Hunger, Rüstung, Klimawandel: Die Probleme sind global, doch die Regierungen tun sich schwer, eine gemeinsame Lösung zu finden. Das zeigte sich auch in Kopenhagen, wo dieses Bild entstand © Peter Macdiarmid/Getty Images

Um die Welt zu verbessern, müssen wir erst einmal sehen, wie sie ist, mit allem, auch mit den Warzen. Dieser Satz stammt vom britischen Politiker und Staatsphilosophen Edmund Burke, und er drängt sich nach rund 200 Jahren wieder auf. Wie ist sie, die Welt, nach diesem Jahr 2009?

Die Menschheit hat in Kopenhagen versucht, das Klima gemeinsam zu retten. In London und Pittsburgh verfassten die Regierungschefs neue Regeln für die Finanzmärkte und den Kapitalismus. In Genf verhandelten sie über ein besseres Handelsregime. Und schon in ein paar Wochen werden sie in Davos, auf dem Weltwirtschaftsforum, wieder über alle Probleme gleichzeitig reden. Zehn weltumspannende Gipfeltreffen hat es seit November 2008 gegeben. So viel gemeinsames Suchen war selten, so viel globales Regieren nie.

Man kann die Welt so sehen. Doch ehrlicher wäre eine andere Deutung. Danach haben die Regierungschefs in Kopenhagen versagt, in London und Pittsburgh schöne, aber wirkungslose Papiere geschrieben und in Genf ihre Handelsvertreter wie jedes Jahr palavern lassen – ohne Resultate.

Mitnichten entsteht so eine neue globale Ordnung, in der Staaten gemeinsam die großen Probleme zu lösen versuchen. Stattdessen marschieren sie zurück in die ganz alte Welt: die des 19. Jahrhunderts, die der Nationalstaaten. Und in der betreiben alte und neue Mächte offener denn je pure Interessenpolitik, immer getrieben von den ganz eigenen ökonomischen Problemen. Globales Regieren? Außer Spesen nichts gewesen!

Da wehren sich die Amerikaner vehement gegen die globale Besteuerung der Börsen. Die Briten verhindern eine strengere europäische Finanzaufsicht, unter heimlichem Applaus manch anderer Regierung. Die Franzosen verweigern sich einer europäischen Agrarpolitik, die dem Süden weniger schaden würde. Spanien und Portugal wehren sich dagegen, die Überfischung der Meere zu stoppen. China möchte keine bindenden Klimaziele. Jeder hat ein anderes schmutziges Tabu, jeder will eine andere Ausnahme. Alle aber eint der Imperativ der modernen Weltpolitik: Egoisten aller Länder, vergesst die Welt.

Ein Globalisierungskritiker reiste den Mächtigen 70.000 Kilometer weit nach

"Wir sind mitnichten auf dem Weg in ein goldenes Zeitalter, in dem sich Staaten selbst auflösen oder etwa ihre Vorrechte abgeben würden. Der Nationalstaat ist als primäre politische Einheit des internationalen Systems quicklebendig", schreibt John C. Hulsman von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Die Probleme seien global, die Lösungen aber immer noch national, klagt auch der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz – und nicht nur er: Da mag die Menschheit gern mit viel Pomp in immer größeren Konferenzzentren nach globalen Spielregeln für globale Probleme suchen, die Ergebnisse sehen zum Jahreswechsel mager aus.

Denn in den reichen Ländern sind den Regierungen die Hände gebunden, die Haushalte erlauben kaum teure Zugeständnisse. Die aufstrebenden Schwellenländer wiederum wollen nachholen, was der Westen immer vormachte: Wachstum, koste es, was es wolle. Da stören globale Abkommen und die Abgabe von nationalen Rechten – selbst wenn das für alle besser wäre.