Geburten »Singen oder Schreien – egal! Hauptsache, laut«
Die Hebamme Luise Kaller hat 10.000 Kindern auf die Welt geholfen – ein Gespräch mit ihr über Geburten als Event, hilflose Väter im Kreißsaal und Mutterkuchen als Gesichtscreme
Die Welt der Luise Kaller ist weiß wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Weiß ist ihre Kleidung, weiß sind die Flure, die Betten und Bademäntel, weiß ist sogar der Winterhimmel draußen an diesem Dezembertag. In milchigem Licht spazieren junge Paare durch den kleinen Park des Berliner Virchow-Klinikums. Schwangere Frauen, die ihre Hände in die Hüften stemmen, und ihre Männer, ein wenig hilflos daneben. Bald wird ihr Leben umgekrempelt sein, alles auf Anfang. An keinem anderen deutschen Ort ist so viel Neubeginn wie hier. 3300 Kinder sind im Jahr 2009 im Virchow-Klinikum geboren worden, wahrscheinlich werden es wieder einmal mehr sein als in jedem anderen Krankenhaus des Landes. Die Klinik ist so groß wie eine kleine Stadt, die Wege haben Straßennamen, es gibt ein eigenes Standesamt. In der Frauen- und Geburtsklinik, Mittelallee 9, sind die Flure nicht nur deutsch beschildert, sondern auch türkisch, manchmal arabisch. Hier entbinden Frauen aus dem rauen Stadtteil Wedding und aus der schicken Berliner Mitte, aus Pankow und aus Zehlendorf. Wer Deutschland aus dem Kreißsaal erklärt haben möchte, wer den Herztönen dieser Gesellschaft lauschen will, der muss Luise Kaller, 64, fragen. Sie ist Hebamme seit 41 Jahren, die Dienstälteste im Hause. In der Hand hält sie an diesem Morgen einen Becher sehr schwarzen Kaffee.
DIE ZEIT: War es spät heute Nacht?
Luise Kaller: Oder früh, wie man’s nimmt. 0.43 Uhr. Babys kennen keinen Tag und keine Nacht, keine Tageszeiten und keinen Termindruck. Ich finde, das ist ihr gutes Recht.
ZEIT: Alles glatt gegangen?
Kaller: Ja. Ein Junge, spontan geboren – also auf natürlichem Wege. 3490 Gramm schwer, 52 Zentimeter groß. Auch die Mutter ist wohlauf.
- Kinder, Kinder
682.514 Babys sind im vergangenen Jahr in Deutschland geboren worden, 349.862 Jungen und 332.652 Mädchen. Im Vergleich zum Jahr 1950 (1.116.701 Kinder) hat sich die Zahl der Neugeborenen damit nahezu halbiert. Dem Statistischen Bundesamt zufolge hat sich der Anteil von Mehrlingsgeburten im selben Zeitraum fast verdoppelt: Auch aufgrund künstlicher Befruchtungen wurden zuletzt 11.084 Mehrlingsgeburten verzeichnet, darunter 10.829-mal Zwillinge und 247-mal Drillinge. Unterdessen sank die Zahl der Totgeburten deutlich von 24.857 auf 2.412. Ein weiterer Trend: 2008 wurden 30,2 Prozent aller Schwangerschaften per Kaiserschnitt beendet, am häufigsten im Saarland, am seltensten in Sachsen. 1991 lag die Quote noch bei nur 15 Prozent.
ZEIT: Und der Vater?
Kaller: Hat fotografiert, aber erst beim Waschen und Wiegen. Es gibt auch Männer, die hier im Kreißsaal sofort ein Stativ aufstellen, mit Videokamera obendrauf. Wir sind eine Gesellschaft der Erstgebärenden geworden. Da wird eine Geburt schon mal zum Event.
ZEIT: Der Junge heute Nacht, war der auch ein erstes Kind?
Kaller: Ja. Die Eltern sind Galeristen, ein ganz liebes Paar, beide Anfang 30. Früher wären sie alte Eltern gewesen. Heute ist das normal.
ZEIT: Was ist das heute: ein normales Paar?
Kaller: Normal ist heute, dass 80 Prozent der Eltern eine CD mitbringen. Sorgfältig ausgewählte Musik, oft selbst gebrannt. Meistens ist das was Entspannendes, Esoterisches. Ich hatte aber auch schon eine Psychologin, die unbedingt zu Wagners Walküre entbinden wollte. Das sollte der Soundtrack zu ihrer Geburt sein. Und ungefähr die Hälfte meiner Paare bringt eine Flasche Sekt oder Champagner mit. Diese Paare haben auch alle schon zig Ratgeber darüber gelesen, wie ihr Kind durchschläft, wie es gestillt werden muss und optimal gefördert wird. Dabei ist es noch gar nicht geboren. Es wird nicht mehr viel dem Schicksal überlassen.
ZEIT: Und nach der Geburt wird sofort nach dem Sauerstoffgehalt des Blutes gefragt, weil der als erster Indikator für den Lebensweg des Kindes gilt?
Kaller: Ja. Und nach den Apgar-Werten, mit denen wir Hebammen den Zustand des Babys festhalten: Herzfrequenz, Atemantrieb, Reflexe, Muskeltonus, Hautfarbe. Jeweils eine, fünf und zehn Minuten nach der Geburt. Bei dem Burschen heute Nacht lagen die Werte bei 9-10-10. Zweimal Bestnote.
ZEIT: Die Eltern müssen sich also keine Sorgen machen?
Kaller: Nein. Ich mir auch nicht. Wenn der Kleine das Abitur nicht schafft, bin ich nicht schuld.
ZEIT: Erinnern Sie sich noch an die erste Geburt, die Sie als Hebamme begleitet haben?
Kaller: Das waren eigentlich zwei. Meine erste war 1967 im Uni-Klinikum Leipzig, unfreiwillig. Da habe ich eine Frau im Aufzug entbunden. Ich war noch Hebammenschülerin, meine Aufgabe war, die Schwangeren unten aus der Aufnahme abzuholen. Und an dem Tag, an dem ich vom Kreißsaal im dritten Stock runterfuhr, hörte ich die Frau schon schreien. Klang nach Presswehen. Ich habe sie auf einer Trage in den Aufzug geschoben, ihr Mann sagte noch: »Dann kann ich jetzt ja gehen.« So war das damals. Sie rief: »Es drückt! Es drückt!« Ich habe ihr noch den Schlüpfer ausgezogen – und schon kam der Kopf. Da habe ich gedacht: So kannst du das jetzt auch schlecht lassen. Also habe ich das Kind rausgezogen. Als oben die Tür aufging und die Hebammen warteten, schrie das Kindchen schon.
ZEIT: Und die zweite?
Kaller: War meine offiziell erste Geburt, ein Jahr später. Ausgerechnet eine Frau, die ihr dreizehntes Kind bekam. Die hatte mehr Erfahrung als ich.
ZEIT: Also ganz undramatisch.
Kaller: Denken alle. Das war aber ein kleines Krankenhaus tief in Sachsen, der diensthabende Arzt zu Hause, zehn Kilometer entfernt. Das war nicht wie heute: Kontrolle der Herztöne per CTG, Ärzte rund um die Uhr da, Operationssaal nebenan. Da waren nur die Frau, mein Hörrohr und ich. Und es ist so, dass Geburten von Mal zu Mal gefährlicher werden – ganz egal, wie viel Erfahrung die Frau hat.
- Datum 02.01.2010 - 18:40 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.12.2009 Nr. 01
- Kommentare 88
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interview - danke!
...endlich ein Stück Normalität in unserer verrückten Gesellschaft!
aber auch bedenklich
"Diese Paare haben auch alle schon zig Ratgeber darüber gelesen, wie ihr Kind durchschläft, wie es gestillt werden muss und optimal gefördert wird."
Ja und heraus kommt die jetzige dt. Jugend. Nicht belastbar, kaum Bildung und Komasaufen bis der Arzt kommt. Die meisten Kinder sind doch mit 5 Jahren schon kurz vor dem Burnout und die Eltern wundern sich, dass die Bombe dan um die 14 Jahre platzt.
Wie mein ehemaliger Kollege berichtete, sind bei seiner Tochter in der 2.Klasse 80 Prozent der Kinder in psychologischer Behandlung und auf Medikation. Und nein es ist keine Sonderschule.
Diese Pauschalverurteilung der heutigen Jugend erscheint mir an dieser Stelle unpassend. Zudem entbehrt sie jeder Grundlage und ist schlichtweg diffamierend.
Das Interview hingegen ist wunderbar bodenständig und offenkundig vorurteilsfrei. Vielen Dank dafür!
Diese Pauschalverurteilung der heutigen Jugend erscheint mir an dieser Stelle unpassend. Zudem entbehrt sie jeder Grundlage und ist schlichtweg diffamierend.
Das Interview hingegen ist wunderbar bodenständig und offenkundig vorurteilsfrei. Vielen Dank dafür!
Finde das Interview auch sehr schön, stellt den meines Erachtens Wahnsinn um die Geburt auch schön dar, so ungefähr, wie ich mir das auch schon vorher gedacht hab.
Besonders schön die Kritik an diese Überinformiertheit und insbesondere der Hinweis auf die nicht vorhandene permanent sterile Umgebung. Ich will irgendwann zumindest kein Kind, dass zig Allergien hat, weil ich zuviel Geld in überflüssige Baby Health Produkte gesteckt habe.
Diese Pauschalverurteilung der heutigen Jugend erscheint mir an dieser Stelle unpassend. Zudem entbehrt sie jeder Grundlage und ist schlichtweg diffamierend.
Das Interview hingegen ist wunderbar bodenständig und offenkundig vorurteilsfrei. Vielen Dank dafür!
sie haben mir wirklich aus der Seele gesprochen!
Ich erlebe mit meinen drei Kindern oft, wie überbesorgt und leider auch verunsichert einige Eltern sind.
Ich kenne eine werdende Mutter, die im 6. Monat schon Hunderte Euro für Babykleidung ausgegeben hat, ganz zu schweigen vom Babybett und den anderen Gegenständen, die sich makellos zu den restlichen Möbeln ihrer Wohnung gesellen. Manchmal kommt es mir vor, als erwarteten manche Eltern ein Statussymbol, das dann im 800€ Kinderwagen durch den Park geschoben wird.
Ist es dem Neugeborenen nicht schnurzegal, ob es in ein kuscheliges Handtuch oder die zur Wickelkommode passende Decke gewickelt ist?
Stichwort Kurse: Als ich mich beim Rückbildungskurs nach meiner 2. Schwangerschaft gegen die Babymassage im Anschluss daran entschied, erntete ich sowohl von der Hebamme als auch von anderen Müttern verständnislose Blicke. Als ob ich, wenn ich mein Kind nur zu Hause streichelte, eine unbesorgtere Mutter wäre.
Ich sah mich eh einer wahren Kursflut vor und nach Geburt gegenüber; Vorbereitungskurs, Geschwisterkurs, Babyschwimmen, Pekip... Ich glaube, dass diese Kurse eher die Finanzen des Anbietern auffrischen als das sie wirklich notwendig für die Mütter/Babys wären.
Ähnlich die Ratgeberliteratur; liest man drei oder vier Bücher, stehen einem danach nicht selten die Haare zu Berge aufgrund der sich widersprechenden Aussagen. Also Mütter, Väter, Kinder - wieder mehr Vertrauen in den gesunden Menschenverstand!
ist angemessen und kein Statussymbol. Studieren Sie doch mal die Aufpreisliste der Deutschen Automobilhersteller.
Bsp.: 17" statt 15" Felgen beim Golf: 1000 Euro, Standheizung kostet schon mehr als 1200 Euro.
meine Mutter hat mir damals mit auf den Weg gegeben, dass es früh genug für Großeinkäufe ist, wenn das Baby da ist. Im Krankenhaus bekommt man ohnehin Sachen zum Anziehen und für zuhause reicht eine kleine Grundausstattung. Den Wagen haben natürlich Oma und Opa bezahlt :-))).
Ansonsten halte ich es nicht nur für die Mütter katastrophal sondern auch für die Gesellschaft, dass uns zunehmend die Instinkte aberzogen werden. Eine instinktlose Gesellschaft ist gefährdet, dauernd neuen Modeschwankungen unterworfen, bietet ständig Platz für neue "Experten", die insbesondere aus den Frauen wehrlose Opfer machen. Gute Beispiele dafür sind die Naturmedizin, in der sich früher fast alle Landfrauen auskannten, oder aber das Stillen. Letzteres wurde insbesondere in den 60-ern gern den Frauen ausgeredet, damit die Babynahrungsindustrie Fuß fassen konnte.
Zurück zur Natur stimmt nicht immer - wie oben genannt. Wir lassen uns auch nicht die Zähne ohne Betäubung ziehen. Aber zurück zu den Instinkten, zu dem eindringlichen Gefühl für das Richtige statt dem Angesagten, das ist in der Gesellschaft dringend notwendig.
ist angemessen und kein Statussymbol. Studieren Sie doch mal die Aufpreisliste der Deutschen Automobilhersteller.
Bsp.: 17" statt 15" Felgen beim Golf: 1000 Euro, Standheizung kostet schon mehr als 1200 Euro.
meine Mutter hat mir damals mit auf den Weg gegeben, dass es früh genug für Großeinkäufe ist, wenn das Baby da ist. Im Krankenhaus bekommt man ohnehin Sachen zum Anziehen und für zuhause reicht eine kleine Grundausstattung. Den Wagen haben natürlich Oma und Opa bezahlt :-))).
Ansonsten halte ich es nicht nur für die Mütter katastrophal sondern auch für die Gesellschaft, dass uns zunehmend die Instinkte aberzogen werden. Eine instinktlose Gesellschaft ist gefährdet, dauernd neuen Modeschwankungen unterworfen, bietet ständig Platz für neue "Experten", die insbesondere aus den Frauen wehrlose Opfer machen. Gute Beispiele dafür sind die Naturmedizin, in der sich früher fast alle Landfrauen auskannten, oder aber das Stillen. Letzteres wurde insbesondere in den 60-ern gern den Frauen ausgeredet, damit die Babynahrungsindustrie Fuß fassen konnte.
Zurück zur Natur stimmt nicht immer - wie oben genannt. Wir lassen uns auch nicht die Zähne ohne Betäubung ziehen. Aber zurück zu den Instinkten, zu dem eindringlichen Gefühl für das Richtige statt dem Angesagten, das ist in der Gesellschaft dringend notwendig.
geht nicht ins Rückenmark, das klarzustellen, nimmt vielleicht vielen die Angst davor. Und darum ist ist sie auch nicht hochumstritten. Auch an dieser Stelle hätten sich die Interviewer der Äußerung einer eigenen, ängstlichen, Meinung enthalten können.
Ansonsten ist dies ein wunderbares Interview und einer der besten Beiträge, die ich seit langem in der Zeit gelesen habe.
Hochinteressanter Artikel, hochinteressante Frau!
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