Wer den Mann besuchen will, der in Reinsberg das Sagen hat, muss nicht zum Bürgermeister. Er muss zum König. Manche im Dorf meinen, der König nehme seinen Namen wörtlich. Weil er großspurig auftrete. In der Presse. Hinter seinem Rücken fragen sie, ob er denn nie Ruhe geben werde.

Matthias König, Finanzberater, 37 Jahre alt, sagt, dass er das ja gerne tun würde. Noch aber sei der Krieg längst nicht gewonnen, und er müsse weitertrommeln. Matthias König sieht sich als letzter Sprecher der Aufrechten.

»Wir müssen Druck erzeugen«, sagt König. In seinem Büro steht eine Couch, hockt eine Sekretärin, sitzt die Angst, sie schaut aus seinen Augen, sie brennt in ihm. »Es brennt noch immer«, sagt König, er meint Reinsberg und sich selbst. »Wenn das Gesetz nicht durchgreift, haben wir in diesem Land ein Problem. Dann ist hier wieder die Hölle los.« Solange die Verbrecher nicht im Knast säßen, sagt König, »bekommen wir niemals Ruhe«.

Der Ordner, den er aus dem Regal zieht, erzählt die ganze Geschichte. Darauf prangt »Terror-Akte Reinsberg«. Die Dokumentation eines großen Krieges der Bürger von Reinsberg, an dem König beteiligt ist. Den er nie wollte. Den er jedoch leidenschaftlich kämpft – seit im Jahr 2007 eine Clique ihr erstes Autorennen auf den Straßen des Dorfes veranstaltete, seit König deshalb die Polizei rief, seit ihn nun die ganze Wut der Banden trifft. Auf dem Höhepunkt des Konflikts, sagt König, hängte ihm jemand ein totes Reh auf den Zaun, die beiden ungeborenen Kitze waren herausgeschnitten, ein grausiger Anblick. »Das ist Psychoterror«, sagt König, »Reinsberg darf kein rechtsfreier Raum werden.«

Die Gräben verlaufen zwischen Höfen und ganzen Familien

Zwei Dutzend Jugendlichen aus dem Ort wirft König vor, sie terrorisierten das ganze Dorf. Mit einigen von ihnen war er früher befreundet. Bis sie nachts auf seiner Wiese standen. »König, du Arschloch! Koch Kaffee, wir kommen.« König erzählt von abgefackelten Scheunen, eingeschlagenen Bushaltestellen, von Steinen, die Fensterscheiben bersten ließen. Und dieser Lärm, jede Nacht. Bier und Suff. Die Angst. Kein Schlaf. König geriet in den Strudel der Gewalt.

Das Bild der Lage in Reinsberg ist diffus. Seit bald drei Jahren erlebt das kleine Dorf am Fuße des Erzgebirges Zeiten von Zorn, Krawall, Randale. In diesem Krieg sind Gut und Böse kaum mehr auszumachen, weil die Gräben zwischen Grundstücken verlaufen, zwischen Höfen, zwischen ganzen Familien. Die einen sind für König. Die anderen sagen: Jetzt lass mal gut sein. Du provozierst sie doch. Es ist doch deine eigene Schuld.

»Die Aufarbeitung fängt gerade an«, sagt König, »wir können uns auf vieles gefasst machen.« Kommendes Jahr beschäftigt sich ein Gericht mit dem Reh auf dem Zaun. Ein Strafverfolger beklagt, die Parteien schaukelten sich gegenseitig hoch. Zu befürchten sei, dass bald auch Nachbarn in die Randale geraten. Aus einem Nachbarschaftsstreit ist ein Krieg der Bürger von Reinsberg geworden.