Deutsch-ivorische Performance-Kunst Eleganz ist kein Verbrechen

Die Regisseurin Monika Gintersdorfer arbeitet mit deutschen und afrikanischen Tänzern und Sängern zusammen, die in Europa und Westafrika auftreten. Um profitabel zu sein, nutzt sie ivorische Angeberei und deutsches Understatement

Aus einer Performance der Regisseurin Monika Gintersdorfer in Hamburg im November 2009. Gintersdorfer ist Mitbegründerin der aktionistischen Künstlergruppe Rekolonisation. Gemeinsam mit dem bildenden Künstler Knut Klaßen und dem ivorischen Choreografen Franck Edmond Yao (rechts) und ihrem deutsch-afrikanischen Team erstellt sie Theater-Performances und Videoprojekte

Aus einer Performance der Regisseurin Monika Gintersdorfer in Hamburg im November 2009. Gintersdorfer ist Mitbegründerin der aktionistischen Künstlergruppe Rekolonisation. Gemeinsam mit dem bildenden Künstler Knut Klaßen und dem ivorischen Choreografen Franck Edmond Yao (rechts) und ihrem deutsch-afrikanischen Team erstellt sie Theater-Performances und Videoprojekte

In unserer künstlerischen Arbeit sprechen wir von den Schwarzen und den Weißen, höchst unkorrekt und unpräzise, aber deswegen oft nah an dem Denken, das die Wirklichkeit bestimmt, die unkorrekt und unpräzise ist. Wir denken in zwei Systemen und machen Aufführungen, die von europäischem und afrikanischem Publikum mit tausend Missverständnissen gemocht und gehasst werden.

Wir, das sind ein paar junge Männer von der Elfenbeinküste, Tänzer und Sänger, Stars im ivo- rischen Showbiz, die zwischen Paris–Abidjan und jetzt auch Deutschland hin und her reisen, und ich als ihre Regisseurin und Managerin.

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Wir streiten, performen und verdienen in möglichst kurzen Intervallen, und dazu laden wir deutsche Darstellerinnen und Darsteller ein, die übersetzen, performen und verdienen.

Die jungen ivorischen Männer verfolgen eine Doppelkarriere als Showbizstars in Westafrika, Schwarze für Schwarze, und als Performer in unseren Stücken, Schwarze und Weiße für Weiße, die wir, sobald wir uns das leisten können, wieder Schwarzen zeigen, also Schwarze und Weiße für Schwarze.

Ausgangspunkt unserer Stücke ist die Perspektive der ivorischen Performer, die nie damit gerechnet haben, dass gerade Deutschland oder ein paar deutsche Künstler, Off-Theater-Besucher zum Reibungspunkt ihrer Weltauffassung werden. Und dann wechselt die Perspektive bei uns auf die deutschen Akteure, dann wieder auf die Ivorer und immer so weiter. Es werden individuelle Perspektiven, die sich gegenseitig pushen. Dass so eine künstlerische Konstellation zustande kommt, ist gegen die Gesetze der Wahrscheinlichkeit und damit prädestiniert für schwerwiegende Brüche und ungeahnte Verbindungen. Vor allem aus den kulturellen Differenzen können wir Kapital schlagen – in beiden Systemen.

Angeberei, Gier, Bluff und Selbstbehauptung, die wir aus der Elfenbeinküste klauen, geben uns Durchschlagskraft in einem System deutscher Kulturförderung, das Bescheidenheit, sparsames Wirtschaften, kontrolliertes, also im Vorhinein benenn- und abrechenbares Vorgehen in Konzept und Finanzen verlangt. Unser afrikanischer Motor rennt gegen jedes Understatement und jede Bescheidenheit an.

Oft treffen wir auf eine irrationale gegen-Luxus-gegen-Glamour-Position, die in Abrechnungsregularien und im Denken über die freie Szene festgeschrieben ist: Denn wenn wir Geld an den Berliner Senat zurückerstatten müssen, weil wir in einer Performance eine Flasche Champagner auf der Bühne verwenden (32 Euro die Flasche), dann geht es nicht um den realen Geldwert (denn 32 Flaschen Apfelsaft zu 1 Euro hätten wir kaufen dürfen). »Seid Fake und armselig« ist aber eine Botschaft, die wir nicht annehmen können! In Afrika treten wir den Beweis an, dass wir nicht mit Fakes arbeiten, trampeln über teuerste Designerkleidung oder verbrennen sie, um zu zeigen, dass es sich nicht um Geliehenes handelt.

Gegen den Fake, für die Show! Wer will schon an seine Armut oder seine drohende Armut erinnert werden, die man durch die Performance gerade überwindet? Radikale Behauptung erzeugt möglicherweise Reichtum. Ihre Entzauberung verhindert neue Ökonomien und die Infragestellung gesellschaftlicher Verhältnisse. Das kann man klauen, das kann man lernen! Nicht relativieren, nicht aufklären, nicht ironisieren, sondern insistieren, bis es lebt!

An der Elfenbeinküste punkten unsere ivo- rischen Darsteller jederzeit mit uns. Mit uns aufzukreuzen bringt schon Kreditwürdigkeit: Denn da die Weißen die Meister des Understatements sind, könnte ja der größte Schluffi unter uns der reichste, mächtigste Mann sein. Die guten Geschichten über uns erfinden die Schwarzen, die damit andere Schwarze reinlegen, ohne dass wir es wissen. Wir Weißen können die Erwartungen unterlaufen: vielleicht gut performen oder vor Schwarzen über Schwarze spotten - solche Form von Talent, Humor oder Unkorrektheit wird von Weißen nicht erwartet und kann einen neuen Blick aufeinander erzeugen. Unsere deutsch-ivorische Zusammenarbeit ist ein utopisches Unterfangen voller Vertrauen auf gegenseitige Wertsteigerung für einen möglichst langen Moment.


Dieser Text ist dem Feuilleton der ZEIT Nr. 53/2009 entnommen, das Christoph Schlingensief gestaltet hat.

 
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