Geburten »Singen oder Schreien – egal! Hauptsache, laut«Seite 6/6

Kaller: Die Frage ist, ob das Kind viel davon hört. Im Bauch ist ja schon eine enorme Geräuschkulisse. Das Kind hört den eigenen Herzschlag, den Herzschlag der Mutter, das Rauschen des Blutes, das Grummeln des Darmes – und das Fruchtwasser leitet den Schall. Der Lärm liegt dann bei 75 Phon. Das ist irgendwas zwischen einer Unterhaltung in Zimmerlautstärke und Discolärm.

ZEIT: Muss eine Frau unbedingt stillen?

Kaller: Ich bin sehr fürs Stillen. Die meisten Frauen wollen das heute auch. Wenn eine Frau aber gar nicht stillen will oder nicht kann, dann versuche ich auch nicht, sie zu überreden. Mir ist eine entspannte Mutter mit Flasche lieber als eine gestresste, die sich beim Stillen quält.

ZEIT: Und dann noch: Wohin mit dem Mutterkuchen?

Kaller: Also, ich würde ihn ja in der Klinik lassen. Aber da gibt es, wenn auch selten, die tollsten Sachen. Manche lassen ihn trocknen und machen Pulver daraus oder homöopathische Globuli. Manche schmieren sich ihn als Creme ins Gesicht, wegen der Hormone. Und andere nehmen die Plazenta mit nach Hause, vergraben sie im Garten und pflanzen einen Baum drauf. Wie früher, als zu Hause entbunden wurde. Was machte man dann mit dem Mutterkuchen? Man entsorgte ihn im Garten.

ZEIT: Worüber freuen sich die Paare heute mehr, über einen Jungen oder ein Mädchen?

Kaller: Ich hatte Paare, die bei mir ihren dritten Jungen bekommen und sich riesig gefreut haben. Und beim vierten Mädchen auch. Manchmal habe ich aber das Gefühl, wenn es in der Beziehung nicht so stimmt oder wenn die Frau allein kommt, dann ist sie glücklicher mit einem Mädchen. Ja, bei Alleinerziehenden kommt mir das so vor.

ZEIT: Wer möchte lieber einen Jungen?

Kaller: In meiner Zeit hier in der Klinik war es schon oft augenscheinlich, dass sich mancher türkische oder arabische Vater mehr über einen Sohn gefreut hat.

ZEIT: Wie belegen Sie das?

Kaller: Na, wenn’s ein Mädchen war, hat er sich zwar auch gefreut, aber stiller, mit seiner Frau. Wenn’s ein Junge war, ist er raus auf den Flur, um die ganze Familie reinzuholen. Sodass ich als Hebamme erst einmal sagen musste: »Moment mal, lassen Sie mich doch erst Ihre Frau zudecken.« Es geht ja um die Frau. Für manche Frau habe ich mich dann auch sehr gefreut, wenn’s endlich ein Junge war. Sonst lag die nämlich ein Jahr später wieder hier.

ZEIT: Wie ist es mit Ähnlichkeiten? Beugen sich alle sofort über das Baby und sagen: »Oh, ganz…«

Kaller: …der Vater! Ich kann mir das nicht erklären, aber in den ersten Wochen sieht fast jedes Kind dem Vater ähnlich. Jedenfalls empfinden alle das so, ich auch. Besonders wenn das Kind schläft und ich es im Profil betrachte. Das muss ein Trick sein, damit der Vater dieses Kind auch annimmt.

ZEIT: Wie oft entbinden Sie ganz offensichtlich ein Kuckuckskind?

Kaller: Dass ich das merke? Selten. Das sind die traurigsten Geschichten. Einmal hat eine Frau ihr Baby im Krankenhaus gelassen. Sie hatte ihrem Mann nach der Geburt gestanden, dass ihr Junge nicht von ihm ist. Er hat dann gesagt: »Du darfst nach Hause kommen, das Kind aber nicht.« Die Frau hat eine schwere Psychose bekommen und ist eingewiesen worden. Ein Ärztepaar hat das Kind dann später adoptiert.

ZEIT: Sie haben selbst zwei Söhne. Wovor haben Sie sich bei Ihren eigenen Geburten am meisten gefürchtet?

Kaller: Ich bin nicht Fahrstuhl gefahren, weil ich Angst hatte, stecken zu bleiben. Ansonsten: Ich habe halt so vor mich hin gelitten.

ZEIT: Was ist Hebamme nun für ein Beruf, Frau Kaller? Ein Job wie jeder andere? Oder Berufung?

Kaller: Es ist einer der elementarsten Berufe, die es gibt. Vielleicht ist die Geburt der gefährlichste Lebensabschnitt überhaupt – aber sie bedeutet in aller Regel Leben. Ich hatte als Mädchen auch überlegt, Kinderkrankenschwester zu werden. Aber da wäre ich dem Tod begegnet. Heute denke ich zwar manchmal: Warum bin ich bloß Hebamme geworden? Warum dieses Leben auf Abruf? Wieso stehe ich schon wieder um zwei Uhr nachts auf? Aber wenn ich dann ins Krankenhaus rase, manchmal über Rot, ist das vergessen. Ich habe ja sogar meine eigenen Enkel entbunden, ganz gegen meinen Ratschlag, dass Mütter nicht im Kreißsaal dabei sein sollten. Und erst recht keine Schwiegermütter.

ZEIT: Was ist für Sie das Schönste an einer Geburt?

Kaller: Der erste Schrei. Wenn alles in Ordnung ist. Wenn ich der Mutter das Kind auf den Bauch lege, ist das wunderschön. Da bin ich selbst ganz euphorisch. Für mich ist das jedes Mal ein Wunder, nach wie vor: dass dieses Kind im Mutterleib vieles noch nicht macht, nicht allein existieren kann, aber dann ist es raus, und von einer Sekunde auf die andere atmet es. Das habe ich heute Nacht auch wieder gedacht.

Das Gespräch führten Tina Hildebrandt und Henning Sußebach

 
Leser-Kommentare
    • atride
    • 02.01.2010 um 19:01 Uhr
    1. tolles

    interview - danke!

  1. ...endlich ein Stück Normalität in unserer verrückten Gesellschaft!

    Eine Leser-Empfehlung
    • lepkeb
    • 02.01.2010 um 20:48 Uhr

    aber auch bedenklich

    "Diese Paare haben auch alle schon zig Ratgeber darüber gelesen, wie ihr Kind durchschläft, wie es gestillt werden muss und optimal gefördert wird."

    Ja und heraus kommt die jetzige dt. Jugend. Nicht belastbar, kaum Bildung und Komasaufen bis der Arzt kommt. Die meisten Kinder sind doch mit 5 Jahren schon kurz vor dem Burnout und die Eltern wundern sich, dass die Bombe dan um die 14 Jahre platzt.
    Wie mein ehemaliger Kollege berichtete, sind bei seiner Tochter in der 2.Klasse 80 Prozent der Kinder in psychologischer Behandlung und auf Medikation. Und nein es ist keine Sonderschule.

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    Diese Pauschalverurteilung der heutigen Jugend erscheint mir an dieser Stelle unpassend. Zudem entbehrt sie jeder Grundlage und ist schlichtweg diffamierend.
    Das Interview hingegen ist wunderbar bodenständig und offenkundig vorurteilsfrei. Vielen Dank dafür!

    Diese Pauschalverurteilung der heutigen Jugend erscheint mir an dieser Stelle unpassend. Zudem entbehrt sie jeder Grundlage und ist schlichtweg diffamierend.
    Das Interview hingegen ist wunderbar bodenständig und offenkundig vorurteilsfrei. Vielen Dank dafür!

  2. Finde das Interview auch sehr schön, stellt den meines Erachtens Wahnsinn um die Geburt auch schön dar, so ungefähr, wie ich mir das auch schon vorher gedacht hab.
    Besonders schön die Kritik an diese Überinformiertheit und insbesondere der Hinweis auf die nicht vorhandene permanent sterile Umgebung. Ich will irgendwann zumindest kein Kind, dass zig Allergien hat, weil ich zuviel Geld in überflüssige Baby Health Produkte gesteckt habe.

  3. Diese Pauschalverurteilung der heutigen Jugend erscheint mir an dieser Stelle unpassend. Zudem entbehrt sie jeder Grundlage und ist schlichtweg diffamierend.
    Das Interview hingegen ist wunderbar bodenständig und offenkundig vorurteilsfrei. Vielen Dank dafür!

    Antwort auf "Schönes Interview"
  4. sie haben mir wirklich aus der Seele gesprochen!
    Ich erlebe mit meinen drei Kindern oft, wie überbesorgt und leider auch verunsichert einige Eltern sind.
    Ich kenne eine werdende Mutter, die im 6. Monat schon Hunderte Euro für Babykleidung ausgegeben hat, ganz zu schweigen vom Babybett und den anderen Gegenständen, die sich makellos zu den restlichen Möbeln ihrer Wohnung gesellen. Manchmal kommt es mir vor, als erwarteten manche Eltern ein Statussymbol, das dann im 800€ Kinderwagen durch den Park geschoben wird.
    Ist es dem Neugeborenen nicht schnurzegal, ob es in ein kuscheliges Handtuch oder die zur Wickelkommode passende Decke gewickelt ist?

    Stichwort Kurse: Als ich mich beim Rückbildungskurs nach meiner 2. Schwangerschaft gegen die Babymassage im Anschluss daran entschied, erntete ich sowohl von der Hebamme als auch von anderen Müttern verständnislose Blicke. Als ob ich, wenn ich mein Kind nur zu Hause streichelte, eine unbesorgtere Mutter wäre.
    Ich sah mich eh einer wahren Kursflut vor und nach Geburt gegenüber; Vorbereitungskurs, Geschwisterkurs, Babyschwimmen, Pekip... Ich glaube, dass diese Kurse eher die Finanzen des Anbietern auffrischen als das sie wirklich notwendig für die Mütter/Babys wären.
    Ähnlich die Ratgeberliteratur; liest man drei oder vier Bücher, stehen einem danach nicht selten die Haare zu Berge aufgrund der sich widersprechenden Aussagen. Also Mütter, Väter, Kinder - wieder mehr Vertrauen in den gesunden Menschenverstand!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ist angemessen und kein Statussymbol. Studieren Sie doch mal die Aufpreisliste der Deutschen Automobilhersteller.
    Bsp.: 17" statt 15" Felgen beim Golf: 1000 Euro, Standheizung kostet schon mehr als 1200 Euro.

    meine Mutter hat mir damals mit auf den Weg gegeben, dass es früh genug für Großeinkäufe ist, wenn das Baby da ist. Im Krankenhaus bekommt man ohnehin Sachen zum Anziehen und für zuhause reicht eine kleine Grundausstattung. Den Wagen haben natürlich Oma und Opa bezahlt :-))).

    Ansonsten halte ich es nicht nur für die Mütter katastrophal sondern auch für die Gesellschaft, dass uns zunehmend die Instinkte aberzogen werden. Eine instinktlose Gesellschaft ist gefährdet, dauernd neuen Modeschwankungen unterworfen, bietet ständig Platz für neue "Experten", die insbesondere aus den Frauen wehrlose Opfer machen. Gute Beispiele dafür sind die Naturmedizin, in der sich früher fast alle Landfrauen auskannten, oder aber das Stillen. Letzteres wurde insbesondere in den 60-ern gern den Frauen ausgeredet, damit die Babynahrungsindustrie Fuß fassen konnte.

    Zurück zur Natur stimmt nicht immer - wie oben genannt. Wir lassen uns auch nicht die Zähne ohne Betäubung ziehen. Aber zurück zu den Instinkten, zu dem eindringlichen Gefühl für das Richtige statt dem Angesagten, das ist in der Gesellschaft dringend notwendig.

    ist angemessen und kein Statussymbol. Studieren Sie doch mal die Aufpreisliste der Deutschen Automobilhersteller.
    Bsp.: 17" statt 15" Felgen beim Golf: 1000 Euro, Standheizung kostet schon mehr als 1200 Euro.

    meine Mutter hat mir damals mit auf den Weg gegeben, dass es früh genug für Großeinkäufe ist, wenn das Baby da ist. Im Krankenhaus bekommt man ohnehin Sachen zum Anziehen und für zuhause reicht eine kleine Grundausstattung. Den Wagen haben natürlich Oma und Opa bezahlt :-))).

    Ansonsten halte ich es nicht nur für die Mütter katastrophal sondern auch für die Gesellschaft, dass uns zunehmend die Instinkte aberzogen werden. Eine instinktlose Gesellschaft ist gefährdet, dauernd neuen Modeschwankungen unterworfen, bietet ständig Platz für neue "Experten", die insbesondere aus den Frauen wehrlose Opfer machen. Gute Beispiele dafür sind die Naturmedizin, in der sich früher fast alle Landfrauen auskannten, oder aber das Stillen. Letzteres wurde insbesondere in den 60-ern gern den Frauen ausgeredet, damit die Babynahrungsindustrie Fuß fassen konnte.

    Zurück zur Natur stimmt nicht immer - wie oben genannt. Wir lassen uns auch nicht die Zähne ohne Betäubung ziehen. Aber zurück zu den Instinkten, zu dem eindringlichen Gefühl für das Richtige statt dem Angesagten, das ist in der Gesellschaft dringend notwendig.

  5. geht nicht ins Rückenmark, das klarzustellen, nimmt vielleicht vielen die Angst davor. Und darum ist ist sie auch nicht hochumstritten. Auch an dieser Stelle hätten sich die Interviewer der Äußerung einer eigenen, ängstlichen, Meinung enthalten können.
    Ansonsten ist dies ein wunderbares Interview und einer der besten Beiträge, die ich seit langem in der Zeit gelesen habe.

    Eine Leser-Empfehlung
    • Komabe
    • 02.01.2010 um 23:04 Uhr
    8. Yep!

    Hochinteressanter Artikel, hochinteressante Frau!

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