Sein Aufstieg zum französischen Klassiker ist ein Wunder
Sein Aufstieg zum französischen Klassiker ist ein Wunder, das zum Teil dem französischen Schulsystem und zwei Ausnahmelehrern zuzuschreiben ist, denen zu danken Camus nie vergessen hat. »Es gibt kein Schicksal, das man durch Verachtung nicht überwinden kann«, heißt es im Mythos des Sisyphos, dem berühmten philosophischen Essay über das Absurde, den Camus genauso wie seinen genialen Roman Der Fremde im Alter von 23 Jahren konzipiert hat.
In beiden Werken geht es um eine Philosophie der Gleichgültigkeit und der Demut gegenüber der Schöpfung und das einfache Glück über das Leben unter der Sonne. Als der Fremde 1942 im besetzten Paris erscheint, wird Camus über Nacht berühmt. Sartre veröffentlicht eine zwanzigseitige Rezension des Romans.
Danach geht alles sehr schnell. Aus dem algerisch-französischen Journalisten, der beim Alger républicain Reportagen über die Armut der arabischen Landbevölkerung schreibt, ein wenig Studententheater betreibt, mit der Tuberkulose kämpft und am Sonntag seine schweigende Mutter besucht, wird der Kultautor mit dem hochgeschlagenen Mantelkragen. Im Jahr 1943 ist Camus bereits einer der bekanntesten französischen Intellektuellen, Lektor bei Gallimard, Mitarbeiter der illegalen Widerstandszeitung Le Combat, einer, der seine Geliebte nach dem Theater auf dem Fahrradlenker durch das nächtliche Paris nach Hause fährt.
Die Pariser Mantelkragenzeit, diese zweite öffentliche Lebenshälfte, prägt und verzerrt bis heute unser Bild von Camus. Theaterpremieren, Zeitungskonferenzen, Verlagssitzungen, Auszeichnungen, Vortragsreisen nach Amerika, nach Argentinien, in die Niederlande, nach Italien, Einladungen, Freundschaft mit Sartre, mit Beauvoir, mit den Gallimards, immer neue Frauen, zu Hause seine in Depressionen versinkende Ehefrau und die beiden Kinder.
Der andere aber, der Camus, den es lohnt, heute wieder zu entdecken, schreibt mit 42 Jahren in sein Tagebuch während eines Aufenthaltes in Rom: »Ich bereue hier die stumpfsinnigen und schwarzen Jahre, die ich in Paris gelebt habe. Es gibt eine Vernunft des Herzens, von der ich nichts mehr wissen will, denn sie dient niemandem und hat mich an den Rand meines eigenen Verderbens gebracht.«
Natürlich gibt es den einen Camus nicht ohne den anderen. Sie gehören zusammen. Dennoch war die Rückkehr in den Süden am Lebensende für ihn ein neuer Anfang und eine Heimkehr in die Welt der Bescheidenheit und der elementaren Freuden. Sein letztes Projekt, der Roman Der erste Mensch, den er am 4. Januar im Farcel Véga bei sich hat und den man nach dem Unfall im Schlamm von Villeblevin finden wird, ist sein erstes Buch, das auf den Luxus einer These oder einer Botschaft vollständig verzichtet.
Es ist ein Buch über seine Kindheit, das von der Gebrechlichkeit und Flüchtigkeit der Geschichte erzählt, von den Menschen seiner Kindheit, wie sie den Sandwind erduldeten, der ihre Spuren verwischte. Die Heldin dieses letzten Werkes ist die Mutter des weltberühmten Autors. Die Frau, die immer schwieg, die niemanden stören wollte, die sich nicht zerstreuen und nichts leisten wollte. Diese Mutter ist ihm heiliger als alle heiligen Jungfrauen. Im Grunde wollte er sein Leben so leben, dass es ihrem Schweigen und ihrer Einfachheit die Waage hielt.
Als am Abend des 4. Januar 1960 das Telefon in der Rue de Lyon in Algier klingelte, wo Madame Camus noch immer lebte, soll sie nicht geweint haben. »Das ist zu jung«, soll sie nur gesagt haben. Dann wird sie in ihrer Kittelschürze vors Haus gegangen sein, um die Fensterläden für die Nacht zu schließen.
- Datum 29.12.2009 - 08:25 Uhr
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- Serie Zeitläufte
- Quelle DIE ZEIT, 30.12.2009 Nr. 01
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Die Rubrik "Zeitläufte" stellt Personen, Geschehnisse und Werke der jüngeren und alten Geschichte dar. Die Artikel sind häufig gut geschrieben und interssieren mich meistens.
Der heutige Artikel über Camus hat mich ein klein wenig irritiert, weil ein m.E. wichtiges philosophisches Werk von Camus gar nicht zur Sprache kommt: Der Mensch in der Revolte (L'Homme révolté) von 1951.
Irre ich in der obigen Einschätzung?
Ich zähle mal ein paar Stichworte auf, für die vollständigen Gedankengänge fehlen neben Zeit, Platz, und Kompetenz womöglich auch das Interesse der meisten Leser.
Camus beschwört das Maß und verurteilt die Maßlosigkeit; er legt dar, dass Maßlosigkeit besonders mit der Rechtfertigung angeblich höherer Werte wie der Freiheit, Gerechtigkeit einhergeht.
"Das Recht zum Verstummen zu bringen, bis die Gerechtigkeit eigeführt ist, heißt es für immer verstummen zu lassen, denn es wird keinen Anlaß mehr zum Reden haben, wenn die Gerechtigkeit für immer herrscht. Von Neuem vertraut man also die Greechtigkeit denen an, die allein das Wort haben, den Mächtigen." (Kapitel "Das mittelmeerische Denken", Abschnitt "Der geschichtliche Mord" kurz vor Abschnitt "Maß und Maßlosigkeit")
Zitate wie diese besiegelten vielleicht den Bruch mit Sartre endgültig.
Übrigens haben Uwe Timm und Rupert Neudeck über Camus promoviert.
Liebe Frau Radisch,
ich schätze ihre literaturkritischen Arbeiten sehr. Auch der Artikel über Camus trifft einen sehr schönen Ton und erzählt ein wenig über den Menschen Camus.
Aber ein paar mehr substanzielle Anmerkungen zum Werk hätte ich mir dann doch gewünscht. Den Roman "der Fremde" als genial zu bezeichnen mag richtig sein, aber zumindest anzudeuten warum denn dem so ist, wäre schön gewesen. Gleiches gilt für den Rest des erzählerischen Werkes.
Die philosophischen Bestandteile des Werkes, der Mensch in der Revolte etc, und die essayistische Prosa (der Aufsatz über Kafka zB) kommen meiner Meinung nach ebenfalls zu kurz.
Oder lag es am Platz, den die ZEIT Ihnen MEHR einräumen hätte müssen?
Freundliche Grüße!
im Leben von Albert Camus, wie bei vielen anderen auch. Gestorben bei einer Spazierfahrt im Rennwagen, der Vater kurz nach der Geburt im entsetzlichen WK I, die Kindheit ein Trauma, in der Sprachlosigkeit der Landarbeiter geboren, gestorben mit klaren Gedanken zur Erinnerung - nur ein Drittel seines Planes verwirklicht ... Umsonst? ( entfernt: Bitte verlinken Sie nur Seiten, deren Bezug zum Thema sofort ersichtlich wird. Danke. Die Redaktion/m.e. )
Könnte es sein, dass der päpstliche Satz "Es gibt kein Leben auf Probe" vom Sysiphos nicht weit entfernt ist?. Das göttliche Heilsversprechen ist da manchmal auch nur ein schwacher Trost.
Sehr geehrte Frau Radisch,
herzlichen Dank für Ihren einfühlsamen und kenntnisreichen Camus - Artikel.Ich habe den kleinen Friedhof, auf dem Camus
begraben liegt, vor einigen Jahren besucht und kann Ihre humorvolle Illustration der provinziell - verstaubten Ruhestätte gut nachvollziehen.Also ins Pantheon mit ihm?
Sie ergreifen zwar nicht direkt Partei.Doch mir scheint,Ihre Charakterisierung der Antriebskräfte und Lebensthemen Camus' legt nur eine dringliche Bitte
nahe: Liebe Franzosen, lasst einen eurer Größten da, wo er ist,in Lourmarin,unter der Sonne des Südens, neben Monsieur Pettavino, in Hörweite des Gesangs der Zikaden.Vielleicht mag Camus auch das kleine Festival d'été in der kleinen Kirche,nur wenige Meter vom Friedhaf entfernt.Qui sait ?
Auf jeden Fall weiß ich:einen Transport mit Ziel repräsentativer Riesensarg in der seelenlosen Riesenstadt Paris, das hätte Camus sich nicht gewünscht.Ich hoffe,die
Kulturnation Frankreich siegt über die Musealisierungsnation.
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