Israel Im Steinbruch Gottes

Jerusalem ist mehr als ein heiliger Ort und ein politischer Zankapfel. Es ist eine Stadt voller Leben und Widersprüche. Eine Reise zu Frommen, Transvestiten und Heimatlosen

Die Klagemauer in der Altstadt von Jerusalem

Die Klagemauer in der Altstadt von Jerusalem

Der feinkörnige Sand hat so gar nichts Göttliches. Das weiße Pulver legt sich auf Haare und Wimpern, es beschwert den Atem und macht die trockene Haut rissig. Es weht ein böiger Wind und verwandelt den Steinbruch von Beit Fajjar in eine milchfarbene Landschaft, der Staub verhüllt die Szenerie wie ein Schleier, aus dem nur die aufrechten Quader herausragen. Kilometer über Kilometer ziehen sich Etagen aus Kalkstein, die gestapelten Blöcke aus grobem Fels, manche weiß, manche gelblich. Melekeh nennen sie diesen Stein, der seit der Zeit von König Herodes die Architektur des alten und des modernen Jerusalem geprägt hat. Wer nach Jerusalem kommt, spricht meist vom Licht und ebendiesem Stein, dem hellen, leuchtenden Stein, der eine besondere Aura erzeugt, die Gläubige wie Nichtgläubige anrührt.

Melekeh, das stammt vom Begriff für »königlich«, doch für Tujan Janazreh ist der Stein nicht königlich: »Was dort die heilige Aura schafft, das ist hier harte Arbeit.«

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Der Palästinenser legt seine Hand an einen der steinernen Riesen, ganz sanft streicht er über die Rillen, die den Stein wie Adern durchziehen, spürt jede Unebenheit mit der Erfahrung eines ganzen Lebens im Steinbruch südlich von Jerusalem: Welcher Stein muss aussortiert werden, welcher ist rein genug. »Das Besondere an diesem Kalkstein sind die hohe Qualität und seine Farbe«, sagt Janazreh und betrachtet seine Arbeiter, die 20 Meter tiefer auf einem Felsblock stehen und die Maße (2,80 mal 1,60 mal 1,80 Meter), die ein richtiger Melekeh-Quader braucht, freischneiden, die Farbe »schmeichelt dem Auge«. Und dann erklärt Janazreh, was den echten Jerusalemer Stein ausmacht, den, der die Feuchtigkeit nicht absorbiert, der nicht zu porös ist, der widerständig bleibt. Und als ob er von der Stadt selbst spräche, sagt der Palästinenser, der seit sechs Jahren nicht mehr in Jerusalem war, weil er dort als illegal angesehen wird: »Ein guter Stein ist der, der nicht altert.«

»Die Geschichte ist ein riesiger Steinbruch«, hat der israelische Autor und frühere Vizebürgermeister von Jerusalem, Meron Benvenisti, einmal gesagt, aus dessen Steinen alle das Gebäude ihrer eigenen Geschichte, ihres eigenen Jerusalem konstruierten. Für viele Gelehrte und Politiker, die um die umstrittene Stadt ringen, vermengt sich, was Tujan Janazreh genau zu unterscheiden weiß: das Sakrale und das Profane, das Zeitlose und das historisch Gewachsene – das ist der Grund, warum eine Momentaufnahme aus Jerusalem so schwerfällt, von einem einzelnen Augenblick nur, der die Gegenwart betrachtet, nicht die Vergangenheit, und das vorübergehende Jerusalem beschreibt, flüchtig und überraschend, in einer Woche im Dezember.

Die Mutter und ihre fünf Kinder sprechen den Segen zum Lichterfest

»Gelobt seist Du, Ewiger unser Gott, König der Welt, der Wunder getan hat an unseren Vätern, an jenen Tagen, zu dieser Zeit« , so beginnt Hannah (Name von der Redaktion geändert), und ihre fünf Kinder stimmen ein, etwas zögerlich anfangs, weil diese Fremden mit den unbedeckten Haaren mit im Raum sind. Es ist der Segen zum Chanukka-Fest, dem jüdischen Lichterfest, an dem Tag für Tag die Kerzen eines achtarmigen Leuchters angezündet werden. Die Kinder stehen vor dem Leuchter, und der vierjährige Eliyahu darf die heutige Kerze anzünden, sie steht am Fenster, damit das Zeichen des Wunders nach draußen leuchtet – daran glaubt die ultraorthodoxe Hannah, auch wenn sie vom Fenster nur auf leere Hügel schaut und die Nachbarn Araber sind. Sie wohnt in der Atzag, der letzten Straße am äußersten nordwestlichen Rand von Jerusalem, man könnte auch sagen auf »umstrittenem Territorium«, aber für Hannah ist das Land nicht umstritten, sondern eindeutig von Gott versprochen, an Abraham, an Isaak… – sie zählt die Ahnen auf, die ihr eine eigene Geschichte, eine eigene Zeitlichkeit bedeuten.

Hannah hat nichts Aggressives, nichts Fanatisches an sich, sie entspricht so gar nicht dem verzerrenden Bild, das gern von orthodoxen Juden gezeichnet wird, sie schaut immer wieder mit ihren grünen Augen auf, fragend, sich entschuldigend, ob ihre Ansichten über die geistig arme Lebensweise von säkularen Juden (von Christen oder Muslimen spricht sie nicht) verletzend klingen könnten. Hannah möchte niemanden verletzen, aber sie scheint erst in diesem Gespräch zu merken, wie selten sie Gespräche mit Menschen führt, denen ihre Überzeugungen nicht selbstverständlich sind.

Wer verstehen will, warum auch die jüngsten Versuche der Regierung Obama, im Nahen Osten Frieden zu stiften – eine Zweistaatenlösung oder eine Einstaatenlösung, ein geteiltes oder vereintes Jerusalem –, zu scheitern drohen, der muss gar nicht die Extremisten oder die Hasserfüllten aufsuchen, nicht die Anhänger von Hamas in Gaza oder die Siedler in den besetzten Gebieten, er sollte zu den Wohlmeinenden gehen, den Liebenden, den Suchenden, den Jerusalemern mit den Brüchen und den Widersprüchen, die dennoch oft nur in ihrer eigenen Welt leben und eine andere nicht sehen.

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