Brasilien Straße der Erlösung
Domingos Alves da Silva ist Gewerkschafter in Brasilien. Killer töteten seinen Stellvertreter. Nun sucht er die Mutter des Toten, um ihr die Nachricht zu überbringen.
Es ist Morgen am Rand der Welt, noch feucht und finster, Domingos Alves da Silva hat schlecht geschlafen wie immer. Die Frau sagt: Eine Seife habe ich in deine Tasche gepackt. Gut!, sagt der Mann und schweigt.
Jetzt rennt er zum Taxi vor dem Haus an der Rua Bahia 41, seine schönste Hose am Leib, das neue gelbe Hemd aus Krepp, und schaut nicht zurück. Zum Bus!, sagt er leise. Erste Hähne wecken die Stadt Breu Branco im Süden des Bundesstaates Pará, Brasilien, kurz vor sechs, Hunde jagen den Abfall der Nacht.
So früh unterwegs war Domingos Alves da Silva, Mitglied der Gewerkschaft der Landarbeiter, Sindicato dos Trabalhadores Rurais, seit Monaten nicht mehr. Vor sieben geht er nicht aus dem Haus, er versteckt sich darin, bis es hell wird, Domingos’ Tod ist 12000 Reais wert, 4000 Euro.
Dominguinhos, abandone o acampamento, rufen sie ihn an, gib das Lager auf, verlass den Boden, der uns gehört, mit all den verdammten Leuten, sonst frisst du bald Erde wie dein Freund Chico.
Im Busbahnhof tanzt ein Verrückter, beladen mit silbernem Tand und breitem Hut. Breu Branco, schreit er, sei die edelste Stadt von ganz Amazonien, von Brasilien überhaupt, schönste Perle dieser Welt. Er zwängt sich neben Domingos auf die hölzerne Bank, Bier in der Hand, und will reden, Domingos dreht sich weg und flieht, vorbei an lärmenden Händlern – Haarspangen, Uhren, Hüte, Taschenrechner –, es riecht nach faulen Bananen.
Vergangene Woche erst, er war auf seiner Honda unterwegs, Kennzeichen JUB 5812, überholte ihn einer, a mão de ferro, die Eisenhand, ein Schläger und Mörder im Dienst der Fazendeiros , der Großgrundbesitzer, er sah Domingos in die Augen und sprach sehr freundlich den Satz: Verzeih, Dominguinhos, noch hatte ich keine Zeit, dich abzuknallen. Aber mach dir keine Sorgen.
Sie kreisen mich ein, eng und enger, sagte Domingos zur Frau, die mit ihm lebt seit zwei Jahren. Seine erste, die ihm sechs Kinder gebar, blieb ein Vierteljahrhundert, dann hielt sie die Angst nicht länger aus und ging.
Er steigt in den Bus, der vom Stausee kommt, und findet keinen Sitzplatz. Menschen schlafen unter weiten roten Decken, verkrümmt und offenmundig, es ist halb sieben am 4. August 2009, Domingos’ 55. Geburtstag, er stellt die schmale Tasche zwischen die Füße, bleibt stehen im Gang und wartet, bis die Reise beginnt.
Die bin ich ihm schuldig, denkt er.
In manchen Nächten liegt Chico vor ihm, tot und lebendig zugleich, und zeigt auf sein Loch in der Stirn, Manoel Francisco Silva Souza, geboren am 13. Oktober 1972, Goldzahn genannt, weil er einen Goldzahn hatte, groß und leuchtend, Chico Dente de Ouro. Am Abend bevor sie kamen mit Gewehren und Benzin – am 1. Februar 2009 morgens um sechs –, hatte Chico geweint: Eines Tages werde ich sterben für dieses bisschen Land – doch zuvor hole ich meine Mutter hierher, damit sie sieht, wie gut es mir geht.
Seine Mutter, weinte er, lebe in Pedreiras, drüben in Maranhão, fünfhundert Kilometer entfernt, wahrscheinlich noch mehr.
Als meine Mutter, erzählte Domingos seinem Freund zum Trost, als meine Mutter sah, dass sie nicht mehr lange leben würde, rief sie nach mir und sagte: Dominguinhos, mein Kleinster, nur diesen Wunsch habe ich noch. Brich mit deiner Gewerkschaft! Die Großen sind zu groß für dich, und irgendwann machen sie dich tot. Versprich mir, dass du aufhörst mit deiner Gewerkschaft! Ich saß am Bett meiner sterbenden Mutter und sagte: Jeden Wunsch erfülle ich dir, nur diesen einen nicht, weil ich nicht kann.
Der Bus fährt ostwärts über müden Asphalt, die PA263, Schlagloch auf Schlagloch, aus Lautsprechern schallen fromme Lieder, o gib mir Kraft, Senhor, damit ich verstehe, wo mein Platz ist, nimm mein Herz und behüte mich in dieser grausamen Welt, damit ich nicht abkomme vom rechten Weg.
Domingos, unterwegs nach Pedreiras, Maranhão, die gebügelte Hose am Bein, die feinen schwarzen Schuhe, steht und schweigt, es ist längst hell.
Institut für Kolonisierung und Agrarreform, Instituto Nacional de Colonização e Reforma Agrária, führte Domingos Alves da Silva vier Dutzend Landarbeiter und ihre Familien, alle ohne Haus und Boden, auf ein weites Stück Land, 38 Kilometer hinter Breu Branco, das zwei Großgrundbesitzer, obwohl vom Staat dafür entschädigt, weiterhin ihr Eigentum nennen. Die Landlosen bauten Hütten aus schwarzem Plastik, beluden sie, um Wind und Hitze zu trotzen, mit Palmblättern und teilten das Land, wie der Staat Brasilien es vorsieht, in Parzellen zu fünfzig Hektar auf, nannten den Ort nach der heiligen Jungfrau des Ewigen Beistandes, Perpetuo Socorro. Domingos blieb weiterhin in Breu Branco in seinem hölzernen Verschlag, Rua São João 92, wo eines Abends ein junger Mann stand, am Zaun rüttelte und rief, er komme von weit her und habe gehört, hier in der Nähe erhalte, wer keins habe, ein Stück Boden, er heiße Manoel Francisco Silva Souza, lieber höre er auf den Namen Chico Dente de Ouro.
Goldgräber?, fragte Domingos, der nur selten lacht.
Wie man sehe, sagte Chico, doch statt Huren oder Kettchen habe er einen ewigen Zahn gekauft.
Ausweise?, fragte Domingos.
Wählerausweis Nummer 028621691171, Steuerausweis Nummer 001099463-75.
Jetzt ist es kurz nach neun am 4. August 2009, der Bus der Gesellschaft Boa Esperança, Frohe Hoffnung, hält in Jacundá, wenige Häuser und roter Staub, Lastwagen stehen an der Straße, überladen mit Holz und Kohle, Domingos kauft eine Flasche Wasser zu fünfzig Centavo und trinkt sie leer in einem Zug. Dann spricht er wenige Sätze in sein Telefon und stellt sich in die Kneipe, wartet und schaut zum Fernseher hoch, Reklame für Präservative, die Predigt eines Bischofs, Lottozahlen. Endlich fährt ein Auto vor, ein junger Mann darin, Domingos öffnet die Tür.
Dein Vater schickt dich?, fragt er.
Du bist Dominguinhos?, fragt der Junge.
Sie fahren ans Ende des Dorfes, queren Pfützen aus Pisse und Dreck und halten vor einer rosa Hütte, ein Billardtisch davor, zwei Hunde, ein Stapel Stühle aus rotem Plastik. Das Haar gefärbt, den Mund fast zahnlos, tritt ein alter Mann aus dem Haus, er lacht sehr laut und reicht Domingos die Hand, setzt sich dann auf den Stapel roter Stühle.
Er sei, sagt Domingos, unterwegs zu Chicos Mutter.
Und was willst du von mir?, fragt der Alte.
Ich will, dass du mir noch einmal erzählst, wie Chico starb.
Um sechs Uhr am Morgen, 1. Februar 2009, ein Sonntag sei es gewesen, habe plötzlich ein Lärm begonnen, sieben Männer, Auftragsmörder, jeder mit einem Gewehr, hätten die Landlosen aus den Zelten getrieben und ihnen befohlen, sich auf die Erde zu legen. Sie seien geschickt von Gildásio Alberto Timo Pena, einem der Großgrundherren, um hier aufzuräumen. Dann, Dominguinhos...
Dann fragten sie nach mir, sagt Domingos.
Aber du warst nicht da. Dann fragten sie: Wer ist sein Stellvertreter? Jemand zeigte auf Chico Dente de Ouro. Der Schuss traf ihn in die Stirn. Dann fragten sie, wer Chicos Stellvertreter sei. Ich sagte: Ich bin es! Einer, die Eisenhand, a mão de ferro, hielt mir sein Gewehr vor den Bauch und drückte ab. Aber der Schuss ging nicht los. Dann schlug er mit dem Gewehr auf mich ein, ich bin jetzt 61 und habe keine Kraft mehr, sie schlugen und fesselten mich. Sie gossen Benzin über unsere Zelte und brannten sie ab. Und dann schrie einer: Verschwindet, ihr Trottel, und nehmt den da mit. Wir legten Chico auf eine Matte, er lebte noch und röchelte. Schließlich trieben sie uns über den Fluss und verschwanden. Wir luden Chico auf einen Laster, jemand löste meine Fesseln, und ich setzte mich ans Steuer, dann fuhren wir los und brachten ihn ins Krankenhaus von Breu Branco – so war es.
- Datum 30.12.2009 - 17:32 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 30.12.2009 Nr. 01
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Dieser Artikel mag ja im konkreten Fall PARÁ
Dieser Artikel mag ja im konkreten Fall Pará zutreffen - der in Brasilien eine Ausnahme ist. Dass wir immer noch erhebliche Probleme in Fragen der Gueter- und Landverteilung haben, will ich nicht bestreiten. Aber dieser Artikel erweckt den Eindruck, dass sich seit 1994 hier nichts geaendert hat - und solcher Desinformation (einen anderen Ausdruck gibt es nicht!) kann ich bei einer Zeitung Ihres Formates nicht zustimmen. Schon zwei Mal habe ich mit bei Helmut Schmidt gegen derartige Klischierungen gewehrt - einmal sogar Antwort erhalten.
Ich kann der Redaktion nur dringend zu einer ausgewogeneren Berichterstattung in Sachen dieses G-20- und BRIC-Staates raten. Sie sind es dem Erbe von Gerd Bucerius und Marion Graefin Doenhoff schuldig.
Prof. Ralph Roman K. Gniss, Universidade Federal de Goiás
"Als steckte Brasilien noch in kolonialer Zeit, verfügen drei Prozent seiner Bauern über fast zwei Drittel des bebaubaren Landes. Neunzig Prozent dagegen teilen sich 1/5 der nutzbaren Fläche."
Das DIW schreibt Anfang 2009 über die Ungleichheit bei der Vermögensverteilung in Deutschland: "Bei Anrechnung aller Verbindlichkeiten verfügte das wohlhabendste 10tel der erwachsenen Bevölkerung im Jahr 2007 über 61,1 % des privaten Vermögens...Auf das reichste Hundertstel konzentrieren sich allein knapp 23 % des Nettovermögens. Dagegen besaßen die weniger wohlhabenden 70 % der Erwachsenen 2007 nur knapp 9 % des gesamten Nettovermögens...27 % aller Erwachsenen besitzen netto gar kein Vermögen, oder sie haben unter dem Strich sogar mehr Schulden als Eigentum."
Wir wollen gar nicht miteinander vergleichen, wie sich der Besitz an Produktionsmitteln verteilt. Dafür ist Deutschland zu sehr industriell geprägt, auch wenn man nicht sagen kann, dass Brasilien als einer der BRIC-Staaten noch eine zu agrarische Struktur aufwiese. Schließlich wird das Agrarbuisiness in Brasilien sehr industriell betrieben. Mit unserer Nachfrage u.a. nach Biosprit und billig produziertem Fleisch tragen wir nicht unwesentlich dazu bei, die vorhandenen Besitzstrukturen zu verfestigen.
So weisen wir mit einer Hand auf den Stachel im Fleisch der Anderen, während wir ihn mit der anderen Hand weiter hineintreiben und gleichzeitig den Stachel im eigenen Auge, so es denn kein Pfahl ist, nicht sehen wollen.
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