Ich schreibe zwischen Kaffee und Essig. Ich gerate, kaum über der Bettkante, an den Tassenrand und in den Bann einer äthiopischen Strauch- oder Wachgottheit. Ich braue mir frühmorgens Kaffee nach eigenem Rezept, verwende eine dunkle neapolitanische Röstung, kombiniere das französische und das osmanische Verfahren des Aufgießens, nur zum Zweck, möglichst starken Kaffee in die Tasse zu bekommen. Transport, Mahlung können der Strauchgottheit nichts anhaben, sie hält sich in den Körnchen, sie teilt sich nach Belieben. Sobald diese mit nicht zu heißem Wasser in Berührung kommen, lässt sie sich schwarz ausschwemmen, zusammen mit anderen Wirkstoffen und ätherischen Ölen. Draußen ist es noch dunkel, wenn sich helle Bläschen an der Oberfläche sammeln: Schäumchen der Vordämmerung. Getrunken erreicht sie das Innerste der Person, breitet sich vom Magen her aus, leitet Zuversicht weiter. Sie steigt in die Stirn, weicht Schlafränder auf, greift mit ihren Strauchspitzen ins nicht zu Ende Geträumte, ins Murmelnde, zeigt auf einen der vielen Münder, wählt sich einen Einflüsterer aus. Sie fährt mir in die Finger.

Ein ostafrikanischer Hirt, so die Kaffeesage, hatte beobachtet, wie eine lahmende Ziege in der Steppe die Bohnen eines Strauchs gefressen hatte und zu höchster Lebendigkeit erwachte. Er zerkaute selber einige der roten Bohnen, spuckte sie, da ungenießbar bitter, sofort ins Feuer, worauf ihm der Duft der ersten Röstung in die Nase stieg. Er wollte seine Wunderbohnen umgehend in den Palast seines Herrschers bringen, aß jedoch, als er müde wurde, selber davon und fand sich durch Wände und auf den Thron versetzt, wo ihm Dinge einfielen, von denen er zuvor nichts gewusst hatte. Er sprach in Versen, er diktierte Verordnungen, die allen einleuchteten. Der alte Herrscher war sofort vergessen, der neue erließ Gesetze, bei denen sich alles um einen lorbeerähnlichen Strauch drehte. Im Palastgarten wurden Palmen und Blumen durch Sträucher ersetzt.

Schlafrandbewirtschaftung, Schlafumwandlung: Drei, vier Stunden lang beherrscht mich die äthiopische Strauchgottheit, und da ich die Wohnung nicht verlasse, die Beine nicht bewege, keine Steppe durchquere, geht ihre ganze Kraft in die Fingerbeeren, der Puls schlägt auf der Tastatur. Sie bestärkt, ermutigt, lockt und belohnt, fördert Innerstes herauf. Sie plündert ohne Scham. Ein Hungerast wächst, ich möchte Salat essen. Meine eindeutige Salatsehnsucht nach dem Schreiben, dachte ich lange, ist die Sehnsucht nach bravem, beruhigendem Blattgrün. Dabei ist es die schwindende Strauchgottheit, die es nach Essig dürstet, den Salat benutzt sie als Vehikel. Essiggeist erreicht mit den Salatblättern die Höhlungen, Spalten, die Risschen, die sie nach ihren Plünderungen hinterlässt. Erst, wenn sie Essig bekommen hat, wenige Tropfen reichen aus, beruhigt sie sich. Danach lässt sie mich schlafen. Essig bedeutet Mittag.

Der herrschende Hirt ließ nur im Innersten seines Palastes rösten und nur für sich, ließ in den Kammern darum herum Weihrauch und Opium verglühen. Wer durch diese Kammern gegangen war, verlor die Orientierung oder legte sich hin und schlief lange. Der wache Herrscher aber vereinsamte. Er trank nur noch Kaffee und kein Wasser mehr, schlief dünn und dünner, wurde fahrig. Selbst in den palasteigenen Wolken fand er keinen Schlaf. Ein einziges Tröpfchen Essig hätte ihm Linderung verschafft, so aber irrte er Nacht für Nacht durch seine Gemächer. Um seinen Kopf zu beschäftigen, organisierte er den Kaffeehandel und veränderte die Welt. Er ließ geröstete Bohnen verschiffen, in den großen Häfen Nordeuropas entstanden erste Kaffeehäuser. Kaffee drängt schlaffördernde Botenstoffe zurück, Kaffee hat Könige verscheucht. Ohne Kaffee gäbe es in Nordeuropa keine Infrastruktur, keine Vorstellung von Öffentlichkeit. Nur Volk in Bierhallen, Weinhallen, Mostkellern.

Am Nachmittag erwache ich in anderer Haut. Tee, asiatische Blattgottheit, legt Teppiche aus. Jedes Zimmer hat nun dünne Wände, alles wird durchsichtig, septemberlich. Tee lässt lesen, was die herrische Strauchgottheit verordnet hat. Tee meint die ganze Haut.

Dieser Text ist dem Feuilleton der ZEIT Nr. 53/2009 entnommen, das Christoph Schlingensief gestaltet hat.