Apotheken-Umschau Stützstrumpf der NationSeite 3/3

»Wir haben auch nur zehn Prozent freie Mitarbeiter, die vorher wirklich systematisch und gründlich geprüft wurden, ob sie für irgendwelche Pharmafirmen arbeiten«, sagt Redaktionsdirektor Günter Haaf (der vor Jahren die Wissenschaftsseiten der ZEIT verantwortete).

Die völlige Autarkie von pharmazeutischen Unternehmen soll eine unique selling proposition (USP) der Apotheken Umschau sein. Eine weitere: Es werden Echtfälle erzählt und eigens angefertigte Fotos gedruckt. »Auch wenn unsere Fotostrecken zuweilen sehr unaufgeregt wirken, sind sie aufwendig produziert. Wir benutzen vergleichsweise wenig Stockmaterial zum Illustrieren unserer Geschichten«, sagt Kanzler. Ebenso wenig will die Redaktion Heilsversprechen (»Schlank in fünf Tagen«) drucken oder Geschichten erzählen, die keine positive Auflösung bieten. Und so sind Artikel häufig im doppelten Sinn so aufgeräumt wie bieder: Wenn etwa die Geschichte eines Mannes erzählt wird, der seiner drohenden Diabetes erfolgreich durch Gewichtsreduktion und Sport begegnete, ist dies sicher aller Ehren wert. Aber wie realistisch ist das?

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Auch wenn sich die Geschichten in den vergangenen 50 Jahren entsprechend dem Wandel der Gesellschaft verändert haben, in der Tonalität waren sie immer wieder erkennbar spießig und gaben dem Leser eine Art symbolischen Stützstrumpf mit, der ihm Halt und Sicherheit in der Unübersichtlichkeit der Medizin verschaffen sollte.

Was dabei ins Auge fällt und in die Nase sticht, sind zuweilen die wirklichen Tabuthemen, vor denen die Print-Kaufprodukte zurückscheuen und diese Themen nur mit einer kleinen Meldung abfeiern: Analfisteln, Hämorrhoidenblutungen, abnorme Ohrenschmalzproduktion – es gibt wirklich kein Ausscheidungsthema, über das Peter Kanzler nicht in der Themenkonferenz nachdenken würde. Und vielleicht ist gerade diese unappetitliche USP ein starkes Kundenargument. Warum lange Vital oder Hörzu durchblättern, wenn in der AU zuverlässig Darüber-spricht-man-nicht-Tipps abdruckt. Ohne dass man gar den Apotheker fragen muss: »Haben Sie auch etwas gegen Jucken im Po?«

Erfinder, Gründer und wahrscheinlich Deutschlands ältester Verleger ist Rolf Becker, der zusammen mit zwei Partnern den Verlag 1956 gründete. Sicher, seine Produkte sind bieder – außer der Apotheken Umschau gibt der Wort & Bild Verlag noch eine Reihe weiterer Kundenzeitschriften heraus, den Senioren Ratgeber, den Diabetiker Ratgeber, Baby und Familie, medizini, HausArzt und den Ärztlichen Ratgeber. Bieder und uneitel verschließt sich der Mann auch der Presse und gibt keine Interviews, von außen betrachtet verlief sein Leben skandalfrei – doch aufregend, avantgardistisch und modern ist sein Hobby, die Kunst. Am Eingang des Verlagskomplexes steht eine Skulptur von Eduardo Chillida, der auch den Vorplatz des Bundeskanzleramtes bestückte. Ein echter Lichtenstein schmückt beiläufig das Verlagshaus, und selbst ganz gewöhnliche Besucherstühle sind hier die Eames Lounge Chairs. Es ist, als konzipierte der Playboy- Chef den jüngsten Relaunch am besten im Kloster von Lhasa. Es ist der Kontrast, der achtsam macht.

Das Branchenmagazin Horizont schätzte, dass der Wort & Bild Verlag mehr als 40 Millionen Euro allein durch den Verkauf seiner Hefte erzielt. Die Anzeigenerlöse sind dabei noch nicht mitgerechnet. Ein gesundes Unternehmen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. "Und tatsächlich findet sich in den rund 1000 Ausgaben, die seit 1956 erschienen sind, kein gedruckter Beleg für die Frontal 21- These."

    Und mit dieser prägnanten und alle Zweifel aus dem Weg räumenden Aussage kann die Apotheken Umschau dank Frau Wilkens wieder auf eine Verbesserung ihres Images hoffen. Was zum Geier soll denn ein "gedruckter Beleg für die Frontal2-These" sein? Macht man sich etwa Notizen und Vermerke über die Artikel, die korrumpiert und gekauft waren/sind, bevor man sie ins Archiv verstaut?

    Die Apotheken Umschau braucht in der Tat keine Schleichwerbung zu betreiben, wenn dies auf eine fadenscheinige Art 3 Seiten lang von der ZEIT übernommen wird, liebe Umschau-Katrin.

  2. Den beanstandeten Beitrag in Fakt 21 habe ich damals gesehen. Der Autor hier behauptet nun das absolute Gegenteil.
    Von einer - gesetzlich garantierten - Gegendarstellung zu dem Fakt 21-Beitrag schreibt er aber nicht. Hat wohl die Apotheken Rundschau auch nicht eingefordert.
    So bleibt einem nur der Glaube. Glaubt man Fakt 21 oder glaubt man der Zeit.
    Interessant in diesem Zusammenhang wäre natürlich noch, ob der Wort & Bild Verlag und der Zeitverlag wirtschaftlich verbandelt sind.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das von Ihnen gemeinte Sendeformat heißt nicht Fakt21 sondern Frontal21; um auch die anderen Erinnerungen etwas aufzufrischen, empfiehlt sich folgender Link: [URL="http://www.youtube.com/watch?v=QH4CWAwQTQg"]http://www.youtube.com/watch?v=QH4CWAwQTQg[/URL]

    Hier wurde meiner Meinung nach versucht, einen Skandal herbei zuschreiben, welcher so nicht existiert.
    Die Anzeigenberaterin der AU sagt lediglich zu, die Redaktion auf das neue Produkt aufmerksam zu machen.
    Da es im Interesse der AU-Redaktion liegen dürfte, über neu auf dem Markt befindliche Medikamente informiert zu sein, ist es meines Erachtens mehr als legitim, zu diesem Zwecke auch den Hersteller des neuen Produktes zu konsultieren. Nirgendwo wird gesagt, dass dieser die einzige Informationsquelle eines möglichen Berichts über den neuen Wirkstoff darstellt und nicht auch anderweitig recherchiert wird.
    Und das die wahrscheinlich auf Provisionsbasis arbeitende Anzeigenberaterin den Gefallen des "aufmerksam machen" an die Bedingung einer Anzeigenschaltung koppelt, liegt in der Natur der Sache und ist weder illegal noch verwerflich.

    Der Apothekenumschau in diesem Stadium einen Strick drehen zu wollen, halte ich für absoluten Nonsens. Wenn man etwas Unlauteres beweisen wollte, hätte Frontal21 die Sache weiter durchziehen müssen.
    Hat man aber nicht (warum wohl?) und deshalb findet sich auch kein "gedruckter Beleg für die Frontal21-These".

    Für eine Berichterstattung auf niedrigstem Niveau allerdings schon...

    Das von Ihnen gemeinte Sendeformat heißt nicht Fakt21 sondern Frontal21; um auch die anderen Erinnerungen etwas aufzufrischen, empfiehlt sich folgender Link: [URL="http://www.youtube.com/watch?v=QH4CWAwQTQg"]http://www.youtube.com/watch?v=QH4CWAwQTQg[/URL]

    Hier wurde meiner Meinung nach versucht, einen Skandal herbei zuschreiben, welcher so nicht existiert.
    Die Anzeigenberaterin der AU sagt lediglich zu, die Redaktion auf das neue Produkt aufmerksam zu machen.
    Da es im Interesse der AU-Redaktion liegen dürfte, über neu auf dem Markt befindliche Medikamente informiert zu sein, ist es meines Erachtens mehr als legitim, zu diesem Zwecke auch den Hersteller des neuen Produktes zu konsultieren. Nirgendwo wird gesagt, dass dieser die einzige Informationsquelle eines möglichen Berichts über den neuen Wirkstoff darstellt und nicht auch anderweitig recherchiert wird.
    Und das die wahrscheinlich auf Provisionsbasis arbeitende Anzeigenberaterin den Gefallen des "aufmerksam machen" an die Bedingung einer Anzeigenschaltung koppelt, liegt in der Natur der Sache und ist weder illegal noch verwerflich.

    Der Apothekenumschau in diesem Stadium einen Strick drehen zu wollen, halte ich für absoluten Nonsens. Wenn man etwas Unlauteres beweisen wollte, hätte Frontal21 die Sache weiter durchziehen müssen.
    Hat man aber nicht (warum wohl?) und deshalb findet sich auch kein "gedruckter Beleg für die Frontal21-These".

    Für eine Berichterstattung auf niedrigstem Niveau allerdings schon...

  3. im guten wie im schlechten Sinne. Ich habe den Eindruck, da arbeiten die gleichen Journalisten wie im Spiegel, fachliches medizinisches Know-How sehe ich da nicht. Und die Krise der Apotheken ist ihnen selbst und der Pharma-Branche zuzuschreiben. Wenn ich für ein Medikament, dessen Grundpreis bei 1 Cent pro Pille liegt in der Apotheke das fünfzigfache zahle, darf ich vielleicht fragen, was dieser Wucher soll. Wenn ich für eine stinknormale Augensalbe - Grundwert samt Verpackung ca. 20 Cent - in der Apotheke 3,50 € bezahle, darf ich das für Wucher und für Abzocke von Kranken halten, weil ich diese Salbe brauche und die KK sie nicht bezahlt.

    • Akka1
    • 02.01.2010 um 18:18 Uhr

    Was soll das sein?
    Eine Festschrift für die AU?

    Ist der Zeit-Redaktion den gar nichts mehr peinlich?

    Ach liebe Gräfin, Sie fehlen, Sie fehlen!

    • Walram
    • 02.01.2010 um 19:20 Uhr

    Ihr Artikel verwundert in seinem unkritischen Tenor:
    Kann sein, die Zeitschrift zeichnet sich nicht, auch nicht indirekt durch Produkt-Werbung aus. „Außerdem gibt es in der AU keine Promis, die von ihren Zipperlein berichten dürfen“..., so Ihre Formulierung.
    Nein, das nicht, aber merkwürdig, „die AU, (erg.: die) zur besten Sendezeit, ein paar Minuten vor acht Uhr abends, in der ARD prominent Werbung macht,“ –Ihr Zitat- stellt in der heißen Wahlkampfphase zur Bundeswahl auf der Titelseite der UA als Vollbild Frau Merkel dar (Interview im Inneren), auch ein Zeichen von bewusster, hier politischer Unabhängigkeit?

    • ztc77
    • 02.01.2010 um 22:47 Uhr
    6.

    "Aus politischen, kulturellen, demagogischen und medizinhygienischen Gründen wird es immer wichtiger, sich um seine Gesundheitsvorsorge selbst – ohne den fachlichen Rat eines Arztes – zu kümmern." Und das heißt:
    .
    nicht AU, sondern Arzneitelegramm

  4. Das von Ihnen gemeinte Sendeformat heißt nicht Fakt21 sondern Frontal21; um auch die anderen Erinnerungen etwas aufzufrischen, empfiehlt sich folgender Link: [URL="http://www.youtube.com/watch?v=QH4CWAwQTQg"]http://www.youtube.com/watch?v=QH4CWAwQTQg[/URL]

    Hier wurde meiner Meinung nach versucht, einen Skandal herbei zuschreiben, welcher so nicht existiert.
    Die Anzeigenberaterin der AU sagt lediglich zu, die Redaktion auf das neue Produkt aufmerksam zu machen.
    Da es im Interesse der AU-Redaktion liegen dürfte, über neu auf dem Markt befindliche Medikamente informiert zu sein, ist es meines Erachtens mehr als legitim, zu diesem Zwecke auch den Hersteller des neuen Produktes zu konsultieren. Nirgendwo wird gesagt, dass dieser die einzige Informationsquelle eines möglichen Berichts über den neuen Wirkstoff darstellt und nicht auch anderweitig recherchiert wird.
    Und das die wahrscheinlich auf Provisionsbasis arbeitende Anzeigenberaterin den Gefallen des "aufmerksam machen" an die Bedingung einer Anzeigenschaltung koppelt, liegt in der Natur der Sache und ist weder illegal noch verwerflich.

    Der Apothekenumschau in diesem Stadium einen Strick drehen zu wollen, halte ich für absoluten Nonsens. Wenn man etwas Unlauteres beweisen wollte, hätte Frontal21 die Sache weiter durchziehen müssen.
    Hat man aber nicht (warum wohl?) und deshalb findet sich auch kein "gedruckter Beleg für die Frontal21-These".

    Für eine Berichterstattung auf niedrigstem Niveau allerdings schon...

    Antwort auf "Glaubenssache"
  5. anschließend in der Apotheke wird alles gut. So die Zentralbotschaft der AU, egal welches Thema titelt. Insofern leistet das Blatt einer Lebensart Vorschub, die zu massenhaft überflüssigen Arztkontakten führt. Es schafft Markt für Pharmaprodukte, egal ob verschreibungspflichtig oder nicht. Alles andere sind Ausreden, Feigenblätter.

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