Pakistan "Wir danken der Armee!"

Auch Taliban können besiegt werden. Eine Reise in das befreite Swat-Tal in Pakistan.

Im Dorf Imam Deiri: eine pakistanische Flagge als Bekenntnis zum Staat

Im Dorf Imam Deiri: eine pakistanische Flagge als Bekenntnis zum Staat

Rund um Mingora liegt Schnee, auf dem Eingang zu den Smaragdminen oberhalb der Stadt ist eine riesige pakistanische Nationalflagge aufgemalt, die Schaffner auf dem Busbahnhof rufen in einem fort mit markerschütternder Stimme die Ziele ihrer Busse aus: Gubbul, Qanju, Matai. Doktor Hussein Ahmad sieht all dies vom Dach seines Hauses. »Verrry fantastic! Verrry fantastic!«, ruft er aus. Dann geht er zurück in seine Praxis, die aus einem einzigen, winzigen Raum besteht, und setzt sich auf einen Stuhl. In seinem Rücken steht ein Glasschrank mit Flaschen in allen Größen und Farben. Doktor Ahmad ist Homöopath, er wirkt genauso, wie man sich einen Homöopathen vorstellt: weich, einfühlend und sehr, sehr entspannt. Vor ein paar Monaten noch musste er um seinen Kopf fürchten, wenn er offen sprach. Jetzt kann er sich frei fühlen, zu reden, wie es ihm beliebt. Die Taliban sind nämlich aus Mingora verschwunden, geschlagen von der pakistanischen Armee.

Wie ist das möglich?

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Dafür ist eine Rückblende in den April 2009 nötig. Damals fuhr ich in ein Swat-Tal, das von den Taliban beherrscht wurde. Ich wollte einen ihrer Führer sprechen, Muslim Khan. Es war eine Reise in die Düsternis. Kurz bevor die Straße sich in das Tal von Swat hinaufwindet, kam ich am letzten Polizeiposten vorbei. Danach war vom Staat nichts mehr zu sehen, auf den achtzig Kilometern Straße bis in die Hauptstadt Mingora ließ sich kein einziger Uniformierter blicken, Polizeiposten waren verlassen und die wenigen Armeestützpunkte so verbarrikadiert, dass man nicht hätte sagen können, ob dort überhaupt noch Soldaten stationiert waren. Ich fuhr vorbei an zerstörten Schulen, an geschändeten buddhistischen Denkmälern, und ich fuhr über den Grünen Platz im Zentrum von Mingora, einen Ort des Schreckens. Die Taliban hatten hier mehrere Menschen gehängt und jedem, der sie vor einer bestimmten Stunde bestatten wollte, mit dem Tod bedroht. Die bleierne Schwere des Terrors in den Straßen Mingoras war erdrückend.

30.4.2009

Swat-Tal

Das Panorama war malerisch, die Wirklichkeit grauenhaft: Als Ulrich Ladurner im April in das pakistanische Swat-Tal reiste, früher ein beliebter Urlaubsort, befand er sich in einer Hochburg der Taliban. Nur 160 Kilometer von der pakistanischen Hauptstadt entfernt entführten die Terroristen Ausländer, sie töteten ihre Gegner und kämpften gegen die pakistanische Armee. Die schien vor der Übermacht des Terrors zu kapitulieren, die Straße nach Mingora, der Hauptstadt des Tals, war gesäumt von verwaisten Polizei- und Armeeposten, die Stadt nur unter Lebensgefahr erreichbar. Groß war die Angst, die Taliban könnten auch die pakistanische Kapitale Islamabad einnehmen.

Kein halbes Jahr später ist von der Schreckensherrschaft nur noch wenig zu spüren. Wer durch Mingora reist, trifft auf offene Menschen, die ihre Meinung frei heraus sagen. Wie konnte das gelingen?

Und diesmal?

Ab Shaga stehen alle paar Kilometer schwer bewaffnete Kontrollposten der Armee. Mingora vibriert vor Energie. Sobald ich anhalte, werde ich zum Tee eingeladen. Und immer wieder ist dieser Satz zu hören: »Mingora ist die sicherste Stadt Pakistans!« Es kommt den Menschen scheinbar freudig über die Lippen, genauso wie Doktor Ahmad, der sein verrry fantastic bei jeder sich bietenden Gelegenheit wiederholt.

Zwei Freunde kommen in Doktor Ahmads Praxis. Auch sie drängt es, zu reden, frei zu sprechen. Abdul Aziz, der als Religionslehrer an einer staatlichen Schule arbeitet, und Ali Asmat, der von Beruf Smaragdhändler ist und bedeutungsvoll sagt, er habe sonst noch sehr viele Hobbys. Der Lehrer hat feine Gesichtszüge und trägt einen langen, gepflegten Bart, Ali Asmat ist etwas gröber geraten, und sein Bart sieht aus, als wäre er gerade von einem Sturm zerzaust worden. Gemeinsam blicken die drei zurück auf die schlimme Zeit. Der Arzt, der Lehrer, der Händler – es ist ein gutes Abbild der Gesellschaft dieses Tales.

Heute, da sich die drei Männer wieder frei bewegen können in der Stadt, kommt es ihnen so vor, als sei ein Gespenst durch das Tal gefegt und habe eine Schneise der Zerstörung hinterlassen. Genauso schnell, wie es gekommen war, ist es verschwunden. Da ist es gut, sich daran zu erinnern, dass noch vor sechs Monaten die Welt alarmiert war über den Vormarsch der Taliban. Zerfall des Nuklearstaates Pakistan – das war das Schreckensszenario, heraufbeschworen von den Taliban, die sich Swat unterworfen hatten und der Hauptstadt Islamabad gefährlich nahe kamen.

Leser-Kommentare
    • Hontes
    • 28.12.2009 um 21:04 Uhr

    Diese Taliban sind auch in Afghanistan aktiv!

    Kein Wunder, dass es Dorfbewohner gab, die das Bombardement von Kunduz - trotz der vielen Toten - begrüßt haben.

  1. Ich weiß noch, wie westliche Medien vor ein paar Monaten den baldigen Fall Pakistans verkündeten. Der pakistanische Staat stünde ja sowieso mit den Taliban im Bunde und die Armee könne ja sowieso nix. Da machen einige jetzt wohl große Augen!

    • zd
    • 29.12.2009 um 7:08 Uhr

    man haette doch sicher mit der taliban verhandeln koennen! aber nein, der westen hat die pakistaner dazu gedrungen militaerisch einzugreifen. diese moerder! immer alles mit gewalt loesen, unglaublich!

    und jetzt mal ernst. ich freue mich fuer die menschen in pakistan, die von der taliban befreit wurden. ich hoffe, dass es bald auch in afghanistan passieren wird.

    nach tausenden kriegen in europa und die flucht ins pazifismus, ist es schwer zuzugeben, dass ausgerechnet die armeen unsere freiheit schuetzen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Gesellschaftsvertrag und Verfassung schützen die Freiheit.
    Armeen beschützen Regierung und Regierende und rufen
    Konflikte erst hervor.

    Nicht zuletzt ist es wohl besser diesen Erfolg als das einzuschätzen, was er ist: ein einzelner Schlag gegen ein
    in der Region verwurzeltes fundamentalistisches Netzwerk,
    dessen ehemalige Unterstützer nun ihre Mühe haben, dagegen
    ein geeignetes Mittel zu finden.

    Gesellschaftsvertrag und Verfassung schützen die Freiheit.
    Armeen beschützen Regierung und Regierende und rufen
    Konflikte erst hervor.

    Nicht zuletzt ist es wohl besser diesen Erfolg als das einzuschätzen, was er ist: ein einzelner Schlag gegen ein
    in der Region verwurzeltes fundamentalistisches Netzwerk,
    dessen ehemalige Unterstützer nun ihre Mühe haben, dagegen
    ein geeignetes Mittel zu finden.

    • Mates
    • 29.12.2009 um 7:43 Uhr
    4.

    "Wir wollen, wir brauchen die Scharia"

    Selbst die Insassen Stalinscher Straflager waren noch der Meinung das Stalin nur von Verrätern in Partei und Zentralkommitte betrogen worden war und von den Lagern gar nichts wusste.
    Die schlichtere Version habe ich in meiner Jugend mal gehört: "Wenn der Führer das gewusst hätte wäre es gar nicht so weit gekommen".

    Aus einem mittelalterlichen Recht kann keine moderne Gesellschaft kommen.
    Keine auf der Scharia aufgebaute Gesellschaf wird in einer modernen Umwelt jemals stabil werden. Die einzige Möglichkeit sie stabil zu halten ist die ökonomischen und kulturellen Schnittstellen zur Außenwelt auf das Niveau des 7. Jahrhunderts zurückzufahren.

  2. 5.

    Gesellschaftsvertrag und Verfassung schützen die Freiheit.
    Armeen beschützen Regierung und Regierende und rufen
    Konflikte erst hervor.

    Nicht zuletzt ist es wohl besser diesen Erfolg als das einzuschätzen, was er ist: ein einzelner Schlag gegen ein
    in der Region verwurzeltes fundamentalistisches Netzwerk,
    dessen ehemalige Unterstützer nun ihre Mühe haben, dagegen
    ein geeignetes Mittel zu finden.

    • zd
    • 29.12.2009 um 9:28 Uhr
    6. @5

    gehen und erzaehlen sie es den menschen in pakistan und afghanistan, die unter taliban gelitten haben.

    es ist leider so, dass alle veraenderungen zum gutten, bist auf paar ausnahmen, die die regel bestaetigen, durch waffengewalt erzwungen wurden. natuerlich gilt es auch fuer veraenderungen zum schlechten, was aber nichts an der tatsache aendert, dass oft gewalt noetig ist um menschen zu befreien. habe noch keinen "boesewicht" gesehen, dass einfach so abgedankt ist.

  3. »Wir wollen die Scharia, immer noch. Aber das, nein, das wollten wir nicht!«

    Beachtenswert ist vor allem diese Aussage. Sie zeigt mehr als deutlich, dass man sich von dem Gedanken verabschieden muss, aus diesen Gesellschaften Demokratien machen zu wollen. Mehrheitlich herrscht hier immer noch mentales Mittelalter. Der Kern des Übels - die Scharia, das religiöse Extrem - wird gar nicht erkannt, es wird als Opfer hingestellt. Das muss man so akzeptieren und den Menschen in Pakistan und Afghanistan ihr Mittelalter und auch ihren Weg heraus, so sie ihn beschreiten wollen, lassen. Sie müssen selber erkennen, dass sie so den Anschluss verlieren und immer das Nachsehen haben werden. Was nicht geht, ist der Versuch, diese Sicht weg zu bomben. Nach den Jahren des Krieges bleibt eigentlich nur die Perspektive, zu akzeptieren, aber auch zu isolieren, um ein weiteres Ausbreiten dieser faschistisch-religiösen Denkweise zu verhindern. Es bleibt nicht mehr als die Hoffnung, die Menschen dort werden ihren Glauben selber reformieren, also einen Prozess durchleben/anstoßen, der auch in Europa zu dem führte, was wir heute als freiheitliche Lebensweise ansehen. Auch hier war es einer der Unseren, Luther, der den Niedergang der verbrecherisch, aber akzeptierten, Kirchen einleitete. Ein Solcher steht in diesen Gesellschaften noch aus und er muss aus ihnen erwachsen. Eine andere Möglichkeit sehe ich jedenfalls nicht.

  4. 8.

    was ist los mit der Menschheit? Wie der Autor sehr gut schreibt, hier hat das schlechte Alte mit dem schlechten Modernen eine für jedermann tödliche Mischung hervorgebracht.
    Religion hin oder her, jeder vergoßene Blutstropfen zeugt von unbeschreiblicher Borniertheit.

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