Kunst Die Bilder sehen unsSeite 3/3

Und ähnlich wie heute, da sich manche Sammler mit gänzlich widersinnigen Werken schmücken, weil sie so besonders wagemutig erscheinen und dem gewöhnlichen Betrachter etwas voraus zu haben glauben, ähnlich demonstrierten wohl auch damals manche Auftraggeber Giorgiones ihre ästhetische Überlegenheit dank seiner Werke. Sie hielten es nicht nur aus, dass bei ihm jede Kontur, jede Form von eindeutiger Wahrheit verschwimmt; sie genossen es sogar. Und genossen es auch, dass Giorgione selbst ihre eigenen Ideale und Träume mitunter ad absurdum führte.

Einer dieser Träume handelte vom glücklichen Leben auf dem Land, von einer Wiederversöhnung mit der Natur. Etliche Bücher der Renaissance erzählten davon, auf vielen Hirten- und Schäferfesten wurde er beschworen, viele Villen im Veneto verdankten sich diesem bukolischen Traum. Auch Giorgione hat ihn eingefangen, mit seiner Schlummernden Venus aus Dresden, die von vielen nicht zuletzt deshalb bewundert wird, weil sie keine Venus ist. Wohl nie zuvor war ein Körper derart ungeschützt als Körper gemalt worden und nicht als Leib einer Venus, Eva oder Nymphe. Diese Frau ist entkleidet, auch aller Attribute und Rollen. Was ihr einzig bleibt, ist die Landschaft, in die sie sich schlafend hineinschmiegt, als wäre sie ihr eigentliches Zuhause. Das Kunstschöne und das Naturschöne, glücklich vereint. Ein Sehnsuchtsbild.

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Und doch hat die Harmonie bei Giorgione auch ihren Preis. Und die Frau auf seinem Bild scheint diesen Preis gezahlt zu haben. Sie geht auf in der Idylle, aber nur, weil sie alles abgelegt hat, was sie auszeichnet. Man könnte sagen: weil sie sich selbst, ihre Identität aufgegeben hat. Sie hat die Augen verschlossen, den Kontakt zur äußeren Wirklichkeit eingestellt, sie ist hinübergerutscht in ein Reich des Unbewussten. Sie ist kein stolzes, selbstbewusstes Subjekt, sondern das Objekt unserer Betrachtung. Und so erzählt dieses Bild bei aller Schönheit auch vom Verlust, man beachte nur den abgehackten Baum in der Mitte. Nicht unwahrscheinlich, dass es der Baum der Erkenntnis war, gefällt, um ins Paradies zurückkehren zu können.

Oft liegen bei Giorgione das Blühende und der Stumpf dicht beieinander. Immer wieder durchkreuzen sich auf seinen Bildern die Zeiten und Räume, das Reale gleitet ins Surreale und zurück. Und so ist er weit mehr als »der Erfinder der Landschaft« oder ein »Meister der betörenden Melancholie«, als der er oft gepriesen wird. Im Grunde hat er die Kunst selbst erfunden, denn erst in seinen Bildern emanzipiert sie sich: vom Zwang zur Unterweisung, vom Zwang der Logik, vom Zwang, ihre wissenschaftliche Ebenbürtigkeit, mithin ihre Nützlichkeit unter Beweis stellen zu müssen. Sie illustriert nicht länger die Geschichten anderer, die antiken und die biblischen Stoffe, nein, sie spielt mit deren Geschichten, spinnt sie fort, verwirrt sie, ist sich am Ende selbst Geschichte genug. Die Kunst gehorcht der Kunst, gehorcht der Erfindungslust ihres Malers und unserer Ausdeutungsfreude – mögen die Experten auch manchmal daran verzweifeln.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. "das wohl am meisten umstrittene Gemälde in der Kunstgeschichte" !!!! ohooo

    Das möchte ich unbedingt sehen! Ich habe keine Ahnung, aber ich interessieren mich für alle Dinge, die "am meisten" dies oder jenes sind, oder generell "am ____sten".

    Mein Lieblingsbuch ist das Buch der Weltrekorde.

    Ja, und dieser Typ hat also DIE KUNST ERFUNDEN???

    Das ist der , entschuldigung, geilste Arikel in diesem Blättchen!

    • ztc77
    • 02.01.2010 um 21:37 Uhr

    Wenn Giorgione das Bild nicht benannt hat, dann wird die Benennung "Tempesta" von späteren Kunstwissenschaftlern stammen. Die angeführten Vermutungen beziehen sich primär nur auf die erwachsene Frau, den blickenden Mann und (als rhetorischen Kunstgriff) auf den Betrachter, der vor dem Bild steht. Das männliche Kind wird nur insoweit erwähnt, als es mit den Namen benannt wird, die ihm verschiedene Kunsthistoriker zugeordnet haben, vorher bleibt es unerwähnt, - stattdessen bevorzugt es der Autor Rauterberg, eine Figur zu zitieren, die gar nicht zu sehen ist, "Gott".
    Das vermutete Entstehungsjahr ist 1508, sie Gefühle des Malers waren also von Dingen aufgewühlt, die einen 30-Jährigen beschäftigen, ein Gewitter ins Bild zu fassen war ihm wichtig.
    Um 1508 gab es keine Babynahrung, höchstens Ammen, der gestillte Junge trank also "um sein Leben"! Die Fähigkeit der Frau, stillen und gebären zu können, musste noch als gesellschaftlich grundlegende und lebenserhaltende, eher göttliche Fähigkeit empfunden werden und ganz ohne religiöse Verrenkungen als eine solche "Göttliche Fähigkeit" verehrt werden. Der Maler rückt die Szene aber aus dem Bildmittelpunkt, was heißt, sie verliert gesellschaftlich an Macht, der Blick der Frau ist nicht der ruhende Blick einer Stillenden, sondern freudlos, schicksalsergeben, ihre Nacktheit (die über eine freigelegte Brust hinausgeht) ist dem Blick eher ausgesetzt als dargeboten.
    Der Blickende zeigt auch keine Geste der Verehrung, seine rechte Hand...

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    Sehr interesannt wie sie das Bild deuten konnten. Klasse!
    Das so ein wichtiges Thema in diesem Bild versteckt war, hätte ich nie gedacht.

    Könnten sie vielleicht ein weiteres Bild für uns deuten?

    Gruss!!!

    M.Kava

    Sehr interesannt wie sie das Bild deuten konnten. Klasse!
    Das so ein wichtiges Thema in diesem Bild versteckt war, hätte ich nie gedacht.

    Könnten sie vielleicht ein weiteres Bild für uns deuten?

    Gruss!!!

    M.Kava

    • ztc77
    • 02.01.2010 um 22:10 Uhr

    ...müsste dazu anders gehalten werden, sie liegt (fast zärtlich) auf dem langen Stab, der ihm die Fähigkeit verleiht, Angst zu verbreiten und Gewalt auszuüben. Die linke Hand liegt keck am Rücken, damit der auffallend gefüllte Penis in seinen Beinkleidern ihrem Blick nicht unverborgen ist. Die Geste des dezenten Blickesenkens, wie es beim Anblick einer Stillenden üblich ist, wird von ihm offensichtlich bewusst ignoriert! Hier soll ein Machtanspruch demonstriert werden: die Macht der Gewalt, dargestellt von Stab und Penis, erhebt sich dreist über die bisher verehrte Macht, die Kinder gebiert und am Leben erhält. So interpretiert sagt der Blick der Frau alles! Der Künstler konnte hier gerade nicht offen das zerstörerische des patriarchalischen Machtanspruchs als Begleitvehikel der Männergottreligion thematisieren, er musste im Blick der Frau, fast ohne Hoffnung auf Hilfe, das Drama der Entgöttlichung wahrnehmbar werden lassen.
    Damit wird auch die Bildmitte verständlich: das düstere, dunkelblaue Wasser, der ungesicherte Steg, die düsteren Wolken darüber: alles eher bedrohlich als hoffnungsvoll. Ein undefinierbares schwarzes Etwas ganz unten im Vordergrund.
    Die beiden Säulenreste runden das Bild: Der Himmel wird nicht mehr getragen, er kann jederzeit herabstürzen, das Phallische regiert, in Düsternis.

  2. Wie auch immer, die damaligen Meister malten Bilder, die "gedacht" waren, im Gegenteil zu heute, wo nur noch produziert wird, für einen Markt, aus dem jeder Maler ausgesondert wird, der nicht genug Geld einspielt. Deshalb Danke für diese Bilderschau.

  3. Sehr interesannt wie sie das Bild deuten konnten. Klasse!
    Das so ein wichtiges Thema in diesem Bild versteckt war, hätte ich nie gedacht.

    Könnten sie vielleicht ein weiteres Bild für uns deuten?

    Gruss!!!

    M.Kava

  4. schreibe ich, Fiesoduck, hier ja in diesem Blatt ja eher über den Stand meines Masterplans zur Erringung der Weltherrschaft, bzw. biete Leuten, von denen ich glaube, dass sie für dieses Vorhaben nützlich sind, die Rekrutierung an...

    Diesmal jedoch nicht. Dafür gibt es eine Empfehlung: es gibt zu dem Bild La Tempesta und dessen Deutungsschwierigkeit einen sehr guten surrealistischen Krimi des spanischen Autors Juan Manuel de Prada (wenn auch mit einer ziemlich seltsamen Hauptfigur). Er trägt den Titel "La Tempestad", im Deutschen "Trügerisches Licht der Nacht". Wenn man den gelesen hat, wird man sich nicht wundern, dass er im Artikel nicht erwähnt wurde.

    Gezeichnet,
    Fiesoduck

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    das erste "nicht" im letzten Satz ist zuviel

    Buch ist bestellt, bin mal gespannt...

    So so die Weltherrschaft...wie sieht den der Masterplan aus?

    Gruss

    Kava

    das erste "nicht" im letzten Satz ist zuviel

    Buch ist bestellt, bin mal gespannt...

    So so die Weltherrschaft...wie sieht den der Masterplan aus?

    Gruss

    Kava

  5. 7. PS.:

    das erste "nicht" im letzten Satz ist zuviel

    Antwort auf "Normalerweise"
  6. 8. Ok

    Buch ist bestellt, bin mal gespannt...

    So so die Weltherrschaft...wie sieht den der Masterplan aus?

    Gruss

    Kava

    Antwort auf "Normalerweise"

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