Beschleunigungsgesellschaft "Muße braucht Zeit"Seite 5/5

ZEIT: »Und die Welt hebt an zu singen, triffst Du nur das Zauberwort« hieß das in der Romantik bei Eichendorff.

Rosa: Dieses Gefühl des Einklangs beschreibt Eichendorff sehr schön. Doch hinsichtlich der Kunst sind wir – wie bei der Religion – skeptisch geworden. Stattdessen versuchen wir, die Resonanz technisch herzustellen: durch iPod, Fernsehen oder Internet. Auch bei Facebook geht es ja vorwiegend um Resonanz, man will eine Spur hinterlassen, sucht Anerkennung.

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ZEIT: Nun beschäftigen Sie sich mit solchen Zusammenhängen schon seit Jahren. Hat man denn wenigstens als Beschleunigungsforscher Muße?

Rosa: Schön wär’s. Wenn das mein Qualitätsmerkmal als Beschleunigungsforscher wäre, hätte ich jämmerlich versagt. Es ist eher umgekehrt: Ich bin hervorragend geeignet, diesen Zeitdruck zu untersuchen, weil ich heftig darunter leide. Paradoxerweise auch, weil dieses Thema der Gesellschaft so unter den Nägeln brennt. Ich werde ständig von allen möglichen Institutionen eingeladen – von Unternehmen, Kirchen, Bildungseinrichtungen, ja selbst der Bundeswehr und der Polizei.

ZEIT: Der Polizei?

Rosa: Die wollte zum Beispiel einen Tipp, wie man mit Leuten umgeht, die notorisch über rote Ampeln fahren und sich damit entschuldigen, sie hätten keine Zeit. Und die Bundeswehr wollte wissen, wie man sich angesichts einer sich ständig wandelnden Welt auf permanent wechselnde Sicherheitsbedrohungen einstellen kann.

ZEIT: Aber gehen Sie wenigstens mit dem Zeitdruck anders, reflektierter um?

Rosa: Zum einen habe ich aufgehört, das als Individualproblem zu sehen. Zum anderen bin ich sehr sensibel dafür geworden, wo Zeitzwänge herkommen und wie sie sich auswirken. Und da ist mir immer deutlicher geworden, wie sehr die Medien, die uns umgeben – E-Mail ist das Paradebeispiel –, quasi ein Eigenleben führen und unseren Umgang mit der Zeit strukturieren.

ZEIT: Ihr Umgang mit der Zeit ist zwar reflektierter geworden, das Problem aber keineswegs gelöst?

Rosa: Kann man so sagen – und das geht beileibe nicht nur mir so. Ich habe gerade ein Buch mit zwei Kollegen geschrieben: Wir sind uns alle drei vollständig bewusst, dass es eigentlich unverantwortlich ist, wie wir mit uns selbst und unseren Zeitressourcen umgehen. Jahr für Jahr und Monat für Monat schwören wir uns: Nächstes Semester muss es anders laufen. Und es läuft eben nicht anders. Aber darf ich mal rückfragen: Wie geht es denn Ihnen mit der Zeit?

ZEIT: Was denken Sie, warum ich mich gerade mit diesem Thema so beschäftige?

Rosa: Dann bin ich ja beruhigt.

Das Gespräch führte Ulrich Schnabel

 
Leser-Kommentare
    • bibber
    • 03.01.2010 um 16:08 Uhr

    Das Einzige, was wirklich hilft, ist komplette Hingabe. Wenn ich meine Rolle in der "Außenwelt" nicht mehr so wichtig nehme, dafür aber mehr Hingabe im täglichen Einerlei, den sozialen Kontakten und meinem Beruf übe, entschleunige ich mich. Ich übe, geistig beim Mitmenschen zu sein, wenn ich kommuniziere, und ich bin geistig bei meinem Werkstück, das ich bearbeite. Ich erreiche in der Geschwindigkeit nicht die Qualität wie in der Muße, auch in der Kommunkation.

    Es ist dafür nötig, selbst die Maßstäbe zu setzen anstatt sich fremder Maßstäbe ständig unter zu ordnen. Es ist nötig, sich selbst Anerkennung zu geben. Niemand verlangt mehr von uns als wir selbst.

    Wer mir e-mails sendet und sofort eine gute Antwort erwartet, hat entweder Glück, wenn das klappt oder es läuft eben anders. Es liegt an einem selbst, was man aus seinem Leben macht. Wenn der andere dann meinen Kontakt nicht mehr möchte, paßt er auch nicht mehr zu mir. Es gibt immer Mitläufer und immer Menschen, die selbst bestimmen. Wenn man das von der Natur nicht mitbekommen hat, sollte man es zu lernen versuchen. Der permanente Versuch ist befriedigender als es nie zu versuchen.

    Ein wirkliches Problem sehe ich darin, zu erkennen, für gewisse Dinge, die zu tun ich mir "eigentlich" vorgenommen habe, zu alt geworden zu sein. Da Abstriche machen zu müssen, kann sehr weh tun, denn es ist entgültig. Wenn die Knochen nicht mehr mitmachen, laufen die Dinge von selbst anders.

  1. Liebe ZEIT,
    Es freut mich sehr, dass Sie sich intensiv mit diesem Thema beschäftigen.

    Sehr geehrter Herr Rosa,
    Es klingt nach einer gewissen Kapitulation, wenn Sie meinen, dass es eher ein kollektives, gesellschaftliches Problem ist.
    Das ist es zwar gewiss, aber erstens ist jeder einzelne Teil der Gesellschaft und zweitens dadurch mitbestimmend!

    Das Schöne und Gute ist, dass wir in einer freien, demokratischen Gesellschaft leben.
    Sie haben Recht, wenn Sie sagen, dass die Angebote die Zeit zu verbringen überproportional ansteigen.
    Aber ich habe jederzeit die Möglichkeit einen Strich zu ziehen!

    Wir sind eine junge Familie und haben z.B.: den Fernseher verbannt.
    Als Substitut gibt es ja das Internet!
    Die Freiheit zu jeder Zeit an jede Information zu kommen, ist uns lieber als der vorgegebene Termindruck des Fernsehers.

    Ich gebe zu, wie Sie auch schreiben, wird man süchtig.

    Ich glaube, dass ein mündiger, selbstbewußter Bürger und Mensch durchaus seine Vorteile aus der Welt von heute ziehen kann, und gleichzeit sich auch in Muße verabschieden kann.
    Aber ich gebe zu es ist schierig den Anreizen zu widerstehen.

    Guter Vortrag über :
    "Die Eile hat der Teufel erfunden" - nach einem türkischen Sprichwort: auf Radio Vorarlberg:
    http://vorarlberg.orf.at/...

    • dcrabs
    • 03.01.2010 um 19:50 Uhr
    3.

    Danke für den Artikel! Kommt mir sehr bekannt vor und es ist extrem schwierig sich da ein wenig herauszuhalten. Interessant wäre zu dem Thema mal zu erfahren, ob das gleichermaßen in verschiedenen Ländern empfunden wird.
    Mir fallen hier in Schweden immer beide Extreme auf, dass für vieles mehr Zeit eingeplant wird, viele Dinge langsamer laufen und sich niemand beschwert, wenn es Zeit braucht und dass gleichzeitig alle Medien, vor allem das Handy, viel mehr genutzt werden als in Deutschland.

  2. im Interview sind nicht besonders gut.

    Zum Thema: Es ist ein gesellschaftliches Problem. Die Ursachen liegen in unserem Bewußtsein der Zeit gegenüber. Wir nehmen diese als etwas fortlaufendes, und dadurch auch sich beschleunigbares wahr. Und etwas was irgendwann zu Ende geht.
    Aber Zeit bedeutet schlicht Gegenwart, "gefüllt" mit Ereignissen, die ich mir selbst raussuchen kann, bzw. die sich mich raussuchen.
    Und I-net und Facebook als Selbstdarstellung abzutun ist zu einfach. Das Internet ist Ausdruck dieses Gegenwartsbewusstseins. Alles ist immer überall und gleichzeitig. Nur müssen WIR es nutzen und uns nicht ausnutzen LASSEN. Wer die Kontrolle (=bewusstes Entscheiden) über SEIN Leben übernimmt hat den Zeitdruck besiegt.

    Und ich bezweifel, dass man dadurch sozial abgeschlagen ist (wie im Interview behauptet). Der Gehetzte ist das.

    • alkyl
    • 04.01.2010 um 11:25 Uhr

    ...ist das nicht:

    http://www.amazon.de/Zeit-genug-Wege-persönlichen-Zeitwohlstand/dp/3407363656 .

    Es scheint nur immer noch nicht genug zu schmerzen, denn Dr. Schlote ist nicht wieder aufgelegt worden. Es wäre Professor Rosa und uns allen zu gönnen, daß sein Wort mehr Gehör findet.

  3. Lieber Herr Rosa, Lieber Herr Schnabel,

    Ihr Interview gefiel mir bis ich die letzte Passage gelesen hatte sehr gut. Doch an dieser letzten Passage hat sich nach meinem Dafürhalten wieder allzu deutlich gezeigt, warum unsere Gesellschaft an Zeitnot leidet. Dem Artiekl raubt z.T. die Glaubwürdigkeit.Denn selbst in einem Artikel über Muße müssen sich Interviewer und Interviewter am Ende versichern das Sie eigentlich auch nie Zeit haben, nicht abkömmlich sind, ein wichtiges Buch mit Professoren Kollegen zu Ende bringen müssen etc.. Krankt unsere Gesellschaft nicht auch daran, das wir uns und anderen gegenüber ständig unsere Unabkömmlichkeit beweisen müssen. Wer Zeit hat leistet nichts. Klar wir hätten gerne mehr Zeit aber weil wir aus X Gründen so gefragt sind haben wir leider keine. Es wird Zeit das wir zugeben auch mal Zeit zu haben oder zumindest wenn wir tatsächlich keine haben unsere Zeitknappheit nicht so laut zu betonen.

    So auf diesen Kommentar habe ich jetzt auch schon wieder viel zu viel Zeit ver(sch)wendet - es ist 00:30 - eigentlich sollte ich mir längst die Zeit genommen haben einfach zu schlafen.

  4. Ich glaube ihnen nicht, dass der Einzelne aus der gesellschaftlich bedingten Zeitnot nicht aussteigen kann. Voraussetzung ist allerdings, dass man die Anspruchshaltung: "Ich will alles - jetzt - sofort!" aufgeben kann.

    Dass man warten kann, bis es die ersten hiesigen Erdbeeren gibt. Dass man nicht auf jede interessante Veranstaltung muss. Dass man ein Gefühl dafür entwickelt, dass die exzessive Nutzung des Internets zwar die Zeit vertreibt, aber nicht emotional satt macht wie z.B. ein Wiedersehen mit Freunden.

    • AnLaKa
    • 10.03.2010 um 22:59 Uhr

    Ich finde es eigentlich sehr traurig, dass in diesem Interview nur ein Stromausfall oder sonstige äußerliche Einflüsse als plausibler Grund für eine erzwungene Entschleunigung angeführt werden. Immerhin können wir selbst "Stopp" sagen, was für eine individuelle Haltung in dieser Gesellschaft spricht. Es wird endlich Zeit, dass wir bewusst aus der Maschinerie, der uns von außen aufoktoyierten Zeitrhythmen aussteigen. Als Tipp reicht oft einfach nur stehenzubleiben, den Boden zu spüren, auszuatmen und dann wieder weiterzugehen. DAs ist präventiv und tut gut. Übrigens gibt es in Kärnten einen "Verein zur Verzögerung der Zeit" von Prof. Heintel. Das ist doch ein Angebot an die Gesellschaft.

    Mehr zum Thema Haltung unter: latritschkarlbauer.wordpress.com

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