"Autotheater"Skulpturen mit Plumps

Wie kaum ein anderer Künstler beherrscht der Österreicher Franz West die Kunst des komischen Ernsts. Eine verblüffende Ausstellung in Köln von Hans-Joachim Müller

Franz West "Spiegel in Kabine mit Passtücken"

Franz Wests "Spiegel in Kabine mit Passtücken (Spiegel von Michelangelo Pistoletto)" aus dem Jahr 1996. Hier eine Installationsansicht der Vancouver Art Gallery, Vancouver 2005  |  © Franz West

Es ist nicht ganz leicht, mit Franz West ein ordentliches Bildhauergespräch zu führen. Man kommt nicht richtig voran bei der Betrachtung der Dinge. Seine Ausreden halten sich an den Händen und kreisen wie um ein Loch. Und wenn es köstlich gewesen ist, dann erfährt man doch nur, dass er mit Vorliebe Telefonbücher in den Pappmachébrei einrühre, aus dem er seine knolligen Skulpturen fertigt.

Andererseits ist auch das Werk nicht von der Art, dass man bei der Betrachtung der Dinge richtig vorankäme. Wenn einer ein rosafarbenes Knollending auf einem Vertiko postiert und Liegestühle biegt, dass einem entweder das Blut in den Kopf oder aus den Beinen schießt, dann kann er es schwerlich auf ordentlichen Kunstgebrauch abgesehen haben.

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Ganz hinten, wo die gerade angelaufene Ausstellung im Kölner Museum Ludwig schon ein wenig ausfranst, steht der Fondo blu, der jetzt auch schon zwanzig Jahre auf seinem Pappmachébuckel hat. Wie soll man beschreiben, was einen so unwiderstehlich ganz nach hinten zieht? Eine blaue Plastikschüssel, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, aus der eine schwefelmattgelbe Form quillt und sich wie ein schwäbischer Hefeteig aufrichtet. Es ist ein unglaubliches Ding. Groteske wäre die schiere Untertreibung. Und das ganz hinten. Und nun hat man sich vorzustellen, wie es weiter vorn zugeht, wo ein unglaublich babyblaues Ding von der Decke hängt und sein babyrosafarbenes Geschwister auf dem Boden steht und den Betrachter an monströse Kartoffeln erinnern und den Künstler fast erleichtert sagen lassen: »Endlich zwei gute Skulpturen.«

Man ist ja doch etwas herumgekommen und hat dies und das gesehen. So viel beglückende Unterbietung der Mindestansprüche an die gute Form wie beim Wiener Franz West ist einem doch selten begegnet. Seit den frühen siebziger Jahren fährt das Werk mit ironischer Dauerlast, und kein Ateliertag verging ohne Mehrung des wundersam Abgeschmackten, herrlich Desolaten, bedrohlich Schrägen. Es gibt Sitzwürste für den Außeneinsatz, die so prall und pickelig aussehen wie eine hart gestopfte Eselssalami. Es gibt keulenartige Skulpturen für den Innen- und den Außeneinsatz, die einen zwingend an genetisch veränderte Softeistüten erinnern. Und wenn man sich auf einem der Diwane in die rechte Rückenlage begeben und sich davon überzeugt hat, dass sich das Chassis aus Moniereisen professionelleren Designleistungen durchaus ebenbürtig erweist, dann findet man doch auch die Muße, über diese austriakische Verlässlichkeit nachzudenken, die einen so beständig mit wundersam abgeschmackten, herrlich desolaten, bedrohlich schrägen Dingen versorgt. Aufs Ganze gesehen, fällt die posthabsburgische Kunst entweder blutig existenziell aus oder doch ordentlich durchblutet, also komisch. Und immer schwankt sie zwischen Hölle und Elysium.

Dabei sollte man den komischen Ernst nicht übersehen. Dass man in jeder neuen West-Ausstellung in gehobene Stimmung gerät, ist das eine. Das andere aber, dass da einer sehr genau und mit eingeschliffener Bosheit Maß nimmt an so manchen Mythen der Gegenwartskunst. Die Vaterrolle, die dem Künstler zugewachsen ist, stammt nicht zuletzt aus der leichthändigen Vermengung von Kunst und Leben, Dekor und Gebrauch, die jüngere Kolleginnen und Kollegen geradeso als Pioniertat verehren wie die kritische Auseinandersetzung mit dem minimalistischen Mainstream der siebziger Jahre. Mit Bedacht hat der Bildhauer von Werkbeginn an die alten Würdeformeln des Podestes, der Monstranz, der Etagere bedient. Dass sich die Plastik ducken soll, wie es die Bodenplatten des Carl Andre tun, dass sie sich gleichsam selber abschafft, verschwindet im Layout des Alltags, hat ihm nie einleuchten wollen. Umgekehrt müsste es sein. Die Kunst müsste sich erheben, müsste heraus- und emporgehoben werden, wie einer seine überfüllte Softeistüte zum Munde führt. Und erst so, an der heraus- und emporgehobenen Kunst kann dann auch der Killerinstinkt wirksam werden, der alles Heraus- und Emporgehobene gleich wieder plumpsen lässt. Es gibt dieserhalb kein anständiges Werk von Franz West, keines ohne den Plumps.

Andererseits war dem Künstler allemal wichtig, dass man das, was so schön gefallen anmutet, auch wieder aufhebt – im Wortsinn: auch wieder anfasst. Nicht dass von seinen Arbeiten ein bestechend funktionaler Charme ausginge. Die voluminösen Tütenlampen geben tatsächlich Licht, und auf dem Diwan braucht niemand um die malträtierte Bandscheibe zu fürchten. Aber um Bandscheiben ist es dem Werk auch nicht zu tun. Viel offensichtlicher scheint, wie Wests Arbeiten gegen die Schau- und Denkstücke der Modernetradition entworfen sind, gegen eine Kunst, die elitären Abstand zur Lebenspraxis hält. Weshalb die klumpenförmige Pappmachéskulptur auf einem Sockel steht, dessen Vorderfront sich wie eine Schranktür öffnen lässt. Und kein Museumswärter schreitet ein, wenn man sich dem Türöffnungszwang ergibt und die Tür etwas beschämt wieder schließt, weil sich hinter der Tür nun gar nichts verbirgt.

Franz West hat für seine Mitmachkunst einen trefflichen Begriff gefunden: »Passstücke«. Die Passstücke oszillieren zwischen Skulpturen und Gerät. Man nimmt sie in die Hand, stülpt sie sich als Halskrause über, drückt sie sich über das erschlaffte Fettgewebe in Gürtelhöhe. Man braucht zu alldem keine Gebrauchsanleitung. Man guckt ein wenig zu und hat seinen Einfall oder auch nicht. Manche stehen ganz still da. Manche hüpfen, springen, fangen an zu tanzen. Andere veranstalten ein unendliches Gehabe, bis sie Körper und Skulptur aneinander gewöhnt haben. Es hat eben auch seine Tücke, den Sicherheitsschauabstand zur Kunst zu verlassen. Und dass mit dem Fondo blu ganz hinten überhaupt nichts anzufangen ist, kommt einem fast schon wieder tröstlich vor.

Die Ausstellung »Autotheater« im Museum Ludwig läuft bis zum 14. März

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