Silvester mit der Kanzlerin Merkelchens MondfahrtSeite 4/4

"Liegt darin nicht das ganze Elend, verehrte Frau Bundeskanzlerin? Dass wir uns schon freuen, wenn einer überhaupt noch weiß, dass Die Bürgschaft nicht von Rilke stammt? Meinem Großvater ging das Herz auf, wenn er beim Holzhacken Schiller rezitierte. Oder Wagner sang."

"Ich fahre ja auch gern nach Bayreuth. Aber Sie meinen doch nicht ernsthaft, dass wir unsere Integrationsprobleme lösen, indem wir die Kinder in die Oper schicken?"

"Warum nicht? Was bringt es, wenn wir so wie jetzt das Niveau permanent nach unten korrigieren – um bloß keinen zu überfordern oder auszugrenzen? Warum stellen Sie sich nicht hin und sagen: 'Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, bitte, strengen Sie sich an, geben Sie Ihr Bestes! All das, was dieses Land jemals an Liebens- und Bewundernswertem hervorgebracht hat, ist nur entstanden, weil Leute sich angestrengt haben. Als Einzelne. Und als Kollektiv. Es ist ein Armutszeugnis für uns alle, wenn sich die Gründe, dieses Land zu lieben, in der deutschen Sozialgesetzgebung erschöpfen.'"

"Bewerben Sie sich jetzt als Redenschreiberin?" Die Bundeskanzlerin kicherte.

"Warum verschanzen Sie sich hinter einer Sprache, die so spröde und glanzlos ist, dass sie noch nicht einmal als Geschenkpapier taugt? Wie wollen Sie die Kanzlerin aller Deutschen werden, wenn keiner in diesem Land sagen kann, wer Sie sind? Die Haltlosigkeit, unter der wir leiden, ist die Zwillingsschwester der Haltungslosigkeit, mit der wir uns zu retten glauben."

Die Bundeskanzlerin legte ihre Fingerspitzen aneinander. "Liebe Mitbürgerin, ich denke, unsere Fahrt ist an dieser Stelle zu Ende. Warum warten Sie nicht einfach ab, was ich in meiner Neujahrsansprache sagen werde?"

"Verehrte Frau Bundeskanzlerin, das werde ich tun. Und vielen Dank fürs Mitnehmen."

Ich stand auf der Straße und blickte mich um. Es war eine Gegend Berlins, in der ich noch nie gewesen war. In kleinen Vorgärten blinkten Rentiere und Schlitten. Ein paar junge Männer, die trotz der Kälte nichts auf dem Kopf trugen, stritten sich um eine Bierflasche. Ein Mann huschte aus seinem Fahrzeug, hielt die Aktentasche schützend über den Kopf und verschwand in einem der Reihenhäuser. Eine Mutter mit Kinderwagen schritt zügig an mir vorbei. Alle Deutschen. Ich setzte meine Kopfhörer auf und lauschte der Winterreise . Wenn ich Glück hatte, fand ich irgendwo eine S-Bahn.

Thea Dorn schreibt Romane, Theaterstücke und Drehbücher. Im SWR moderiert sie die Sendung "Literatur im Foyer". 2006 erschien von ihr "Die neue F-Klasse. Warum die Zukunft von Frauen gemacht wird".

 
Leser-Kommentare
  1. Man muss Frau Merkel für ihre Offenheit im Grunde genommen dankbar sein!- Mit dem Grad der zunehmenden Schlichtheit ihrer Ansprachen will sie offensichtlich uns als Bürgern auch deutlich machen, was wir von ihrer Regierung noch erwarten können!?

    Und wenn ich ihre Botschaft jetzt richtig interpretiere, heißt das soviel wie: „Wir haben im Grunde genommen keine Ahnung was wir mehr tun sollen aber irgendwie kriegen wir das schon hin!“

    Oder, um das Ganze in die für alle leicht verständliche Sprache des legendären Giovanni Trapattoni zu übersetzen: „....Flasche leer!“.

    Mithin ist wohl nicht auszuschließen, dass es möglicherweise auch schon bald für Frau Merkel heißen könnte: „Ich habe fertig!“

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • emann
    • 02.01.2010 um 12:44 Uhr

    Ich möchte einen von Ihnen sehen, der das besser machen würde als Frau Merkel.
    Ja, sie ist keine Selbstdarstellerin und hinsichtlich Marketing kann sie noch eine Menge lernen. Aber sie macht einen guten Job. Sehen Sie sich doch Obama an, gewiss kein dummer Mensch, der vermutlich auch die richtige Einstellung (welche ist das eigenlich?) hat. Der angeblich mächtigste Mann der Welt. Und was hat er bislang geschafft?
    Frau Merkel ist kein Obama. Aber sie hat vielleicht genau so viel Geschick, innen- wie außenpolitisch das Mögliche durchzusetzen. Ich habe großen Respekt vor beiden.

    • emann
    • 02.01.2010 um 12:44 Uhr

    Ich möchte einen von Ihnen sehen, der das besser machen würde als Frau Merkel.
    Ja, sie ist keine Selbstdarstellerin und hinsichtlich Marketing kann sie noch eine Menge lernen. Aber sie macht einen guten Job. Sehen Sie sich doch Obama an, gewiss kein dummer Mensch, der vermutlich auch die richtige Einstellung (welche ist das eigenlich?) hat. Der angeblich mächtigste Mann der Welt. Und was hat er bislang geschafft?
    Frau Merkel ist kein Obama. Aber sie hat vielleicht genau so viel Geschick, innen- wie außenpolitisch das Mögliche durchzusetzen. Ich habe großen Respekt vor beiden.

    • xpol
    • 31.12.2009 um 9:49 Uhr

    ... und Einstellung zu Deutschland sind emotionslos geworden. Weder jahrhundertealte kulturelle Grosstaten noch aktuelle gesellschaftliche Heilskonzepte beeindrucken noch.

    Würde man die Neujahrsansprachen abschaffen, würde die niemand vermissen.

    Ich finde das beruhigend.
    Ich hatte schon befürchtet, dass ähnlich wie in den USA die politische Kultur wieder ihren Schwerpunkt in Schlagwörtern charismatischer Führer findet.

    • hamkon
    • 31.12.2009 um 10:06 Uhr

    Es ist einfach fantastisch.

    Ich habe einmal, das muss so 1976 oder 1978 gewesen sein, im Palazzo Prozzo eine Neujahrsveranstaltung der stalinistischen Kaderfunktionäre der SED miterlebt.

    Wenn ich die Jahresendzeitansprachen der Fr. Dr. Merkel in den vergangenen Jahren hörte, konnte ich mich immer weniger einem immer intensiveren deja-vue entziehen.

    Damals in der Ostzone, ich war noch ein recht junger Mensch, dachte ich schon "Mein Gott, in welcher Welt leben die eigentlich?"

    Und heute? Hier, mitten in diesem Deutschland? Nahezu die gleiche irreale und schon fast ins Absurde abdriftende Wahnwelt, die sich da auftut, wenn man die Realität diese Landes mit dem vergleicht, was diese Fr. Dr. da als Schatten an die Wand zu malen versucht.

    Es wird wohl wie mit all diesen "exzellenten Elitariern und -innen" kommen. Sie werden mit ungebremster Kraft auf den Boden der Wirklichkeit aufschlagen und mit dem gleichen Unverständnis reagieren, wie der Herr Mielke, als er in der VK sein "Lebenswerk" um die Ohren geschlagen bekam.

    Das gleiche wird der Dame Merkel widerfahren, wenn man ihr über kurz oder lang ihr Neues Deutschland, also das neue deutsche Feudalsystem um ihre Ohren hauen wird.

    Ich weiss nicht, ob ich mich darüber freuen soll oder doch besser es beweinen sollte.

  2. wenn wir doch an Taten und dort exemplarisch am Haushalt vorgeführt bekommen, was die Beweggründe, Schwerpunkte und auch Ziele dieser Regierung sind?
    Nicht, dass eine andere Farbgebung dort pauschal besser oder gar ehrlicher wäre ...
    Ich finde Politikerreden leider nur noch in der Hinsicht bemerkenswert, als dass man sich an den Diskrepanzen zur wahren Politik verzweifelt erheitern kann, hier macht Frau Merkel dann auch keine Ausnahme.
    Die Phrase mit der Regulierung der Maßlosigkeit (sollen wohl die Bürger gemeint sein, die tatsächlich mehr Netto vom Brutto verlangen) trifft allerdings zu :-p

  3. ...ähnlich sinnfrei sein, wie Ihr Dialog mit dem Weihnachtsmann.
    Guten Rutsch !

  4. Dafür, daß Sie nur eine Frage hatten, haben sich in ein ganz schön langes Gespräch verwickeln lassen Frau Dorn. So gesehen eine gelungene Politiker(innen)simulation.

    Die Prozedur der Zusammenstellung der aktuellen Regierung / die Handlungen und Fähigkeiten der Kabinettsmitglieder bieten so viel Anlass zu berechtiger Kritik, daß Spottnamen wie Merkelchen eine der Situation unangebrachte Heiterkeit verleihen.

    Die meisten anderen Bürger hätte Frau Merkel wohl schon kurz nach dem Einsteigen vom Wachdienst aus dem Fahrzeug entfernen lassen müssen, weil die wohl einige andere Fragen gehabt hätten als die nach der Kanzleuse aller Deutschen.

  5. kann mich gut an Talkshows erinnern, wo Sie die Kanzlerin aller Deutschen massiv unterstützt haben ähnlich wie ihre feministische Freundin Alice Schwarzer.
    Damals konnte man sich schon fragen: "Haben diese Emanzen keine Augen um zu sehen, keine Ohren um zu hören?"
    Frau sein ist doch nicht Alles!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • emann
    • 02.01.2010 um 12:49 Uhr

    Ich kann aus dem Artikel weder herauslesen, dass Frau Dorn mit der Politik von Frau Merkel unzufrieden ist, noch dass sie überzeugt wäre, Frau zu sein sei ausreichend.
    Sie wünscht sich halt ein wenig mehr Mut, die Wahrheit auszusprechen, und ich muss sagen, das wünsche ich mir auch. Ich weiß nicht, ob man damit Wahlen gewinnt, aber das spricht weniger gegen Frau Merkel als vielmehr gegen die Wähler.

    • emann
    • 02.01.2010 um 12:49 Uhr

    Ich kann aus dem Artikel weder herauslesen, dass Frau Dorn mit der Politik von Frau Merkel unzufrieden ist, noch dass sie überzeugt wäre, Frau zu sein sei ausreichend.
    Sie wünscht sich halt ein wenig mehr Mut, die Wahrheit auszusprechen, und ich muss sagen, das wünsche ich mir auch. Ich weiß nicht, ob man damit Wahlen gewinnt, aber das spricht weniger gegen Frau Merkel als vielmehr gegen die Wähler.

    • rawe64
    • 31.12.2009 um 12:10 Uhr

    ...das ist doch preiswert(billig) und so neu und die Schlange ist so lang.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service