Afghanistan Der Bösenberg

Worum es in der Kundus-Affäre wirklich geht, erklärt Josef Joffe

Soll aufklären, was bei Kundus wirklich geschah: Der Verteidigungsausschuss im Deutschen Bundestag

Soll aufklären, was bei Kundus wirklich geschah: Der Verteidigungsausschuss im Deutschen Bundestag

Die Kundus-Affäre entfaltet sich als Dreifachdrama. Das erste kreist um das Watergate-Syndrom, dem schon Franz Josef Strauß, weiland Verteidigungschef, zum Opfer gefallen war. Nicht die Tat ist das Verbrechen, sondern die Vertuschung. Der Einbruch ins Hauptquartier der Demokraten 1972 wäre bloß ein Fall für die Kripo gewesen, wenn nicht Richard Nixon gelogen und betrogen hätte. Seitdem gehorcht der politische Skandal den ewigen Fragen: Was hat er gewusst und wann? Schon Talleyrand lehrte: »Hochverrat ist eine Frage des Datums.«

Verteidigungsminister Jung ist die Affäre zum Verhängnis geworden; nun bedroht sie seinen Nachfolger Guttenberg, allerdings mit besonderer Wucht, weil auf der zweiten Ebene auch ein klassisches Mediendrama abläuft. Wehe dem Politiker, den die Presse zum Helden auserkoren; sein Sturz wird umso heftiger sein. Dieses eiserne Gesetz gilt überall, über Grenzen und Kontinente hinweg.

Anzeige

Die gesamte deutsche Presse hatte den CSU-Mittelbänkler in den Himmel geschrieben. Etwa so: adelig, sexy, nachdenklich, elegant, einer, der unabhängig sei und nicht von der Festplatte aus plaudere. Ein Rockstar fast wie dieser Obama. Dann aber wurde es langweilig; in Frankreich hat das sogar die Studentenrevolte von 1968 beflügelt. »La France s’ennuie«, hieß es, Frankreich langweilt sich.

Nun aber: »Hinter dem Blendwerk sind Schwächen aufgetaucht, auch er (Guttenberg) ist aus krummem Holz geschnitzt.« Je höher sie geschrieben werden, desto tiefer sollen sie fallen, sagt (so ähnlich) schon die Bibel. Dieser Mann hat geglaubt, was sie über ihn gesagt haben; das ist keine lässliche Sünde.

Josef Joffe
Josef Joffe

ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier

Das dritte Drama ist auch ein Klassiker, aber einer, der weit über den Hype hinauswächst: Wie halten wir es mit dem Krieg? Keine Demokratie mag Kriege, die weit weg sind (Afghanistan), deren Begründung abstrakt ist (Schlimmeres verhindern) und deren Ende niemand kennt. Die Deutschen haben ihr eigenes Problem. Wer zwei Weltkriege verliert, sagt zu Recht: »Nie wieder Krieg!« Und wer seit sechzig Jahren auf diesem gesegneten Kontinent lebt, darf das tatsächlich glauben.

Ergo gibt es in Afghanistan keinen Krieg, allenfalls »kriegsähnliche Zustände«. Tatsächlich wird es der längste Krieg nach 1945 sein. Dennoch doziert der Grüne Trittin, dass »Taliban zu vernichten« nicht mandatsgemäß sei. Das »gezielte Töten« verstoße gegen Verfassungs- und Völkerrecht, sekundiert der Linke-Abgeordnete Nešković. Krieg ist grausam und gemein, aber Töten ist sein Wesenszug. Wer das verneint, beschummelt sich selber.

Guttenberg möge demissionieren, falls er den Strauß oder Nixon gegeben hat. Doch die Volksvertreter mögen ebenfalls ehrlich bleiben. Sie müssen über Proportionalität und den Schutz unserer Schutzbefohlenen räsonieren, auch über Kosten und Chancen dieses Krieges. Die Opposition muss der Regierung im Nacken bleiben; das ist demokratische Pflicht. Zivilisten dürfen nie Zielscheibe sein. Aber dem Krieger sein Handwerk verbieten?

Um von Talleyrand zu borgen: Das ist schlimmer als absurd; es ist töricht.

 
Leser-Kommentare
  1. "...dass Taliban zu vernichten« nicht mandatsgemäß sei. Das »gezielte Töten« verstoße gegen Verfassungs- und Völkerrecht."

    Die Frage, die hinter diesen Aussagen steht, haben sie komplett unterschlagen Herr Joffe: Mit welcher Berechtigung unsere Soldaten in Afghanistan sind.

    Diese Frage ist alles andere als töricht.

  2. Eben. Exakt darum geht es.
    Ladurner kritisiert aus moralischer Sicht den Opportunismus der Realpolitik, welcher empfiehlt, Afghanistan sich selbst zu überlassen und diese humanitäre Heldentat wahltaktisch auszupunkten: Die große Mehrheit feiert Weltfriedensstifter wie Schröder, den Retter des Irak, den Vater des "Schröder-Bonus" (= Terroristen nehmen Rücksicht auf Deutsche ...).
    Krieg ist schwerlich popularisierbar.
    Insbesondere in einem Land, das auf die Realitäten im Rest der Welt keinen Blick verschwendet: Deutschland ist politisch extra-orbital, nicht von dieser Welt.
    Übertrieben? Das Trittin-Zitat, wonach deutsche Soldaten nicht zurückschießen dürften ("mit dem Mandat nicht vereinbar") trifft voll ins Gemüt der deutschen Allgemeinbefindlichkeit.
    Friede auf Erden! Zumindest in deutschen Wohnzimmern, wenns geht. Behelliget uns nicht auch noch zu Weihnachten mit unangenehmen Wahrheiten ...

  3. 1. Barfüßler nun vor der Kapelle!
    Diejenigen, die Obrigkeitshörig den volksverdummenden Militär- und Regierungsmeldungen hinterher nachplapperten, den Ereignissen fahrlässig hinterherliefen, von BILD zum Marsch geblasen wurden, sich selbst zum Qualitätsjournalismus arrogant erhoben, spielen sich nun als Superaufklärer auf.
    -ALLE Parteien dieser linkisch-linken Krummenrepublik – außer Linken (noch!) - sind für die Hindukusch-Katastrophe verantwortlich, VORALLEM aber SPD und Grünen
    -ALLE Massenmedien dieser linkisch-linken Krummenrepublik sind für die 3 Monate lang hintertriebene Volksaufklärung verantwortlich, bis endlich BILD (sic!) die Aufklärungslawine ins Rollen brachte
    FRAGEN vordringlichster Klärung:
    -Soll mit Hauruck-Druck auf Guttenberg das Wenige an mühsam errungener Klarheit wieder vertuscht werden? Gar von der befehlshaberischen Funktion des KSK (sic!) ablenken (oder anders: ist KSK deutscher Sowjet-Politruk), sowie Guttenbergs Forderung nach einer neuen parlamentarischen Afghanistan-Strategie torpediert werden

    2. Von Wegen immer nur Amerika der Bösewicht...
    Unter Herrn v. Guttenberg könnte in dieser linkisch-linken Krummenrepublik der Afghanistan-Bodensatz geklärt werden und was alles da so der Öffentlichkeit vorenthalten wurde. Hierbei sollten vor allem die stets im Hintergrund wirkenden Ausschüsse (auch immer rechtens?) beachtet werden. Wohl nicht umsonst schreien sie jetzt alle, und die mit ihnen verbundenen Massenmedien, mächtig auf!

  4. Ich habe schon lange überlegt, was man eigentlich in Afghanistan will, was die Russen da wollten, was jetzt die USA und alle anderen dort wollen. Dass man den Afghanen die Demokratie bringen wollte, oder was immer man darunter verstand, habe ich nie geglaubt.

    Ganz einfach – Afghanistan ist eine reiches Land, reich an Bodenschätzen. Da hätte ich auch wirklich früher drauf kommen können! Und - wer hätte es gedacht - die Chinesen haben im Moment die Nase vorn beim Erwerb von Abbaulizenzen. Soweit ich weiß übrigens auch in Afrika.

    Die Chinesen sind einfach besser, die machen keinen Krieg, die machen Geschäfte.

    • knuham
    • 25.12.2009 um 20:11 Uhr

    """Die Kundus-Affäre entfaltet sich als Dreifachdrama."""

    Wenn er sich da mal nicht täuscht, der gute Hr. Joffe.

    Den "Tsunami Margot" hat er noch garnicht wahrgenommen, dieser bibelfeste Erfüllungsgehilfe, das wäre dann nämlich Nummer vier.

    Nach Theo Sommer und Volker Rühe wieder einer, der genau glaubt zu meinen, weiss was Sache ist.

    Den armen ZEIT-Genossen wünsche ich eine fröhliche Bescherung (die Weihnachtsmänner von Thyssen-Krupp bis Krauss-Maffei sind bestimmt "ganz Ohr").

    • ddkddk
    • 25.12.2009 um 20:13 Uhr

    sollte tabu sein. Es ist aus dem tausendjährigen Reich noch hinreichend eindeutig belegt.

    Die Verwendung dieses Wortes durch einen deutschen Offizier zeigt auch dessen Gesinnung!

  5. Vielleicht geht es um was ganz anderes:
    1) Ursprüngliche Idee der "Bombardierung": dem dt. Volk klar machen, dass "wir im Krieg in Afghanistan sind", um die Erhöhung der Soldatenzahl zu legitimieren.
    2) Die damals verantwortlichen Politiker (Jung Merkel) hatten aber die Story wenig glaubhaft "vermarktet" und die Aktion vermasselt.
    3) Herr zu Guttenberg (HzG), der von einflußreichen Kreisen (USA, eine Loge??) für höhere Aufgaben (Kanzler) auserkoren wurde, soll als neuer Verteidigungsminister weitere Punkte in der Öffentlichkeit sammeln.
    4) Außerdem soll er in Deutschland für mehr finanzielle Mittel für den Krieg sorgen.
    5) Gleichzeitig werden 2 weitere Ziele erreicht: a) die Konservativen bauen eine Alternative zu Angela Merkel als Kanzlerin auf; b) gleichzeitig wird der Druck auf Kanzlerin Merkel erhöht, sich noch mehr in Richtung USA zu bewegen.
    6) Kaum im Amt, "entsorgt" HzG 2 Funktionsträger aus der Zeit der Großen Koalition (SPD-Mann Schneiderhahn und Co), um eigene Leute in Stellung zu bringen.
    7) Mit der Entlassung von Schneiderhahn positioniert sich HzG nach seinem medialen Opel-Erfolg (den es faktisch gar nicht gegeben hat) erneut als "Mann der Tat".
    8) Frau Merkel will den Shootingstar in die Schranken weisen: ihre Gehilfen der BILD schießen sich auf den potentiellen Merkel-Nachfolger ein.
    Interessant: der eigentliche Auslöser der Krise, Oberst Klein, blieb (bisher) ungeschoren. Spielt er gar eine wichtigere Rolle als angenommen?
    Wie gesagt: ist nur eine Idee.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • ddkddk
    • 25.12.2009 um 20:40 Uhr

    Ein Oberst kann nicht ohne Disziplinarverfahren aus dem Dienst entfernt werden. Laufen strafrechtliche Ermittlungen, werden in der Regel deren Ergebnisse für ein eventuelles Disziplinarverfahren abgewartet.

    Die einzige Möglichkeit, Klein sofort loszuwerden wäre seine Beförderung zum Brigadegeneral, die angeblich sowieso bevorstand. Er könnte dann sofort in den einstweiligen Ruhestand versetzt werden.

    • ddkddk
    • 25.12.2009 um 20:40 Uhr

    Ein Oberst kann nicht ohne Disziplinarverfahren aus dem Dienst entfernt werden. Laufen strafrechtliche Ermittlungen, werden in der Regel deren Ergebnisse für ein eventuelles Disziplinarverfahren abgewartet.

    Die einzige Möglichkeit, Klein sofort loszuwerden wäre seine Beförderung zum Brigadegeneral, die angeblich sowieso bevorstand. Er könnte dann sofort in den einstweiligen Ruhestand versetzt werden.

    • ddkddk
    • 25.12.2009 um 20:40 Uhr

    Ein Oberst kann nicht ohne Disziplinarverfahren aus dem Dienst entfernt werden. Laufen strafrechtliche Ermittlungen, werden in der Regel deren Ergebnisse für ein eventuelles Disziplinarverfahren abgewartet.

    Die einzige Möglichkeit, Klein sofort loszuwerden wäre seine Beförderung zum Brigadegeneral, die angeblich sowieso bevorstand. Er könnte dann sofort in den einstweiligen Ruhestand versetzt werden.

Service