Silvester mit der Kanzlerin Merkelchens Mondfahrt

Was will die Kanzlerin uns mit ihrer Neujahrsansprache eigentlich sagen? Wie praktisch, dass plötzlich ihre Limousine neben mir hält. Von Thea Dorn

Drei Monate ist es her, da versprach Angela Merkel, "die Bundeskanzlerin aller Deutschen" werden zu wollen. In der Woche kurz vor den Feiertagen traf ich den Weihnachtsmann. Er fragte, was ich mir wünsche. Ich sagte, dass ich an der Bescherungsfront wunschlos glücklich sei. Nur einen Wunsch für Neujahr hätte ich. Angela Merkel möge ihre Fernsehansprache nutzen, uns endlich zu erklären, was sie mit ihrem Versprechen aus der Wahlnacht sagen wollte.

Der Weihnachtsmann lachte. "Gute Frau", sagte er, "es freut mich, dass Sie an mich und meine Möglichkeiten glauben. Aber sind Sie nicht alt genug, zu wissen, dass solche Sätze einzig und allein dem Zweck dienen, nichts zu sagen? Ebenso gut könnten Sie das Lametta an Ihrem Baum fragen, was es Ihnen eigentlich sagen will." Sprach’s, ließ die Rentierpeitsche knallen und mich im Berliner Dezemberregen stehen.

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Missgelaunt ob des Zynikers im roten Mäntelchen, schlug ich den Kragen hoch, um meinen Heimweg fortzusetzen, als eine schwarze Limousine neben mir zum Halten kam. Das hintere Seitenfenster wurde heruntergelassen, und eine bekannte Stimme sprach aus dem Fond: "Liebe Mitbürgerin, ich bitte Sie einzusteigen. Es gibt etwas, das ich Ihnen erklären will."

Ich ging zur anderen Wagenseite, denn keine Mitbürgerin soll von ihrer Bundeskanzlerin erwarten, dass diese hinter den Fahrer rutscht, um ihr Platz zu machen.

"Das wäre aber nicht nötig gewesen", sagte die Bundeskanzlerin, als ich neben ihr saß. "Ich hätte auch durchrutschen können. Möchten Sie einen Lebkuchen?"

"Ich möchte eine Erklärung."

"Liebe Mitbürgerin, Sie sind anstrengend", seufzte die Bundeskanzlerin und stellte die Schachtel mit den Lebkuchenherzen zwischen uns. "Sie möchten also von mir wissen, wie ich die Kanzlerin aller Deutschen werden will."

"Zuallererst möchte ich wissen, warum Sie gesagt haben, dass Sie die Kanzlerin aller Deutschen werden möchten. Darf ich aus dieser Formulierung schließen, dass Sie selbst zugeben, es während Ihrer ersten Amtszeit nicht gewesen zu sein?"

"Das haben Sie jetzt sehr scharf analysiert."

"Wer waren Sie bislang? Die Bundeskanzlerin der meisten CDU-Wähler? Die Bundeskanzlerin von ein paar verirrten SPDlern? Die Bundeskanzlerin der Ostdeutschen? Der Westdeutschen? Der Männer? Der…"

"Ich habe versucht, die Kanzlerin der Mitte zu sein", fiel mir die Bundeskanzlerin ins Wort. "Und erklären Sie mir nicht, dass dies ein leerer Begriff sei. Politik braucht Begriffe, die wie Gefäße sind. Wir stellen das Gefäß hin. Und dann warten wir ab, womit es sich füllt. Das nenne ich Demokratie. Da vorn biegen Sie links ab", sagte sie zum Fahrer.

Wir passierten einen Mülleimer der Berliner Stadtreinigung: "Corpus für alle Delicti", stand darauf. Zwei Jungen mit Wollmützen versuchten vergeblich, eine Coladose in den Eimer zu kicken.

"Ich verstehe", sagte ich. "Dann ist 'alle Deutschen' also die Urne, die Sie in der Wahlnacht hingestellt haben. Aber warum mussten Sie ergänzen, dass Sie die Bundeskanzlerin aller Deutschen werden möchten, 'damit es uns allen besser geht, gerade in einer solchen Krise'?"

"Was ist falsch an dem Wunsch, dass es uns allen besser gehen möge?"

Die Limousine bremste für eine Familie, die tütenbeladen aus einem der großen Kaufhäuser auf die Straße stolperte. Die Mutter hielt das jüngste Kind am Oberarm gepackt, seine Beine ruderten zornig über dem nassen Asphalt.

Leser-Kommentare
  1. Man muss Frau Merkel für ihre Offenheit im Grunde genommen dankbar sein!- Mit dem Grad der zunehmenden Schlichtheit ihrer Ansprachen will sie offensichtlich uns als Bürgern auch deutlich machen, was wir von ihrer Regierung noch erwarten können!?

    Und wenn ich ihre Botschaft jetzt richtig interpretiere, heißt das soviel wie: „Wir haben im Grunde genommen keine Ahnung was wir mehr tun sollen aber irgendwie kriegen wir das schon hin!“

    Oder, um das Ganze in die für alle leicht verständliche Sprache des legendären Giovanni Trapattoni zu übersetzen: „....Flasche leer!“.

    Mithin ist wohl nicht auszuschließen, dass es möglicherweise auch schon bald für Frau Merkel heißen könnte: „Ich habe fertig!“

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    • emann
    • 02.01.2010 um 12:44 Uhr

    Ich möchte einen von Ihnen sehen, der das besser machen würde als Frau Merkel.
    Ja, sie ist keine Selbstdarstellerin und hinsichtlich Marketing kann sie noch eine Menge lernen. Aber sie macht einen guten Job. Sehen Sie sich doch Obama an, gewiss kein dummer Mensch, der vermutlich auch die richtige Einstellung (welche ist das eigenlich?) hat. Der angeblich mächtigste Mann der Welt. Und was hat er bislang geschafft?
    Frau Merkel ist kein Obama. Aber sie hat vielleicht genau so viel Geschick, innen- wie außenpolitisch das Mögliche durchzusetzen. Ich habe großen Respekt vor beiden.

    • emann
    • 02.01.2010 um 12:44 Uhr

    Ich möchte einen von Ihnen sehen, der das besser machen würde als Frau Merkel.
    Ja, sie ist keine Selbstdarstellerin und hinsichtlich Marketing kann sie noch eine Menge lernen. Aber sie macht einen guten Job. Sehen Sie sich doch Obama an, gewiss kein dummer Mensch, der vermutlich auch die richtige Einstellung (welche ist das eigenlich?) hat. Der angeblich mächtigste Mann der Welt. Und was hat er bislang geschafft?
    Frau Merkel ist kein Obama. Aber sie hat vielleicht genau so viel Geschick, innen- wie außenpolitisch das Mögliche durchzusetzen. Ich habe großen Respekt vor beiden.

    • xpol
    • 31.12.2009 um 9:49 Uhr

    ... und Einstellung zu Deutschland sind emotionslos geworden. Weder jahrhundertealte kulturelle Grosstaten noch aktuelle gesellschaftliche Heilskonzepte beeindrucken noch.

    Würde man die Neujahrsansprachen abschaffen, würde die niemand vermissen.

    Ich finde das beruhigend.
    Ich hatte schon befürchtet, dass ähnlich wie in den USA die politische Kultur wieder ihren Schwerpunkt in Schlagwörtern charismatischer Führer findet.

    • hamkon
    • 31.12.2009 um 10:06 Uhr

    Es ist einfach fantastisch.

    Ich habe einmal, das muss so 1976 oder 1978 gewesen sein, im Palazzo Prozzo eine Neujahrsveranstaltung der stalinistischen Kaderfunktionäre der SED miterlebt.

    Wenn ich die Jahresendzeitansprachen der Fr. Dr. Merkel in den vergangenen Jahren hörte, konnte ich mich immer weniger einem immer intensiveren deja-vue entziehen.

    Damals in der Ostzone, ich war noch ein recht junger Mensch, dachte ich schon "Mein Gott, in welcher Welt leben die eigentlich?"

    Und heute? Hier, mitten in diesem Deutschland? Nahezu die gleiche irreale und schon fast ins Absurde abdriftende Wahnwelt, die sich da auftut, wenn man die Realität diese Landes mit dem vergleicht, was diese Fr. Dr. da als Schatten an die Wand zu malen versucht.

    Es wird wohl wie mit all diesen "exzellenten Elitariern und -innen" kommen. Sie werden mit ungebremster Kraft auf den Boden der Wirklichkeit aufschlagen und mit dem gleichen Unverständnis reagieren, wie der Herr Mielke, als er in der VK sein "Lebenswerk" um die Ohren geschlagen bekam.

    Das gleiche wird der Dame Merkel widerfahren, wenn man ihr über kurz oder lang ihr Neues Deutschland, also das neue deutsche Feudalsystem um ihre Ohren hauen wird.

    Ich weiss nicht, ob ich mich darüber freuen soll oder doch besser es beweinen sollte.

  2. wenn wir doch an Taten und dort exemplarisch am Haushalt vorgeführt bekommen, was die Beweggründe, Schwerpunkte und auch Ziele dieser Regierung sind?
    Nicht, dass eine andere Farbgebung dort pauschal besser oder gar ehrlicher wäre ...
    Ich finde Politikerreden leider nur noch in der Hinsicht bemerkenswert, als dass man sich an den Diskrepanzen zur wahren Politik verzweifelt erheitern kann, hier macht Frau Merkel dann auch keine Ausnahme.
    Die Phrase mit der Regulierung der Maßlosigkeit (sollen wohl die Bürger gemeint sein, die tatsächlich mehr Netto vom Brutto verlangen) trifft allerdings zu :-p

  3. ...ähnlich sinnfrei sein, wie Ihr Dialog mit dem Weihnachtsmann.
    Guten Rutsch !

  4. Dafür, daß Sie nur eine Frage hatten, haben sich in ein ganz schön langes Gespräch verwickeln lassen Frau Dorn. So gesehen eine gelungene Politiker(innen)simulation.

    Die Prozedur der Zusammenstellung der aktuellen Regierung / die Handlungen und Fähigkeiten der Kabinettsmitglieder bieten so viel Anlass zu berechtiger Kritik, daß Spottnamen wie Merkelchen eine der Situation unangebrachte Heiterkeit verleihen.

    Die meisten anderen Bürger hätte Frau Merkel wohl schon kurz nach dem Einsteigen vom Wachdienst aus dem Fahrzeug entfernen lassen müssen, weil die wohl einige andere Fragen gehabt hätten als die nach der Kanzleuse aller Deutschen.

  5. kann mich gut an Talkshows erinnern, wo Sie die Kanzlerin aller Deutschen massiv unterstützt haben ähnlich wie ihre feministische Freundin Alice Schwarzer.
    Damals konnte man sich schon fragen: "Haben diese Emanzen keine Augen um zu sehen, keine Ohren um zu hören?"
    Frau sein ist doch nicht Alles!

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    • emann
    • 02.01.2010 um 12:49 Uhr

    Ich kann aus dem Artikel weder herauslesen, dass Frau Dorn mit der Politik von Frau Merkel unzufrieden ist, noch dass sie überzeugt wäre, Frau zu sein sei ausreichend.
    Sie wünscht sich halt ein wenig mehr Mut, die Wahrheit auszusprechen, und ich muss sagen, das wünsche ich mir auch. Ich weiß nicht, ob man damit Wahlen gewinnt, aber das spricht weniger gegen Frau Merkel als vielmehr gegen die Wähler.

    • emann
    • 02.01.2010 um 12:49 Uhr

    Ich kann aus dem Artikel weder herauslesen, dass Frau Dorn mit der Politik von Frau Merkel unzufrieden ist, noch dass sie überzeugt wäre, Frau zu sein sei ausreichend.
    Sie wünscht sich halt ein wenig mehr Mut, die Wahrheit auszusprechen, und ich muss sagen, das wünsche ich mir auch. Ich weiß nicht, ob man damit Wahlen gewinnt, aber das spricht weniger gegen Frau Merkel als vielmehr gegen die Wähler.

    • rawe64
    • 31.12.2009 um 12:10 Uhr

    ...das ist doch preiswert(billig) und so neu und die Schlange ist so lang.

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