Es war einmal, hinter den sieben Bergen, bei den sieben – halt, das stimmt, das gibt es wirklich, das Siebengebirge! Am Rhein. Der Drachenfels, auf dem sich Heine einen Schnupfen holte, Ölberg, Petersberg und Wolkenburg, Lohrberg, Löwenburg und Nonnenstromberg, waldüberpelztes Vulkanland. Auf den Gipfeln bröcklige Burggemäuer, ein legendäres Hotel und im Tal eine sagenumflochtene Klosterruine. Und gleich daneben, am schimmernden Strome, da liegt es, wie es der Landschaftsmaler Jürgen Schmitz in seinen elegischen Rheinbildern so oft von hier oben aus beschworen hat, das Märchenland: die Bundeshauptstadt Bonn.

Ja, es war einmal. Es war einmal ein Bundeshaus, ein Bundesrat und ein Bundestag. Und ein Bundestagsabgeordnetenhaus, 1969 vollendet, das steht noch immer da, 115 Meter hoch – und dennoch im Schatten jetzt, im Schatten des öden sogenannten Post Tower, 163 Meter hoch. Der kam 2002 dazu, als die Bonner SPD-Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann der Welt einmal zeigen wollte, dass unter Bonner SPD-Oberbürgermeisterinnen genauso katastrophale Betonkisten in die Landschaft gestellt werden können wie unter den Bonner CDU-Oberbürgermeistern, denen die Innenstadt das monströse Stadthaus-Furunkel verdankt. Aber drum herum, da ist Märchenland, das Land Es-war-einmal.

Ein schwarzer Riese regierte hier viele Jahre lang, davor ein strenger Kapitän zur See. Und davor ein viel geliebter Mann, den alle Willy nannten. Am Anfang aber, vor ganz schrecklich vielen Jahren, herrschte hier der greise Ritter Konrad mit seinem Knappen, dem dicken Ludwig. Da wurde aus der Pädagogischen Akademie am Rheinufer der Deutsche Bundestag und aus den Villen daneben das Haus des Bundeskanzlers und der Sitz des Bundespräsidenten. Palais Schaumburg und Villa Hammerschmidt, Türmchen hier und Türmchen da.

Und vieles ist noch vorhanden in diesem zerwürfelten Politikgewerbegebiet am Südrand der alten Stadt zwischen Dottendorf und Plittersdorf und wie die Weiler sonst noch heißen. Den Reiseführer in der Hand, schreiten wir es ab: das trostlose neue Bundeskanzleramt und das noch viel trostlosere Büroensemble am »Tulpenfeld«, wo vor dem unvergessen vermufften Holzgetäfel die Bundespressekonferenz zusammenfand – ein Werk des Baumeisters Hanns Dustmann von 1969, tausend Jahre zuvor noch »Reichsarchitekt der Hitlerjugend«.

Märchenhafte Architektur findet sich hier nicht. Allerliebst allerdings ist der Kanzlerbungalow, den Sep Ruf in den Sechzigern für Ludwig Erhard baute. Seit Kurzem kann man die schwebenden Glaspavillons besichtigen inklusive des winzigen, damals sorayös erscheinenden Swimmingpools. Kiesinger, Brandt, Schmidt und Schröder mochten das Gehäuse nicht, nur Kohl schloss seinen Frieden damit, erinnerte es ihn doch an das Aquarium in seinem Büro. Hier durfte er im Kreise seiner Guppys der große Skalar sein.

Und da ist noch der neue Plenarsaal des Bundestags: Günter Behnischs Wunderbau, das lichteste Parlamentsrund Europas. Doch als es vollendet ward, 1993, schielte schon alles nach Berlin.

Da war der Rhein fast schon vergessen, das Schönste am alten Regierungsquartier. Gleich neben dem Bundestag floss er vorbei, unterhalb der Gärten des Kanzlers, des Präsidenten. Von vielen Ministerien aus konnte man ihn sehen, von Botschaften und Parteizentralen. »Sahst du ein Glück vorübergehn, / das nie sich wiederfindet, / ist’s gut, in einen Strom zu sehn, / wo alles wogt und schwindet.«