Zwei Massai-Kinder vor ihrer Behausung in Kenia. Dort herrscht eine starke Dürre; die beiden Halbwaisen sind von der Hilfe ihrer Nachbarn abhängig. Im Nachbarland Tansania sollen solche Notlagen durch neue Formen der Entwicklungshilfe vermieden werden © Spencer Platt/Getty Images

Als Serapia Mlabi 65 Jahre alt wird, begräbt sie ihren ältesten Sohn. Sie legt ihn in die rote Erde neben ihrer Hütte, zu ihrem Mann, ihrer Tochter, ihrer Schwiegertochter. Nur Serapia und ihr Enkel Aidan, vier Jahre alt, leben jetzt noch auf der Parzelle am Westufer des Viktoriasees, allein bewirtschaften können sie das Feld kaum. Das schafft nur eine Familie mit vielen Köpfen, mit mehreren Generationen. Doch eine solche Familie gibt es nicht mehr. Wie viele Dörfer im südlichen Afrika ähnelt auch Nshamba in Tansania inzwischen einer Mischung aus Altenheim und Kinderhort.

Als Kurt Madörin 65 Jahre alt wird, beginnt der Schweizer Staat dem Soziologen jeden Monat seine Rente zu überweisen. Auch Madörin lebt in Nshamba. Vor Jahren kam der Entwicklungshelfer ins Dorf, baute ein Programm für Aids-Waisen auf, blieb hier hängen. Nun, da er selbst älter wird, fällt ihm auf, wie verzweifelt die Lage seiner afrikanischen Altersgenossen ist – vor allem wenn sie wie Serapia für ihre Enkel sorgen müssen. Er hört, wie die Leute über die Alten lästern, weil sie ständig betteln. Und er erfährt, dass sich Enkel wie Aidan nicht zur Schule trauen, weil sie sich keine Hefte leisten können. Renten gibt es nicht in Tansania.

2003 startet Madörin einen Versuch: Er leitet einen Teil seiner Rente an die Alten weiter. 55 Haushalte erhalten von ihm je 3000 tansanische Schilling, umgerechnet etwa zwei Dollar, plus 1500 Schilling pro betreutem Enkel, jeden Monat. Von nun an sind Serapia und Aidan ihre schlimmste Not los – und Teil eines der spannendsten entwicklungspolitischen Experimente dieser Tage. Denn was so banal klingt, ist eine kleine Revolution: Jahrzehntelang floss Entwicklungshilfe entweder an die Regierungen der Nehmerländer – die das Geld oft in die eigene Tasche steckten – oder an Hilfsorganisationen – die das Geld in Essen, Brunnen oder Schulen investierten. Beide Empfängergrupppen galten als vertrauenswürdiger als die Armen selbst. Das ändert sich nun. Immer häufiger wird Geld direkt an die Bedürftigen gezahlt – und sie selbst bestimmen, was damit geschieht.

Spätestens seit Muhammad Yunus 2006 mit seiner Mikrokreditbank den Friedensnobelpreis gewann, hat das Vertrauen in die Kraft der Ärmsten zur Selbsthilfe einen Schub erhalten, und sogenannte social cash transfers gelten inzwischen ebenfalls als Hoffnung der Entwicklungspolitik: Direkt gezahlte Sozialhilfen, Renten oder Grundeinkommen sollen die Wirtschaft ankurbeln, Hunger und Armut reduzieren, die Situation von Frauen verbessern, den Schulbesuch steigern. Zudem sind sie günstig: Laut einer Studie des World Food Programme der Vereinten Nationen verursachen Sozialgeldtransfers nur halb so hohe Verwaltungskosten wie Nahrungsmittelhilfen.

Viele aus der Elterngeneration sterben an Aids. Alte und Enkel darben

Was das konkret bedeutet, zeigt sich eben zum Beispiel in Nshamba. Es ist ein Dorf wie viele in Afrika: ein paar Hundert Lehmhütten, meist ohne Strom und fließend Wasser, viele Omas und Enkel – aber kaum Eltern. Die sind in die Städte abgewandert oder an Aids gestorben. 6,2 Prozent der 15- bis 49-Jährigen in Tansania tragen das Virus in sich. Das Sterben in dieser Generation ist eines der größten sozialen Probleme des südlichen Afrika.

Wer Serapia und Aidan heute besucht, kann den Erfolg von Kurt Madörins Idee schon von Weitem hören: In einem Verschlag hinter der Hütte meckern lautstark drei Ziegen. Als der schlimmste Hunger gestillt war, hat sich Serapia das Geld für die Tiere zusammengespart. Nun liefern sie Dung für die Bananen, die tragen mehr Früchte, die Hälfte kann verkauft werden. Den Großteil der Einnahmen gibt Serapia für Aidan aus, kauft ihm Hefte und Lampenöl, damit er abends lernen kann. »Das Wichtigste ist, dass er einen guten Abschluss macht«, sagt sie. Dann könnte er in ein paar Jahren nicht nur seinen Vater ersetzen und für sie sorgen, auch das Lästern der Leute, hofft sie, würde dann enden. Schon jetzt seien die Nachbarn bereit, ihnen ab und zu mit Öl auszuhelfen: »Sie wissen ja, dass wir am Rententag alles zurückgeben.«

»Kwa Wazee – Für die Alten« hat Kurt Madörin sein Projekt getauft. Inzwischen ist es ein professionell gemanagtes Hilfsprogramm, geleitet von Leuten aus der Region. Dank Spenden ausländischer Nichtregierungsorganisationen wie Help Age Deutschland konnte es auf mehr als 700 Haushalte ausgeweitet, die jeweilige Rente auf umgerechnet etwa fünf Dollar pro Monat erhöht werden. Nimmt man die Armutsgrenze der Weltbank von einem Dollar pro Tag als Maßstab, ist das immer noch – fast nichts. Doch die Wirkung ist gewaltig. Eine Studie zeigte: In den Kwa-Wazee-Haushalten wird nur halb so oft gehungert wie in vergleichbaren Familien ohne Unterstützung, die Alten sind seltener krank, und die Enkel gehen öfter zur Schule. Auch die lokale Wirtschaft profitiert: »Am Rententag verkaufe ich dreimal so viel Öl wie sonst«, freut sich Richard Mutongole, Besitzer des größten Ladens von Nshamba.