Er hat sich in Rage geredet, seine ruhelosen Beine bald auf einem Sessel, bald auf einem Salontisch gelagert. Doch als vor dem Panoramafenster ein Flugzeug vorbeischwebt, verstummt er und erstarrt in komplizierter Haltung. Freund oder Feind? Er kennt jede Maschine hier. Schließlich fliegt er selbst. Denn in einem Ort wie St. Moritz besitzen auch Grüne ihren eigenen Flieger.

Peter R. Berry wohnt noch immer im Haus seiner Vorväter. Die meisten anderen Einheimischen haben ihr Familienerbe längst verscherbelt. Zu früh, wie jetzt mancher bedauert. Denn die Immobilienpreise haben sich in den vergangenen zehn Jahren vervielfacht. Das Haus ist mitten in die Lärchen gesetzt. Tief unten im Tal liegen die ineinander verkeilten Betonklötze und Straßenschluchten, durch die sich die Offroader im Schritttempo quälen. Und weit weg der Event am See, von dem der Wind Sprachfetzen aus dem Lautsprecher herträgt.

Im Wohnzimmer stauen sich die Möbel etlicher Generationen; an den Wänden hängen die Schneelandschaften seines Großvaters. Und überall Erinnerungsstücke, wie sie sich im Heim einer St. Moritzer Kurarzt-Dynastie ansammeln: ein Samowar und ein Bärenfell-Schlittenpelz aus der Zarenfamilie, Fotos von Segantini und Giacometti, Dokumente von Hausgast Nietzsche, ein Schildpattetui mit zwei Zigarren von Napoleon III.

Auch Peter Berry der Vierte, wie er sich nennt, ist Arzt. Doch häufiger als gegen Grippe kämpft der Internist inzwischen gegen Spekulanten, Trägheit und opportunistische Leisetreterei. Und dies mit allen Mitteln: Hochschulexpertisen und Unterschriftensammlungen, Petitionen und Anfragen, bezahlten Inseraten und Leserbriefen. Erscheint die Engadiner Post, schlägt er sie hinten auf, dort, wo das Eingesandte steht. Nicht alle seine Beiträge werden gedruckt. Denn in die Landschaft gestanzte Ferienhaussiedlungen verhöhnt er als "hochalpine Austernbänke", die Ausverkäufer der Heimat beleidigt er als "Mischungen zwischen Schnecke und Blutegel". In milderen Stimmungen zitiert er Goethes Mephisto: "Zuvörderst bitten und dann befehlen." Oder: "Hat einer Glück, hat er auch Vasallen."

Schon Berrys Vater, auch ein Arzt, kämpfte gegen fremde Investoren

Der Kampf gegen Eindringlinge hat in seiner Familie Tradition. 1799 stellte sich ein Urururgroßvater, Bürgermeister von St. Moritz, mit einem geschichtlich verbürgten "Messieurs, je regrette" vor die St. Moritzer Gemeindekasse. Um die durchs Engadin ziehenden randalierenden Truppen Napoleons auf andere Gedanken zu bringen, tischte er ihnen Veltliner und Bündnerfleisch auf.

1968 bedrohte ein neuer Invasor den Ort. Der Club Méditerranée war drauf und dran, sich fünf der sieben Luxushotels unter den Nagel zu reißen und St. Moritz in ein französisches Clubdorf zu verwandeln. Zum Partisanenkampf entschlossen, suchte Peter Berrys Vater seine Patientenkartei nach finanziell potenten Mitstreitern ab. Mit Erfolg. In einer konzertierten Aktion jagten die Niarchos, Fürstenbergs und Conte Rossi den Franzosen die Imponierkästen Carlton, Kulm und Chantarella wieder ab. Auch Vater Berrys nächster Coup gelang: Er brachte seinen Freund Stavros Niarchos dazu, die neuen Bergbahnen auf den Piz Corvatsch und Piz Nair zu finanzieren. "Aber", präzisiert Sohn Peter Berry, "wir haben Niarchos die Berge nicht verkauft. Wir überließen ihm nur den Bau und den Betrieb, und er hat sich damit begnügt."

Heute wollen die Investoren alles oder nichts. Bestes Beispiel: der Zürcher Urs E. Schwarzenbach. Um ein Haar wäre er größter privater Grundbesitzer des Oberengadins geworden. Bereits hatte ihm der Kanton Graubünden den Kauf des Flugplatzes Samedan mit seinen 500.000 Quadratmetern Land zum Preis von 2,5 Millionen Franken vertraglich zugesichert. Macht 3 Franken pro Quadratmeter, ein Heupreis. Doch was heißt zugesichert. "Regelrecht aufgedrängt!", erinnert sich ein Insider. Offenbar traute die verhandlungsführende Bündner Regierungsrätin Evelyne Widmer-Schlumpf dem Unterländer die zur Modernisierung nötige Finanz- und Entschlusskraft eher zu als den von Partikularinteressen beherrschten Engadiner Gemeinden.

Urs Schwarzenbach hat Erfahrung im Aufkaufen größerer Landstriche. In England besitzt er ein ganzes Dorf, Schloss, Pub, Kirche und Bahnhof inbegriffen. Fast ein Dorf ist auch sein Luxushotel The Dolder Grand, ein weitläufiger Komplex mit eigener Bergbahn, hoch über Zürich gelegen, dessen Renovierung ihn über 300 Millionen Franken kostete. Woher das viele Geld stammt, zeigt sich in seinem Zürcher Domizil: Im Entree hängt eine wandhoch vergrößerte Dollarnote.

Der Devisenhändler hat nichts geerbt; da ist jeder Cent selbst verdient. Auch im Engadin begann er ganz unten: Mit vier Jahren baute er in Silvaplana eine Schneehütte. Mit siebzehn, mittlerweile im Hockeyclub Küsnacht, übernachtete er in der Turnhalle von St. Moritz-Bad, einem Ortsteil, wo alles abgefangen wird, was nach der Mühsal des Lebens riecht und das Auge der Fünfsternegäste beleidigt. Hier parken die Reisebusse, aus denen Menschen in Kunstfaseranzügen quellen; hier hecheln die Langläufer, die für den St. Moritzer Geschmack zu verschwitzt und bedürfnislos sind.