Auch an diesem Morgen wagt es Katrin Müller (Name von der Redaktion geändert) nicht gleich, ihren Computer einzuschalten. Sie räumt ein paar Kartons voller Kleider weg, die sie in ihrem kleinen Laden verkauft, dann tritt sie an das alte Gerät, ein Modell mit klobigem Bildschirm und fleckiger Tastatur. Es stammt aus der Zeit, als das Netz noch nicht so viel von ihrem Leben aufgesogen hatte.

Müller ist eine braun gebrannte Frau Ende 40 in Kapuzenjacke und Turnschuhen. Sie lebt in einer bayerischen Kleinstadt, umgeben von Pflaster und altem Gemäuer, man kann kaum glauben, dass das Unheil hier aus einer Datenleitung kommt. Es ist Frühjahr 2009, noch ist Müller guter Dinge. Menschen, die sie trifft, umwirbt sie mit einem mädchenhaften Lachen, das ihre Unsicherheit überspielt. Fremden gegenüber öffnet sie sich schnell. Das ist auch ihr Problem.
»Ich war naiv«, sagt sie. »Oder einfach sturzblöd.«

Über den alten Computer gebeugt, tippt sie etwas in die Tastatur. Eine Seite leuchtet auf, schwarz umrahmt. Aus dem Lautsprecher blökt ein Esel. Da sind Fotos von Müller, da sind Texte über sie, da stehen ihre Adresse und ihre Telefonnummer. Und sie wird beschimpft: als Spielsüchtige, als Lügnerin. Da sind auch Fotos eines Mannes. Dieser sei ein Steuerbetrüger. Illustriert ist der Vorwurf mit einer Animation, sie zeigt einen Mann mit dem Körper einer Frau, er spielt an seinen Brüsten. Da ist auch die Ankündigung eines »Updates«, also neuer Gemeinheiten, mit dem Datum von heute.

Katrin Müller hat sich, ohne es zu wissen, einen Feind gemacht. Er stellt ihr nach, und er bleibt dabei unsichtbar. Auf einer Internetseite sammelt er alles, was er über Müller findet. Das Material, das er benutzt, hat sie ihm selbst geliefert. Sie hat eine Internetseite fürs Geschäft angelegt, und sie hat in Diskussionsforen immer wieder Rat und Hilfe gesucht.

Was wird geschehen, wenn der Vermieter ihres Ladens auf die Seite mit den Schmähungen stößt? Oder der Sportverein, der die Lizenz für die Gaststätte vergibt, die sie gemeinsam mit ihrem Mann betreibt? Müller glaubt, dass sie dem Stalker schon begegnet ist, in Internetforen, wo alle Fantasienamen benutzen. Er nannte sich Dr. Mabuse, Immernochnixneues, meistens aber: der Glöckner*.

Da ist also ein Mann – oder eine Frau? –, er lebt vermutlich irgendwo in Deutschland. Auf die Internetseite hat nur er Zugriff, und er tippt immer neue Beleidigungen. Die Seite verschweigt ihren Urheber, das ist illegal, aber weil sie in der Türkei registriert ist, kann man ihm juristisch schwer beikommen. Neben Müller drangsaliert er einen IT-Experten aus Wuppertal. Zu ihm hat sie Kontakt aufgenommen, er ist ihr wichtigster Verbündeter. In ein paar Tagen werden sie sich in Köln treffen. Gemeinsam jagen sie ein Phantom.
Man muss vier Jahre zurückblicken, um dieses Drama zu verstehen, das im Begriff ist, eine Existenz zu zerstören. Am Morgen des 10.Oktober 2005 macht Katrin Müller ihren Kindern noch Pausenbrote für die Schule, dann klingelt es. Vor der Tür stehen Polizisten, sie zeigen das Schreiben eines Staatsanwalts: Verdacht auf Geldwäsche und illegales Glücksspiel. Sie durchsuchen das Haus vom Dachboden bis zum Keller. Dann nehmen sie Müller mit. Im Polizeipräsidium legen sie ihr Schecks ausländischer Banken hin, die sie bei ihrer Hausbank eingereicht hat.

»Ach so«, sagt sie. »Ich habe öfters in Onlinekasinos gespielt und manchmal auch gewonnen. Ist das etwa verboten?«
Die Polizei hat seit Monaten ihr Telefon abgehört. Die Abteilung, die auf sie angesetzt ist, bekämpft sonst das Organisierte Verbrechen. Die Polizei hält die Unternehmerin und Mutter von drei Kindern für eine Schwerkriminelle. Müller ruft ihren Anwalt an, den einzigen, den sie kennt, er hat sie mal in Erbfragen beraten. Er sagt: »Kooperieren Sie erst mal. Ich weiß leider auch nicht, ob Onlineglücksspiel verboten ist.«

Das Haus der Familie Müller ist alt, aus Ziegelsteinen und Fachwerk, im Vorgarten stehen ein Fliederbusch und ein Haselnussbaum. Katrin Müller ist in der Stadt geboren. Sie hat Bürokauffrau gelernt, dann hat sie eine Zeit lang in München gewohnt und im Ausland. Vor mehr als zehn Jahren ist sie nach Bayern zurückgekehrt. Nach jenem Tag im Oktober gerät ihr bürgerliches Leben langsam ins Schlingern. Nicht etwa wegen der Ereignisse dieses Tages – Müller wird später deshalb vor Gericht stehen –, sondern weil der Glöckner von alldem erfährt und ihren Ruf ruiniert.

Nach dem Besuch der Polizei hat sie sich an ihren Computer gesetzt. Sie recherchiert über Onlineglücksspiel und schildert jemandem, der sich auszukennen scheint, ihren Fall per Mail. Er fragt, ob er diese in ein Onlineforum stellen dürfe. Müller hat bis dahin nicht mal gewusst, dass es solche Foren für Roulettefans überhaupt gibt. Am 21. Oktober 2005 erscheint ihr Hilferuf. Sie erzählt von der Hausdurchsuchung und den Vorwürfen der Justiz. Sie macht einen Fehler, den sie von nun an ständig wiederholen wird: Sie sucht in einer Sphäre Vertrauen, in der man am besten misstrauisch ist. Heute steht ihre Mail auf der Internetseite des Stalkers.

Doch Ablehnung stachelt sie an. Um antworten zu können, wird sie Mitglied im Forum. Sie lädt ein Foto hoch, das neben jeder ihrer Botschaften steht, es zeigt sie mit einem herzlichen Lachen. Die anderen verwenden Bilder von Comicfiguren wie Dagobert Duck. Müller schreibt an gegen die Skepsis einer unsichtbaren Öffentlichkeit, und je mehr sie mitteilt, desto freundlicher werden die Reaktionen. Ganz nebenbei verrät sie ihr Alter, ihren Beruf, auch den ihres Mannes. Sie verrät sogar, dass sie einmal spielsüchtig war. Nur ihren Namen verschweigt sie und den der Stadt, in der sie wohnt. Sie entfacht einen vielstimmigen Dialog, eine ins Endlose wachsende Textseite aus Fragen und Antworten, die bis heute im Forum gespeichert ist. Endlich hört ihr mal jemand zu – wenn auch in einem ortlosen, dunklen Raum, den jeder betreten darf. Als sie einmal länger auf Antwort warten muss, erschrickt sie: »Seid ihr alle in Urlaub oder was???«

In den folgenden zwei Jahren schreibt Müller 88-mal, sie hat endlich ein Publikum für ihren Zorn. Seit der Hausdurchsuchung ist das Forum ihre Stütze gewesen, mehr als ihr Anwalt. Im Oktober 2007 beginnt der Prozess. Das Gericht verurteilt sie zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten, auf Bewährung. Sie ist die erste Deutsche, die wegen Onlineglücksspiels bestraft wird. Vielleicht ist das mit ein Grund dafür, dass sie den Zorn anderer Zocker auf sich zieht, die fürchten, dass sie der Justiz einen Präzedenzfall geliefert hat.

Glücksspiel im Netz ist eine juristische Grauzone, die meisten Unternehmen sind in der Karibik angemeldet. Wenn Müller gewann, kamen Schecks einer zypriotischen Bank per Post. Diese trug sie zu ihrer Hausbank, die Geldwäsche vermutete und sie anzeigte. All das erzählt Müller im Forum, doch eines verschweigt sie: dass sie auch wegen Betrugs angeklagt gewesen ist. Die Polizei fand in ihrem Haus auch dubiose Kreditverträge. Sie fragte bei den Banken nach und fand heraus, dass Müller sich mit gefälschten Verdienstbescheinigungen Kredite erschwindelt hatte.

»Aber ich habe doch immer alles pünktlich zurückbezahlt!«, sagt Müller mit Unschuldsmiene, sie fühlt sich bis heute zu Unrecht verfolgt. Im Computer betrachtet sie das »Update«, sie schließt die Augen und seufzt. Der neue Beitrag zeigt eine Trickfigur, die einem Fahrrad hinterherrennt und dabei ziemlich lächerlich aussieht. Sie trägt des Gesicht des IT-Experten aus Wuppertal.

Warum hat sie nicht wenigstens nach dem Urteil geschwiegen? Woher dieser Impuls, sich vor Menschen zu rechtfertigen, die sie gar nicht kennt? Sie hat darauf keine Antwort. Sie stellte sogar das schriftliche Urteil ins Netz, mit ein paar geschwärzten Zeilen.
Wenige Tage danach stößt sie in einem Rouletteforum, das sich »Treppenhausgeflüster« nennt, auf eine Hasstirade. Ein Mitglied namens der Glöckner beleidigt sie. Müller ist schockiert. »Ich habe einen großen Fehler gemacht, dass ich an die Öffentlichkeit gegangen bin«, schreibt sie in ihrem Forum.

Warum überschüttet jemand Katrin Müller mit Hass, der sie offenbar gar nicht kennt? Der Darmstädter Psychologe und Stalking-Experte Jens Hoffmann sagt: »Ein Stalker ist jemand, der sich zurückgewiesen und gekränkt fühlt, aber der Grund muss nicht real sein. Es genügt, dass man im Internet etwas kundtut, was demjenigen nicht passt. Wenn man dann auch noch auf ihn reagiert und sich gegen ihn wehrt, kann so jemand regelrecht auf einen fixiert werden. Er führt dann einen Kreuzzug, der wird sein ganzer Lebenssinn. Dieser Stalker ist die Onlineversion des fiesen Nachbarn, der alle verklagt.«

Der Mainzer Anwalt Karsten Gulden kennt solche Typen – und er weiß, wie schwer ihnen zu entrinnen ist. Gulden ist Experte für Internetrecht. Zu ihm kommen Leute wie Müller. Gulden berichtet von einem Mann, der in einem Forum lächerlich gemacht wurde, weil er ein Foto von sich hochgeladen hatte, auf dem zu sehen war, dass er dick ist. Doch selbst Gulden konnte ihm nicht helfen. »Die Betreiber von Foren verraten die echten Namen ihrer Mitglieder meist nicht. Und wenn einer im Ausland sitzt, kann man sowieso nichts machen.« Der Anwalt vertritt jedes Jahr 20 Internetopfer. Der Weiße Ring, ein Verein, der sich um die Opfer von Straftaten kümmert, zählt beinahe ebenso viele. Polizeistatistiken gibt es nicht.

Nach dem Urteil gegen Katrin Müller erscheint in der Lokalzeitung ein Bericht. Die Zeitung stellt ihn auch auf ihre Internetseite. Der Glöckner kopiert ihn, um Müller zu diskreditieren. Jetzt weiß er auch, in welcher Stadt sie wohnt.

Im Netz bricht die Hölle los. In den Rouletteforen wird Müller angegriffen – so sehr, dass einer der Betreiber sie zu schützen versucht, indem er viele Beiträge löscht. Müller wird jetzt auch selber mal grob, und der Streit geht weiter, bis das »Treppenhausgeflüster« im Jahr 2008 verstummt. Ein Hackerangriff habe es außer Gefecht gesetzt, munkelt man in der Rouletteszene. Dafür geht die neue Seite ans Netz. Wie der Stalker ihren Namen herausgefunden hat, weiß Müller nicht.

In ihrer Kleinstadt ist sie zur Polizei gegangen. »Sie können gern eine Anzeige aufgeben«, sagte der Polizist, der für Stalker zuständig ist. Für ihn sind Stalker gewöhnlich Männer, die ihre Expartnerin verfolgen. Erst seit zwei Jahren steht Stalking unter Strafe, seitdem gibt es einen eigenen Paragrafen, der auch für Stalking im Internet gilt. »Aber wenn der Server in der Türkei steht, schickt mich der Staatsanwalt doch gleich wieder weg. Darf ich Ihnen einen guten Rat geben? Gucken Sie doch einfach nicht mehr ins Netz.«

Ein paar Tage nachdem Müller es dann doch wieder gewagt hat, einen Blick auf die Internetseite zu werfen, steigt sie ins Auto. Sie fährt nach Köln zu einem Treffen ihres Rouletteforums. Sie hat sich einem anonymen Medium geöffnet, nun will sie die Gesichter dahinter sehen. Unterwegs ist Müller guter Dinge. Sie geht die Leute durch, die sie in Köln treffen wird. »Der Stöttie wird da sein, der Ciro, der Mike32, der Winkel und der Webpirat.« Ständig benutzt sie diese Fantasienamen aus dem Netz, ein Zeichen, dass sich Müller in dieser Welt schon ein wenig verloren hat.

In ihrer Verzweiflung hat sie sich auch an Firmen gewandt, die versprechen, sie könnten unliebsame Daten aus dem Internet löschen. Eine empfahl Müller einen Anwalt in der Türkei, gegen Gebühr. Das Verfahren würde jedoch Jahre dauern. Dem Mitarbeiter einer anderen Firma erzählte Müller von dem Gerücht, der Stalker wohne in Oldenburg. »Geben Sie mir 5000 Euro«, sagte der Mann in gebrochenem Deutsch, das italienisch klang, »ich schicke jemanden vorbei.« Alle wollten mit ihrer Not nur Geld verdienen.
Das Ramada-Hotel in Köln-Hürth ist ein trostloser Klinkerbau, er könnte auch ein Altenheim beherbergen oder ein Krankenhaus. Im Restaurant stürmt Müller zu einem stämmigen Mann im übergroßen T-Shirt, als wäre er ein alter Freund, dabei hat sie ihn erst ein Mal gesehen. Er brummt irgendwas. Es ist der Techniker aus Wuppertal, den alle Stöttie* nennen. Auch er ist in Rouletteforen auf die Falschen gestoßen, hat sich Feinde gemacht, aber er ist nicht so ängstlich wie Müller. Vor drei Jahren brachte er den Betreiber des »Treppenhausgeflüsters«, einen Schweizer, vor Gericht. Stöttie zwang den Mann, alle Beiträge über sich zu löschen.

»Weißt du, wer Anstand99 ist?«, fragt er, »der müsste den Glöckner kennen.« – »Stranger behauptet, dass der Glöckner bei Oldenburg lebt.« – »Also, ich glaube, der Glöckner ist der, der sich im Forum Holger nennt.« Es ist ein verrückt anmutendes Verwirrspiel, in dem beide gefangen sind.

Vor Kurzem hat Stöttie das türkische Unternehmen angeschrieben, das die Internetseite des Stalkers ins Netz stellt: ob man ihm dessen Namen nennen könnte? Die Istanbuler Firma heißt Karaboga.net und wirbt auf Deutsch: »Kein US-Provider könnte die Kunden bei illegalen Aktivitäten schützen. Wir können es!« Sie antwortete auf die Mail aus Wuppertal: »Sie interessieren uns nicht im Geringsten. Sie können noch so viele Strafanzeigen erstatten.., aber erreichen werden Sie dadurch nichts.«

Stöttie hat die Mail kopiert, zur Wuppertaler Polizei gebracht und den Stalker angezeigt. Er hat alle Spuren aufgelistet, die er im Netz finden konnte – Namen von Servern und deren Betreibern, dazu IP-Adressen, virtuelle Fingerabdrücke von Computern. Er hat seitenweise Papier abgeliefert, Zahlenreihen, technisches Kauderwelsch. Ein Chaos an Informationen, das nur Experten verstehen.
»Was ist aus der Anzeige geworden?«, fragt Müller.
»Ich glaube nicht, dass die Polizei das hinkriegt.«

Im Lauf des Nachmittags treffen im Hotel noch mehr Männer ein, alles Roulettefans – ein Unternehmer, ein ehemaliger Staatsanwalt, ein Lehrer, so stellen sie sich vor. Sie hocken um den Tisch wie Verschwörer. »Wer sagt denn, dass der Glöckner keine Frau ist?« – »Der is ’n kranker Typ.« – »So’n Pimpf mit ’nem Napoleonsyndrom!«, kiekst Müller. Endlich hält jemand zu ihr, sie ist richtig euphorisch.

Die Polizei muss genauso ratlos sein wie sie. Im Netz, so scheint es, ist die vertraute Wirklichkeit implodiert, niemand hat mehr Zugriff auf sie. Stöttie geht gerade einem Hinweis nach, den ihm jemand aus dem Netz geschickt hat: Der Glöckner lebe in Hamburg. Stöttie hat Namen und Adresse an die Polizei weitergereicht, und die hat den Hamburger vernommen. »Danach war erst mal Ruhe auf der Website.« Die Männer bestellen jetzt Bier, es wird ein langer Abend. Als Katrin Müller am nächsten Tag wieder ins Auto steigt, fühlt sie sich gestärkt.

Im Oktober 2009 stößt der Vorstand des Vereins, dessen Gaststätte Müller und ihr Mann führen, auf die Seite des Stalkers. Er mailt die Adresse allen Mitgliedern und schreibt: »...der gute Ruf unseres Vereins und der Gaststätte steht auf dem Spiel.« Dann kündigt er Müller den Pachtvertrag. Auch ihr Geschäft verliert sie, daran sei ebenfalls der Stalker schuld. Sie hält sich und ihre Familie in der kleinen Stadt nun für »komplett erledigt«. Stötties Anzeige ist folgenlos geblieben. Der Staatsanwalt hat die Ermittlungen eingestellt, er könne die Vorwürfe nicht klären.

Einen Monat später eröffnet Müller heimlich ein neues Kleidergeschäft, als Mieter unterschreibt ein Freund. An die Tür schreibt sie keinen Namen.