Terrorismus Die große Angst
Das gescheiterte Attentat von Detroit wird weltweit Folgen haben – in Deutschland wird es zum Test für den Innenminister. Von Christian Denso
© Ed Oudenaarden/ AFP/ Getty Images

Am Schiphol-Flughafen in Amsterdam: Ein Passagier wird durchleutet
Ein Islamist, der Ende 2001 mit einer Bombe im Turnschuh ein Flugzeug zum Absturz bringen will und fortan »Schuhbomber« genannt wird. Eine Bombe, vergangenen August im Darm eines Attentäters in das Büro eines saudischen Prinzen geschmuggelt. Und jetzt, an Weihnachten, ein 23 Jahre alter Nigerianer mit Sprengstoff in der Unterhose an Bord von Flug 253 der Northwest Airlines auf dem Weg von Amsterdam nach Detroit. Drei Taten, die auf den ersten Blick kurios anmuten. Doch wer sie in den Zusammenhang setzt, erkennt darin das gewandelte Gesicht des islamistischen Terrorismus.
Die Tat des Umar Faruk Abdulmutallab wird weltweit Folgen haben. Sie könnte Auswirkungen bis nach Berlin haben, wo mit Thomas de Maizière seit wenigen Wochen ein Innenminister im Amt ist, der, anders als seine beiden Vorgänger, nicht den Hardliner mimt. Das Beunruhigende an dem Anschlagversuch ist, dass nur das Unvermögen des Attentäters und das beherzte Eingreifen von Passagieren eine Katastrophe verhindert haben. Damit weist der Vorfall auf Flug 253 gleich auf zwei, womöglich drei Probleme hin, mit denen auch deutsche Sicherheitsbehörden umgehen müssen.
So versagen Terrorfahnder zumindest in den USA auch acht Jahre nach dem 11. September 2001, trotz Hinweisen und weitreichender Befugnisse, bei ihrer wichtigsten Aufgabe: eine ernsthafte Bedrohung rechtzeitig zu erkennen. Es ist, zweitens, offensichtlich möglich, unbemerkt Sprengstoff durch Kontrollen zu schmuggeln, um ihn etwa an Bord von Flugzeugen zu bringen. Und drittens scheint der Jemen, sollte das Bekennerschreiben von »al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel« (AQAP) zutreffend sein, dabei zu sein, dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet den Rang als wichtigste Basis des islamistischen Terrorismus streitig zu machen.
So predigt vom Jemen aus der radikale Islamist Anwar al Awlaki, der in E-Mail-Kontakt zu jenem Amokläufer stand, der Anfang November auf dem US-Stützpunkt Fort Hood 13 Menschen tötete. So sind in der Heimat der Familie bin Laden mehrere hochrangige Kämpfer wieder aktiv, die zuvor jahrelang in Guantánamo einsaßen. Und nicht zuletzt soll al-Qaida an der Verschleppung einer fünfköpfigen deutschen Familie beteiligt sein, die Unbekannte seit einem halben Jahr in ihrer Gewalt haben.
Noch ist zwar offen, wie genau das Terrornetzwerk den Attentäter von Detroit bei seinem Vorhaben unterstützte – eher ideell oder tatkräftig, mit einer Ausbildung und sogar der Bombe. In jedem Fall deutet die Bekennung klar auf ein Wiedererstarken hin, schien doch al-Qaida seit Längerem nicht mehr in der Lage zu sein, selbst aufwendige Terroraktionen zu initiieren. Eine in ihrem Sinn erfolgreiche Tat hat es in Westeuropa seit den Anschlägen von Madrid 2005 nicht mehr gegeben, in den USA sogar nicht seit 2001.
Auch deshalb kam es, wie jetzt wieder, zu heftigem Streit um die sogenannten Terrorlisten, mit denen die USA verhindern wollen, dass Attentäter einreisen – bis zu dem Vorfall auf Flug 253 allerdings eher vonseiten der Bürgerrechtler. Zu undurchsichtig ist das Verfahren: Wie gerate ich auf solch eine Liste? Und wie werde ich jemals wieder von ihr gelöscht? Vor diesem Hintergrund erscheint die nun auf US-Präsident Barack Obama hereinbrechende Kritik, warum der 23-Jährige trotz Listung nicht am Fliegen gehindert worden sei, ziemlich scheinheilig. Ein Eintrag allein soll für generelle Flugverbote ausreichen? Schon eher hätten die USA, die Abdulmuttalab im Sommer 2008 mit einem Zwei-Jahres-Visum ausstatteten, aufhorchen müssen, als die Briten ihm die Einreise verweigerten. Warum ist das nicht geschehen?
Der Fehler liegt offensichtlich woanders – im System. Immer wieder entdecken US-Terrorfahnder hinterher, wie etwa nach 9/11, dass sie viele der Stücke eines Anschlag-Puzzles im Voraus kannten. Auch diesmal hätte es Grund zur Vorsicht bei dem Passagier gegeben, hatte doch der Vater selbst die US-Botschaft in Nigeria über die merkwürdige Wandlung des Sohnes informiert. Doch anstatt die Warnung zu bewerten und Konsequenzen zu ziehen, landete die Personalie offensichtlich auf dem unfassbar großen Datenberg, den US-Terrorfahnder seit Jahren ansammeln: Neben dem 23-Jährigen finden sich allein auf dieser Liste mehr als 500000 Namen anderer potenziell Verdächtiger. Auch in Deutschland gibt es bei Ermittlern die Sorge: »Wenn es knallt, werden wir den Namen des Täters sicher schon einmal gehört haben.«
Wie dringlich das Sprengstoff-Problem ist, wissen Terrorfahnder spätestens seit diesem Sommer. Ende August gelangte in Dschidda ein Attentäter durch alle Kontrollen in das Büro des saudischen Prinzen Mohammed bin Naif, als Vize-Innenminister zuständig für Terrorbekämpfung und eigentlich bestens geschützt. Mit seinem Handy zündete der Täter eine Bombe, die er in sich trug und die ihn selbst zerriss. Der Prinz überlebte leicht verletzt. Und den Sicherheitsbehörden stand klar vor Augen, dass Metalldetektoren, wie sie vor dem Prinzenbüro in Dschidda und an Flughäfen auf der ganzen Welt stehen, nicht ausreichend zuverlässig sind.
- Datum 30.12.2009 - 13:23 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.12.2009 Nr. 01
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...schon wird das gesamte parlamentarische System Deutschlands auf den Prüfstand gestellt - Zumindest kommt einem das so vor bei dem Aktionismus, der mit diesem absolut untauglichen Versuch einhergeht.
Statt nach noch mehr Überwachung zu schreien sollten die Verantwortlichen lieber mal überlegen, wieso beim Einchecken dieses Passagieres in keiner unserer sammelwütigen Behörde die roten Lampen angingen - machen die ihren Job vielleicht nicht ordentlich ?
Es werden Daten gesammelt ohne Ende und dann weiß niemand etwas?! Wer hat solche Meldung bei einem Flugzeug-Absturz noch nicht gehört > Ob unter den Toten Deutsche sind ist zur Zeit nicht bekannt < Da bekommt man doch die Krise. Die Flugtickets werden eingescannt bei Check-In. Wo sind die Daten dann?
Ebenso könnte man beim Check-In den Namen mit der "Roten Liste" abgleichen und dann feststellen ob da jemand "verdächtig" ist.
Es werden Daten gesammelt ohne Ende und dann weiß niemand etwas?! Wer hat solche Meldung bei einem Flugzeug-Absturz noch nicht gehört > Ob unter den Toten Deutsche sind ist zur Zeit nicht bekannt < Da bekommt man doch die Krise. Die Flugtickets werden eingescannt bei Check-In. Wo sind die Daten dann?
Ebenso könnte man beim Check-In den Namen mit der "Roten Liste" abgleichen und dann feststellen ob da jemand "verdächtig" ist.
»al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel« (AQAP)
das sollten wir uns merken! Werden wir wohl öfters noch lesen und hören!
Mit Senator Joe Lieberman fordert jetzt der erste US-Politiker, sein Land solle den Jemen »zu einem Zentrum des Kampfes machen«.
Obama hat doch auch sowas ähnliches gesagt, erinnert mich an: "Wir tragen den Krieg zum Feind" kennt das jemand noch?
»Wenn es knallt, werden wir den Namen des Täters sicher schon einmal gehört haben.«
Tja wenn man eh fast jeden auf eine Liste setzt, bestimmt!
Im übrigen hat sich in den USA eigentlich was zum positiven verbessert?
Obama gegen Bush auszutauschen ist irgendwie rein marketing. Obama übernimmt nicht nur die Bush-Kriege, er weitet sie jetzt sogar aus. Gegen AQAP erinnert sich noch wer?
Ich denke in spätestens 10 Jahren können wir nachts auch von den Dächern rufen "Tot dem Diktator" aber auch bloß wenn wir nicht jeder einen Überwachsungroboter neben uns haben 24h, der uns vor Terror schützt.
"Ich denke in spätestens 10 Jahren können wir nachts auch von den Dächern rufen "Tot dem Diktator" aber auch bloß wenn wir nicht jeder einen Überwachsungroboter neben uns haben 24h, der uns vor Terror schützt."
Auf diese Zeit freue ich mich schon. Ich glaube erst dann werden wir die Möglichkeit haben ein grundlegend neueres System zu etablieren als das was wir heute haben. Denn mit vorhandenen Mitteln bzw. Möglichkeiten die wir heute haben kann man das System an sich nicht angreifen/verändern ohne gleich zu Molotow oder Kalaschnikow zu greifen.
Es ist keine Frage ob sich was verändern wird, sondern wann.
"Ich denke in spätestens 10 Jahren können wir nachts auch von den Dächern rufen "Tot dem Diktator" aber auch bloß wenn wir nicht jeder einen Überwachsungroboter neben uns haben 24h, der uns vor Terror schützt."
Auf diese Zeit freue ich mich schon. Ich glaube erst dann werden wir die Möglichkeit haben ein grundlegend neueres System zu etablieren als das was wir heute haben. Denn mit vorhandenen Mitteln bzw. Möglichkeiten die wir heute haben kann man das System an sich nicht angreifen/verändern ohne gleich zu Molotow oder Kalaschnikow zu greifen.
Es ist keine Frage ob sich was verändern wird, sondern wann.
aber vorm Ende der Spirale: Anschlag, Angst, Aktionismus, Maßnahmen, Anschlag, Angst ...
Wir können uns bei jeder Einführung einer neuen Überwachungs- und Kontrolltechnik auf die Schulter klopfen ... bis zum nächsten Anschlag, welcher uns dann weiter eskalieren lässt. Wohin nur?
Angst ist ein wunderbarer Wegbereiter der Regulation wider den sonst gesunden Verstand, was die Geschichte nicht nur einmal zu belegen weiß.
Seltsam, dass quasi kontrollfreie Kinos, Einkaufszentren, öffentliche Plätze und auch Verkehrswege selten bis gar nicht im Visier der angeblich auf die Verbreitung von Angst ausgelegten Terroristen sind und nur der Flugverkehr als hehres Ziel zu genügen scheint.
Es stürzen weitaus mehr Flugzeuge durch menschliches/technisches Versagen ab als durch Anschläge, die Wahrscheinlichkeit, dass ein herabfallender Satellit Sie trifft ist höher als die, dass Sie Opfer eines Terroranschlages werden aber trotzdem lassen sich Menschen bei genug medialer Bedrohung nur zu gerne dazu hinreißen, dem "Wer-nichts-zu-verbergen-hat-Gedanken" zu folgen, welchen unsere Politik ja eben nicht(!) vorlebt.
Die vermeintliche Weitsicht mancher Sicherheitspolitiker bei der Einführung neuer Regularien indes wünschte man sich in weitaus vorhersehbaren Szenarien, z. b. der Wirtschaft. Bezeichnend, dass wir hier weiterhin in Freiwilligkeit (=Kontrolllosigkeit) schwelgen, wo doch die Schäden weitaus globaler sind als es der Terrorismus bislang zu verursachen vermochte.
Des Pudels Kern wird sehr richtig benannt: vollkommene Sicherheit ist eine Illusion. Es gibt keine Technologie, die vor einer Flugzeugentführung schützt, auch wenn es vielleicht helfen könnte, alle Passagiere in Narkose zu versetzen. Aber bevor wir uns dazu durchringen, die offenbar reichlich vorhandenen Steuergelder in derartige Phantasien zu stecken, sollten wir vielleicht darüber nachdenken, jedem Bürger Selbstverteidigungskurse zu spendieren. Das einzige, was die vorliegende Episode auslösen sollte, ist eine dankbare Gratulation an den Mitreisenden, der rasch handelte und sich auf den mutmaßlichen Attentäter warf.
Die politisch wünschbare Konsequenz wäre der Verzicht auf die bereits jetzt übersteigerten Sicherheitsmaßnahmen - wenn wir dem beschrittenen Pfad folgen, enden wir irgendwann in einem Flugzeug, in dem alle derart in der verängstigten Illusion von Sicherheit gefangen sind, dass es für einen Entführer / Attentäter in spe reichte, 'Buh' zu rufen, um die Maschine unter Kontrolle zu bekommen.
Ich habe keine Angst, und auch niemand sonst den ich kenne.
Die Große Angst ist reines Mediengeplärre, die die Saure-Gurken-Zeit dankbar würzen.
Wenn der Trottel einen Plan verfolgt hätte, um der Entschärfung der paranoiden Sicherheitshysterie entgegen zu treten, dann wäre er wahrlich ein Genie.
- Die Scannerhersteller können doch noch ihre Investitionen hereinbekommen
- Guantanamo-Häftlinge sind doch die Urbösen, bei denen es gerechtfertigt ist, sie in rechtlosen Gefängnissen (aka KZ) zu halten
- Und mit dem Jemen kommen wir der wahren Quelle des fanatisch totalitären Islam auch langsam näher, den Wahabiten in Saudi Arabien.
Alles ist wie es sein soll.
Die Jungs in Langley denken einfach nur langfristig. Wenn dieser demokratische Friedensnobelpreis-Weichei-Präsident aus Afghanistan raus will, dann gehen sie eben woanders rein.
Als neulich der CIA-Vicepresident vor seiner Weltkugel saß und drehte, fiel sein Blick auf eine Region der Welt, die ihm zuvor noch nie aufgefallen war. Er fragte sogleich seine Vorzimmerdame, ob sie wisse, wo Yeah-man oder so ähnlich liege. Als sie antwortete, das müsse irgendwo zwischen Berlin und Afghanistan liegen, sagte er sich: Da wär´doch noch ein bisschen Platz für unsere Jungs.
Sofort rief er beim Counterinsurgery Officer Middle East mit dem Spitznamen The Final Attac an und bestellte einen nicht zu gescheiten Aushilfsterroristen. Anforderungsprofil: Schwarz, jung, gebildet, in Westeuropa lebend - auf keinen Fall in den USA - im Umgang mit Sprengstoff unerfahren oder schlecht ausgebildet, möglichst auf der Liste der gefährlichen Personen, vielleicht mit einem Schuss Warnung des eigenen Vaters vor der Radikalität und Gefährlichkeit des eigenen Sohnes.
The Final Attac runzelte die Stirn, warf aber dennoch seinen PC an, studierte die Listen und - wurde fündig. Er rief sofort den Vize an: Wir hätten da einen ...
"Ich denke in spätestens 10 Jahren können wir nachts auch von den Dächern rufen "Tot dem Diktator" aber auch bloß wenn wir nicht jeder einen Überwachsungroboter neben uns haben 24h, der uns vor Terror schützt."
Auf diese Zeit freue ich mich schon. Ich glaube erst dann werden wir die Möglichkeit haben ein grundlegend neueres System zu etablieren als das was wir heute haben. Denn mit vorhandenen Mitteln bzw. Möglichkeiten die wir heute haben kann man das System an sich nicht angreifen/verändern ohne gleich zu Molotow oder Kalaschnikow zu greifen.
Es ist keine Frage ob sich was verändern wird, sondern wann.
...unangenehmer ein Begrabbeln des eigenen Körpers durch einen Sicherheitsbediensteten, aber am unangenehmsten wäre es, in die Luft gesprengt zu werden. Ich finde, man muß sich nicht scannen lassen. Man kann ja auch mit dem Schiff reisen.
Dieses Gejaule um die vermeintliche Einschränkung der persönlichen Freiheit finde ich nur noch albern. Und daß die meisten der hier kommentierenden Wohlstandslümmel das Böse in Amerika sehen, aber nicht beim islamischen Terrorismus, finde ich auch bemerkenswert.
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