Märchenhafte Orte Im Bauch des Wolfs
Der Märchenwald Göhrde ist eine Welt ohne Menschen. Schaurig-schön
Mein erster Wald war der Waldeckpark. Das war kein Märchenwald, sondern eine wenig märchenhafte Hundeauslaufanlage in Berlin-Kreuzberg zwischen der Oranienstraße und der Kommandantenstraße, in meiner Kindheit nur einen Steinwurf von der Mauer entfernt. Aber Waldeck, das klang für ein Westberliner Mauerkind schon sehr nach Wald. Im Waldeckpark konnte man abtauchen aus dem Lärm der Oranienstraße, da gab es zwei Hektar Gebüsch mit tischtuchgroßen Lichtungen, in denen man sich verstecken konnte, genau der richtige Ort für erste Trockenübungen in Weltverlorenheit. Abends erzählte Vater Märchen vom großen Riesen Augustin und vom kleinen Zwerg aus dem Waldeckpark. Es siegte fast immer der kleine Zwerg aus dem Waldeckpark. Auch das musste etwas mit dem Wald und seinen verborgenen Lichtungen zu tun haben. Was ich damals noch nicht wusste: Waldeck kommt gar nicht von Wald, sondern von Benedikt Franz Leo Waldeck; und die Lichtung kommt zwar nicht von Heidegger, war aber bereits zu meinen Waldeckzeiten philosophisch fest in seiner Hand – als der Ort des Seins, wo die »schwebende Innigkeit von Entbergen und Verbergen sich ereignet«. Das klingt nicht gut. Aber ungefähr so ist es doch gewesen.
Dass Wälder auch aus mehr als zwei Hektar Gebüsch bestehen können, habe ich erst viel später festgestellt (in gewisser Weise waren wir Westberliner Mauerkinder noch viel eingemauerter als die Ostberliner). Mein Waldeckpark ist heute die Göhrde. Die Göhrde ist der größte zusammenhängende Wald Niedersachsens, zwischen dem Örtchen Göhrde im Landkreis Lüneburg und dem Örtchen Himbergen im Landkreis Uelzen gibt es kilometerweit nichts als Eichen, Birken, Himmel, Wildschweine, Rehe und Kiefern. Die Göhrde ist nicht so bekannt wie der Schwarzwald oder die Lüneburger Heide. In der Göhrde gibt es keine Wellnesshotels (oder jedenfalls nur eines ganz am Rand) und keine Gaststätten. Und in den Göhrdedörfern Breese, Riebrau oder Pudripp kann man sich so allein fühlen wie Rotkäppchen im Bauch des Wolfs.
Wenn man in diesen dunklen Tagen vor der Wintersonnenwende in Riebrau gleich hinter dem Friedhof auf dem sogenannten Totenweg in die Göhrde hineinläuft, verlässt man nach ein paar Metern dieses Land und diese Zeit. Riesige Eichen, die schon vor Hunderten von Jahren hier gestanden haben, strecken ihre schwarzen Äste wie Kraken in den weißen Winterhimmel. Überall liegt nasses, totes Holz. Es ist sehr einsam und sehr still. Man hört nur sein eigenes Herz schlagen. Und ein paar Vögel, die merkwürdig in sich hineinpiepen, ein halb stummes Murmeln. Und die Regentropfen, weiße Perlen, die von den Ästen kippen und auf dem Sandboden aufschlagen. Der Nebel hängt unter den hohen Kiefern fest wie dünne Zuckerwatte. Hier und da leuchtet ein weißer Birkenstamm aus dem Schwarz, ein dürres Gespenst. Und ein schaurig-schöner Gedanke liegt buchstäblich in der Luft: Das ist die Welt ohne Menschen. So hat es einmal ausgesehen. So wird es vielleicht eines Tages wieder aussehen.
Natürlich ist die Göhrde wie jeder richtige Wald auch ein Totenwald. Die Göhrde war immer Grenzland. Die Sachsen und die Wenden haben sich hier die Köpfe eingeschlagen. Die Göhrdeschlacht von 1813, in der die deutschen, die russischen, die britischen und die schwedischen Truppen die Franzosen besiegten, wird noch heute jedes Jahr im September von kostümierten Wendländern mit viel piff, paff! und angeklebten Backenbärten nachgespielt. Und wer durch die vollkommene Stille der Winter-Göhrde läuft, denkt natürlich an den Göhrdemörder, der hier vor zwanzig Jahren zwei Paare grausam ermordet hat und nie gefunden wurde.
Am märchenhaftesten ist die Göhrde im Breeser Grund, einer im Walddickicht gut verborgenen Lichtung. Diesmal nicht tischtuchgroß wie damals im Waldeckpark, sondern flugplatzgroß. Es ist ein uralter Eichenhain, wild wachsende Heide, sanfte Wellen, ein paar Schafe, ein bisschen Sand. Alles so, als hätte Gott seinen Zauberstab hier gerade aus der Hand gelegt. »Schwebende Innigkeit« ist das Mindeste, was man dazu sagen sollte. Das Forstamt Lüchow-Dannenberg sagt dazu »verheideter Traubeneichen-Hutewald«.
Ich würde sagen: Es ist das traumverlorenste Stück Deutschland, das es gibt.
- Datum 27.12.2009 - 12:31 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.12.2009 Nr. 53
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