Ungewöhnliche Berufe Die Herrin der ewigen Baustelle
Seit 1248 gibt es in Köln einen Dombaumeister. Barbara Schock-Werner trägt den Titel als erste Frau – samt der Verantwortung für die Riesenkirche
Manchmal hört sie das Schlagen der Turmuhr gar nicht mehr, aber wenn die Glocke nicht schlägt, dann hört Barbara Schock-Werner die Stille sofort. Darum ist zwei Tage vor Heiligabend Hektik angesagt. Die Uhr schlägt den Viertelstundentakt nicht. »Da muss schnell etwas passieren, sonst kriege ich Weihnachten die Anrufe, wo der Glockenschlag bleibt.« An zwei Uhrausfälle kann sie sich erinnern, immer zu den Feiertagen. »Dieses Biest«, sagt Barbara Schock-Werner. Jetzt müssen die Elektriker ran, vor sieben oder acht Jahren ist sie selbst einmal hinter die Uhr geklettert, hat sich die Mechanik angeschaut, bis sie sie verstand, weil kein Handwerker mehr da war am Christfest.
Das Kölner Wahrzeichen bis in die feinsten Verästelungen zu kennen – für Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner ist das selbstverständlich. 1999 hat sie als erste Frau die Leitung der Dombauhütte übernommen. Jeden Donnerstagmorgen führt sie ihr Rundgang durch die Werkstätten auch nach oben aufs Dach, wo der Wind Schneeflocken um die Pfeiler wirbelt. Dann hat »Frau Dombaumeisterin«, wie sie genannt wird, eine Stunde, um zu beobachten, wie die Handwerker mit Feile und Fräse versuchen, die Spuren der Jahrhunderte auszubessern. Eine Stunde, um zu erkennen, welcher Pfeiler am nötigsten Hilfe braucht, welches Kabel am schnellsten ersetzt werden muss. Die aktuelle Baustelle liegt auf der Nordseite, in Richtung Bahnhof. Dort werden Kriegsschäden ausgebessert, Steine mit Einschusslöchern ersetzt.
»Ich hatte immer mehr Energie als andere«, sagt Barbara Schock-Werner. Energie, Tempo, Kraft, diese Wörter fallen immer wieder – und stehen gleichsam auch zwischen den Zeilen ihres Lebenslaufs: Mit einer Bauzeichnerlehre und Praktika bei Maurer und Zimmermann schafft es die Handwerkerstochter auch ohne Abitur auf die Hochschule; sie studiert Architektur, später Geschichte, christliche Archäologie und Kunstgeschichte. Forscht zum Straßburger Münster und zum Leben mittelalterlicher Werkmeister, promoviert und lehrt anschließend an verschiedenen Universitäten. Daneben heiratet sie und bekommt zwei Kinder. Als der Ruf nach Köln kommt, ist die Habilitation gerade fertig für den Druck.
Ein Leben, wie von einem weitsichtigen Architekten auf das Ziel Kölner Domplatte hingezeichnet. Auf ihr beginnt Schock-Werner ihren wöchentlichen Rundgang. Besucher schlendern über die Steine – sie sprintet. Im Vorbeigehen entdeckt sie hinter einem Gitter Dreck und ruft: »Hier hat doch seit Wochen niemand gekehrt!« Bevor sie ihre Runde beendet hat, wird das geschehen sein.
Am Gitter vorbei hastet sie weiter zur Eingangshalle. Treppen hinab, hinauf, wieder hinab. Schock-Werner spricht mit allen, die vorbeikommen, und regelt in einem Satz drei Dinge: Bespricht mit dem Maler, welcher Farbton an die Rahmen der Treppenleuchten kommt, lässt sich vom Elektriker erklären, wie schlimm es um die Kabel eines alten Windfangs steht, und sichert nebenbei einem Lehrling den verlängerten Vertrag zu. Der junge Mann überragt sie um einen Kopf, doch der Respekt vor dieser Frau, der man kaum zu folgen weiß, hat ihm große Augen ins Gesicht gezeichnet und ein scheues Lächeln. Schock-Werner lacht zurück, erklärt dem Lehrling, wo er seinen Vertrag unterzeichnen muss – und läuft weiter.
Ein Wort für den Steinmetz, der über Wochen Blätter für einen Pfeiler aus dem Trachytblock schlägt. Eines mit der Glasmalerin, die kleine geschnittene Glasstücke mit winzigen Menschen bemalt. Und mit dem Tischler, vor dem Kirchenbänke aus dem 19. Jahrhundert liegen. »Die Konstruktion ist völlig Banane, eigentlich taugen die höchstens als Theaterdeko«, sagt er. Liebevoll restaurieren wird er sie trotzdem.
Schock-Werner schätzt den Einsatz ihrer 65 Handwerker. »Hier zu arbeiten ist nicht nur ein Job, für keinen von uns. Zum Dom geht man, hier bleibt man – und entwickelt eine besondere Beziehung.« Dabei sind die Handwerker nicht unbedingt katholisch.
Für Barbara Schock-Werner ist der Dom inzwischen Teil ihrer selbst geworden, »wie ein geliebtes Kind, für das man verantwortlich ist, dem aber man Mucken verzeiht«. Zugleich ist die ewige Baustelle Lehrmeister: »Der Dom hat einen langen Atem. Ich habe gelernt, meine Arbeit nicht zu wichtig zu nehmen. Vieles, was ich tue, vergeht wieder.«
- Datum 04.01.2010 - 15:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.12.2009 Nr. 01
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