Entwicklungshilfe Afrika ist längst angekommen

Warum auch in der internationalen Kulturarbeit Entwicklungshilfe ein umstrittener Ansatz ist

Das Operndorf als Entwicklungshilfeprojekt: Klicken Sie auf das Foto, um zu sehen, wie Christoph Schlingensief das ZEIT-Feuilleton gestaltet hat!

Das Operndorf als Entwicklungshilfeprojekt: Klicken Sie auf das Foto, um zu sehen, wie Christoph Schlingensief das ZEIT-Feuilleton gestaltet hat!

Erwarte von mir keinen Bonus, weil du Afrikaner bist. Wenn du gut sein willst, dann musst du lernen, lernen, lernen.« Dies sagt nicht etwa ein evangelischer Missionar, sondern der viel beschäftigte Kameruner Kurator Simon Njami. Er sagt es zu einem Dutzend Fotografen, die aus allen Ecken des Kontinents auf Einladung des Goethe-Instituts zur Fotobiennale nach Mali gekommen sind, um im Kreis internationaler Experten ihre aktuellen Projekte vorzustellen: »Bei uns fehlen leadership, Verantwortung und Ehrgeiz. Aber wie sollen die auch entstehen, wenn alle Nase lang selbst ernannte Helfer aus fremden Ländern mit neuen Ideen und anderen Finanzierungsquellen kommen, die ein erträgliches Auskommen sichern? Der Künstler muss sich wehren gegen diese Parallelwelt der Liebhaberei.«

Eine Art, sich zu wehren, könnte die Losung »Experiment. Radikalität. Revolution« sein. Sie ist das Motto der in Kapstadt vorletzte Woche eröffneten Ausstellung DADA South?. Die Kuratoren befragen die politische Kraft zeitgenössischer Kunst und erheben Kritik zum Prinzip. In Zeiten, in denen angesichts der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft offenbar eher ein positives nation branding angesagt ist und die Folklorisierung Südafrikas im Vordergrund zu stehen scheint, ist das, gerade aus Sicht eines europäischen Kulturschaffenden, eine naheliegende Intervention. Doch es ist komplizierter. Es hagelt Proteste: Wieder werde ein europäischer Referenzrahmen gesetzt, um die eigene Identität zu erklären. Damit stecke die Ausstellung in demselben Dilemma wie die Wahrheits- und Versöhnungskommission: Anstatt den Opfern einen Weg zu weisen, mit der Vergangenheit umzugehen, verschaffe sie den Tätern Entlastung. Der richtige Weg sei es, zu einer eigenen Geschichtsschreibung zu kommen und sich nicht weiter über die Weißen zu definieren.

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Wir Europäer sehen in der kritischen Distanz zur politischen Nomenklatur die Voraussetzung künstlerischen Schaffens, während in weiten Teilen Afrikas der Gemeinsinn stiftende Aspekt der Kunst im Vordergrund steht: Stammesführer, Bürgermeister und Minister sind selbstverständlich Teil des rituellen Ganzen. Dabei vergisst man leicht die Bilder von sich gegenseitig abschlachtenden Brüdern und Schwestern – die Bankrotterklärung für die vermeintliche Wirkung der Kunst Afrikas. Die Frage nach der Rolle der Kunst und des internationalen Kulturaustausches in den Ländern südlich der Sahara ist kompliziert und alles andere als beantwortet; die Diskussionen um die richtigen Konzepte auf europäischer Seite sind zuweilen noch immer von Unkenntnis der offenen Wunden, die die Kolonialzeit hinterließ, gekennzeichnet.

»Ich möchte mich«, so Pascal Marthine Tayou, dessen Arbeiten auf den Biennalen dieser Welt zu sehen sind, »als Künstler ernst genommen fühlen und nicht als Afrikaner. Ich will nicht bemitleidet werden, sondern mich messen mit den Besten.« Und die Besten sind für Afrika gerade gut genug. Die radikalen Visionäre, die die Wirklichkeit spielerisch aufnehmen, um neue Erfahrungen zu ermöglichen. Die der Schönheit Flügel verleihen, ohne in Ethnokitsch abzustürzen.

So wie der Mosambikaner Dario Fonseca. Die Protagonistin seines neuesten Films entflieht dem Martyrium häuslicher Gewalt, indem sie nicht nur gegen ihren Mann, sondern auch gegen die gesellschaftlichen Konventionen anrennt. Oder die Filmemacherin Wanuri Kahiu, deren letzter Film im postapokalyptischen Kenia spielt, wo eine junge Frau ihre hochtechnisierte Stadt verlässt, um sich auf die Suche nach der Natur zu begeben. Oshi Hiveluah hingegen erzählt die Geschichte eines namibischen Kriegsveteranen, den die Vergangenheit einholt, als er zufällig seinem ehemaligen Folterer begegnet. All dies sind cineastische Fragmente eines Kontinents in Bewegung. Bedürftigkeit als Credo war einmal – heute gilt es, Selbstbewusstsein und künstlerische Kraft zu demonstrieren.

Wie die Protagonisten der Kurzfilme befinden sich allerdings auch ihre Macher in einem Geflecht von widersprüchlichen Anforderungen. Innerhalb ihrer eigenen Gesellschaften und oft auch Familien müssen sie, um etwa vom Außenseiter zum Insider zu werden, den Ungleichzeitigkeiten individueller und kollektiver Erfahrung Rechnung tragen. Im internationalen Kontext sehen sie sich mit einer Vielzahl von Zuschreibungen konfrontiert, durch die in der Regel die alten Klischees von Armut und Krise reproduziert werden. Doch den Anpassungsdruck wissen sie nicht nur zu parieren, sondern zum eigenen Nutzen zu gestalten.

Dabei spielen neue Netzwerke eine zunehmend große Rolle. Das Privileg der internationalen Vernetzung ist im Zeitalter von Twitter und Facebook nicht mehr den ausländischen Kulturinstituten, wie etwa dem Goethe-Institut, vorbehalten. Umso wichtiger ist es, transparent zu arbeiten und die eigenen Interessen deutlich zu formulieren. Das Goethe-Institut hat erfreulicherweise eine bemerkenswert hohe Glaubwürdigkeit in Afrika – gerade im Vergleich zu anderen europäischen Kulturinstituten, deren Grad an Autonomie gegenüber ihren Regierungen weitaus geringer ist.

Leser-Kommentare
  1. .
    ...was Afrika jetzt braucht!

    Oder ist es am Ende doch nicht mehr als ein neues Hobby unserer saturierten "Kulturschaffenden"?

    Jedenfalls etwas mit deutlichem Marketingeffekt?

  2. nicht im Sinne von lustig, sondern eher tragikomisch. Gerade viele Aktive wie Bono oder Geldof betrachten offenbar ihre "Schützlinge" als kleine Kinder, die sie an die Hand nehmen müssen. Das erinnert an Marx, der viel über arbeiter schrie, sich aber nie persönlich mit einem Arbeiter getrofen hätte. Die Bürde des weißen Mannesy wird hier auf andere Weise fortgesetzt.

    • joG
    • 24.12.2009 um 9:36 Uhr

    ...wie "La Strada" nach WWII in Italien. Kultur zu machen in der Zeit der Vertreibung und des Völkermords, des Hungers und der Verelendung und in voller Sicht der Opfer. Ich mag diesen Humor.

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