Albert Camus Der Zeitgenosse unserer Träume
In den ersten Tagen des Jahres 1960 starb der große Albert Camus. Die Kraft seiner Literatur kommt aus der Einfachheit – und aus der Einsamkeit.
© STF/AFP/Getty Images

Diese Aufnahme entstand 1959 in Paris, kurz vor Albert Camus Tod
Der 4. Januar 1960 ist ein grauer, regnerischer Montag. Der Himmel hängt wie ein klammer weißer Handschuh dicht über der Erde. Seit einem Jahr lebt Albert Camus in der Grande Rue de l’Église in Lourmarin. Ein Haus auf dem Land! Sein Traum seit vielen Jahren. Ein Stück eigenes Leben, irgendwo in Algerien oder in der Provence.
Davon hat er schon als 18-Jähriger geschwärmt. Er musste erst Nobelpreisträger werden, um es endlich zu bekommen. Das Landhaus in Lourmarin, nicht weit vom Haus seines Freundes, des großen französischen Dichters René Char, liegt im Vaucluse, 59 Kilometer von Avignon entfernt. Es ist sein Rückzugsort, sein Miniaturgriechenland oder einfach »die schönste Gegend der Welt«.
Von der Terrasse seines Hauses aus sieht er auf die Zypressen des Dorffriedhofs. Hier sitzt er seit ein paar Monaten allein in seinem Arbeitszimmer im ersten Stock und schreibt an seinem Roman Der erste Mensch. Nach Paris möchte er nicht zurück. Aber er leidet unter der Einsamkeit. Der kleine Esel im Stall vor dem Haus ist seine einzige Gesellschaft. Außer zum Mittagessen im Hotel Ollier sieht der Schriftsteller niemand.
Seit Tagen starrt er auf die zunehmend kahle Landschaft vor seinem Fenster und auf das weiße Blatt auf seinem Tisch. Wenn ihn Freunde besuchen, klagt er: »Ich habe erst ein Drittel meines Werks geschrieben. Eigentlich fängt es mit diesem Buch erst an.«
Er ist 46 Jahre alt und bildet sich ein, erst jetzt auf dem Land in Lourmarin zu einer Wahrheit in seinem Leben zu finden und zuvor in Algier, in Oran, in Lyon, in Paris in einer Art Lüge gelebt zu haben. Er atmet freier, erwähnt in seinen sonst so spröden Tagebüchern die wunderbaren, von Regenwasser beschwerten Rosen im Garten, den Rosmarin und die Schwertlilien.
- Datum 29.12.2009 - 08:25 Uhr
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- Serie Zeitläufte
- Quelle DIE ZEIT, 30.12.2009 Nr. 01
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Die Rubrik "Zeitläufte" stellt Personen, Geschehnisse und Werke der jüngeren und alten Geschichte dar. Die Artikel sind häufig gut geschrieben und interssieren mich meistens.
Der heutige Artikel über Camus hat mich ein klein wenig irritiert, weil ein m.E. wichtiges philosophisches Werk von Camus gar nicht zur Sprache kommt: Der Mensch in der Revolte (L'Homme révolté) von 1951.
Irre ich in der obigen Einschätzung?
Ich zähle mal ein paar Stichworte auf, für die vollständigen Gedankengänge fehlen neben Zeit, Platz, und Kompetenz womöglich auch das Interesse der meisten Leser.
Camus beschwört das Maß und verurteilt die Maßlosigkeit; er legt dar, dass Maßlosigkeit besonders mit der Rechtfertigung angeblich höherer Werte wie der Freiheit, Gerechtigkeit einhergeht.
"Das Recht zum Verstummen zu bringen, bis die Gerechtigkeit eigeführt ist, heißt es für immer verstummen zu lassen, denn es wird keinen Anlaß mehr zum Reden haben, wenn die Gerechtigkeit für immer herrscht. Von Neuem vertraut man also die Greechtigkeit denen an, die allein das Wort haben, den Mächtigen." (Kapitel "Das mittelmeerische Denken", Abschnitt "Der geschichtliche Mord" kurz vor Abschnitt "Maß und Maßlosigkeit")
Zitate wie diese besiegelten vielleicht den Bruch mit Sartre endgültig.
Übrigens haben Uwe Timm und Rupert Neudeck über Camus promoviert.
Liebe Frau Radisch,
ich schätze ihre literaturkritischen Arbeiten sehr. Auch der Artikel über Camus trifft einen sehr schönen Ton und erzählt ein wenig über den Menschen Camus.
Aber ein paar mehr substanzielle Anmerkungen zum Werk hätte ich mir dann doch gewünscht. Den Roman "der Fremde" als genial zu bezeichnen mag richtig sein, aber zumindest anzudeuten warum denn dem so ist, wäre schön gewesen. Gleiches gilt für den Rest des erzählerischen Werkes.
Die philosophischen Bestandteile des Werkes, der Mensch in der Revolte etc, und die essayistische Prosa (der Aufsatz über Kafka zB) kommen meiner Meinung nach ebenfalls zu kurz.
Oder lag es am Platz, den die ZEIT Ihnen MEHR einräumen hätte müssen?
Freundliche Grüße!
im Leben von Albert Camus, wie bei vielen anderen auch. Gestorben bei einer Spazierfahrt im Rennwagen, der Vater kurz nach der Geburt im entsetzlichen WK I, die Kindheit ein Trauma, in der Sprachlosigkeit der Landarbeiter geboren, gestorben mit klaren Gedanken zur Erinnerung - nur ein Drittel seines Planes verwirklicht ... Umsonst? ( entfernt: Bitte verlinken Sie nur Seiten, deren Bezug zum Thema sofort ersichtlich wird. Danke. Die Redaktion/m.e. )
Könnte es sein, dass der päpstliche Satz "Es gibt kein Leben auf Probe" vom Sysiphos nicht weit entfernt ist?. Das göttliche Heilsversprechen ist da manchmal auch nur ein schwacher Trost.
Sehr geehrte Frau Radisch,
herzlichen Dank für Ihren einfühlsamen und kenntnisreichen Camus - Artikel.Ich habe den kleinen Friedhof, auf dem Camus
begraben liegt, vor einigen Jahren besucht und kann Ihre humorvolle Illustration der provinziell - verstaubten Ruhestätte gut nachvollziehen.Also ins Pantheon mit ihm?
Sie ergreifen zwar nicht direkt Partei.Doch mir scheint,Ihre Charakterisierung der Antriebskräfte und Lebensthemen Camus' legt nur eine dringliche Bitte
nahe: Liebe Franzosen, lasst einen eurer Größten da, wo er ist,in Lourmarin,unter der Sonne des Südens, neben Monsieur Pettavino, in Hörweite des Gesangs der Zikaden.Vielleicht mag Camus auch das kleine Festival d'été in der kleinen Kirche,nur wenige Meter vom Friedhaf entfernt.Qui sait ?
Auf jeden Fall weiß ich:einen Transport mit Ziel repräsentativer Riesensarg in der seelenlosen Riesenstadt Paris, das hätte Camus sich nicht gewünscht.Ich hoffe,die
Kulturnation Frankreich siegt über die Musealisierungsnation.
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