SchuleWiedersehen in RumänienSeite 2/3

Carmen hat Rumänien 1991 per Anhalter verlassen, ist über Deutschland in die Schweiz gefahren und geblieben. Mihaela hat ihr Medizinstudium in Bukarest beendet und ist danach »mit zwei Koffern und einem paar Skiern« nach New York geflogen, seitdem arbeitet sie als Ärztin in den USA. Mircea ist mit seiner Familie wenige Monate vor der Revolution nach Deutschland ausgewandert. Heute lebt er in Nordrhein-Westfalen, die rumänische Flagge vor der Haustür. 

Aber da sind auch Paul, Orlando, Simina, Mihai und viele andere, die sich nach postrevolutionären Ausflügen in den Westen – als Bauarbeiter, Studenten, Touristen – für ein Leben in Rumänien entschieden. Sie assoziieren ihr Land nicht mehr mit dem autoritären Regime von einst, die Aufarbeitung spielt in ihrem Leben kaum noch eine Rolle.

Erinnerungen, möglichst gute, suchen auch die Lehrer, die zum Klassentreffen gekommen sind. Selbstbewusst versucht uns Frau V., die ehemalige Pionierleiterin der Schule, von ihrer umgekrempelten Vergangenheit zu überzeugen. Sie sei doch oft mit uns in die Kirche zum Beten statt zu den Pionierveranstaltungen gegangen, obwohl das damals verboten gewesen sei. Ich erinnere mich… Jeden Dienstag hatten wir in Pionieruniform zu erscheinen. Frau V. kontrollierte uns und unsere Gesinnung. Erschienen wir nicht zur verpflichtenden »freiwilligen patriotischen Arbeit«, wurde genau Buch geführt, oft mit Unterstützung der spitzelnden Mitschüler. Auch wenn diese Fehltritte keine unmittelbaren Konsequenzen hatten, irgendwann folgte die Rechnung. Als ich in meiner Grundschulzeit doch nicht an der Sommerfreizeit mit Kindern aus der DDR teilnehmen durfte, obwohl ich ausgewählt worden war, musste ich nicht weiter nach den Gründen fragen. Wutentbrannt rannte ich nach Hause und forderte meine Eltern auf, endlich in die Partei einzutreten.

»Diese Frau hat hier nichts zu suchen; sie ist genauso peinlich wie vor 20 Jahren«, sagt eine ehemalige Lehrerkollegin, die inzwischen in Israel lebt. Bianca könnte eine von uns Schülern sein. Wir duzen sie, ihr mutiger Unterricht hat viele von uns geprägt. Wir waren in der fünften Klasse, zehn Jahre alt, als sie uns im Fach »Verfassung« bat, einen Aufsatz zu schreiben: Ein Schiff erleidet Schiffbruch. Hunderte Passagiere können sich auf eine einsame Insel retten. Nun müssen sie ihr Leben organisieren. Wir sollten aufschreiben, wie das aussehen könnte, damit das Weiterleben funktioniert. Dass wir dabei, in einer Diktatur lebend, über alternative Staatsformen nachdachten, uns in Demokratie üben sollten, das merkten wir nicht. »Selbst die Spitzel unter den Schülern haben bei Inspektionen den Mund gehalten«, erinnert sich Bianca. Dass an der Schule gespitzelt wurde, war bekannt. Auch meine langjährige Klassenlehrerin war inoffizielle Mitarbeiterin. Man hatte sie während des Studiums mit ausländischen Studenten gesehen und damit erpresst. Von anderen Spitzeln, auch Mitschülerinnen, erfuhr ich erst Jahre später aus der Securitate-Akte.

Dem früheren Schulleiter wünschen sie alle erdenklichen Qualen

Auch der ehemalige rumänische Schulleiter zeigt sich etwas altersschwach beim Klassentreffen. Als einer der ersten Lehrer, die kein Wort Deutsch sprachen, wurde Herr H. seinerzeit von der Obrigkeit an der deutschen Schule eingesetzt. Wir Kinder mieden ihn, entkamen ihm aber nicht immer. Am Schuleingang kontrollierte er unsere Uniformen auf ihre Vollständigkeit, Matrikelnummer am Ärmel, weißes Bändchen in den Haaren der Mädchen, korrekt gebundene Halstücher, und hielt uns an, im Winter in den ungeheizten Klassenräumen die Mäntel auszuziehen. Meine Mitschüler sind sich einig: Herr H. muss heute nicht genügend Qualen erleiden, die all das wettmachen würden, was er in seiner aktiven Zeit angerichtet hat. Erstaunlich, wie oft wir während unseres Klassentreffens über Buße reden. Ceauşescu hätte man nicht umbringen dürfen, er hätte bis an sein Lebensende im Gefängnis leiden sollen, sagen die einen – meist jene, die heute im Ausland leben. Andere sagen, sie hätten sich gefreut, als er erschossen wurde.

Silvana erinnert sich, dass sie erst später festgestellt habe, dass der Diktator nur ein kleines Rad im Getriebe war: »Die Strukturen sind geblieben.« Zwar sei die Revolution etwas Wunderbares gewesen, ein großartiger Neuanfang, Gefühle und Hoffnung, die man im Leben nur einmal spürt. Doch viel habe sich nicht verändert. Wie ihr Leben verlaufen wäre ohne die Revolution? Diese Frage hat sich Silvana noch nie gestellt. Irgendwie wäre sie an die Universität gekommen, hätte einen Abschluss gemacht. Ideale, Möglichkeiten, Zukunftspläne – sie winkt ab, darüber sei damals nicht nachgedacht worden. Sie hätte auch in der Diktatur Wirtschaft studiert, sagt sie, »Planwirtschaft eben«. Noch im Studium, kurz nach der Wende, fängt sie bei einer global agierenden Schweizer Firma an, für die sie bis heute arbeitet. »Aber auch vor der Revolution hatte ich den Eindruck, dass ich mich in Rumänien hätte verwirklichen können«, sagt sie. »Ich war umgeben von Menschen, die mir das Gefühl gaben, dass dies möglich war.« Der Vater Professor, die Mutter Wissenschaftlerin. Es ging der Familie gut, die Grausamkeiten des Regimes wurden von ihr ferngehalten.

Leserkommentare
  1. Für einen schönen Artikel über ein Thema, das wenigen bekannt sein dürfte. Meine Mutter fragte neulich: "warum wird eigentlich so selten Enescu gespielt"? Ich weiß es nicht. Sie fuhr mit ihren zwei kleinen Kindern auf gut Glück 1978 nach Deutschland. Ins Ungewisse. Die "Kinder" aus meiner damaligen Klasse der Deutschen Schule in Bukarest leben heute in der ganzen Welt verstreut. Die Frage,wie wäre es gewesen, wenn...bleibt.

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  • Schlagworte Rumänien | Abitur | DDR | Diktatur | Familie | Minderheit
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