Kunst Die Bilder sehen uns

Wie der große Maler Giorgione vor 500 Jahren die Kunst erfand.

Wohl kein anderes Gemälde ist in der Kunstgeschichte so umstritten wie Giorgiones "Tempesta" (um 1508) (Öl auf Leinwand, 82x73 Venedig, Gallerie dell’Accademia)

Wohl kein anderes Gemälde ist in der Kunstgeschichte so umstritten wie Giorgiones "Tempesta" (um 1508) (Öl auf Leinwand, 82x73 Venedig, Gallerie dell’Accademia)

Eine seltsam vertraute Geschichte: Gott steigt herab, macht sich ganz klein, erscheint den Menschen, wo niemand ihn vermuten würde. Nicht in einem Stall, nicht dieses Mal, dafür in der Casa Marta, in Castelfranco, einem winzigen Städtchen im Veneto, das jetzt zur großen Wallfahrt ruft. Denn siehe, hier ist Er euch geboren: Giorgione.

Nicht Wien, London oder Venedig, nein, der Ort seiner Herkunft feiert den Wunderbaren. Feiert seinen 500. Todestag, als stehe die Auferstehung Giorgiones kurz bevor. Überall Werbetafeln und Transparente, auf dem Marktplatz sogar ein Auto im Renaissance-Look, denn alle sollen kommen, sollen staunen, wie viel vom gewaltigen Künstlerruhm in die wohnzimmerkleinen Räume der Casa Marta passt. Verwegener kann eine Ausstellung kaum sein. Verblüffender auch nicht.

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Seit Jahren schon gilt Giorgione (Klicken Sie, um ein Doppelporträt von ihm in groß zu sehen) als das größte Rätsel der Kunstgeschichte, fast schon verzweifelt, versuchen die Wissenschaftler ihm auf die Spur zu kommen. Sein Geburtsjahr, seine Lehrmeister, seine Auftraggeber: alles unbekannt. Nicht mal, wie viele Bilder er eigentlich gemalt hat, ist sicher, denn nie hat Giorgione seine Werke signiert. Acht Gemälde, mehr nicht, schreiben ihm die Kunsthistoriker einmütig zu, aber selbst bei diesen bleibt umstritten, was darauf zu sehen ist. Schon Giorgio Vasari, dem Urahn der Kunstgeschichte, fiel es oft schwer, Giorgiones Bildwelt zu entschlüsseln. »Ich für meinen Teil habe nie den Sinn des Ganzen verstehen können und auch niemanden gefunden, der verstanden hätte, ihn mir zu erklären.« Ab und an taucht heute zwar ein Kunsthistoriker auf und präsentiert die beste, die einzig stimmige Deutung der Motive. Bis der nächste kommt und ihn mit einer anderen einzig richtigen These widerlegt. Je emsiger die Forscher das Enigma Giorgione befragen, desto weltentrückter scheint sein Mythos zu werden.

Jetzt aber, im fürchterlichen Gedränge der viel zu dicht gehängten Ausstellung in Castelfranco, gewinnt der hohe Künstler wieder Erdennähe. Und es macht nichts, dass vor allem die apokryphen, die umstrittenen Giorgione-Zuschreibungen zu sehen sind und viele seiner bekannten Werke, die verwegene Laura oder die Schlummernde Venus, nicht entliehen wurden (Sehen Sie das Gemälde in groß,wenn Sie auf den Link klicken). Die Besucher verlangt es nach Giorgiones still-glühenden Farben, nach seinen schwelgenden Landschaften, den verträumten Rittern und Hirten und Kurtisanen. Sie suchen Giorgione, den Maler der stillen Schönheit. Und sie bekommen ihn. Doch ein anderer Giorgione stellt sich ihm zur Seite.

Stärker denn je ist hinter den archaischen Festungsmauern Castelfrancos, ist in der drangvollen Enge dieser Ausstellung zu spüren, welche ungeheure Weite Giorgione in seiner Kunst erprobte, wie radikal, wie unverfroren er vorging. Der melancholische Schleier über seinen Bildern lichtet sich, und zu entdecken ist, was diesen Maler vor allem anderen auszeichnet: sein Mut zur Freiheit.

Um 1500 eiferten viele seiner Malerkollegen den Naturwissenschaften nach, malten wie Albrecht Dürer ihre Bilder so naturgetreu und forscherhaft wie irgend möglich, studierten noch die kleinsten Käfer und die dünnsten Hälmchen. Diese Maler hofften, ihre Kunst möge endlich zu den hohen, den freien Künsten zählen; Giorgione hingegen war bereits frei. Frei genug, sich über alle Detailmühen und allen Wissenschaftseifer hinwegzusetzen. Frei, um viele der christlich-antiken Motivkonventionen hinter sich zu lassen und sich sein eigenes Bild zu machen. Er malte drauflos, und erst malend, seine Komposition immer wieder korrigierend, fand er zu dem, was er malen wollte. Doch nicht nur sich selbst, auch den Farben gewährte er eine ungewohnte Freiheit. Auf seinen Bildern sind sie nicht länger eingezwängt von Konturen, sie scheinen ein Eigenleben zu führen, leuchten aus sich selbst heraus, überspielen jede Art von klar bestimmbarer Linie. Da kann man sich die schärfste Brille aufsetzen, kann bis auf Nasenspitzenlänge an die Bilder herantreten – je näher man ihnen kommt, desto verschwommener werden sie. Für Giorgione sind Farben wie Töne und Düfte: von großer Präsenz und doch nicht zu fassen.

Alles in seiner Kunst ist von dieser Spannung erfasst. Er malt drei Männer, die sich angeregt über ein Blatt Papier beugen, ein paar Noten wohl, über die sie diskutieren. (Klicken Sie auf den Link, um das Gemälde in groß zu sehen.) Indem wir die drei betrachten, beugen auch wir uns über das Papier, und unversehens sind wir in ihrem Bunde der Vierte. Nur lassen sich die Noten für uns nicht lesen, auch nicht kopfüber, viel zu sehr schlenkert der Jüngste der drei Männer damit herum. Derweil schaut der Älteste uns aus müden Augen fragend an, verwundert darüber, dass wir uns einbilden konnten, mit dazuzugehören, wo wir doch vor dem Rahmen stehen.

Leser-Kommentare
  1. "das wohl am meisten umstrittene Gemälde in der Kunstgeschichte" !!!! ohooo

    Das möchte ich unbedingt sehen! Ich habe keine Ahnung, aber ich interessieren mich für alle Dinge, die "am meisten" dies oder jenes sind, oder generell "am ____sten".

    Mein Lieblingsbuch ist das Buch der Weltrekorde.

    Ja, und dieser Typ hat also DIE KUNST ERFUNDEN???

    Das ist der , entschuldigung, geilste Arikel in diesem Blättchen!

    • ztc77
    • 02.01.2010 um 21:37 Uhr

    Wenn Giorgione das Bild nicht benannt hat, dann wird die Benennung "Tempesta" von späteren Kunstwissenschaftlern stammen. Die angeführten Vermutungen beziehen sich primär nur auf die erwachsene Frau, den blickenden Mann und (als rhetorischen Kunstgriff) auf den Betrachter, der vor dem Bild steht. Das männliche Kind wird nur insoweit erwähnt, als es mit den Namen benannt wird, die ihm verschiedene Kunsthistoriker zugeordnet haben, vorher bleibt es unerwähnt, - stattdessen bevorzugt es der Autor Rauterberg, eine Figur zu zitieren, die gar nicht zu sehen ist, "Gott".
    Das vermutete Entstehungsjahr ist 1508, sie Gefühle des Malers waren also von Dingen aufgewühlt, die einen 30-Jährigen beschäftigen, ein Gewitter ins Bild zu fassen war ihm wichtig.
    Um 1508 gab es keine Babynahrung, höchstens Ammen, der gestillte Junge trank also "um sein Leben"! Die Fähigkeit der Frau, stillen und gebären zu können, musste noch als gesellschaftlich grundlegende und lebenserhaltende, eher göttliche Fähigkeit empfunden werden und ganz ohne religiöse Verrenkungen als eine solche "Göttliche Fähigkeit" verehrt werden. Der Maler rückt die Szene aber aus dem Bildmittelpunkt, was heißt, sie verliert gesellschaftlich an Macht, der Blick der Frau ist nicht der ruhende Blick einer Stillenden, sondern freudlos, schicksalsergeben, ihre Nacktheit (die über eine freigelegte Brust hinausgeht) ist dem Blick eher ausgesetzt als dargeboten.
    Der Blickende zeigt auch keine Geste der Verehrung, seine rechte Hand...

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    Sehr interesannt wie sie das Bild deuten konnten. Klasse!
    Das so ein wichtiges Thema in diesem Bild versteckt war, hätte ich nie gedacht.

    Könnten sie vielleicht ein weiteres Bild für uns deuten?

    Gruss!!!

    M.Kava

    Sehr interesannt wie sie das Bild deuten konnten. Klasse!
    Das so ein wichtiges Thema in diesem Bild versteckt war, hätte ich nie gedacht.

    Könnten sie vielleicht ein weiteres Bild für uns deuten?

    Gruss!!!

    M.Kava

    • ztc77
    • 02.01.2010 um 22:10 Uhr

    ...müsste dazu anders gehalten werden, sie liegt (fast zärtlich) auf dem langen Stab, der ihm die Fähigkeit verleiht, Angst zu verbreiten und Gewalt auszuüben. Die linke Hand liegt keck am Rücken, damit der auffallend gefüllte Penis in seinen Beinkleidern ihrem Blick nicht unverborgen ist. Die Geste des dezenten Blickesenkens, wie es beim Anblick einer Stillenden üblich ist, wird von ihm offensichtlich bewusst ignoriert! Hier soll ein Machtanspruch demonstriert werden: die Macht der Gewalt, dargestellt von Stab und Penis, erhebt sich dreist über die bisher verehrte Macht, die Kinder gebiert und am Leben erhält. So interpretiert sagt der Blick der Frau alles! Der Künstler konnte hier gerade nicht offen das zerstörerische des patriarchalischen Machtanspruchs als Begleitvehikel der Männergottreligion thematisieren, er musste im Blick der Frau, fast ohne Hoffnung auf Hilfe, das Drama der Entgöttlichung wahrnehmbar werden lassen.
    Damit wird auch die Bildmitte verständlich: das düstere, dunkelblaue Wasser, der ungesicherte Steg, die düsteren Wolken darüber: alles eher bedrohlich als hoffnungsvoll. Ein undefinierbares schwarzes Etwas ganz unten im Vordergrund.
    Die beiden Säulenreste runden das Bild: Der Himmel wird nicht mehr getragen, er kann jederzeit herabstürzen, das Phallische regiert, in Düsternis.

  2. Wie auch immer, die damaligen Meister malten Bilder, die "gedacht" waren, im Gegenteil zu heute, wo nur noch produziert wird, für einen Markt, aus dem jeder Maler ausgesondert wird, der nicht genug Geld einspielt. Deshalb Danke für diese Bilderschau.

  3. Sehr interesannt wie sie das Bild deuten konnten. Klasse!
    Das so ein wichtiges Thema in diesem Bild versteckt war, hätte ich nie gedacht.

    Könnten sie vielleicht ein weiteres Bild für uns deuten?

    Gruss!!!

    M.Kava

  4. schreibe ich, Fiesoduck, hier ja in diesem Blatt ja eher über den Stand meines Masterplans zur Erringung der Weltherrschaft, bzw. biete Leuten, von denen ich glaube, dass sie für dieses Vorhaben nützlich sind, die Rekrutierung an...

    Diesmal jedoch nicht. Dafür gibt es eine Empfehlung: es gibt zu dem Bild La Tempesta und dessen Deutungsschwierigkeit einen sehr guten surrealistischen Krimi des spanischen Autors Juan Manuel de Prada (wenn auch mit einer ziemlich seltsamen Hauptfigur). Er trägt den Titel "La Tempestad", im Deutschen "Trügerisches Licht der Nacht". Wenn man den gelesen hat, wird man sich nicht wundern, dass er im Artikel nicht erwähnt wurde.

    Gezeichnet,
    Fiesoduck

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    das erste "nicht" im letzten Satz ist zuviel

    Buch ist bestellt, bin mal gespannt...

    So so die Weltherrschaft...wie sieht den der Masterplan aus?

    Gruss

    Kava

    das erste "nicht" im letzten Satz ist zuviel

    Buch ist bestellt, bin mal gespannt...

    So so die Weltherrschaft...wie sieht den der Masterplan aus?

    Gruss

    Kava

  5. 7. PS.:

    das erste "nicht" im letzten Satz ist zuviel

    Antwort auf "Normalerweise"
  6. 8. Ok

    Buch ist bestellt, bin mal gespannt...

    So so die Weltherrschaft...wie sieht den der Masterplan aus?

    Gruss

    Kava

    Antwort auf "Normalerweise"

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