Brasilien Straße der Erlösung
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Wohin mit den Tränen?

Domingos Alves da Silva setzt sich auf einen Stuhl aus falschem gelbem Leder und wartet, die Hand vor dem Mund, und schweigt.

Zahnspangen, schreit der Reporter in die Kamera, machen Sie noch schöner als Gisele Bündchen.

Am Rand der Stadt Pedreiras hält ein Motorradtaxi, eine Frau steigt vom Sozius, klein und zahnlos, hellgrüner Rock, dunkelgrünes Leibchen, darauf eine Muschel, ein Seepferdchen, ihre Augen sind groß und starr, die Haare ein Knoten.

Kommen Sie, kommen Sie!, sagt jemand.

Dann stehen sie vor der Kamera, Domingos und Maria da Nazaré, sie sagt, sie sei eben ins Haus der Nachbarin getreten, als der Fernseher ihren Namen sprach, was für ein Glück, dass sie ausgerechnet dann ins Haus der Nachbarin trat, als der Fernseher ihren Namen sprach, seit vier Jahren sei ihr Sohn verschwunden, seit vier Jahren, und eigentlich wolle sie nicht glauben, was neulich jemand meinte, sie wolle nicht glauben, dass er tot sei, aber wäre er tot, sagt die Frau, dann möchte sie wissen, weshalb und wie, alles möchte sie wissen, falls er tot sei, Gott gebe ihr die Kraft, die Wahrheit zu tragen, denn er sei kein schlechter Mensch, ihr Manoel, er habe nie angerufen, nie geschrieben in all den Jahren, sie könne nicht glauben, dass er tot sei.

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Es ist Freitag, 7. August 2009, 12.43 Uhr, Domingos und Maria da Nazaré stehen im schmalen Schatten einer Mauer, Straße der Erlösung, es ist heiß in Maranhão, einem der ärmsten Staaten Brasiliens, Domingos dreht sich zur Frau und sagt: Es ist wahr.

Ja, sagt die Frau. Sie blickt zur Erde, zum Himmel, dann bittet sie leise: Erzähl.

Und am Schluss, sagt Domingos, als Chico am Boden lag, öffneten sie seinen Mund und brachen daraus den goldenen Zahn.

Ja, sagt Maria da Nazaré.

Domingos, 55 Jahre alt und drei Tage, steht im Schatten der Mauer und weiß nicht, wohin mit seinen Tränen.

 
Leser-Kommentare
  1. Dieser Artikel mag ja im konkreten Fall PARÁ

  2. Dieser Artikel mag ja im konkreten Fall Pará zutreffen - der in Brasilien eine Ausnahme ist. Dass wir immer noch erhebliche Probleme in Fragen der Gueter- und Landverteilung haben, will ich nicht bestreiten. Aber dieser Artikel erweckt den Eindruck, dass sich seit 1994 hier nichts geaendert hat - und solcher Desinformation (einen anderen Ausdruck gibt es nicht!) kann ich bei einer Zeitung Ihres Formates nicht zustimmen. Schon zwei Mal habe ich mit bei Helmut Schmidt gegen derartige Klischierungen gewehrt - einmal sogar Antwort erhalten.
    Ich kann der Redaktion nur dringend zu einer ausgewogeneren Berichterstattung in Sachen dieses G-20- und BRIC-Staates raten. Sie sind es dem Erbe von Gerd Bucerius und Marion Graefin Doenhoff schuldig.
    Prof. Ralph Roman K. Gniss, Universidade Federal de Goiás

  3. "Als steckte Brasilien noch in kolonialer Zeit, verfügen drei Prozent seiner Bauern über fast zwei Drittel des bebaubaren Landes. Neunzig Prozent dagegen teilen sich 1/5 der nutzbaren Fläche."

    Das DIW schreibt Anfang 2009 über die Ungleichheit bei der Vermögensverteilung in Deutschland: "Bei Anrechnung aller Verbindlichkeiten verfügte das wohlhabendste 10tel der erwachsenen Bevölkerung im Jahr 2007 über 61,1 % des privaten Vermögens...Auf das reichste Hundertstel konzentrieren sich allein knapp 23 % des Nettovermögens. Dagegen besaßen die weniger wohlhabenden 70 % der Erwachsenen 2007 nur knapp 9 % des gesamten Nettovermögens...27 % aller Erwachsenen besitzen netto gar kein Vermögen, oder sie haben unter dem Strich sogar mehr Schulden als Eigentum."

    Wir wollen gar nicht miteinander vergleichen, wie sich der Besitz an Produktionsmitteln verteilt. Dafür ist Deutschland zu sehr industriell geprägt, auch wenn man nicht sagen kann, dass Brasilien als einer der BRIC-Staaten noch eine zu agrarische Struktur aufwiese. Schließlich wird das Agrarbuisiness in Brasilien sehr industriell betrieben. Mit unserer Nachfrage u.a. nach Biosprit und billig produziertem Fleisch tragen wir nicht unwesentlich dazu bei, die vorhandenen Besitzstrukturen zu verfestigen.

    So weisen wir mit einer Hand auf den Stachel im Fleisch der Anderen, während wir ihn mit der anderen Hand weiter hineintreiben und gleichzeitig den Stachel im eigenen Auge, so es denn kein Pfahl ist, nicht sehen wollen.

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  • Quelle ZEITmagazin, 30.12.2009 Nr. 01
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