenn viele Palästinenser die jordanische Staatsangehörigkeit besitzen, stellten die jordanischen Behörden den Khateebs keine Pässe aus, gleichzeitig wurden die Dokumente der Familie, die sie als Palästinenser auswiesen, in Deutschland nicht anerkannt – aber als Staatenlose durften sie nicht abgeschoben werden. Also blieben sie in Dietzenbach.

Die Kinder der Familie wuchsen auf, gingen in den Kindergarten und zur Schule, verbrachten ihre Freizeit in Dietzenbacher Schwimmhallen und Büchereien, spielten in Vereinen Fußball.

Hassan Khateeb hat dunkle, kurz geschnittene Haare, er trägt Jeans und Sneaker wie Hunderte andere Studenten. Er sagt: »Ich vertraue dem deutschen Rechtsstaat. Deshalb studiere ich Jura. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir gehen sollen.« Oder: »Ich fühle mich als Teil dieser Gesellschaft. Hier ist unsere Heimat.« Wie er es sagt, klingt es fast ein wenig überangepasst. Deutscher als deutsch. Aber kann das ein Vorwurf sein? Ein junger Mann, der schnell erwachsen geworden ist, Verantwortung für sich und seine Geschwister übernehmen will – ein Ausländer, wie ihn sich Deutschland schon immer gewünscht hat. Die Khateebs waren längst in Deutschland angekommen, als sie wieder gehen sollten. In einer Stadt, die viele andere gern verlassen würden, wie man hört.

Mittlerweile sind es mehr als 30 Prozent der Einwohner in Dietzenbach, die einen Migrationshintergrund haben. Die Hochhaussiedlung, das Projekt der »Sozialen Stadt« im Spessartviertel, verrät viel davon, dass hier nicht alles glattläuft. Unterschiedliche Kulturen mit unterschiedlichen Problemen, Arbeitslosigkeit, Armut, Verwahrlosung – auch das gibt es in Dietzenbach.

 

Seit Ende der neunziger Jahre wollte Landrat Peter Walter (CDU), ein ehemaliger Kriminalbeamter, sich diesen Kosmos genauer ansehen. Wollte prüfen, wer von den 30 Prozent in Deutschland sein durfte und wer nicht. Wer rechtmäßig Sozialleistungen empfing und wer nicht. Wer Palästinenser war und wer nicht. Ein Kriminalist, für den in erster Linie die Lösung eines kniffligen Falles im Vordergrund stand. Die Durchsetzung deutschen Rechts. 2006 wurde unter seiner Leitung die »AG Wohlfahrt« gegründet, eine gemeinsame Abteilung von Ausländerbehörde und Polizei, die »dem Sozialleistungsbetrug zu Leibe rückt«, »zum Schutz unseres Staates«, wie es in einer Pressemitteilung heißt; mit der ZEIT sprechen wollte die Behörde nicht. Wer die Pressemitteilung liest, erfährt weiter, dass Asylbewerber aus Jordanien, die sich als Palästinenser ausgaben, ohne Anspruch Sozialleistungen von mehr als drei Millionen Euro erhalten hätten. Innerhalb von zwei Jahren habe man 80 Ermittlungsverfahren zum Abschluss gebracht, 65 Personen seien abgeschoben worden, 73 hätten »freiwillig die Heimreise« angetreten.

Auch die Khateebs seien eigentlich Jordanier, behauptet die AG Wohlfahrt, hätten unrechtmäßig Sozialhilfe erhalten. In der Ausweisungsverfügung gegen Hassan Khateeb steht: »Durch Recherchen konnte über die jordanische Botschaft festgestellt werden, dass Ihre Eltern… in Wirklichkeit jordanische Staatsbürger sind und beide jordanische Nationalnummern besitzen. Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass auch Sie die jordanische Staatsangehörigkeit besitzen.«

Nur: Die jordanischen Behörden haben der Familie bis heute keine Pässe ausgestellt. Und selbst die Nationalnummern, auf die sich die AG Wohlfahrt beruft, hat sie bislang nicht nachgewiesen. Dafür hat die Familie eine »Registration Card« des UN-Flüchtlingshilfswerks für Palästina-Flüchtlinge und eine Bestätigung der Palästinensischen Generaldelegation in Berlin, die sie als Palästinenser ausweisen. Doch die werden von den deutschen Behörden nicht anerkannt. Ein Gericht hat die Frage der Herkunft nicht geklärt – bis heute nicht. Und so stehen zwei Ansprüche einander unversöhnlich gegenüber: jener der Behörde, die den Missbrauch des Sozialstaates verhindern will – und jener der Familie, die seit fast zwei Jahrzehnten Teil der deutschen Gesellschaft ist und bleiben will.

»Wenn du mal groß bist, bekommst du auch ein Maschinengewehr«

An ihren Geburtsort dagegen haben Hassan und seine beiden ältesten Geschwister nur bizarre, fast unwirkliche Erinnerungen. »Was ich niemals vergessen werde, sind die Maschinengewehre, die in Wohnzimmern an der Wand hingen, wie Bilder. Eine Verwandte sagte: ›Wenn du mal groß bist, bekommst du auch so eine.‹« Dennoch sollte die erste Reise, die die Familie mit allen Kindern gemeinsam antrat, ihre Abschiebung sein, nach Amman, in eine Stadt in einem völlig fremden Land. Während Hassan mit einem Freund fürs Abitur lernte, wurde der Rest der Familie abgeholt und zum Flughafen gebracht. Der Pilot der Lufthansa-Maschine weigerte sich, sie auszufliegen. Später fand sich einer, der zumindest den Vater flog. Zwei Jahre sind seitdem vergangen. »Auch in Jordanien darf er nicht arbeiten. Jetzt sitzt er jeden Tag vor einem Kiosk und freut sich, wenn ein deutscher Tourist vorbeikommt«, erzählt Hassan.

Seit dem Abschiebeversuch lebt die Familie wie auf dem Sprung. Mutter Najah, die früher Lehrerin war, hatte in einer Schule putzen wollen. Doch ohne Aufenthaltserlaubnis gibt es keine Arbeitserlaubnis. Ihre Wohnung in einem Industriegebiet von Dietzenbach gibt Zeugnis vom Leben der Familie Khateeb in Deutschland. Kalt und leer ist sie, die meisten Möbel und Pflanzen hat Frau Khateeb verkauft. Amal, Hassans 17-jährige Schwester, hat immer eine gepackte Sporttasche griffbereit. Darin sind alle wichtigen Dinge verstaut, die sie mit ihrem Leben in Deutschland verbindet: Schulzeugnisse, Fotos von Klassenkameraden, Modeschmuck, zwei Flaschen Nivea-Shampoo.

Hassan hat keine gepackte Tasche. »Das geht über meine Vorstellung hinaus. Wir haben keine andere Heimat«, sagt er laut, selbstbewusst, konzentriert. Er sagt es so, als ginge es gar nicht um ihn und seine Familie, für die nun eine Petition im Hessischen Landtag eingereicht worden ist und für die Dutzende Dietzenbacher wochenlang Mahnwachen gehalten haben. Für die seine Kommilitonen Flyer verteilt haben. Als wäre es nicht seine Familie, die ausgewiesen wurde: »Eingliederungsschwierigkeiten dürften aufgrund dessen, dass auch der Rest der Familie sich in Jordanien befindet, sowie der Tatsache, dass Sie die Sprache des Heimatlandes beherrschen, nicht bestehen. Es kann Ihnen zugemutet werden, wieder in Ihr Heimatland zurückzukehren.« Er liest diese Sätze in der Ausweisungsverfügung immer und immer wieder und fragt sich: Wo anders soll das sein – Heimat?

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

162 Kommentare Seite 1 von 22 Kommentieren

Das zeigt, dass da, wo Normalität herrscht, am einfachsten zu verwalten ist. Man verhält sich wie gewünscht und wird ausgewiesen. Da wäre die Familie doch besser in "No Go Aereas" abgetaucht.

Da ich die Einhaltung der Netiquétte beim Kommentieren für unverzichtbar halte, werde ich mich eines Urteils über den Landrat enthalten und nur meine Freude darüber bekunden, dass ich nicht mit ihm Weihnachten feiern muss.

Das ist so ein Thema....

....wo ich innere Aversionen gegenüber den "Doidschn" und ihren Spleens entwickle. Einer dieser Spleens ist dass scheinbar niemand "Doidscha" werden kann und man auch in dritter Generation, nachdem zB schon jemandes Eltern in der Bundesrepublik geboren wurden, noch "Ausländer" genannt wird. Obwohl hier geboren, aufgewachsen, deutsche Staatsbürgerschaft.. der "Boden" ist also da, nur das "Blut" fehlt, gemäß archaischem teutonischen Denken. Auch die ach so wohlmeinenden Gutmenschen sind auf ihre gönnerhafte Art nicht besser, wenn von "unseren ausländischen Mitbürgern" die Rede ist. Oder von "Fremdenhass", als seien diese Menschen "Fremde". Aber an dem dauernden Gejammer - "Doidsche" sind entweder in innerer Emigration und "leihen" sich fremde Identitäten über Speisen, Musik, Sprache und Flaggen die sie sich in die Wohnung hängen oder "wandern" gleich "aus" (was heißt dass sie innerhalb des geeinten Europa ihren Wohnort wechseln und das irgendwie mit der Pionierleistung echter "Auswanderer" nach Amerika im 19. Jahrhundert verwechseln) - scheinen die "Doidschn" eben zu vergessen dass dieses Land nicht nur durchaus lebenswert ist sondern es auch Leute gibt die nicht nur den ganzen Tag darüber nachdenken wie sie schnellstmöglich von hier fortkommen können. Wie wäre es denn damit einen dieser naiven "Auswanderungswilligen" die sich nach einem "authentischeren, echteren Leben" sehnen nach Jordanien zu lassen (mit Fernsehteam natürlich) und stattdessen diese Familie hierzubehalten? !

Ich hab ein Geheimnis für sie

Die meisten Doidschn bezeichnen sich doch als Atheisten! Bekennende Christen kämpfen doch aber unermütlich gegen solche Ungerechtigkeiten!!! Ich finde es unfair - mindestens uninformiert - hier, weil man das jetzt rhetorisch für schneidig hält, pauschal "der Gesellschaft" Heuchelei zu unterstellen! Informieren Sie sich mal, diejenigen die sich tagtäglich - meist auch ehrenamtlich - für Asylanten, Flüchtlinge, etc. einsetzen sind sogar fast nur die beiden christlichen Kirchen! Auch wenn die "Schäfchen" um die sich gekümmert wird selten selbst Christen sind. Gläubige Christen nehmen die Lehren Jesu Christi hier durchaus ernst - nicht nur zur Weihnachtszeit. Und umgekehrt die Frage an Sie: was haben _Sie_ denn dieser Tage - oder überhaupt - für Mitmenschen in Not bewegt? Würde mich ja doch interessieren wenn Sie hier solche Empörung artikulieren.

was für ein geschwafel.... -.-

es ist doch scheiß egal welche religion,hautfarbe oder nationalität jemand ist,wenn er sich angepasst hat,wenn er ein verständliches deutsch spricht und sogar sich um arbeit bemüht(eine arbeit kann man bei der arbeitslosen quote nich von jedem erwartem),zudem die deutschen gesetze achtet und deutschland sogar schon als seine heimat ansieht.
dann soll er doch hier leben!was ist daran schlimm?
ich finde es sogar interessant andere kulturen und menschen kennen zu lernen.
schließlich würde ich einen anfangs fremden,der unterkunft sucht und durch seine hilfe meinen hof mitpflegen würde und ein wahrer freund wird der sich bald wie zuhause fühlt(zuhause gleichgesetzt mit familie),nich einfach auf die straße schmeißen nur weil er vergessen hat sonntag in die kirche zu gehen und somit den familienfrieden gebrochen hat.
sowas ist doch unmenschlich,aber typisch bürokratisch.....

@Landburli

Von wegen. Wie wichtig selbsternannte Christen nächstenliebe nehmen, sieht man ja an der CDU. Nämlich überhaupt nicht. Da mussten erst Grüne und Rote auf sie einreden, damit sie die Kosovo-Flüchtlinege nicht auf der stelle zurück in ihr Geburtsland abschieben...

Und dass die beiden großen Kirchen in Deutschland so toll helfen ist auch mehr als scheinheilig un durchsichtig. Erstens weiß ich nicht was es mit akzeptanz und nächstenliebe zu tun hat, wenn nur angehörige der jeweiligen Kirche in deren einrichtungen arbeiten kann, das ist reine abgrenzung. Und zweitens werden die Kirchen doch ohne Ende vom Staat gefördert. Das ganze ist ne reine Imagekampagne. Naja, hauptsache dem ein oder anderen wird geholfen, nur shcade dass gerade der Papst für millionene AIdstote in Afrika verantwortlich ist, wenn er Kondome verbieten. Oder wenn Kirchen ihren Priestern den Sex verbieten und diese sich dann an Kindern vergreifen. [ entfernt: Bitte äußern Sie Ihre Kritik sachlich. Danke. Die Redaktion/m.e. ]...neben den milliarden getöteten, gequälten und gegessenen Tiere die ja auch voll Ok sind für die CDU. Die Partei im bundestag die am wenigsten vom Tierschutz hält, ausser natürlich große Reden. Ich wünsche mir eine Welt in der Kirchen keine Macht mehr haben und die Menschen ihrem eigenen Verstand und ihrer eigenen Vernunft vertrauen! Ein Staat ohne Kirche und ohne religiöse Parteien!

Seit 1998 zur Ausreise verpflichtet

Im Artikel steht, daß die Familie bereits sehr kurz nach der illegalen Einreise nach Deutschland zur Ausreise verpflichtet war.
.
Sie ist nicht ausgereist! Jetzt zieht sich das schon weitere 11 Jahre hin - Taktik der arabischen / jordanischen Behörden, die natürlich lieber möchten, daß die Familie vom deutschen Staat versorgt wird, anstatt von ihrem Heimatland.
.
[...]!
[entfernt. Bitte verzichten Sie auf herabwürdigende Kommentare. Danke, die Redaktion/vv]