Iran Diese Flamme erlischt nicht mehr
Mehr als eine Revolte: Die neuen Proteste in Iran zeigen, dass das Regime das Volk nicht besiegen kann
© Amir Sadeghi/ AFP/ Getty Images

Ein Demonstrant in Teheran vor einem brennenden Polizeifahrzeug
Wer trotz der martialischen Drohungen und der Brutalität der Revolutionswächter in diesen Tagen in Iran für die Freiheit demonstriert, riskiert bewusst sein Leben. Er und – angesichts der vielen protestierenden Frauen sei es ausdrücklich hinzugefügt – sie nehmen in Kauf, vor die Gewehrläufe von Scharfschützen zu laufen, die keinen Schießbefehl mehr einholen müssen. Er und sie wissen, dass die Milizen keinen anderen Ehrgeiz haben, als mit ihren Knüppeln möglichst viele Schädel zu treffen. Er und sie haben mehr als einmal erfahren, wie es ist, in eine Tränengaswolke zu geraten, haben geheult vor Schmerz, Übelkeit und Wut. Er und sie sind sich bewusst, dass sie vielleicht gefoltert und vergewaltigt werden, aber mit Sicherheit ihren Studienplatz verlieren, ihre berufliche Zukunft ruinieren, wenn sie in Haft geraten oder auf dem Video einer Überwachungskamera identifiziert werden. Er und sie haben Angst, dass ihren Eltern oder Geschwistern etwas angetan werden könnte.
Und dennoch wagten sich schon in den letzten Monaten jedes Mal, wenn die grüne Opposition zu Demonstrationen aufrief, Zehntausende Menschen auf die Straßen. Jeder und jede Einzelne von ihnen hat Verwandte, Bekannte, Kollegen, Nachbarn, Schulkameraden, Kommilitonen und Lehrer, die mit ihnen bangen. Jedes Mal verkündete das Regime, beim nächsten Protesttag noch härter durchzugreifen. Jedes Mal trauten sie sich dennoch auf die Straße. Jedes Mal waren es mehr – beim Begräbnis des Großajatollahs Montazeri in Ghom am Montag voriger Woche wieder eine halbe Million.
Und jedes Mal wurden ihre Parolen radikaler, sodass sich ihr Protest heute nicht mehr gegen mutmaßlich gefälschte Wahlen, sondern gegen das System als solches richtet. Dass es einem zu allem entschlossenen Sicherheitsapparat gegen alle Ankündigungen nicht gelingen will, die Protestmärsche zu unterbinden, dürfte das Regime nachhaltiger erschüttern als im Sommer die Massenkundgebungen, die es zunächst tolerierte. Nicht nur die Demonstranten, sondern auch die Sicherheitskräfte haben Verwandte, Bekannte, Kollegen, Nachbarn – und den Gedanken an sie können die Diener des Regimes nicht auf Dauer verdrängen, wenn sie durch ihre Gewehrlinsen blicken.
Nicht das blutigste, aber wohl das erstaunlichste Bild des vergangenen Wochenendes boten staatliche Schlägertrupps, als sie die Privatmoschee von Staatsgründer Ajatollah Chomeini, damit ein Heiligtum der Islamischen Revolution, angriffen. Sie wollten nicht einem westlich orientierten Politiker buchstäblich an den Kragen, sondern mit Mohammed Chatami einem Theologen mit dem schwarzen Turban des Prophetennachfahren, der bis vor viereinhalb Jahren Staatspräsident der Islamischen Republik Iran war und in der Moschee eine religiöse Ansprache hielt. Auch die anderen Staatsfeinde von heute sind die Staatsführer von gestern: Seyyed Hussein Mussawi ist ein ehemaliger Ministerpräsident, Mehdi Karrubi ein ehemaliger Parlamentspräsident, Großajatollah Saneí ein ehemaliger Vorsitzender des Wächterrats. Die meisten Häftlinge, die das staatliche Fernsehen in Pyjama und Plastikpantoffeln für Schaugeständnisse vorführt, sind ehemalige Minister, Parlamentsabgeordnete, Anführer der Botschaftsbesetzung von 1979; ein stellvertretender iranischer Präsident aus den Jahren 1997 und 2005, Mohammed Abtahi, ist auch dabei. So richtet sich die Revolution selbst.
Dies ist mehr als ein Machtkampf innerhalb des Establishments
So ist es auch kein Zufall, dass die derzeitigen Proteste gegen die iranische Theokratie ausgerechnet durch den Tod des Großajatollahs Montazeri ausgelöst wurden. Grund war nicht nur, was er gesagt hatte – dass er gegen die Tyrannei wetterte und dem Revolutionsführer persönlich die Legitimation absprach, dass er den Bau der Atombombe verdammte, ungeachtet ihres Glaubens allen Bürgern Irans und ausdrücklich auch der religiösen Minderheit der Bahais die gleichen Rechte zusprach. Es ging auch darum, wer all das sagte: nicht ein junger Aufrührer, nicht ein säkularer Intellektueller, sondern der höchste schiitische Theologe seiner Zeit und engste Vertraute Chomeinis, der bis 1989 als dessen Nachfolger ausersehen war.
Trotzdem wäre nichts irriger, als die gegenwärtigen Unruhen auf einen Machtkampf innerhalb des iranisch-islamischen Establishments zu reduzieren. Die Konfrontation zwischen den einstigen Weggefährten ist nur das deutlichste Zeichen einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung, bei der auf der einen Seite eine stetig anwachsende Mehrheit steht, die der ideologisch legitimierten Gängelungen müde ist, und auf der anderen Seite eine Minderheit, die sich verpflichtet fühlt, die bestehende, als heilig erachtete Ordnung zu verteidigen.
Der Riss zieht sich beinah durch alle Bereiche der iranischen Gesellschaft. Er ist in der Wirtschaft mit ihrer sich entwickelnden weltgewandten Elite zu erkennen, die eine andere Weltsicht hat als die traditionellen Basarhändler. Der Riss teilt die Frauen in Mütter, die nichts anderes als Hausarbeit gelernt haben, und die Millionen und Abermillionen Töchter, die angesichts der verordneten Ungleichheit umso entschlossener sind, ihr Leben selbst zu bestimmen. Der Riss verläuft zwischen den Generationen und geht durch viele Familien, in denen die Kinder nicht verstehen, warum ihre Eltern einst für dieses System im Krieg gegen Saddam Husseins Irak zu sterben bereit waren, während die Eltern sich darüber entsetzen, dass ihre Kinder so radikal ablehnen, was sie unter hohen Opfern erkämpft haben. Am schärfsten und sinnfälligsten ist der Konflikt jedoch dort, wo die Islamische Republik ihr Zentrum hat: innerhalb der Geistlichkeit.
Die Diskussionen, die bereits Anfang der 1990er Jahre in religiös-philosophischen Fachzeitschriften und den Theologischen Seminaren begannen und bis zu deren Verbot auch die auflagenstärksten Tageszeitungen erreichten, zielen auf einen Wandel, der Politik und Religion wieder auseinander dividieren und die Autorität des Staatsoberhaupts allein durch das Volk, nicht durch Gott legitimieren will. Diese Reform des Islams ist eine gedankliche und historische Entwicklung, die rasanter und tiefgreifender nicht hätte sein können. Sie ist ein genuines Produkt der eigenen Kultur, der kollektiven Erfahrung der eigenen Gesellschaft. Dies verschafft ihr Dauer, Substanz und eine intellektuelle Schärfe, wie sie in den wenigsten Ländern der islamischen Welt gegenwärtig denkbar ist. Die iranische Gesellschaft macht mit dem Kampf um die Trennung von Staat und Gott einen geistigen Wandel durch, den die westlich orientierten arabischen Diktaturen in ihrem Modernisierungseifer vernachlässigt, vielleicht sogar verhindert haben. Man könnte sich über diesen Lernprozess freuen, wären die menschlichen, politischen und sozialen Opfer, die er das Land gekostet hat und noch immer kostet, nicht so immens und wäre zugleich die Möglichkeit eines Bürgerkriegs nicht so real – eines Bürgerkriegs im Sinn eines Kriegs gegen die eigenen Bürger.
Der Westen hat den Wandel in Iran nicht begriffen
Es gibt einen unabweislichen Grund, weshalb ein strikt theokratisches Staatsmodell in Iran nicht von Dauer sein kann: Den Herrschenden ist die Gesellschaft abhanden gekommen. Der Chomeinismus hatte Anfang der 1980er Jahre einen zwar nicht uneingeschränkten, aber starken Rückhalt in den Zentren der schiitischen Volksfrömmigkeit, also in den Klein- und Mittelstädten sowie im Basar und den ärmeren Vierteln der Großstädte. Der urbanen Mittel- und Oberschicht sowie weiten Teilen der Landbevölkerung, deren Religiosität ganz unterschiedlich und mitunter nur wenig ausgebildet ist, blieb Chomeinis Ideologie dagegen immer fremd. Mag man die erste Gruppe als verweltlicht, die zweite als traditionell bezeichnen – jedenfalls verbindet sie eine Haltung zur Religion, die in einem eminenten Sinne säkular ist: Der Islam ist in den Augen ihrer meisten Angehörigen Privatsache, nicht Richtschnur der Politik oder Quelle staatlichen Gesetzes.
- Datum 30.12.2009 - 19:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.12.2009 Nr. 01
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Schöner Artikel, der die ganze Hoffnung der Exiliraner zum Ausdruck bringt. Irgendwie aber irrational. Wer regelmäßig im Iran ist oder war und nicht nur in den Kreisen der Reichen verkehrt, wo viel Wut zu spüren ist, kann den Iranern nur Glück wünschen. Ob sich die Randalierer (ist es mehr? Eine Bewegung? Wo sind ihre Führer) diesmal durchsetzen ist sehr fraglich.
Realität ist, dass der Iran wohl längst eine Militärdiktatur ist. Die Pasdaran und die Clique um Khamenei werden selbst den Bürgerkrieg in Kauf nehmen. Die Ausschaltung der "Führer" der Bewegung (man hat lange nichts von Ihnen gehört. Gerüchte kamen heute auf, dass Mousavis Frau verhaftet wurde; zwei der 'Aufrührer', möglicherweise Mousavi und Karroubi selbst, sollen auf der Flucht sein) hat schon begonnen.
Der schweigenden Mehrheit auf dem Lande, die Ahmadinejad im Juni gewählt hat, wird das gar nicht auffallen. Hoffen wir dennoch das Beste.
Fahad
Es gibt üblicherweise die Trennung der Funktionen der bewaffneten Exekutivorgane des Staates, der Armee und der Polizei. Die Polizei ist dem Ministerium des Inneren (eines Staates, dem jeweiligen Bundesland, der Kommune) unterstellt und vertritt den Staat im Inneren, während die bewaffneten Kräfte, die Armee, dem Verteidigungsministerium unterstellt die Staatsgrenzen oder den Staat außerhalb seiner Grenzen sichern.
Mit der Entstehung der Pasdaran und der Basidschi Miliz - aus welchen Gründen auch immer – verschwimmt diese klare Unterscheidung zwischen der Funktion des Schutzes der (inneren) Sicherheit und Ordnung einerseits und die Funktion des Verteidigung des Landes gegen auswärtige Bedrohungen und Angriffe.
So existiert neben der regulären Armee und der regulären Polizei eine Parallelorganisation mit beiden Funktionen gleichzeitig; so können die reguläre Institution und die politisch-religiös-ideologische Parallelorganisation gegeneinander ausgespielt werden bzw. die ideologische Parallelorganisation kann die rein funktionalen Institutionen von Armee und Polizei mehr oder weniger in Haltung und Aktion beeinflussen [, was irgendwie erinnert an die parallele Organisation eines kommunistischen Systems mit einer Parallelorganisierung des Staates auf den verschiedenen rein funktionalen Ebenen und parallel auf den verschiedenen einflussreicheren Niveaus der Parteiorganisation].
Keine leichte Aufgabe, die die iranische „grüne“ Bewegung für mehr Demokratie zu lösen hat.
aus dem Fenster lehnen.
"Es gibt üblicherweise die Trennung der Funktionen der bewaffneten Exekutivorgane des Staates, der Armee und der Polizei. Die Polizei ist dem Ministerium des Inneren (eines Staates, dem jeweiligen Bundesland, der Kommune) unterstellt und vertritt den Staat im Inneren, während die bewaffneten Kräfte, die Armee, dem Verteidigungsministerium unterstellt die Staatsgrenzen oder den Staat außerhalb seiner Grenzen sichern."
Irgendwie finden unsere Regierenden "Iranische Zustände" gar nicht so verkehrt. Man siehe wie verbissen die Herrschenden an der Aushebelung des Grundgesetzes arbeiten und den Einsatz der Bundeswehr im Inneren fordern.
Auch wir haben eine Sondereingreiftruppe des Innenministeriums, die mit ihrer Ausrüstung deutlich mehr ist als Polizei, die Bundespolizei.
Man betrachte die Tätigkeiten der Geheimdienste und Kriegsunternehmer auf internationaler Ebene. Die BW und der BND arbeiten in Afghanistan vermutlich auch mit den Mördern von Blackwater zusammen, wissentlich oder "unwissentlich", siehe unsere angeblichen nur Aufklärungsflüge.
aus dem Fenster lehnen.
"Es gibt üblicherweise die Trennung der Funktionen der bewaffneten Exekutivorgane des Staates, der Armee und der Polizei. Die Polizei ist dem Ministerium des Inneren (eines Staates, dem jeweiligen Bundesland, der Kommune) unterstellt und vertritt den Staat im Inneren, während die bewaffneten Kräfte, die Armee, dem Verteidigungsministerium unterstellt die Staatsgrenzen oder den Staat außerhalb seiner Grenzen sichern."
Irgendwie finden unsere Regierenden "Iranische Zustände" gar nicht so verkehrt. Man siehe wie verbissen die Herrschenden an der Aushebelung des Grundgesetzes arbeiten und den Einsatz der Bundeswehr im Inneren fordern.
Auch wir haben eine Sondereingreiftruppe des Innenministeriums, die mit ihrer Ausrüstung deutlich mehr ist als Polizei, die Bundespolizei.
Man betrachte die Tätigkeiten der Geheimdienste und Kriegsunternehmer auf internationaler Ebene. Die BW und der BND arbeiten in Afghanistan vermutlich auch mit den Mördern von Blackwater zusammen, wissentlich oder "unwissentlich", siehe unsere angeblichen nur Aufklärungsflüge.
Außer zwei Punkten kann ich Ihnen voll zustimmen.
Erstens gibt viele die als Führung der Bewegung in Frage kommen. Eine Frau Ebadi darf man da nicht vergessen. Zweitens lebt die Mehrheit der Iraner in den Städten und nicht auf dem Land. Und auch auf dem Land hat Ahmadinejad in den letzten Jahren die Subventonen stark gekürzt, sodass auch dort die Unzufriedenheit wächst.
Zu ergänzen ist der Aspekt ders kommerziellen, ökonomischen und finanziellen Engagements der Organisation der Revolutionswächter, die folglich die gesamte iranische Gesellschaft durchdringt.
Gute Analyse!!
Lieber Freund, die Menschenrechtlerin Shirin Ebadi lebt de facto im Exil. Ihre Schwester, eine Zahnärztin an der Islamic Azad Universität (gehört dem Rafsanjani-Clan) in Tehran, wurde in Sippenhaftung gestern verhaftet. Ihr Nobelpreis von 2003, Geld und Plakette, wurde schon konfisziert. Die Exiliraner wissen, warum sie nicht mehr im Iran leben. Die, die bleiben, wissen auch, warum.
Möglicherweise steht Mousavi und Karroubi jetzt die bittere Konsequenz bevor, gegen den Amstinhaber angetreten zu sein. Khatami, der noch zurückschreckte, als ob er kommen sah, was ihn erwartet, wird dasselbe Schicksal erleiden.
Diktaturen zeigen ihr wahres Gesicht in der Krise.
Fahad
in der Krise. Z.B. die USA: diese steht vor einer großen Identitäts- und Weltmachtkrise, der sie offenbar nur noch mit kriegerischen Rundumschlägen zu begegnen weiß.
Wir bewegen uns hier auf dem gleichen Niveau.
in der Krise. Z.B. die USA: diese steht vor einer großen Identitäts- und Weltmachtkrise, der sie offenbar nur noch mit kriegerischen Rundumschlägen zu begegnen weiß.
Wir bewegen uns hier auf dem gleichen Niveau.
Lieber "docaffi",
wenn ich es nicht vor mir hier in der ZEIT läse, wäre ich der Überzeugung, dass ein solcher Mensch wie Sie vom Mars kommt oder ein allerletzter Rest längst vergangener, vielleicht niemals existierender, Zeiten ist:
Wo in aller Welt gibt es das Phänomen, dass man gelobt wird ?
Wo ist der Ort, wo diese bislang ausgestorben geglaubte Spezies ihre Heimstatt hat ?
in other words: MILLE GRAZIE
Ihr Publicola
[entfernt wegen Doppelpostings. Die Redaktion/ew]
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