Märchenhafte Orte Armer, reicher König
Wo Ludwig II. am liebsten träumte – zu Besuch im Märchenschloss Linderhof
Auf einem gelbstichigen Foto von 1932 sitzt meine Mutter Wilhelmine, damals 18 Jahre alt, inmitten einer Schar von 16 gleichaltrigen Mädchen auf dem Rand des Springbrunnens vor Schloss Linderhof. Sie tragen Sommerkleider, lange Röcke und Blusen, Zopf- und Duttfrisuren, genagelte Wanderschuhe sind zu erkennen. Die Mädchen, angehende Lehrerinnen, sind bei einem Ausflug ihrer Münchner Seminarklasse zu Fuß von Oberammergau zum Schloss heraufgewandert. Sie sitzen freundschaftlich eng beieinander, in ihrem Rücken das Brunnenbassin, die Freitreppen, die symmetrische Rokokofassade. Meine Mutter lächelt in die Kamera halb schüchtern, halb zutraulich. Ihr glattes schwarzes, hinten geknotetes Haar schimmert seidig. Sie mochte sich auf diesem Bild, sie mochte Schloss Linderhof. Jahre später kam sie mit ihren drei Kindern her und erzählte ihnen, teilnahmsvoll, aber unsentimental, vom traurigen Schicksal Ludwigs II., der mit 19 Jahren König werden musste, der durch den Bau seiner Schlösser Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof vielen armen Menschen Lohn und Brot verschaffte, sich dabei verschuldete, für geisteskrank erklärt, abgesetzt und eingesperrt wurde und mit 41 Jahren zusammen mit seinem Bewacher, dem bösen Doktor Gudden, auf rätselhafte Weise starb. An einem Pfingstsonntag, im Starnberger See. Zwei Leichen, Kinder, lagen im Wasser. Aber das Wasser war ganz flach, wo man sie fand…
Was wir Kinder hörten, klang wie ein Märchen, war aber gewissermaßen Oral History: Mamas Oma hatte den Märchenkönig noch erlebt. Die bis heute andauernde, auswärts gern bespöttelte Zuneigung von uns Bayern für mad King Ludwig war und ist für mich normal – zumal wir unsere Liebe zum »Kini« selbst ganz gern ironisieren.
An einem dämmrigen Dezembernachmittag fahre ich im Schneetreiben wieder einmal hinauf ins stille weiße Graswangtal. Die Welt scheint so menschenleer, wie König Ludwig sie sich immer gewünscht hat, aber auf dem Parkplatz stehen dann doch zwei ungeschlachte Reisebusse. Vor dem Schlossportal warten etwa 40 Menschen auf Einlass wie drängelnde Vögel beim Futterhäuschen. Es wird Englisch, Russisch, Japanisch geredet, Schneebälle fliegen. Seit Ludwigs Tod 1886 haben etwa 50 Millionen Menschen seine Schlösser besichtigt – wo sie doch eigentlich nie ein Fremder betreten sollte. Der menschenscheue König sah sie als seine privaten Fluchträume an: Sein monarchischer Alltag in der Residenzstadt München biete »nichts als Verdrießlichkeiten«, klagte er, »dafür will ich mich durch die Schaffung solcher Paradiese entschädigen, wo mich kein Erdenleid erreichen soll«. Er war lieblos erzogen worden, Militär und Krieg interessierten ihn nicht – in den Dekaden um Königgrätz –, ihn quälte der Konflikt zwischen Fromm- und Schwulsein. Der belesene junge Mann träumte sich immer mehr hinein in die Zeit edler Ritter, absolutistischer Fürsten oder orientalischer Märchenpracht; ein 1001-Nacht-Palast wäre sein nächstes Bauprojekt geworden.
In Linderhof träumte er am liebsten. Während acht Jahren verbrachte er hier gezählte 932 Tage, in Herrenchiemsee nur neun. Märchenhaft sind alle Ludwig-Schlösser, aber verglichen mit der triumphalen Versailles-Kopie auf der Chiemsee-Insel und der »gotischen Ritterburg« bei Füssen, ist das Linderhof-Schlösschen auch noch relativ wohnlich, geradezu kuschlig im Wald versteckt – der königliche Realitätsflüchtling hatte hier gleichsam einen Platz wie das Kind hinterm Vorhang zum heimlichen Lesen und Träumen. Oft ließ er sich noch nach Mitternacht – wenn er seine Anwesenheitspflicht in der Münchner Residenz abgesessen hatte – nach Linderhof bringen. Die Kutsche oder im Winter der illuminierte königliche Schlitten fuhr vors Schloss, die Dienerschaft stand Spalier, die Warmluftheizung lief, 108 Kerzen im Kronleuchter brannten, Gold, Silber, Marmor und edle Steine schimmerten, Spiegel warfen Licht auf Gemälde, Gobelins, Stukkaturen, Skulpturen, und wenn er so weit war, der Märchenkönig, dann betrat er – allein, denn er hatte nicht die geringste Lust, beim Essen mit jemand zu reden – das rotsamtene Speisezimmer, wo aus der darunter liegenden Küche das berühmte Tischleindeckdich heraufgekurbelt wurde, bestückt mit gern bis zu zehn Gängen. Nachts um drei. Auf Rechauds. Denn nicht einmal sehen wollte er die, die ihn bedienten. Seltsamer König Ludwig. »Ein ewig Rätsel will ich bleiben mir und anderen«, schrieb er einmal an eine Freundin.
Die Führung beginnt. Der Schlossführer trägt Kinnbart und Wagner-Barett. Ich wäre gern allein hier, mit dem Geist des »Kini«, aber das ist nicht erlaubt. Wir gehen im Vestibül am Reiterstandbild von Louis Quatorze vorbei, den Ludwig beneidete, über die Marmortreppe in den ersten Stock und durch seine sechs Räume, deren Prunk auf jedem Quadratzentimeter mich blasphemisch ein bisschen Ikea herbeiwünschen lässt. In 25 Minuten sind wir durch. Wieder draußen. – Ach bitte, Mama! Erzähl du doch noch mal die Geschichte vom schönen, guten, armen Märchenkönig.
Schloss Linderhof, Linderhof 12, 82488 Ettal, Tel. 08822/92030, www.linderhof.de. Im Winter täglich von 10–16 Uhr geöffnet, Eintritt 6 Euro
- Datum 22.12.2009 - 12:53 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.12.2009 Nr. 53
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