SchuleWiedersehen in RumänienSeite 3/3

Ich besuche Silvana, sie lebt mit Mann und Kind in einem alten Haus im Hinterhof einer Plattenbausiedlung. Als die Finanzkrise in Rumänien ankam, musste ihr Mann das große Notariat im Zentrum aufgeben. Jetzt warten seine Kunden im Hinterhof. Im Garten des stattlichen Hauses steht ein Schwimmbecken. Wenn Silvana und ihre Familie darin baden, können Hunderte Augenpaare aus den umliegenden Bauten zusehen. Silvana weiß, dass ihr bescheidener Wohlstand kein Abbild der Realität in Rumänien ist. »Wenn mir jemand sagt, früher war alles besser, kann ich das nachvollziehen.«

Auch wenn die alten Freunde Mircea und Mihai bei einem Glas Bier laut über das Leben nachdenken, kommen die Fragen auf, die uns alle, die damals gemeinsam zur Schule gingen, noch immer beschäftigen. Wie leben wir heute mit unserer rumänischen Kindheit, wie sind wir damals mit unserem Anderssein umgegangen. Waren wir getauft, beschnitten, Kinder von Minderheiten, Parteimitgliedern, von »Securisten« oder Informanten? Lassen wir heute unsere Kinder taufen, beschneiden, erzählen wir ihnen von früher? Was zählte damals, was heute? 

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Noch immer wird Mihai damit aufgezogen, dass sein Vater mit der Securitate verbandelt gewesen sei. Er selbst erzählt die Geschichte seiner Familie als eine von Widerstandskämpfern, die zu so etwas nie fähig gewesen wären. Wo die Wahrheit liegt, werden wir auch bei diesem Klassentreffen nicht erfahren. Wie Silvana hat auch Mihai Wirtschaft studiert und schon während seines Studiums »alles« verkauft: »Autos, Kühlschränke, Bier.« Sein Leben in Rumänien möchte er für kein anderes im Westen eintauschen. Er war oft in Deutschland, es sei immer schön dort gewesen, aber zu viel Disziplin und Ordnung, »also nichts für mich«, findet Mihai.

Nach dem Klassentreffen reise ich über Otopeni, den Internationalen Flughafen von Bukarest, aus. In unserer Familie wurde er »Utopeni« genannt. Der Gedanke, irgendwann einen Schritt auf die andere Seite, jenseits der Passkontrollen, zu machen, kam einer Utopie gleich. Auf meinem Rückflug vermischen sich die Geschichten aus der Zeit damals mit denen aus dem heutigen Rumänien, begegnen die Erinnerungen der Mitschüler, die bis zur Revolution hinter dem Eisernen Vorhang gelebt haben, denen der Auswanderer. Ich denke an meine alte Kinderfrau, die heute, über 80-jährig, ihre Einzimmerwohnung nicht mehr verlassen kann, deren Rente so klein ist, dass sie nur für die Betriebskosten ausreicht. Ich habe ihr zwei neue Brillen und Essen für die nächsten Monate gekauft. Als ich Silvana davon erzählte, sagte sie: »Vielen geht es heute schlechter als vor 20 Jahren. Die Menschen sind nicht mehr bereit, von der Hoffnung zu leben.«

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Leserkommentare
  1. Für einen schönen Artikel über ein Thema, das wenigen bekannt sein dürfte. Meine Mutter fragte neulich: "warum wird eigentlich so selten Enescu gespielt"? Ich weiß es nicht. Sie fuhr mit ihren zwei kleinen Kindern auf gut Glück 1978 nach Deutschland. Ins Ungewisse. Die "Kinder" aus meiner damaligen Klasse der Deutschen Schule in Bukarest leben heute in der ganzen Welt verstreut. Die Frage,wie wäre es gewesen, wenn...bleibt.

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  • Schlagworte Rumänien | Abitur | DDR | Diktatur | Familie | Minderheit
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