SchuleWiedersehen in Rumänien

Im Jahr 1989 machten sie an der »deutschen Schule« in Bukarest ihr Abitur. Kurz danach kam auch in Rumänien die politische Wende. Was hat sie den Menschen gebracht? Ein Klassentreffen 20 Jahre später von Senta Höfer

Viel Zeit ist vergangen, seitdem wir diesen Ort zuletzt betreten haben. Die Aula des ehemaligen Industrielyzeums Nummer 34 in Bukarest. Heute heißt die Schule Goethe-Kolleg. Der Jahrgang 1989 kommt zusammen, die meisten von uns haben im Sommer vor 20 Jahren hier ihr Abitur gemacht – wenige Monate vor der Hinrichtung Ceauşescus und der sogenannten Revolution, der politischen Wende in Rumänien im Dezember 1989. Einige Schüler konnten der Diktatur noch während ihrer Schulzeit in den Achtzigern entfliehen. Sie leben heute in aller Welt verstreut.

Andreea, die ewige Jahrgangsbeste, hat das Treffen organisiert. Damals hielt sie als »Pionierkommandantin« die Klasse zusammen, eine Autorität war sie, leise, aber bestimmt, immer konform, aber niemals Komplizin. Von Texas aus, wo sie mit ihrer Familie lebt, schrieb sie Hunderte von E-Mails, um möglichst viele Ehemalige in Bukarest zu versammeln. Mit bewegter Stimme eröffnet sie die »Klassenstunde«, mit der traditionell jedes Jahrgangstreffen beginnt. Die Namen aus den alten Klassenbüchern werden aufgerufen, Schüler und Lehrer berichten aus ihrem Leben. Neugierig wandern die Augen von einem zum anderen. Wer hat sich am meisten verändert? Zu wem gehören die Kinder? Wie weit war ihr Weg hierher?

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Ich bin aus Berlin zu diesem Treffen gekommen. Ein Jahr vor dem Abitur habe ich die Schule verlassen, als ich mit meiner Familie nach Deutschland ausgewandert bin. Meine Eltern waren Journalisten, keine Parteimitglieder, sie gehörten der deutschen Minderheit an. Nach jahrelanger Beobachtung und Bespitzelung verließen wir schließlich das Land.

Hierher gingen die Kinder der übrig gebliebenen deutschen Minderheit

Das Industrielyzeum Nummer 34 war eine rumänische Schule mit Deutsch als Unterrichtssprache. Dennoch wurde überwiegend Rumänisch gesprochen, immer gezielter hatte man Lehrer an die Schule versetzt, die gar kein Deutsch konnten. Dass es eine besondere Schule war, brachte aber auch die Zusammensetzung der Schülerschaft mit sich. Es waren vor allem die Kinder der in Bukarest übrig gebliebenen deutschen Minderheit, der ambitionierten Nomenklatura und der mutigen Diplomaten, die auf diese Schule gingen. Eine heikle Mischung, die Spannungen erzeugte und uns zugleich eine gewisse Narrenfreiheit ließ. Dass wir mit besonderer Aufmerksamkeit von den Kontrollorganen des Staates beobachtet wurden, war uns allen bewusst. Auch bedeutete das Abitur an der angesehenen »deutschen Schule« noch lange nicht, dass wir das studieren durften, was uns interessierte, und mit unserem Leben anfangen konnten, was wir wollten. Entscheidend waren das Elternhaus und dessen Nähe zum System. Studienplätze wurden nicht zuletzt nach Linientreue vergeben, gute Beziehungen halfen, um sich von der Armee freizukaufen.

Als im November 1989 die Mauer fiel und mich Freunde im Westen fragten, ob auch in Rumänien etwas passieren werde, winkte ich ab. Nichts deutete auf Veränderung hin. Knapp zwei Monate später saß ich ungläubig vor dem Fernseher und sah die Bilder von der Hinrichtung Ceauşescus und seiner Frau. Oft haben meine Familie und ich uns gefragt, wie unser Leben verlaufen wäre, hätten wir noch ein Jahr in Rumänien ausgeharrt, hätte uns das Land nicht des Landes verwiesen. Es ist eine der drängendsten Fragen geblieben, die ich mitnehme zu diesem Klassentreffen: Wie haben sich meine Mitschüler ihr Leben vorgestellt, vor und nach der Revolution? Wie haben sie diesen Bruch in ihrer Biografie erlebt? Und was haben sie daraus gemacht?

Cristina gehört zu den Ersten, die in der »Klassenstunde« zu erzählen beginnen. »Ich bin nicht ins Ausland gegangen, habe nicht studiert, und ich bin nicht verheiratet.« Es gibt Momente bei diesem Klassentreffen, da scheint es, als müssten sich die in Rumänien Gebliebenen vor den anderen, die damals gegangen sind, für ihr Leben rechtfertigen, obwohl niemand ihnen einen Vorwurf macht. Die Ausgewanderten sind weit gereist bis Bukarest, mit ihren weltgewandten mehrsprachigen Kindern kommen sie aus Frankreich, der Schweiz, den USA, Israel und Deutschland. Sie alle verbinden das Klassentreffen mit einer Reise in ihre Vergangenheit und wollen den Partnern und Kindern ihre Wurzeln zeigen. Das Klassentreffen wird so zu einem mehrtägigen Ereignis, wir treffen uns bei ehemaligen Schulfreunden und in Cafés, erzählen uns unsere Geschichten.

Leserkommentare
  1. Für einen schönen Artikel über ein Thema, das wenigen bekannt sein dürfte. Meine Mutter fragte neulich: "warum wird eigentlich so selten Enescu gespielt"? Ich weiß es nicht. Sie fuhr mit ihren zwei kleinen Kindern auf gut Glück 1978 nach Deutschland. Ins Ungewisse. Die "Kinder" aus meiner damaligen Klasse der Deutschen Schule in Bukarest leben heute in der ganzen Welt verstreut. Die Frage,wie wäre es gewesen, wenn...bleibt.

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