Sein Händedruck ist fest, sein Körper vibriert. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Vic Jakob, der mit seiner Frau Helene seit über zwanzig Jahren das Suvretta House in St. Moritz führt, ist angespannt. Eben hat sein Hotel die Wintersaison eröffnet, vorerst verlieren sich aber erst ein paar Engländer in den Raumfluchten. Zum Frühstücksbuffet erwartet die vereinzelten Gäste eine Dutzendschaft von nervösen Kellnern.

In einer Woche geht es richtig los. Dann wird eines der berühmtesten Luxushotels der Welt bis unters Dach ausgebucht sein. Die Wartelisten sind Hunderte von Namen lang. Rein kommt nur, wer mindestens 14 Tage bleibt. Und wer die richtige Nationalität hat. Russen etwa bleiben meist außen vor. Die sollen ins Kempinski unten in St. Moritz-Bad oder ins Badrutt’s Palace. Die Zimmerpreise beginnen in diesen Tagen bei 900 Franken und enden bei 3600 Franken – pro Nacht. Vic Jakob sagt: "Unsere Preisliste ist nicht verhandelbar." Man kann sich diese Strenge leisten. Die meisten Kunden sind Stammgäste aus Deutschland und der Schweiz. Und die wollen ihren Five o’Clock Tea, Angestellte, die sie mit Namen kennen, und einen tadellosen Service. "Heute, wo alles standardisiert ist, braucht es Orte, wo man keine Nummer ist", sagt Jakob. Und für diese Atmosphäre der behaglichen Entrücktheit wird alles getan. Der Hotelier sagt: "Wir führen unser Hotel wie eine große Pension." Nein, das ist keiner dieser Riesenkästen, die sich ständig neue Märkte erschließen müssen. In Asien etwa war Jakob noch nie. Es ist nicht nötig.

Der absolute Trumpf des Hauses ist seine Lage. Wenn der ehemalige Kurdirektor Hanspeter Danuser sagt, St. Moritz habe alle Hässlichkeit des Oberengadins auf sich genommen, um den Rest umso schöner erstrahlen zu lassen, dann trifft dieser Satz aufs Suvretta zu. Abseits vom potthässlichen Dorfzentrum thront das Haus in majestätischer Höhe zwischen St. Moritzer- und Silvaplanersee. Hier ist keine Bleibe für die Spaßgesellschaft.

Es gibt also keine Krise in diesem Haus, gut, die Amerikaner kommen seltener, aber die braucht man ja auch nicht wirklich. Natürlich hat man zig Millionen von Franken in Renovationen gesteckt, hat die Zimmer auf den neusten Standard gebracht, in den Suiten kann man jetzt von der frei stehenden Badewanne aus auf einen gigantischen Flachbildschirm schauen. Es ist also alles gut. Es könnte einfach so weitergehen.

Die "Vision 2025" wird alle Landreserven des Suvretta verschlingen

Doch die Zeiten der betuchten Bescheidenheit sind vorbei. Denn Vic Jakob will zusammen mit Verwaltungsrat Urs Schwarzenbach und dem langjährigen Mehrheitsaktionär Martin Candrian, dem größten Gastronomen der Schweiz, mehr, viel mehr. Der Name ihres Wollens: Vision 2025.

Bis zu diesem Jahr soll verwirklicht sein, was 300 Millionen Franken und sämtliche Landreserven des Hauses verschlingen wird: das Hideaway Suvretta, ein Alpenresort, das keine Wünsche offenlässt. Das Resort soll ein Sporthotel umfassen, damit auch die jungen Reichen vermehrt ans Traditionshaus gebunden werden können. Zudem sieht der Masterplan, der in einer Volksabstimmung kürzlich angenommen worden ist, ein Suitenhotel vor, das aus mehreren Villen besteht, oberstes Gebot: absolute Abgeschiedenheit und totale Sicherheit. Dazu soll eine All-Season Sport’s School kommen, denn das große Potenzial liegt im Sommer, einer Jahreszeit, in der das Hotel derart chronisch unterbelegt ist, dass der Hausherr den Saisonabschluss nicht einmal den kreditgebenden Banken vorlegt: "Die verlangen das zwar, aber ich mache das einfach nicht. Ich sage: Lasst das mein Problem sein."

Aber warum diese gigantischen Expansionspläne? "Weil wir der kommenden Generation der Eigentümer eine Perspektive bieten und den Hügel vor noch mehr Zweitwohnungen bewahren wollen", sagt Vic Jakob. Sein Haus müsse in St. Moritz eine "Vorbildfunktion" haben, denn "so kann es nicht mehr weitergehen". Auch ihm sind die vielen Häuser mit den heruntergelassenen Rollläden ein Dorn im Auge: "Es geht um Imageerhaltung. St. Moritz ist von der Entwicklung überrollt worden, im Gegensatz etwa zu Gstaad. Das meiste hier ist nur noch ein Sammelsurium. Es braucht wieder eine Planung, die das Gesamte im Auge hat. Hier in St. Moritz muss man endlich begreifen: Der Motor der Entwicklung sind die Hotels, nicht die Wohnungen."