Geburten »Singen oder Schreien – egal! Hauptsache, laut«
Die Hebamme Luise Kaller hat 10.000 Kindern auf die Welt geholfen – ein Gespräch mit ihr über Geburten als Event, hilflose Väter im Kreißsaal und Mutterkuchen als Gesichtscreme
Die Welt der Luise Kaller ist weiß wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Weiß ist ihre Kleidung, weiß sind die Flure, die Betten und Bademäntel, weiß ist sogar der Winterhimmel draußen an diesem Dezembertag. In milchigem Licht spazieren junge Paare durch den kleinen Park des Berliner Virchow-Klinikums. Schwangere Frauen, die ihre Hände in die Hüften stemmen, und ihre Männer, ein wenig hilflos daneben. Bald wird ihr Leben umgekrempelt sein, alles auf Anfang. An keinem anderen deutschen Ort ist so viel Neubeginn wie hier. 3300 Kinder sind im Jahr 2009 im Virchow-Klinikum geboren worden, wahrscheinlich werden es wieder einmal mehr sein als in jedem anderen Krankenhaus des Landes. Die Klinik ist so groß wie eine kleine Stadt, die Wege haben Straßennamen, es gibt ein eigenes Standesamt. In der Frauen- und Geburtsklinik, Mittelallee 9, sind die Flure nicht nur deutsch beschildert, sondern auch türkisch, manchmal arabisch. Hier entbinden Frauen aus dem rauen Stadtteil Wedding und aus der schicken Berliner Mitte, aus Pankow und aus Zehlendorf. Wer Deutschland aus dem Kreißsaal erklärt haben möchte, wer den Herztönen dieser Gesellschaft lauschen will, der muss Luise Kaller, 64, fragen. Sie ist Hebamme seit 41 Jahren, die Dienstälteste im Hause. In der Hand hält sie an diesem Morgen einen Becher sehr schwarzen Kaffee.
DIE ZEIT: War es spät heute Nacht?
Luise Kaller: Oder früh, wie man’s nimmt. 0.43 Uhr. Babys kennen keinen Tag und keine Nacht, keine Tageszeiten und keinen Termindruck. Ich finde, das ist ihr gutes Recht.
ZEIT: Alles glatt gegangen?
Kaller: Ja. Ein Junge, spontan geboren – also auf natürlichem Wege. 3490 Gramm schwer, 52 Zentimeter groß. Auch die Mutter ist wohlauf.
- Kinder, Kinder
682.514 Babys sind im vergangenen Jahr in Deutschland geboren worden, 349.862 Jungen und 332.652 Mädchen. Im Vergleich zum Jahr 1950 (1.116.701 Kinder) hat sich die Zahl der Neugeborenen damit nahezu halbiert. Dem Statistischen Bundesamt zufolge hat sich der Anteil von Mehrlingsgeburten im selben Zeitraum fast verdoppelt: Auch aufgrund künstlicher Befruchtungen wurden zuletzt 11.084 Mehrlingsgeburten verzeichnet, darunter 10.829-mal Zwillinge und 247-mal Drillinge. Unterdessen sank die Zahl der Totgeburten deutlich von 24.857 auf 2.412. Ein weiterer Trend: 2008 wurden 30,2 Prozent aller Schwangerschaften per Kaiserschnitt beendet, am häufigsten im Saarland, am seltensten in Sachsen. 1991 lag die Quote noch bei nur 15 Prozent.
ZEIT: Und der Vater?
Kaller: Hat fotografiert, aber erst beim Waschen und Wiegen. Es gibt auch Männer, die hier im Kreißsaal sofort ein Stativ aufstellen, mit Videokamera obendrauf. Wir sind eine Gesellschaft der Erstgebärenden geworden. Da wird eine Geburt schon mal zum Event.
ZEIT: Der Junge heute Nacht, war der auch ein erstes Kind?
Kaller: Ja. Die Eltern sind Galeristen, ein ganz liebes Paar, beide Anfang 30. Früher wären sie alte Eltern gewesen. Heute ist das normal.
ZEIT: Was ist das heute: ein normales Paar?
Kaller: Normal ist heute, dass 80 Prozent der Eltern eine CD mitbringen. Sorgfältig ausgewählte Musik, oft selbst gebrannt. Meistens ist das was Entspannendes, Esoterisches. Ich hatte aber auch schon eine Psychologin, die unbedingt zu Wagners Walküre entbinden wollte. Das sollte der Soundtrack zu ihrer Geburt sein. Und ungefähr die Hälfte meiner Paare bringt eine Flasche Sekt oder Champagner mit. Diese Paare haben auch alle schon zig Ratgeber darüber gelesen, wie ihr Kind durchschläft, wie es gestillt werden muss und optimal gefördert wird. Dabei ist es noch gar nicht geboren. Es wird nicht mehr viel dem Schicksal überlassen.
ZEIT: Und nach der Geburt wird sofort nach dem Sauerstoffgehalt des Blutes gefragt, weil der als erster Indikator für den Lebensweg des Kindes gilt?
Kaller: Ja. Und nach den Apgar-Werten, mit denen wir Hebammen den Zustand des Babys festhalten: Herzfrequenz, Atemantrieb, Reflexe, Muskeltonus, Hautfarbe. Jeweils eine, fünf und zehn Minuten nach der Geburt. Bei dem Burschen heute Nacht lagen die Werte bei 9-10-10. Zweimal Bestnote.
ZEIT: Die Eltern müssen sich also keine Sorgen machen?
Kaller: Nein. Ich mir auch nicht. Wenn der Kleine das Abitur nicht schafft, bin ich nicht schuld.
ZEIT: Erinnern Sie sich noch an die erste Geburt, die Sie als Hebamme begleitet haben?
Kaller: Das waren eigentlich zwei. Meine erste war 1967 im Uni-Klinikum Leipzig, unfreiwillig. Da habe ich eine Frau im Aufzug entbunden. Ich war noch Hebammenschülerin, meine Aufgabe war, die Schwangeren unten aus der Aufnahme abzuholen. Und an dem Tag, an dem ich vom Kreißsaal im dritten Stock runterfuhr, hörte ich die Frau schon schreien. Klang nach Presswehen. Ich habe sie auf einer Trage in den Aufzug geschoben, ihr Mann sagte noch: »Dann kann ich jetzt ja gehen.« So war das damals. Sie rief: »Es drückt! Es drückt!« Ich habe ihr noch den Schlüpfer ausgezogen – und schon kam der Kopf. Da habe ich gedacht: So kannst du das jetzt auch schlecht lassen. Also habe ich das Kind rausgezogen. Als oben die Tür aufging und die Hebammen warteten, schrie das Kindchen schon.
ZEIT: Und die zweite?
Kaller: War meine offiziell erste Geburt, ein Jahr später. Ausgerechnet eine Frau, die ihr dreizehntes Kind bekam. Die hatte mehr Erfahrung als ich.
ZEIT: Also ganz undramatisch.
Kaller: Denken alle. Das war aber ein kleines Krankenhaus tief in Sachsen, der diensthabende Arzt zu Hause, zehn Kilometer entfernt. Das war nicht wie heute: Kontrolle der Herztöne per CTG, Ärzte rund um die Uhr da, Operationssaal nebenan. Da waren nur die Frau, mein Hörrohr und ich. Und es ist so, dass Geburten von Mal zu Mal gefährlicher werden – ganz egal, wie viel Erfahrung die Frau hat.
ZEIT: Warum das?
Kaller: Weil dann, auf gut Deutsch gesagt, nicht mehr alles so straff ist. Es kann sein, dass sich die Gebärmutter nicht mehr richtig zusammenzieht. Dass das Baby in Querlage gerät. Oder sich die Nabelschnur um den Hals legt, weil das Kind mehr Platz hat, sich zu bewegen.
ZEIT: Was haben Sie damals empfunden – und was fühlen Sie heute, wenn Sie einem Kind auf die Welt helfen?
Am schönsten ist der erste Schrei, wenn alles in Ordnung ist. Wenn das Kind von einer Sekunde auf die andere atmet
Kaller: Stolz und Erleichterung, jedes Mal. Wenn ich einer Mutter ihr gesundes Kind in den Arm lege, dann ist das Glück. Weil ich mich darüber freue, was für Unglücke mal wieder nicht eingetreten sind. Diese Dankbarkeit sollte man sich bewahren.
ZEIT: Wie vielen Kindern haben Sie bislang auf die Welt geholfen?
Kaller: Ich weiß es nicht, leider. In meinem ersten Jahr habe ich noch Buch geführt, dann habe ich noch bis 1000 weitergezählt – und irgendwann aufgehört. Eigentlich schade. Ich kann das aber überschlagen: Es müssten jetzt zehntausend sein.
ZEIT: Das ist ein halbes Stadion!
Kaller: Ich habe ja auch über 30 Jahre in Krankenhäusern gearbeitet, im Achtstundenschichtdienst. Da habe ich täglich mehrere Geburten gemacht, auch hier im Virchow. Seit 2001 ist mein Takt ruhiger, damals bin ich Beleghebamme geworden.
ZEIT: Das heißt?
Kaller: Ich mache keinen Schichtdienst mehr hier, sondern bin selbstständig. Frauen, die nicht nach dem Zufallsprinzip mit einer Krankenhaushebamme entbinden wollen, kommen vorher zu mir. Ich betreue sie vor und nach der Geburt. Wie ein Personal Trainer, bei ihnen zu Hause. Ich habe so 120 Paare pro Jahr. Zur Entbindung treffen wir uns hier in der Klinik. Jedenfalls: Wenn ich mal bei einem Freiluftkonzert in der Waldbühne bin, hier in Berlin, und auf die Tribüne gegenüber schaue, dann denke ich: Das könnten alles meine Kinder sein.
ZEIT: Sind Männer im Kreißsaal eigentlich eine Hilfe oder eine Last?
Kaller: Für die Frauen ist es besser, dass ein Mensch dabei ist, der sie liebt. Oft vertieft so ein Erlebnis die Beziehung noch einmal. Ob die Erlebnisse im Kreißsaal aber für jeden Mann immer so toll sind – da bin ich nicht so sicher.
ZEIT: Warum?
Kaller: Der moderne, sensible Mann kommt heute ja mit – und ist manchmal verstört von dem, was er da hört und sieht. Die Frau und ihr Mann haben im Geburtsvorbereitungskurs ja alles geprobt: hier streicheln, da massieren. Aber plötzlich brüllt die Frau nur rum. Oder blutet. Ich sehe dann die Angst in den Augen des Mannes: »Ist das da meine Frau? Ich wusste gar nicht, wie laut die schreien kann.« Verrückt, oder? Jeder Mann weiß, wie laut er schreien kann. Manche Frau erfährt das erst bei einer Geburt. Einige Männer sind dann echt verstört, auch über den Moment hinaus. Ich sag es ungern, aber der Eindruck einer Geburt kann bei manchen Paaren einen bleibenden Schaden hinterlassen. Wenn die Frau blutet, wenn sie reißt. Das gibt zwar keiner offiziell zu, aber bei manchen Paaren ist es dann erst mal ziemlich lange mit dem Sex vorbei.
ZEIT: Angeblich können Frauen im Kreißsaal richtig ausfällig werden.
Kaller: Das gibt es hin und wieder wirklich: »Du Schwein!«, »Du bist schuld, dass ich solche Schmerzen habe!« Oder, wenn er ihr zu oft mit dem Waschlappen kommt: »Lass mich wenigstens jetzt in Ruhe!« Da muss ich die Frauen aber machen lassen. Im Kreißsaal bin ich ihre Vertraute. Ihr tut das in dem Moment ja gut – ihm aber nicht. Ich sage dann immer: »Gehen Sie doch mal einen Kaffee holen.« Vielleicht haben diese Kaffeeautomaten bei uns im Foyer schon manche Ehe gerettet.
ZEIT: Darf ein Mann bei der Geburt seines Kindes heute noch fehlen?
Kaller: Der Druck auf die Männer ist riesig. Wenn ein Mann sagt, er will nicht dabei sein, heißt es sofort: »Was bist du denn für ein Partner? Habt ihr ein Beziehungsproblem?« Wie soll er da rauskommen?
ZEIT: Schon mal einer umgekippt?
Kaller: Nein. Aber wenn ich merke, oh, dem geht’s schlecht, schicke ich ihn raus. Alibi-Erledigungen machen. Manche Männer vertrauen sich mir auch kurz vorher an: »Also, Frau Kaller, ich kann das nicht.« Erst neulich hatte ich so einen. Großer, kräftiger Kerl. Den habe ich auch unter Vorwänden rausgekriegt. Als die Frau in den Presswehen lag, habe ich sie gefragt: »Und? Soll ich Ihren Mann wieder reinholen?« Da war sie aber zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Eine Viertelstunde später bin ich raus auf den Flur und habe ihm gesagt: »Sie können wieder rein zu Ihrer Frau – und: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Sohn!« Da ist er mir um den Hals gefallen und hat gestammelt: »Danke, danke, danke, dass Sie mir das abgenommen haben.«
ZEIT: Können Sie im Kreißsaal erkennen, ob eine Beziehung Zukunft hat oder nicht?
Kaller: Ich kann jedenfalls erkennen, ob Paare gezwungen miteinander umgehen oder nicht. Ob der Mann eher einfühlsam oder gleichgültig ist. Neulich erst, das fand ich ganz süß: Das Baby kam am 6. Dezember, ein Junge, ein Nikolaus. So sollte er dann auch heißen. Als der Vater sah, wie ich die Geburtszeit eintrug, 08.15 Uhr, hat er zu seiner Frau gesagt: »Jetzt haben wir ein 08/15-Kind!« Es gibt aber auch die Gleichgültigen. Die haben tatsächlich ihren Laptop dabei und lesen E-Mails. Da bin ich dann eher skeptisch.
ZEIT: Erfahren Sie je, ob Sie richtiglagen?
Kaller: Nur wenn dieselbe Frau noch mal schwanger ist und mich wieder bucht. Manchmal ist dann ein anderer Mann im Haus. Oder ein Mann bucht mich noch mal – damit ich seine neue, jüngere Frau betreue. Das sind aber zum Glück nicht so viele, die ihre Hebamme behalten, aber die Frau wechseln.
ZEIT: Unterscheiden sich Schwangere nach Nationalitäten?
Kaller: Oh ja! Wobei vielleicht am meisten überrascht, wie sehr die Klischees sich bestätigen. Als ich hier noch Schichtdienst gemacht habe, war mein Eindruck so: Italienerinnen leiden sehr ausdrucksstark. Türkinnen schreien auch extrem. Vermutlich, um den Männern zu zeigen, wie sehr sie leiden. Das ist kulturell. Ein türkischer Vater hat mir mal gesagt: Je mehr eine türkische Frau schreit, also leidet, desto mehr Gold gibt es später. Ob’s stimmt? Ich weiß es nicht. Die Russinnen rufen erstaunlicherweise oft nach ihrer Mutter: »Mamutschka! Mamutschka!« Japanerinnen leiden eher still vor sich hin.
ZEIT: Und die Deutschen?
In den ersten Wochen sieht fast jedes Kind dem Vater ähnlich. Das muss ein Trick sein, damit der Vater dieses Kind auch annimmt
Kaller: Um Selbstdisziplin bemüht. Die sind am programmatischsten.
Auf dem Flur schlurft eine Schwangere im Bademantel vorbei. Aus einem Zimmer nebenan ertönt rhythmisches Rauschen und Pochen – die Herztöne eines Babys, wie man sie über das CTG hört. Das Herz ist das Erste, was die Eltern von ihrem Kind im Ultraschall sehen, ein hüpfender Punkt, den man erkennen kann, lange bevor sich Arme, Beine oder auch das Hirn bildet. Das Leben beginnt mit dem Herz, nicht mit dem Denken. Vielleicht macht das eine Schwangerschaft noch aufregender als ohnehin schon.
Beleghebammen wie Luise Kaller haben einen unverstellten Blick in die Wohn- und Schlafzimmer des Landes, vor allem in die Seelen der Frauen. Kaller hat in den vergangenen Jahren Filmschauspielerinnen und Fernsehmoderatorinnen betreut, sie ist gerade ziemlich gefragt in Berlins kreativen Kreisen – vielleicht, weil sie geradeheraus sagt, was Sache ist. Die Sprossenwand in der Kreißsaalecke? »Ich habe noch nie eine Frau erlebt, die so entbunden hat«, sagt sie. Zwar biete das Krankenhaus längst auch Unterwassergeburten an, einen Maya-Gebärhocker, ein afrikanisches Geburtsseil und ein Geburtsrad, »aber am Ende«, sagt Kaller, »liegen die meisten doch hier im Bett«.
ZEIT: Frau Kaller, wenn Sie, wie durch eine Zeitmaschine, als die junge Hebammenschülerin von 1967 in der Welt von heute landen würden – worüber würden Sie am meisten staunen?
Kaller: Wie viel Normalität in der Schwangerschaft verloren gegangen ist. Auch Spontaneität und Gelassenheit. Ich rede jetzt über die deutsche Mittelschicht aufwärts. Manchmal passiert mir Folgendes: Ich besuche eine Frau in ihrer zwanzigsten Woche zu Hause in ihrer Wohnung – und da hängen die Ultraschallbilder, gerahmt. Da ist das Kind noch Fötus, heißt aber schon Helene oder Maximilian. Eine Frau ist heute nicht mehr nebenbei schwanger. Sie ist nicht mehr nur guter Hoffnung, sondern ebenso sehr in angespannter Erwartung. Konzentriert, fixiert, überinformiert. Ich sage das nicht als Vorwurf an meine Frauen, sondern mit Bedauern. Ich habe lange keine Schwangere mehr erlebt, die von sich aus gesagt hätte: »Och, ich würde das vom Gefühl her jetzt mal so machen.« Das gelingt den Frauen erst, wenn sie sich in meine Obhut begeben haben, sich ein wenig fallen lassen können – auch weil ich ihnen sehr klar sage, was wichtig ist und was nicht.
ZEIT: Warum ist diese Gelassenheit verschwunden?
Kaller: Mittlerweile glaube ich, eine Schwangerschaft ist für viele Frauen heute eine fremde Erfahrung. Nicht nur aus demografischer Sicht. Sie ist schlicht das Gegenteil zum Alltag. Da lässt sich so viel planen, ist jeder jederzeit zu erreichen, sind die Wege im Vorfeld klar, hat man ein Navigationsgerät – aber das Baby da im Bauch, das hat kein Handy, das schreibt auch keine Mail. Das ist ganz nah und unglaublich weit weg. Man hat keinen Einfluss. Früher waren sich Alltag und Schwangerschaft ähnlicher. Auf ein Kind warten und auf die Ernte. Nicht genau wissen, was wird. Das macht die Frauen heute nervös. Deshalb bereiten sie sich besonders akribisch vor.
ZEIT: Die Schwangerschaft als Anschlag aufs gewohnte Leben?
Kaller: Ja. Und dem muss begegnet werden. Es ist nicht selten, dass in der zwanzigsten Schwangerschaftswoche alles da ist: Kinderbettchen, Kinderwagen, Wickelkommode, Kuscheltiere, Bücher. Ich sage den Eltern oft: Geben Sie mir mal Ihre Liste, ich streich Ihnen raus, was Sie nicht brauchen. Was aus Liebe und Vorfreude gekauft wird, lasse ich stehen. Ich finde Lustkäufe ja selbst sehr schön. Was nur aus Sicherheitsdenken gekauft wird, streiche ich weg. Das ist ungefähr die Hälfte.
ZEIT: Was als Erstes?
Kaller: Den Sterilisator fürs Fläschchen. Das Kind muss sein eigenes Immunsystem aufbauen. Außerdem gibt es keine Sterilität. Bakterien sind überall. Als Nächstes rate ich den Eltern, noch mal zu überlegen, ob sie wirklich diese Matratze kaufen wollen, die melden soll, wenn die Atmung des Kindes unruhig wird. Denn diese Matte, die gibt so oft Alarm, dass sie nichts aussagt – aber die Eltern verrückt macht. Am sichersten ist es nach wie vor, das Kind nicht so warm einzupacken. Das ist der einzige Fehler, über den aus meiner Sicht eher zu wenig geredet und geschrieben wird, dieses Überhitzen aus übertriebener Sorge. Ansonsten: den gesunden Menschenverstand walten lassen – und sich in der Geburtsvorbereitung nicht zu viel einreden lassen.
ZEIT: Geburtsvorbereitungskurse scheinen Sie nicht so zu mögen…
Kaller: Ich sage meinen Paaren immer: »Wenn Sie unbedingt wollen, machen Sie einen. Aber wenn es so weit ist, haben Sie sowieso alles wieder vergessen. Ich sage Ihnen dann, was Sie tun sollen.«
ZEIT: Was ist so schlimm daran, sich vorzubereiten?
Kaller: Nichts. Gefährlich ist meiner Erfahrung nach nur das Kategorische, was hier und da gepflegt wird. Auch wenn ich mir jetzt Feinde mache: Diejenigen Frauen, die sich besonders akribisch vorbereitet haben, bis ins kleinste Detail, die kommen so kopfgesteuert im Kreißsaal an, dass sie kaum loslassen können. Die haben Wehensingen gelernt und sind verunsichert, wenn sie merken, dass sie doch nur schreien. Ich sage dann immer: Singen oder schreien – egal! Hauptsache, laut. Man kann nicht oben schreien und unten zukneifen. Aber viele Frauen sind verunsichert, wenn es nicht nach dem Programm aus ihrem Kurs abläuft. Die haben richtige Versagensängste. Und nachher quälen sie sich mit Fragen. Wieso habe ich das mit der Hockstellung nicht hingekriegt? Warum habe ich eine örtliche Betäubung gebraucht? Wie schade, wenn das erste Gefühl, dass sie mit der Geburt, mit ihrem Kind verbinden, Scham ist. Ich muss im Kreißsaal immer öfter trösten: »Keine Frau versagt bei der Geburt.« Eine Geburt ist doch kein Selbstzweck. Das Ergebnis ist wichtig, das Kind.
ZEIT: Jetzt klingen Sie ja richtig sauer.
Kaller: Weil ich mittlerweile glaube, dass so schlimmstenfalls der Grundstein für eine Depression gelegt wird. Man vergisst das ja schnell, aber: Das Leben einer Schwangeren verändert sich so richtig erst nach der Geburt, dann aber grundlegend. Wer vorher schon glaubt, es gebe nur richtig und falsch, und wer alles auf sich bezieht, jedes Gelingen und jedes Misslingen, der fällt schnell in ein tiefes Loch. Mein Kind schläft nicht durch, was mache ich falsch? Es müsste längst krabbeln! Beruflich habe ich alles geschafft – aber mein Kind schafft mich? Man kommt besser damit zurecht, wenn man sich nicht zu viel vornimmt.
ZEIT: Ist das insbesondere ein Phänomen unter Akademikerinnen?
Kaller: Eindeutig. Es gibt unter meinen Kundinnen keine Frau, die sich zu wenig um ihr Kind gekümmert hätte. In der Nachbetreuung ist mein Job als Hebamme heute eher, die Frauen zu ermuntern, Frauen zu bleiben – nicht nur Mütter zu sein. Ich lobe sie fast mehr dafür, wie gut sie aussehen, für ihre Haare, für ihr Make-up, falls sie es noch benutzen, als dafür, wie gut sie ihr Kind wickeln. Oder ich rate ihnen vorsichtig, dass sie sich mal wieder hübsch machen könnten. Sonst rutscht das alles auf so eine kindliche Ebene, der ganze Haushalt. Die andere Seite der Medaille sehe ich manchmal bei Frauen, die vor der Geburt erfolgreich in Büroberufen waren, die auch ihr Privatleben gern klar strukturieren: Die liegen nach vier Wochen völlig fertig auf dem Sofa und sagen: »So. Jetzt habe ich kapiert, dass mein Kind hier den Rhythmus vorgibt, nicht ich.« Davor habe ich denen zigmal gesagt: »Legen Sie sich auch mal hin, wenn Ihr Kind mittags schläft.« – »Nein, Mittagsschlaf mache ich nie.« Diese Frauen brauchen am längsten, bis sie bereit sind, mal abends um acht mit dem Kind ins Bett zu gehen. Ich denke, beides hat seinen Ursprung darin, dass die Frau sich zu viel vorgenommen hat. Oder ihr zu viel eingeredet wurde.
ZEIT: Welche Entwicklung besorgt Sie am meisten?
Der moderne, sensible Mann kommt heute mit in den Kreißsaal und ist manchmal verstört von dem, was er da hört und sieht
Kaller: Dass hier in Berlin, in manchen Szenevierteln, Hausgeburten wieder in sind. Die sogenannte selbstbestimmte Geburt – von der ich vermute, dass sie nicht immer selbstbestimmt ist, sondern manchmal nur eingeredet. Alles ganz natürlich? Wir leben im 21. Jahrhundert. Wir lassen uns die Zähne doch auch nicht mehr ohne Betäubung ziehen. Warum bei einer Geburt alles sich selbst überlassen? Es passiert nicht selten, dass Frauen mit Blaulicht zu uns ins Krankenhaus gebracht werden, weil bei ihrer Hausgeburt etwas schiefgelaufen ist. Das Kind ist dann nur noch per Notkaiserschnitt zu retten. Und was sagen die Hebammen im Geburtshaus dann in ihrem nächsten Vorbereitungskurs? Im Krankenhaus machen die so viele Kaiserschnitte!
ZEIT: Stimmt das nicht – wenn auch aus anderen Gründen? Beim Kaiserschnitt, heißt es, sei der Arzt juristisch eher auf der sicheren Seite.
Kaller: Ja, das stimmt. Weil die Frau vorher über die Risiken aufgeklärt wird und unterschreibt. Aber ist das schlimm? Es sterben doch nicht reihenweise Frauen wegen eines Kaiserschnittes. Manche überleben aber deswegen. Ich sage Ihnen was: Für mich ist das eine typisch deutsche Debatte um Prinzipien. Um Leistung und Leiden. Das fängt an bei der PDA, der Periduralanästhesie…
ZEIT: …bei der die Frau durch eine Spritze ins Rückenmark örtlich betäubt wird, hochumstritten…
Kaller: …die in Frankreich aber fast jede Frau von vornherein bekommt. Vielleicht kriegen die Französinnen auch deshalb mehr Kinder. Weil das Ganze da nicht so verbissen gesehen wird. Wir Deutschen legen zwischen technisiertem Alltag und Schwangerschaft den weitesten Weg zurück. Freiwillig.
ZEIT: Ist Ihre Zunft so gespalten, wie sich das anhört?
Kaller: Leider. Hebamme ist ja ein uralter Beruf, der über Jahrhunderte kaum Berührungspunkte mit Krankenhäusern hatte. Als ich junge Hebamme in Sachsen war, waren die alten Kolleginnen übrigens auch noch gegen Krankenhausgeburten eingestellt – weil sie sich mit dem Ende der Hausgeburten von den Ärzten etwas sagen lassen mussten. Die meisten haben das als Ende ihrer Eigenständigkeit empfunden. Ich denke, die alternativen Hebammen möchten diesem Zugriff wieder entgehen.
ZEIT: Wenn die, die sich auf früher berufen, sich alternativ nennen, was sind Sie dann eigentlich?
Kaller: Seit mir eine Frau mal gesagt hat, ich sei ihr zu preußisch, nenne ich mich mit Freuden so: eine preußische Hebamme.
ZEIT: Das riecht ja förmlich nach Krankenhaus.
Kaller: Ich habe kein Problem damit, eine Frau zu Hause zu entbinden. Ich habe das auch schon gemacht. Wenn es zu spät war, sie in die Klinik zu bringen. Auto in der zweiten Reihe geparkt, Warnblinker an, die Treppen hoch… Ich gebe zu, dass sich das gut anfühlt.
ZEIT: Was, wenn die alternativen Hebammen jetzt sagen: Es geht also doch außerhalb der Klinik!
Kaller: Dann sage ich: Hundert Mal geht es gut, aber einmal nicht. Und zu diesem einen Mal will ich keine Frau ermuntert haben.
ZEIT: Stimmt es eigentlich, dass Frauen schon Wunschkaiserschnitte beantragen, nur damit das Sternzeichen ihres Kindes passt?
Kaller: Ja, und das ist auch mir zu exzentrisch. Mittlerweile sagen die Ärzte in den Krankenhäusern aber: Wenn wir’s nicht machen, geht die Frau woandershin.
ZEIT: Was dazu geführt hat, dass inzwischen fast jede dritte Schwangerschaft per Kaiserschnitt beendet wird.
Kaller: Und das hat nicht immer medizinische Gründe. Da spielen auch die Ängste eine Rolle, über die wir schon gesprochen haben. Ängste vor Schmerzen. Ängste vor Risiken.
ZEIT: Wie oft plädieren Sie für einen Kaiserschnitt?
Kaller: Bei meinen 120 Frauen pro Jahr 20-, maximal 30-mal. Bei komplizierten Mehrlingsschwangerschaften, bei Beckenendlagen, bei einigen Spätgebärenden. Neulich hatte ich eine 48-Jährige, erstgebärend. Die Frau hatte viele Fehlgeburten hinter sich und irgendwann beschlossen: »Dann soll es wohl nicht sein.« Plötzlich war sie schwanger, auf natürlichem Wege. Wir wollten spontan entbinden. Aber dann ging sie eine Woche über Termin, das Kind wuchs und wuchs. Da haben wir entschieden: »48 Jahre, erstes Kind, lieber nichts riskieren…«
ZEIT: Unter Lehrern heißt es, Kinder, die per Kaiserschnitt zur Welt kamen, haben nicht gelernt, sich durchzusetzen.
Kaller: Ich bin kein Lehrer, aber ich glaube, das ist Quatsch.
ZEIT: Und der Volksglaube, dass es sich bei ihnen um Schreikinder handelt?
Kaller: Da ist was dran. Man vermutet, dass sie Probleme am Atlas haben, dem ersten Halswirbel. Weil beim Rausheben aus dem Mutterleib der Kopf angehoben werden muss. Das gleiche Phänomen gibt es auch bei Kindern, deren Kopf bei einer spontanen Geburt großem Druck aufs Becken ausgesetzt war. Ich habe es jedenfalls öfter erlebt, dass es nach einem Besuch beim Osteopathen besser war.
ZEIT: Der Philosoph Peter Sloterdijk sagt, unser Umgang mit Schwangerschaften sei geprägt von Skepsis, von Angst, »wenn man sich klarmacht, dass wir geschultes Personal vor jedem Geburtskanal platzieren und dazu anleiten, die sich ankündigenden Einwanderer so früh wie möglich auf ihre Integrationsfähigkeit hin zu befragen«.
Die Frauen fragen mich Sachen, die sie sonst niemanden fragen. Nicht ihren Arzt, nicht ihren Mann, nicht ihre Mutter
Kaller: Das ist seine Theorie. In der Praxis erlebe ich es so: Bevor es all die Untersuchungen gab, Ultraschall, Feindiagnostik, habe ich viel öfter Kinder ohne Schädeldecke oder mit derart schweren Herzfehlern zur Welt gebracht, dass ich sie ihren Müttern nur noch zum Sterben auf die Brust legen konnte. Wem ist damit geholfen? Auch wenn ich früher einer Frau – begleitet von vielen sanften Worten – ihr Kind mit Kiefergaumenspalte übergeben habe, hat sie oft erst einmal psychische Probleme bekommen. Heute weiß sie, was sie erwartet. Sie hat von den Ärzten Bilder gezeigt bekommen. Auch Bilder, wie einfach diese Gaumenspalte zu beheben ist. Und nebenan, in der Kinderklinik, ist die Operation quasi schon vorbereitet.
ZEIT: Oder das Kind wird abgetrieben.
Kaller: Das ist der Preis des Wissens, ja. Es kommen zum Beispiel kaum noch Kinder mit Trisomie 21 zur Welt. Ich bin da hin- und hergerissen. Ich sage allen Paaren: »Macht diese Untersuchungen nur, wenn ihr wisst, wie ihr mit dem Ergebnis umgeht.« Sonst kommt es zur Gewissenskatastrophe.
ZEIT: In welchen Fällen raten Sie von einer Abtreibung ab?
Kaller: Für mich persönlich wäre es kein Grund, dass ein Kind jetzt einfach nicht passt. Es gibt genug Möglichkeiten, nicht schwanger zu werden. Außerdem: Lippengaumenspalte kann man behandeln. Loch im Zwerchfell, was früher lebensgefährlich war, auch.
ZEIT: Sind Sie bei einer Abtreibung dabei?
Kaller: Ich bin nicht dazu verpflichtet. Aber ich finde: Eine Frau, die ich betreut habe, hat ein Recht auf mich. Ich bin dann da. Und ich mache am Ende das Kind ein wenig hübsch, es ist ja so ein kleines Ding von 400, 500 Gramm, ich wickle es ein und lege es in ein Körbchen, das wir hier extra dafür haben. Früher wurde der Frau ein Tuch vor den Unterleib gehalten, und das Kind kam weg, sofort. Ich glaube, die Frauen kommen besser darüber hinweg, wenn sie Abschied genommen haben.
ZEIT: Warum macht kein Mann Ihren Job?
Kaller: Ich glaube, in den Tagen, Wochen, Monaten rund um die Geburt ist die Hebamme eine einzigartige Vertrauensperson. Intim und doch objektiv. Meine Frauen fragen mich Sachen, die sie sonst niemanden fragen. Nicht ihren Arzt, nicht ihren Mann, nicht ihre Mutter.
ZEIT: Zum Beispiel?
Kaller: Muss ich sofort nach der Geburt Muttergefühle haben? Und wie fühlen die sich an? Sind meine Stimmungsschwankungen normal? Ich will noch immer nicht mit meinem Mann schlafen, ist das schlimm? Oder: Ich habe schon wieder Lust auf Sex, ist das in Ordnung?
ZEIT: Sind Sie je in Ihrem Leben einer männlichen Hebamme begegnet?
Kaller: Nie. Meines Wissens gibt es in Deutschland aber zwei oder drei.
ZEIT: Die heißen doch wohl nicht Hebammer?
Kaller: Entbindungspfleger. Wenn hier in der Klinik eine Stelle ausgeschrieben ist, steht da immer: »Wir suchen eine Hebamme/einen Entbindungspfleger.« Meldet sich aber keiner.
ZEIT: Wir haben vorab im Wörterbuch nachgesehen: Hebamme ist tatsächlich eines der wenigen Wörter, für die es in der deutschen Sprache kein Maskulinum gibt.
Kaller: Und ein Beruf, der Männern lange fremd erschien. Da ist eine Frau, die mit ihren Frauen Geheimnisse teilt. Im Mittelalter waren Hebammen oft Opfer von Hexenverbrennungen.
ZEIT: Ist heute noch irgendetwas von dieser Furcht und Faszination gegenüber Ihrem Beruf zu spüren?
Kaller: Meine Paare staunen oft, dass ich das Gewicht ihrer Kinder vor der Geburt fast immer genauer schätze als der Ultraschall. Durch Tasten. Das ist meine innere Wette jedes Mal: Wer gewinnt – Maschine oder Mensch? Heute Nacht habe ich auch nur zehn Gramm danebengelegen.
ZEIT: Im Lexikon stand auch, dass sich das Wort Hebamme vom althochdeutschen Hebiana herleitet und die Ahnin meint, die das Kind heraushebt – ursprünglich die Großmutter. Wie ist das heute: Herrscht eher Einvernehmen oder Konkurrenz zwischen Großmüttern und Hebammen?
Kaller: Konkurrenz, ganz klar. Neulich hatte ich eine Frau hier, die quälte sich so. Ich wollte ihr eigentlich eine PDA machen – aber ihre Mutter war mit im Kreißsaal und sagte: »Nein. Ich habe damals in einer halben Stunde entbunden, und meine Tochter schafft das auch.«
ZEIT: Sind Mütter im Kreißsaal komplizierter als Männer?
Kaller: Allerdings. Dadurch, dass viele Erstgebärende heute schon älter sind, haben sie Mütter, die auch nicht mehr gerade jung sind. Oft 60, 70. Und die hatten noch ganz andere Geburtserlebnisse, waren auch anderen Moden unterworfen. Flasche oder Brust? Babys auf dem Bauch oder auf dem Rücken schlafen lassen? Eine Mutter will ihrer schwangeren Tochter helfen, indem sie von ihrer eigenen Geburt damals erzählt. Was aber, wenn das für die Tochter wie eine Geschichte aus der Urzeit klingt? Und wenn alles, was die Tochter von heute erzählt, für die Mutter als Anklage zu verstehen ist? Dann sagt die Mutter: »Wir haben früher also alles falsch gemacht…« Das geht schnell ans Eingemachte. Es gibt nicht mehr viel Gemeinsames.
ZEIT: Dann lassen Sie uns kurz ein paar dieser Streitfragen klären. Sollte eine Schwangere ihr Kind schon vor der Geburt Musik hören lassen – mit einer Spieluhr auf dem Bauch?
Kaller: Die Frage ist, ob das Kind viel davon hört. Im Bauch ist ja schon eine enorme Geräuschkulisse. Das Kind hört den eigenen Herzschlag, den Herzschlag der Mutter, das Rauschen des Blutes, das Grummeln des Darmes – und das Fruchtwasser leitet den Schall. Der Lärm liegt dann bei 75 Phon. Das ist irgendwas zwischen einer Unterhaltung in Zimmerlautstärke und Discolärm.
ZEIT: Muss eine Frau unbedingt stillen?
Kaller: Ich bin sehr fürs Stillen. Die meisten Frauen wollen das heute auch. Wenn eine Frau aber gar nicht stillen will oder nicht kann, dann versuche ich auch nicht, sie zu überreden. Mir ist eine entspannte Mutter mit Flasche lieber als eine gestresste, die sich beim Stillen quält.
ZEIT: Und dann noch: Wohin mit dem Mutterkuchen?
Kaller: Also, ich würde ihn ja in der Klinik lassen. Aber da gibt es, wenn auch selten, die tollsten Sachen. Manche lassen ihn trocknen und machen Pulver daraus oder homöopathische Globuli. Manche schmieren sich ihn als Creme ins Gesicht, wegen der Hormone. Und andere nehmen die Plazenta mit nach Hause, vergraben sie im Garten und pflanzen einen Baum drauf. Wie früher, als zu Hause entbunden wurde. Was machte man dann mit dem Mutterkuchen? Man entsorgte ihn im Garten.
ZEIT: Worüber freuen sich die Paare heute mehr, über einen Jungen oder ein Mädchen?
Kaller: Ich hatte Paare, die bei mir ihren dritten Jungen bekommen und sich riesig gefreut haben. Und beim vierten Mädchen auch. Manchmal habe ich aber das Gefühl, wenn es in der Beziehung nicht so stimmt oder wenn die Frau allein kommt, dann ist sie glücklicher mit einem Mädchen. Ja, bei Alleinerziehenden kommt mir das so vor.
ZEIT: Wer möchte lieber einen Jungen?
Kaller: In meiner Zeit hier in der Klinik war es schon oft augenscheinlich, dass sich mancher türkische oder arabische Vater mehr über einen Sohn gefreut hat.
ZEIT: Wie belegen Sie das?
Kaller: Na, wenn’s ein Mädchen war, hat er sich zwar auch gefreut, aber stiller, mit seiner Frau. Wenn’s ein Junge war, ist er raus auf den Flur, um die ganze Familie reinzuholen. Sodass ich als Hebamme erst einmal sagen musste: »Moment mal, lassen Sie mich doch erst Ihre Frau zudecken.« Es geht ja um die Frau. Für manche Frau habe ich mich dann auch sehr gefreut, wenn’s endlich ein Junge war. Sonst lag die nämlich ein Jahr später wieder hier.
ZEIT: Wie ist es mit Ähnlichkeiten? Beugen sich alle sofort über das Baby und sagen: »Oh, ganz…«
Kaller: …der Vater! Ich kann mir das nicht erklären, aber in den ersten Wochen sieht fast jedes Kind dem Vater ähnlich. Jedenfalls empfinden alle das so, ich auch. Besonders wenn das Kind schläft und ich es im Profil betrachte. Das muss ein Trick sein, damit der Vater dieses Kind auch annimmt.
ZEIT: Wie oft entbinden Sie ganz offensichtlich ein Kuckuckskind?
Kaller: Dass ich das merke? Selten. Das sind die traurigsten Geschichten. Einmal hat eine Frau ihr Baby im Krankenhaus gelassen. Sie hatte ihrem Mann nach der Geburt gestanden, dass ihr Junge nicht von ihm ist. Er hat dann gesagt: »Du darfst nach Hause kommen, das Kind aber nicht.« Die Frau hat eine schwere Psychose bekommen und ist eingewiesen worden. Ein Ärztepaar hat das Kind dann später adoptiert.
ZEIT: Sie haben selbst zwei Söhne. Wovor haben Sie sich bei Ihren eigenen Geburten am meisten gefürchtet?
Kaller: Ich bin nicht Fahrstuhl gefahren, weil ich Angst hatte, stecken zu bleiben. Ansonsten: Ich habe halt so vor mich hin gelitten.
ZEIT: Was ist Hebamme nun für ein Beruf, Frau Kaller? Ein Job wie jeder andere? Oder Berufung?
Kaller: Es ist einer der elementarsten Berufe, die es gibt. Vielleicht ist die Geburt der gefährlichste Lebensabschnitt überhaupt – aber sie bedeutet in aller Regel Leben. Ich hatte als Mädchen auch überlegt, Kinderkrankenschwester zu werden. Aber da wäre ich dem Tod begegnet. Heute denke ich zwar manchmal: Warum bin ich bloß Hebamme geworden? Warum dieses Leben auf Abruf? Wieso stehe ich schon wieder um zwei Uhr nachts auf? Aber wenn ich dann ins Krankenhaus rase, manchmal über Rot, ist das vergessen. Ich habe ja sogar meine eigenen Enkel entbunden, ganz gegen meinen Ratschlag, dass Mütter nicht im Kreißsaal dabei sein sollten. Und erst recht keine Schwiegermütter.
ZEIT: Was ist für Sie das Schönste an einer Geburt?
Kaller: Der erste Schrei. Wenn alles in Ordnung ist. Wenn ich der Mutter das Kind auf den Bauch lege, ist das wunderschön. Da bin ich selbst ganz euphorisch. Für mich ist das jedes Mal ein Wunder, nach wie vor: dass dieses Kind im Mutterleib vieles noch nicht macht, nicht allein existieren kann, aber dann ist es raus, und von einer Sekunde auf die andere atmet es. Das habe ich heute Nacht auch wieder gedacht.
Das Gespräch führten Tina Hildebrandt und Henning Sußebach
- Datum 02.01.2010 - 18:40 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.12.2009 Nr. 01
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interview - danke!
...endlich ein Stück Normalität in unserer verrückten Gesellschaft!
aber auch bedenklich
"Diese Paare haben auch alle schon zig Ratgeber darüber gelesen, wie ihr Kind durchschläft, wie es gestillt werden muss und optimal gefördert wird."
Ja und heraus kommt die jetzige dt. Jugend. Nicht belastbar, kaum Bildung und Komasaufen bis der Arzt kommt. Die meisten Kinder sind doch mit 5 Jahren schon kurz vor dem Burnout und die Eltern wundern sich, dass die Bombe dan um die 14 Jahre platzt.
Wie mein ehemaliger Kollege berichtete, sind bei seiner Tochter in der 2.Klasse 80 Prozent der Kinder in psychologischer Behandlung und auf Medikation. Und nein es ist keine Sonderschule.
Diese Pauschalverurteilung der heutigen Jugend erscheint mir an dieser Stelle unpassend. Zudem entbehrt sie jeder Grundlage und ist schlichtweg diffamierend.
Das Interview hingegen ist wunderbar bodenständig und offenkundig vorurteilsfrei. Vielen Dank dafür!
Diese Pauschalverurteilung der heutigen Jugend erscheint mir an dieser Stelle unpassend. Zudem entbehrt sie jeder Grundlage und ist schlichtweg diffamierend.
Das Interview hingegen ist wunderbar bodenständig und offenkundig vorurteilsfrei. Vielen Dank dafür!
Finde das Interview auch sehr schön, stellt den meines Erachtens Wahnsinn um die Geburt auch schön dar, so ungefähr, wie ich mir das auch schon vorher gedacht hab.
Besonders schön die Kritik an diese Überinformiertheit und insbesondere der Hinweis auf die nicht vorhandene permanent sterile Umgebung. Ich will irgendwann zumindest kein Kind, dass zig Allergien hat, weil ich zuviel Geld in überflüssige Baby Health Produkte gesteckt habe.
Diese Pauschalverurteilung der heutigen Jugend erscheint mir an dieser Stelle unpassend. Zudem entbehrt sie jeder Grundlage und ist schlichtweg diffamierend.
Das Interview hingegen ist wunderbar bodenständig und offenkundig vorurteilsfrei. Vielen Dank dafür!
sie haben mir wirklich aus der Seele gesprochen!
Ich erlebe mit meinen drei Kindern oft, wie überbesorgt und leider auch verunsichert einige Eltern sind.
Ich kenne eine werdende Mutter, die im 6. Monat schon Hunderte Euro für Babykleidung ausgegeben hat, ganz zu schweigen vom Babybett und den anderen Gegenständen, die sich makellos zu den restlichen Möbeln ihrer Wohnung gesellen. Manchmal kommt es mir vor, als erwarteten manche Eltern ein Statussymbol, das dann im 800€ Kinderwagen durch den Park geschoben wird.
Ist es dem Neugeborenen nicht schnurzegal, ob es in ein kuscheliges Handtuch oder die zur Wickelkommode passende Decke gewickelt ist?
Stichwort Kurse: Als ich mich beim Rückbildungskurs nach meiner 2. Schwangerschaft gegen die Babymassage im Anschluss daran entschied, erntete ich sowohl von der Hebamme als auch von anderen Müttern verständnislose Blicke. Als ob ich, wenn ich mein Kind nur zu Hause streichelte, eine unbesorgtere Mutter wäre.
Ich sah mich eh einer wahren Kursflut vor und nach Geburt gegenüber; Vorbereitungskurs, Geschwisterkurs, Babyschwimmen, Pekip... Ich glaube, dass diese Kurse eher die Finanzen des Anbietern auffrischen als das sie wirklich notwendig für die Mütter/Babys wären.
Ähnlich die Ratgeberliteratur; liest man drei oder vier Bücher, stehen einem danach nicht selten die Haare zu Berge aufgrund der sich widersprechenden Aussagen. Also Mütter, Väter, Kinder - wieder mehr Vertrauen in den gesunden Menschenverstand!
ist angemessen und kein Statussymbol. Studieren Sie doch mal die Aufpreisliste der Deutschen Automobilhersteller.
Bsp.: 17" statt 15" Felgen beim Golf: 1000 Euro, Standheizung kostet schon mehr als 1200 Euro.
meine Mutter hat mir damals mit auf den Weg gegeben, dass es früh genug für Großeinkäufe ist, wenn das Baby da ist. Im Krankenhaus bekommt man ohnehin Sachen zum Anziehen und für zuhause reicht eine kleine Grundausstattung. Den Wagen haben natürlich Oma und Opa bezahlt :-))).
Ansonsten halte ich es nicht nur für die Mütter katastrophal sondern auch für die Gesellschaft, dass uns zunehmend die Instinkte aberzogen werden. Eine instinktlose Gesellschaft ist gefährdet, dauernd neuen Modeschwankungen unterworfen, bietet ständig Platz für neue "Experten", die insbesondere aus den Frauen wehrlose Opfer machen. Gute Beispiele dafür sind die Naturmedizin, in der sich früher fast alle Landfrauen auskannten, oder aber das Stillen. Letzteres wurde insbesondere in den 60-ern gern den Frauen ausgeredet, damit die Babynahrungsindustrie Fuß fassen konnte.
Zurück zur Natur stimmt nicht immer - wie oben genannt. Wir lassen uns auch nicht die Zähne ohne Betäubung ziehen. Aber zurück zu den Instinkten, zu dem eindringlichen Gefühl für das Richtige statt dem Angesagten, das ist in der Gesellschaft dringend notwendig.
ist angemessen und kein Statussymbol. Studieren Sie doch mal die Aufpreisliste der Deutschen Automobilhersteller.
Bsp.: 17" statt 15" Felgen beim Golf: 1000 Euro, Standheizung kostet schon mehr als 1200 Euro.
meine Mutter hat mir damals mit auf den Weg gegeben, dass es früh genug für Großeinkäufe ist, wenn das Baby da ist. Im Krankenhaus bekommt man ohnehin Sachen zum Anziehen und für zuhause reicht eine kleine Grundausstattung. Den Wagen haben natürlich Oma und Opa bezahlt :-))).
Ansonsten halte ich es nicht nur für die Mütter katastrophal sondern auch für die Gesellschaft, dass uns zunehmend die Instinkte aberzogen werden. Eine instinktlose Gesellschaft ist gefährdet, dauernd neuen Modeschwankungen unterworfen, bietet ständig Platz für neue "Experten", die insbesondere aus den Frauen wehrlose Opfer machen. Gute Beispiele dafür sind die Naturmedizin, in der sich früher fast alle Landfrauen auskannten, oder aber das Stillen. Letzteres wurde insbesondere in den 60-ern gern den Frauen ausgeredet, damit die Babynahrungsindustrie Fuß fassen konnte.
Zurück zur Natur stimmt nicht immer - wie oben genannt. Wir lassen uns auch nicht die Zähne ohne Betäubung ziehen. Aber zurück zu den Instinkten, zu dem eindringlichen Gefühl für das Richtige statt dem Angesagten, das ist in der Gesellschaft dringend notwendig.
geht nicht ins Rückenmark, das klarzustellen, nimmt vielleicht vielen die Angst davor. Und darum ist ist sie auch nicht hochumstritten. Auch an dieser Stelle hätten sich die Interviewer der Äußerung einer eigenen, ängstlichen, Meinung enthalten können.
Ansonsten ist dies ein wunderbares Interview und einer der besten Beiträge, die ich seit langem in der Zeit gelesen habe.
Hochinteressanter Artikel, hochinteressante Frau!
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