Am Fuß eines Berges zu stehen, auf den Gipfel hinaufzublicken und zu wissen, dass große körperliche Anstrengungen vor einem liegen, um dort hinaufzugelangen, das kann ein schönes Gefühl sein. Elena Salgado möchte es nicht missen. Wenigstens einmal im Jahr nimmt sich die spanische Wirtschaftsministerin eine kurze Auszeit, fern von E-Mails, Handyalarm und Konferenzmarathon, um einen großen, mächtigen Berg zu erklimmen. Zuletzt war sie im Mount-Kenya-Massiv unterwegs, den Kilimandscharo hat sie auch schon bestiegen. "Es gefällt mir, mehrere Tage am Stück in engem Kontakt zur Natur zu sein", sagt sie. "Ich mag die Anstrengung beim Aufstieg. Und ich mag auch die Stille in den Bergen."

Der Berg, an dem sich die 60-Jährige seit ihrem Amtsantritt im April abmüht, lässt keine Glücksgefühle zu. Von Stille keine Spur. Stattdessen Kritik, Streit und fast täglich neue Hiobsbotschaften. "Ich weiß nicht recht, wann ich oben ankommen werde", sagt sie.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat in Spanien viel tiefere Gräben gerissen als bei den europäischen Nachbarn. Während die bereits wieder auf Wachstumskurs sind, sank das Bruttoinlandsprodukt Spaniens zwischen Juli und September zum sechsten Mal in Folge. Ursache ist der nahezu zeitgleich zur weltweiten Krise einsetzende Zusammenbruch des heimischen Immobilienmarktes, der mehr als ein Jahrzehnt lang Hunderttausende Arbeitsplätze und stete Wachstumsraten brachte. Volkswirte rechnen noch mit mindestens zwei kritischen Quartalen, ehe, vielleicht, erneut ein kleines Plus verzeichnet wird. Womöglich steht eine jahrelange Stagnation bevor.

Das Land, das noch vor Kurzem so viele Arbeitsplätze schuf wie kein anderes in der EU, erweist sich nun als der größte Job-Vernichter. Mit 4,2 Millionen Arbeitslosen – fast 20 Prozent – ist die Erwerbslosenquote doppelt so hoch wie in den übrigen Mitgliedsstaaten der OECD. Nach den Prognosen der Industriestaatenorganisation und auch der EU wird der Aderlass 2010 anhalten.

Sie gilt als politisches Leichtgewicht, dem Regierungschef treu ergeben

Was ist von einer Wirtschaftsministerin zu halten, deren Pressesprecherin am Abend vor dem Interview noch einmal anruft und darauf hinweist, dass Fragen nach Spaniens Wirtschaft nicht erwünscht seien? Worüber wollte man mit einer Wirtschaftsministerin sprechen, wenn nicht über Wirtschaft?

Die Frau, die an einem Novembertag in den Konferenzsaal des Ministeriums tritt – ein prächtiger Gründerzeitbau an der Calle Alcalá unweit des Madrider Kasinos und Dutzender Geschäfte, Kinos und Theater –, trägt die blonden Haare wie Lady Diana bei ihrer Hochzeit mit Prinz Charles. Salgado ist klein und geradezu mager. Eine Sportart wie das Bergwandern würde man ihr nicht zuschreiben. Was ihr Amt betrifft, halten nicht wenige sie ebenfalls für ein Leichtgewicht, eine willfährige Befehlsempfängerin von Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero, der sich im April nach fünf Jahren und im Streit von seinem Wirtschaftsminister Pedro Solbes trennte. Im Gang vor Salgados Büro hängt das Porträt dieses Mannes, der international einen hervorragenden Ruf als Ökonom genoss und der Zapatero dessen zweiten Wahlsieg im März 2008 sicherte. Weil er drei Jahre hintereinander Haushalte vorlegte, die mehr Einnahmen als Ausgaben vorsahen, wurde Solbes von vielen verehrt wie ein Magier.

Salgado dagegen stößt auf Ablehnung. Nicht nur bei der konservativen Opposition. Auch die links-orientierte Tageszeitung El País , in den vergangenen Jahren eher Sprachrohr als Kritikerin der Sozialdemokraten, schimpft über das "Hin und Her der Regierung". Nach der Devise "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?" wird die gerade noch ausgeschlossene Steuererhöhung doch eingeführt – im Juli steigt die Mehrwertsteuer um zwei Punkte auf 18 Prozent. Wurde eine Reform des Arbeitsmarktes gestern noch von der Hand gewiesen, steht sie heute auf der Tagesordnung. Die von Zapatero gewollte pauschale Entlastung von 400 Euro pro Steuerzahler und Jahr, die zum endgültigen Bruch zwischen dem Regierungschef und Solbes führte, wird nun wieder kassiert.