Märchenhafte Orte Das Reich der Zapfen
Mystisch und beschwingt tönt es durch Iserlohns Märchenhöhle
© Etta Gerdes

Ein Kosmos aus Kalk: Blick in die geheimnisvolle Dechenhöhle
Wir löschen alles Licht. Der Raum um uns herum ist weggeknipst. Die Höhle, die uns eben noch umgab, ist verschwunden im undurchdringlichen Schwarz. Wir hören auf zu schnaufen, atmen nur noch unhörbar. Fort mit allem Geräusch! Und warten.
Zuvor wandelten wir durch Düsternis, durch das von Lampen geschaffene Halbdunkel in der Dechenhöhle. Fast kilometerlang schlängelt sich dieses Tropfsteinlabyrinth bei Iserlohn durch den Untergrund. 1868 hat der Mensch zum ersten Mal das Licht hineingebracht. Seither werfen Funzeln zu Besuchszeiten ihren Schein auf eine bizarre Welt aus Gängen und Grotten, die im Lauf von 800.000 Jahren im Bauch des Bergs entstanden ist.
Erst Lampen bringen die Wand aus Pfeifen zum Vorschein, die der Höhlensinter in der Orgelgrotte schuf – hellgelb, rötlich und anthrazitfarben glitzernd. Elektrizität lässt die zum Kronleuchter gruppierten Stalaktiten in der Kanzelgrotte elfenbeinfarben leuchten. Ganz weiß schimmern Gardinen in der Vorhanggrotte – als leicht und flüchtig nimmt das Auge sie wahr, in Wahrheit sind sie dick und hart.
Imagination erst bringt Leben und Tod in diesen Kosmos aus Kalk. Ein sanft sich duckender Stachel steht stumm in seinem Gewölbe – unverkennbar eine Madonna. Ein umgestürzter Tropfstein wird in gedämpftem Licht zum Sarg eines Pharaos und inspirierte einst die Namensgeber: Grufthalle. Dann in der Wolfschlucht, weit öffnet sich der Raum, in dessen Mitte vor Hunderttausenden Jahren eine mächtige Felsplatte herunterkrachte und heute noch daliegt: der Gespenstertisch. Ein Ort der Verschwörung? Oder die Nixengrotte. Im glasklaren Wasser des Nixenteichs baden manchmal, so heißt es, splitternackt und gefährlich verführerisch, die Wassergeister. Jetzt grad nicht. Aber dann, wenn der Mensch verschwunden ist. Im lichtlosen Raum.
Es dauert Minuten, etwa zehn. Dann ist der Moment gekommen, auf den wir gewartet haben. Als die Lampen aus waren, strichen über die Netzhaut letzte bunte Schlieren, wie Polarlichter. Jetzt ist dieser Zustand da, ohne alles. Alle Reize sind weg. Kein Ton, kein Schimmer. Die Augen sind auf, die Regenbogenhaut weitet sich. Nichts in Sicht. Die Ohren lauschen ins Leere. Das Gehirn sucht Orientierung und findet keine Impulse. Das Herz verlangsamt seinen Schritt, der Stoffwechsel geht auf Minimum. Die Kälte, plus 10,5 Grad (tagaus, tagein in diesem Loch), kriecht die Knochen hoch.
Und dann, als das Ohr fast verhungert ist, gleichzeitig hoch sensibilisiert, da nimmt es plötzlich einen einzigen Tropfen wahr, wie ein Tocken hinter Wolken, von irgendwo weit her. Seit Urzeiten fallen hier die Tropfen. Lassen Stalaktiten und Stalagmiten wachsen mit einer Geschwindigkeit von einem Millimeter in zehn oder zwanzig Jahren. Denn die Tropfen dehnen sich zäh; eine Zeit lang von der Physik zusammengehalten, lassen sie schließlich beim Herabfallen ein wenig Kalk zurück. Der Aufprall wäre unhörbar, nur dank des Kontrasts zur absoluten Stille erlauscht ihn das Ohr. Das Wasser, noch immer kalkbeladen, fällt auf den Stalagmiten, lässt auch diesen wachsen – bis beide Stäbe, Stalaktit und Stalagmit, zur Sintersäule zusammengefunden haben, nach Jahrtausenden.
Plötzlich wie ein Lustbrummen aus dem Nichts der Klang eines Didgeridoo. Es ist Günter H. Müller, der die Luft der Dechenhöhle zum Schwingen bringt. Er bläst an diesem Ort der Stille, vor Zuhörern, umgeben vom Berg. Weil hier seine Kompositionen und Improvisationen eine Wirkung entfalten, die über das Akustische hinausgeht. Zuvor war es der Kalk, der die Fantasie beflügelt hat, im Halbdunkel. Nun, wo das Auge leer ins Schwarze stiert, werfen Didgeridoo und Shakuhachi, die japanische Bambusflöte, Filme im Kopf an. Ein cineastisches Ereignis auf neuronaler Basis. Großzügig spannen die mystischen Naturtöne den Himmel auf, ganz blau. Flirrend erzeugen sie australische Weiten, errichten den Fujiyama, und zur indischen Bansuri fließt der Ganges dahin. Nur manchmal dringen winzige Klangfetzen aus der Gegenwart ans Ohr, bremsen sachte den meditativen Trip. Das Knurren eines Magens. Zwischen den Tönen das Schnaufen des Musikers. Oder einmal, dezent, als möchte sie den Künstler nicht stören: die Eisenbahn. Sie rumpelt irgendwo draußen, außerhalb dieser weiten Welt im Bauch des Bergs.
Dechenhöhle, 58644 Iserlohn. Geöffnet 1.1.–28.2. samstags und sonntags 10–16 Uhr, von März an täglich. Zahlreiche Erlebnisführungen und Veranstaltungen während der Festtage. Günter H. Müller spielt am Samstag, 9.1., um 17 Uhr, zusammen mit Wolfgang Saus (Obertongesang, Gong), www.dechenhoehle.de
- Datum 26.12.2009 - 16:12 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.12.2009 Nr. 53
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren