Ein Islamist, der Ende 2001 mit einer Bombe im Turnschuh ein Flugzeug zum Absturz bringen will und fortan "Schuhbomber" genannt wird. Eine Bombe, vergangenen August im Darm eines Attentäters in das Büro eines saudischen Prinzen geschmuggelt. Und jetzt, an Weihnachten, ein 23 Jahre alter Nigerianer mit Sprengstoff in der Unterhose an Bord von Flug 253 der Northwest Airlines auf dem Weg von Amsterdam nach Detroit. Drei Taten, die auf den ersten Blick kurios anmuten. Doch wer sie in den Zusammenhang setzt, erkennt darin das gewandelte Gesicht des islamistischen Terrorismus.

Die Tat des Umar Faruk Abdulmutallab wird weltweit Folgen haben. Sie könnte Auswirkungen bis nach Berlin haben, wo mit Thomas de Maizière seit wenigen Wochen ein Innenminister im Amt ist, der, anders als seine beiden Vorgänger, nicht den Hardliner mimt. Das Beunruhigende an dem Anschlagversuch ist, dass nur das Unvermögen des Attentäters und das beherzte Eingreifen von Passagieren eine Katastrophe verhindert haben. Damit weist der Vorfall auf Flug 253 gleich auf zwei, womöglich drei Probleme hin, mit denen auch deutsche Sicherheitsbehörden umgehen müssen. 

So versagen Terrorfahnder zumindest in den USA auch acht Jahre nach dem 11. September 2001, trotz Hinweisen und weitreichender Befugnisse, bei ihrer wichtigsten Aufgabe: eine ernsthafte Bedrohung rechtzeitig zu erkennen. Es ist, zweitens, offensichtlich möglich, unbemerkt Sprengstoff durch Kontrollen zu schmuggeln, um ihn etwa an Bord von Flugzeugen zu bringen. Und drittens scheint der Jemen, sollte das Bekennerschreiben von "al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel" (AQAP) zutreffend sein, dabei zu sein, dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet den Rang als wichtigste Basis des islamistischen Terrorismus streitig zu machen.

So predigt vom Jemen aus der radikale Islamist Anwar al Awlaki, der in E-Mail-Kontakt zu jenem Amokläufer stand, der Anfang November auf dem US-Stützpunkt Fort Hood 13 Menschen tötete. So sind in der Heimat der Familie bin Laden mehrere hochrangige Kämpfer wieder aktiv, die zuvor jahrelang in Guantánamo einsaßen. Und nicht zuletzt soll al-Qaida an der Verschleppung einer fünfköpfigen deutschen Familie beteiligt sein, die Unbekannte seit einem halben Jahr in ihrer Gewalt haben.

Noch ist zwar offen, wie genau das Terrornetzwerk den Attentäter von Detroit bei seinem Vorhaben unterstützte – eher ideell oder tatkräftig, mit einer Ausbildung und sogar der Bombe. In jedem Fall deutet die Bekennung klar auf ein Wiedererstarken hin, schien doch al-Qaida seit Längerem nicht mehr in der Lage zu sein, selbst aufwendige Terroraktionen zu initiieren. Eine in ihrem Sinn erfolgreiche Tat hat es in Westeuropa seit den Anschlägen von Madrid 2005 nicht mehr gegeben, in den USA sogar nicht seit 2001.

Auch deshalb kam es, wie jetzt wieder, zu heftigem Streit um die sogenannten Terrorlisten, mit denen die USA verhindern wollen, dass Attentäter einreisen – bis zu dem Vorfall auf Flug 253 allerdings eher vonseiten der Bürgerrechtler. Zu undurchsichtig ist das Verfahren: Wie gerate ich auf solch eine Liste? Und wie werde ich jemals wieder von ihr gelöscht? Vor diesem Hintergrund erscheint die nun auf US-Präsident Barack Obama hereinbrechende Kritik, warum der 23-Jährige trotz Listung nicht am Fliegen gehindert worden sei, ziemlich scheinheilig. Ein Eintrag allein soll für generelle Flugverbote ausreichen? Schon eher hätten die USA, die Abdulmuttalab im Sommer 2008 mit einem Zwei-Jahres-Visum ausstatteten, aufhorchen müssen, als die Briten ihm die Einreise verweigerten. Warum ist das nicht geschehen?

Der Fehler liegt offensichtlich woanders – im System. Immer wieder entdecken US-Terrorfahnder hinterher, wie etwa nach 9/11, dass sie viele der Stücke eines Anschlag-Puzzles im Voraus kannten. Auch diesmal hätte es Grund zur Vorsicht bei dem Passagier gegeben, hatte doch der Vater selbst die US-Botschaft in Nigeria über die merkwürdige Wandlung des Sohnes informiert. Doch anstatt die Warnung zu bewerten und Konsequenzen zu ziehen, landete die Personalie offensichtlich auf dem unfassbar großen Datenberg, den US-Terrorfahnder seit Jahren ansammeln: Neben dem 23-Jährigen finden sich allein auf dieser Liste mehr als 500000 Namen anderer potenziell Verdächtiger. Auch in Deutschland gibt es bei Ermittlern die Sorge: "Wenn es knallt, werden wir den Namen des Täters sicher schon einmal gehört haben."

Wie dringlich das Sprengstoff-Problem ist, wissen Terrorfahnder spätestens seit diesem Sommer. Ende August gelangte in Dschidda ein Attentäter durch alle Kontrollen in das Büro des saudischen Prinzen Mohammed bin Naif, als Vize-Innenminister zuständig für Terrorbekämpfung und eigentlich bestens geschützt. Mit seinem Handy zündete der Täter eine Bombe, die er in sich trug und die ihn selbst zerriss. Der Prinz überlebte leicht verletzt. Und den Sicherheitsbehörden stand klar vor Augen, dass Metalldetektoren, wie sie vor dem Prinzenbüro in Dschidda und an Flughäfen auf der ganzen Welt stehen, nicht ausreichend zuverlässig sind.