Wo die Musik spielt im Armenhaus Südamerikas, da ist Chávez nicht weit. An diesem Sonnabend warten die Indianer von Armonia im Nordwesten Paraguays auf ihn. 40 Familien aus dem Chaco haben sich in der Siedlung nahe der bolivianischen und der argentinischen Grenze zusammengeschlossen. Sie kamen aus den Wäldern und schlagen sich inzwischen mit Tagelohn, Kleintierhaltung und Feldarbeit durch. Kontakte mit der Außenwelt haben sie nicht gesucht. Bis sie den Brief schrieben, den Chávez las.

Schüchtern stehen sie da, der Lehrer Oswaldo vorweg, die Schulkinder hinter ihm. Oswaldo ist zugleich der Kazike von Armonia, also der »Häuptling«. Doch kaum einer versteht sich so gut darauf, Urbevölkerung und Armen die Scheu zu nehmen, wie Chávez – Favio Chávez, 33-jähriger Umweltingenieur und Musiker aus Leidenschaft.

Er schüttelt die Hände, seine Begleiter ziehen die Plane vom Pick-up. Dort oben ist ein kleines Orchester ohne Musiker versammelt. Zupf- und Streichinstrumente lugen aus Kisten und Kartons. Schon steht Chávez auf der Ladefläche und schwingt eine der Gitarren. Ihretwegen haben die Indianer an das von Paraguay aus gestartete Musikprojekt Sonidos de la Tierra (Klänge der Erde) geschrieben. Vier Gitarren und dazu Lernhilfen wünschte Oswaldo für seine besten Musikschüler. Das sind drei Mädchen im Teenageralter und ein kleiner Junge, der sein Glück und die Gitarre kaum fassen kann.

Der Pulk zieht in den Schulraum. Chávez klemmt sich in eine Bank und stimmt die Gitarren. Bernarda, die 39-jährige Ordensschwester aus seinem Team, erklärt dem Schulleiter, was durch seine Unterschrift rechtsgültig wird: dass die Instrumente im Gemeindebesitz bleiben und den Kindern nicht mitgegeben werden dürfen, dass eine Lehrerin aus der Stadt jede Woche für vier Stunden kommen wird, dass der Kazike seine Schüler zum Üben anhalten muss.

Chávez beginnt zu spielen, reicht auch Oswaldo eine Gitarre. Plötzlich ist alle Scheu verflogen. Im Duett spielen der Ingenieur aus der fernen Hauptstadt Asunción und der Indianer aus dem Chaco Lautenmusik von Johann Sebastian Bach.

Chávez und Oswaldo haben sich an diesem Tag zum ersten Mal gesehen – und doch sind beide Wiedergänger einer gemeinsamen Geschichte, die vor genau 400 Jahren begann. Damals waren es jesuitische Padres, die sich vom Jahre 1609 an aus Asunción in die Urwälder Paraguays und die benachbarten Regionen der heutigen Staaten Brasilien, Bolivien, Argentinien und Uruguay aufmachten.