Wirtschaft in Ostdeutschland Gefangen an der Werkbank
Warum ostdeutsche Unternehmen bei Forschung und Entwicklung nicht aufschließen.
Kein Ort könnte schöner sein für Siegfried Pause als Ilmenau. Der Unternehmer und Doktor der Ingenieurwissenschaften wollte seine Firma unbedingt auf diesem Grundstück errichten – im Industriepark »Am Vogelherd« im Thüringer Wald. Mitten in Deutschland. Der wichtigste Grund, warum er gerade hier bauen wollte, sei der Blick aus dem Fenster, sagt er. Von seinem Schreibtisch aus kann Pause auf die im Tal gelegene Stadt blicken. 30.000 Menschen leben hier, davon allein 6200 Studenten der Technischen Universität Ilmenau. Die Stadt ist ein Hightech-Zentrum im Osten – zu dem auch Pauses Unternehmen gehört, die auf Lasertechnologien spezialisierte LLT Applikation GmbH. Seit den neunziger Jahren haben sich knapp 100 Technologieunternehmen hier angesiedelt.
Eine Stadt wie Ilmenau bringt die ostdeutsche Wirtschaft voran. Sie zeigt aber auch, warum der Osten auch 20 Jahre nach dem Mauerfall bei Forschung und Entwicklung hinterherhinkt. Trotz enormer Fortschritte.
Auf dem Hügel, auf dem Siegfried Pause seine kleine Firma aufgebaut hat, arbeiteten vor 20 Jahren noch 5000 Menschen im Stammbetrieb des Werks für Technisches Glas Ilmenau. Diese alten Gebäude des volkseigenen Betriebs sieht Pause jeden Morgen, wenn er aus dem Auto steigt und über den Zaun blickt: bröckelnder Putz, blinde Fensterscheiben. Ihn stört das nicht.
Gleich daneben steht Pauses schöner Neubau, den er vor acht Jahren hingestellt hat. Seine Firma gibt es seit zwölf Jahren. In der überschaubaren Halle bauen und entwickeln neun Mitarbeiter Präzisionslaser für Medizintechnikunternehmen und Autozulieferer. Mit den von ihnen hergestellten Geräten lassen sich kleinste Teile aus Stahl herausschneiden. Und mit genau solchen Maschinen, die ein Haar der Länge nach spalten könnten, produzieren Pauses Leute auch selbst medizinische Nadeln, Skalpelle oder Knochensägen. Das Geschäft läuft gut. Die Firma ist eine Erfolgsgeschichte.
Und trotzdem: Obwohl es viele kleine und mittelgroße Betriebe wie diesen in Ilmenau gibt, kommt die ostdeutsche Wirtschaft, wenn es um Innovationen geht, nicht an die westdeutsche heran. Oder wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) feststellt: Die Intensität von Forschung und Entwicklung in der ostdeutschen Wirtschaft erreicht nur die Hälfte des westdeutschen Niveaus. Das bedeutet, dass ein geringerer Anteil der Beschäftigten in entsprechenden Abteilungen arbeitet und dass die Firmen – gemessen am Umsatz – weniger Mittel für diese Zwecke aufwenden.
Auch bei der Produktivität liegen die neuen Länder deutlich zurück
Im Ländervergleich sind Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt weit abgeschlagen, wenn es um die Ausgaben der Unternehmen für Forschung und Entwicklung geht. Dort liegt der Anteil dieser Aufwendungen am Bruttoinlandsprodukt weit unter dem Bundesdurchschnitt von 1,78 Prozent. Im Westen finden sich ähnlich niedrige Werte nur im Saarland und in Schleswig-Holstein. Dank Städten wie Jena, Dresden oder Leipzig, aber auch Zwickau oder Chemnitz kommen Thüringen und Sachsen zumindest auf 0,93 und 1,34 Prozent. Spitzenwerte von über zwei oder drei Prozent erreichen dagegen Hessen, Bayern oder Baden-Württemberg.
Die Unternehmen in den neuen Ländern melden auch deutlich weniger Patente an als ihre Konkurrenten im Westen. Ein Aufholprozess ist nicht zu erkennen. Fatal, wenn das so bliebe. Denn Forschung und Entwicklung sind die Grundvoraussetzung für die Innovationskraft von Unternehmen und damit letztlich für die Wettbewerbsfähigkeit eines Wirtschaftsstandorts.
Zwar räumt das DIW ein, dass der Osten über eine gut ausgebaute und überdurchschnittlich aktive öffentliche Forschungsinfrastruktur verfügt. Und DIW-Präsident Klaus Zimmermann sagt: »Die allgemeine Einschätzung der wirtschaftlichen Lage in den neuen Bundesländern krankt an überzogenen Erwartungen noch aus der Wendezeit und falschen Vergleichsmaßstäben.« Der Osten habe immense Fortschritte gemacht. Trotzdem kommt auch Zimmermann zu dem Ergebnis, dass die neuen Länder bei der Produktivität deutlich hinter den alten zurückliegen. So werden pro Erwerbstätigen weniger als 80 Prozent der westdeutschen Wirtschaftsleistung erbracht. Im verarbeitenden Gewerbe sind es sogar nur 75 Prozent.
Doch warum ist das so, warum hinkt der Osten 20 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer derart hinterher? Es gibt eine Reihe von Gründen, einer lautet: Im Osten ist der Anteil der Beschäftigten mit einfachen, ausführenden Tätigkeiten höher. Hier wird vor allem produziert. Das hat den neuen Ländern die abschätzige Bezeichnung als »verlängerte Werkbank des Westens« eingebracht.
- Datum 22.12.2009 - 08:39 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.12.2009 Nr. 53
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Aus Gesprächen mit den vielen Zugereisten aus Ostdeutschland hier in Bayern - auch hat mich interessiert was diese dazu bewegt hat ihre Heimat zu verlassen - hat sich für mich das Bild eines Ostdeutschlands ergeben dessen Probleme nicht in der Politik sondern in den "Köpfen" liegen. Dort scheint es nach wie vor eine aus dem 19. und 20. Jahrhundert stammende Mentalität der sog. "Maloche" zu geben, die Idealvorstellung im ostdeutschen Mainstream eines Arbeitslebens ist die sog. "ehrliche harte Arbeit" von 8 bis 16 Uhr, mit unbefristeter Vollanstellung und allen Sozialleistungen die man sich wünscht. Eben die Arbeitswelt der Industriegesellschaft. Der Wandel zur postindustriellen Gesellschaft hatte in Westdeutschland schlicht mehr Zeit, seit den in den 1970ern massiv mit der Automatisierung begonnen wurde, die Montanindustrie langsam aber konstant schrumpfte und die Politik (siehe Einführung des "Bafög", siehe "Bürgerrecht auf Bildung" etc.) massiv in den Wandel zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft investierte. So massiv und mutig dass damals noch - man höre und staune - aus aller Welt Bildungsexperten in die Bundesrepublik reisten, nicht um uns Bildungsreformen aufzuzeigen sondern um von uns zu lernen! Dieser Wandel hat auch in der Bundesrepublik viele "Zurückgelassene" und "Frustrierte" produziert aber die bessere Wirtschaftslage und ein spendierfreudigerer Sozialstaat hat das abgefangen. Ich denke im Osten ging der Wandel - "über Nacht" - ZU hart und ZU schnell.
(Da die Zeichenanzahl der Kommentare begrenzt ist muss ich meinen Schlußgedanken in einem zweiten Post schreiben)
Pointiert könnte man also sagen dass die Bedeutung von Bildung, nicht nur für die Karriere sondern auch für die persönliche Entwicklung, in Ostdeutschland einfach unterschätzt wird - die Geringschätzung der sog. "Intelligenz" zu Ostblockzeiten scheint sich tradiert zu haben, was umso bitterer ist wenn man weiss dass in früheren Zeiten das heutige Ostdeutschland das Zentrum deutscher Wissenschaft und Philosophie war.
...pessimistisch könnte man nun schließen dass durch den Brain-Drain, die meisten Ostdeutschen die ich hier in Bayern kenne sind hochmobile und gut ausgebildete Akademiker, die Perspektiven dass sich das ändert schwierig sind.
...umgekehrt zeigen sich aber auch neue Leuchttürme in Thüringen und Sachsen die zeigen wie es geht. Man darf also hoffnungsvoll sein.
dass der Osten als Absatzmarkt und billiger Lieferant von Areitskraften und Produkten funktioniert. Keine der Regierungen seit der Wiedervereinigung hat sich auf die Aufgabe der Kapitalbildung ist Ostdeutschland konzentriert. Ganz anders die Treuhand; die konnte ihre Arbeit gar nicht schnell genug erledigen. Zudem ist es billigér die Arbeitskräfte an den teuren Standort reisen zu lassen, als umgekehrt. Ein Blick auf die sonntägliche Blechlawine auf den Autobahnen genügt. Wer den Tanz auf Dauer nicht mitmachen will, ist längst weggegzogen.
Ein Blick auf die Forschungspolitik der Bundesregierungen spricht ebenfalls für sich. Wo liegen denn die Forschungszentren in Deutschland? Wo sitzen die wichtigen MP-Institute? Was geschah mit der Akademie der Wissenschaften?
Insofern, es wird auch in 40 Jahren so sein. Die Dinge sind so angelegt, dass Ostdeutschland sehr lange eine Kolonie bleiben wird.
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