Jesuitenstaat Utopia im Urwald
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Die Instrumente stammen von der Mülldeponie Cateura

Dass Ureinwohner heute überall – so wie einst von Sklavenjagden – vom Bodenraub durch Ölgesellschaften, Sojaanbau und Massenviehzucht bedroht werden, legitimiert den Eifer, mit dem die jungen Leute um Luis Szarán das Erbe der Jesuiten instrumentalisieren.

Chávez kommt. Diesmal sind es gut situierte Weiße, die auf ihn warten. Die Kirche in Valenzuela, 50 Kilometer östlich von Asunción, ist voll. Favio Chávez tritt vor den Altar, setzt sich zu den in feierliches Schwarz gekleideten Musikern und gibt den Ton an. Er ist der Konzertmeister des jungen Kammerorchesters. Es beginnt mit dem Frühling aus Vivaldis Vier Jahreszeiten.

Das ist ein etwas rauer Frühling. Kein Wunder: Die Querflöten sind aus Eisenrohren. Die Klarinette hat Klappen aus Kronkorken. Pfannen und Töpfe haben findige Hände zu Violinen gelötet. Ein Ölfass dient als Kontrabass. Auch Dosen, Tischbeine, Kochlöffel verhelfen der Barockmusik zu derben, aber nicht dissonanten Klangfarben.

Bis auf die Saiten stammen die Instrumente von der Mülldeponie Cateura. Sie liegt im Schwemmland des Río Paraguay, in das sich bei Regen die Abwässer der Hauptstadt ergießen. 2500 Menschen siedeln an den verschlammten Wegen und klauben ihren Lebensunterhalt aus Abfällen. Tüftler von dort schmolzen die erste Violine aus einer Kasserolle, kamen zum Musikprojekt Sonidos de la Tierra und boten an, Instrumente aus Schrott zu basteln. Luis Szarán, der Dirigent, sah seinen Einsatz belohnt.

Doch dann legt das kleine Orchester die Abfallprodukte zur Seite und spielt Beethovens Ode an die Freude auf »richtigen« Instrumenten. Von denen sind etliche inzwischen auch schon auf der Müllhalde gebaut worden. Gleich jenen Gitarren, die Favio Chávez in der Woche zuvor den Indianern von Armonia gebracht hatte. Und es ist, als kehrte die Musik heim – an einen Ort, an dem sie zu Hause ist.

 
Leser-Kommentare
  1. Ein hochinteressanter Beitrag. Leider nur ein Beitrag und kein Dossier.
    Ersatzweise habe ich mir erlaubt, das in einem kurzen Leserbeitrag mit Links provisorisch nachzuholen:

    http://community.zeit.de/user/seriousguy/beitrag/2009/12/29/gott-kirche-kapital-zu-christian-schmidthäuers-beitrag-über-die-j

    • JR65
    • 12.01.2010 um 18:52 Uhr

    Nicht ohne Grund wurden die Jesuiten in vielen Ländern während der 2000-jährigen Kirchlichengeschichte verboten.
    Schauen Sie sich den >Schwur der Jesuiten< an und Sie kommen der Wahrheit näher.
    Die letzten SKLAVEN (so genanntes Kirchengut)hatte in Europa der VATIKAN.
    Bis zu 50.000.000 Menschen wurden unter dem Zeichen des Kreuzes ermordet.
    Das Christentum der Kirche ist ein völlig anderes als das was uns Christus in der Bibel vermitteln wollte.

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