Iran Diese Flamme erlischt nicht mehrSeite 2/2

 An der politischen Willensbildung in der Islamischen Republik ist die Landbevölkerung niemals, das Bürgertum nur anfangs beteiligt gewesen. Sie unterstützten das System nicht, gefährdeten es jedoch ebenso wenig. Im Laufe der neunziger Jahre kristallisierte sich allerdings immer deutlicher heraus, dass auch jene Bevölkerungsschichten, auf deren Loyalität die Islamische Republik gründete, sich längst in Scharen von der eigenen politischen Elite abgewandt hatten. Wer in diesen Tagen auf die Straße geht, um für Freiheit zu demonstrieren, ist keiner gesellschaftlichen Herkunft mehr zuzuordnen. Es ist – das Volk.

Das Ancien Régime mag sich in den nächsten Tagen – oder sei es noch für einige Jahre – mit aller Gewalt einreden, es habe noch eine Chance. Tatsächlich hat es längst verloren. Es hat verloren, weil die Gesellschaft in ihrer Mehrheit die Bevormundung, die Verquickung von Religion und Politik, überhaupt jegliche ideologische Grundierung des öffentlichen Raums, gedanklich schon weit hinter sich gelassen hat. Die oben genannten Staatsführer, die zu Staatsfeinden wurden, reagieren auf diesen Wandel, sie haben ihn nicht initiiert. Weil man das im Westen nicht begriff, hat man die Revolution der Revolution, die schon vor der Wahl des reformorientierten Präsidenten Chatami begann, lange nicht wahrgenommen, nach den ersten Rückschlägen verabschiedet, mit dem Amtsantritt des Hardliners Ahmadineschad vergessen und nach der Niederschlagung der Proteste im vergangenen Juni für tot erklärt. Die Veränderung einer Gesellschaft geschieht langsamer als die Abwahl einer Regierung oder die Revolution eines politischen Systems; dafür ist sie unumkehrbar.

Der Westen und der Osten haben ihre Erfahrungen mit einer real existierenden Ideologie gemacht. Iran hat 1979 als erster Staat der islamischen Welt das Experiment des Islamismus unternommen. Heute tragen die Iraner, in mancher Hinsicht stellvertretend für viele Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens, das für lange Zeit womöglich letzte große Gefecht aus, um den Irrtum des vergangenen Jahrhunderts zu korrigieren: den Glauben an das Heil, das aus der politischen Heilslehre erwächst.

Navid Kermani, Schriftsteller und Orientalist, ist Senior Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Sein Buch »Iran. Die Revolution der Kinder« beschreibt die Entwicklung des Landes nach der Gründung der Islamischen Republik

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Leser-Kommentare
    • FahadA
    • 30.12.2009 um 20:02 Uhr

    Schöner Artikel, der die ganze Hoffnung der Exiliraner zum Ausdruck bringt. Irgendwie aber irrational. Wer regelmäßig im Iran ist oder war und nicht nur in den Kreisen der Reichen verkehrt, wo viel Wut zu spüren ist, kann den Iranern nur Glück wünschen. Ob sich die Randalierer (ist es mehr? Eine Bewegung? Wo sind ihre Führer) diesmal durchsetzen ist sehr fraglich.

    Realität ist, dass der Iran wohl längst eine Militärdiktatur ist. Die Pasdaran und die Clique um Khamenei werden selbst den Bürgerkrieg in Kauf nehmen. Die Ausschaltung der "Führer" der Bewegung (man hat lange nichts von Ihnen gehört. Gerüchte kamen heute auf, dass Mousavis Frau verhaftet wurde; zwei der 'Aufrührer', möglicherweise Mousavi und Karroubi selbst, sollen auf der Flucht sein) hat schon begonnen.

    Der schweigenden Mehrheit auf dem Lande, die Ahmadinejad im Juni gewählt hat, wird das gar nicht auffallen. Hoffen wir dennoch das Beste.

    Fahad

  1. Es gibt üblicherweise die Trennung der Funktionen der bewaffneten Exekutivorgane des Staates, der Armee und der Polizei. Die Polizei ist dem Ministerium des Inneren (eines Staates, dem jeweiligen Bundesland, der Kommune) unterstellt und vertritt den Staat im Inneren, während die bewaffneten Kräfte, die Armee, dem Verteidigungsministerium unterstellt die Staatsgrenzen oder den Staat außerhalb seiner Grenzen sichern.

    Mit der Entstehung der Pasdaran und der Basidschi Miliz - aus welchen Gründen auch immer – verschwimmt diese klare Unterscheidung zwischen der Funktion des Schutzes der (inneren) Sicherheit und Ordnung einerseits und die Funktion des Verteidigung des Landes gegen auswärtige Bedrohungen und Angriffe.

    So existiert neben der regulären Armee und der regulären Polizei eine Parallelorganisation mit beiden Funktionen gleichzeitig; so können die reguläre Institution und die politisch-religiös-ideologische Parallelorganisation gegeneinander ausgespielt werden bzw. die ideologische Parallelorganisation kann die rein funktionalen Institutionen von Armee und Polizei mehr oder weniger in Haltung und Aktion beeinflussen [, was irgendwie erinnert an die parallele Organisation eines kommunistischen Systems mit einer Parallelorganisierung des Staates auf den verschiedenen rein funktionalen Ebenen und parallel auf den verschiedenen einflussreicheren Niveaus der Parteiorganisation].

    Keine leichte Aufgabe, die die iranische „grüne“ Bewegung für mehr Demokratie zu lösen hat.

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    aus dem Fenster lehnen.

    "Es gibt üblicherweise die Trennung der Funktionen der bewaffneten Exekutivorgane des Staates, der Armee und der Polizei. Die Polizei ist dem Ministerium des Inneren (eines Staates, dem jeweiligen Bundesland, der Kommune) unterstellt und vertritt den Staat im Inneren, während die bewaffneten Kräfte, die Armee, dem Verteidigungsministerium unterstellt die Staatsgrenzen oder den Staat außerhalb seiner Grenzen sichern."

    Irgendwie finden unsere Regierenden "Iranische Zustände" gar nicht so verkehrt. Man siehe wie verbissen die Herrschenden an der Aushebelung des Grundgesetzes arbeiten und den Einsatz der Bundeswehr im Inneren fordern.

    Auch wir haben eine Sondereingreiftruppe des Innenministeriums, die mit ihrer Ausrüstung deutlich mehr ist als Polizei, die Bundespolizei.

    Man betrachte die Tätigkeiten der Geheimdienste und Kriegsunternehmer auf internationaler Ebene. Die BW und der BND arbeiten in Afghanistan vermutlich auch mit den Mördern von Blackwater zusammen, wissentlich oder "unwissentlich", siehe unsere angeblichen nur Aufklärungsflüge.

    aus dem Fenster lehnen.

    "Es gibt üblicherweise die Trennung der Funktionen der bewaffneten Exekutivorgane des Staates, der Armee und der Polizei. Die Polizei ist dem Ministerium des Inneren (eines Staates, dem jeweiligen Bundesland, der Kommune) unterstellt und vertritt den Staat im Inneren, während die bewaffneten Kräfte, die Armee, dem Verteidigungsministerium unterstellt die Staatsgrenzen oder den Staat außerhalb seiner Grenzen sichern."

    Irgendwie finden unsere Regierenden "Iranische Zustände" gar nicht so verkehrt. Man siehe wie verbissen die Herrschenden an der Aushebelung des Grundgesetzes arbeiten und den Einsatz der Bundeswehr im Inneren fordern.

    Auch wir haben eine Sondereingreiftruppe des Innenministeriums, die mit ihrer Ausrüstung deutlich mehr ist als Polizei, die Bundespolizei.

    Man betrachte die Tätigkeiten der Geheimdienste und Kriegsunternehmer auf internationaler Ebene. Die BW und der BND arbeiten in Afghanistan vermutlich auch mit den Mördern von Blackwater zusammen, wissentlich oder "unwissentlich", siehe unsere angeblichen nur Aufklärungsflüge.

  2. 3. @Fahad

    Außer zwei Punkten kann ich Ihnen voll zustimmen.
    Erstens gibt viele die als Führung der Bewegung in Frage kommen. Eine Frau Ebadi darf man da nicht vergessen. Zweitens lebt die Mehrheit der Iraner in den Städten und nicht auf dem Land. Und auch auf dem Land hat Ahmadinejad in den letzten Jahren die Subventonen stark gekürzt, sodass auch dort die Unzufriedenheit wächst.

  3. 4. Zusatz

    Zu ergänzen ist der Aspekt ders kommerziellen, ökonomischen und finanziellen Engagements der Organisation der Revolutionswächter, die folglich die gesamte iranische Gesellschaft durchdringt.

  4. Gute Analyse!!

    • FahadA
    • 30.12.2009 um 20:40 Uhr

    Lieber Freund, die Menschenrechtlerin Shirin Ebadi lebt de facto im Exil. Ihre Schwester, eine Zahnärztin an der Islamic Azad Universität (gehört dem Rafsanjani-Clan) in Tehran, wurde in Sippenhaftung gestern verhaftet. Ihr Nobelpreis von 2003, Geld und Plakette, wurde schon konfisziert. Die Exiliraner wissen, warum sie nicht mehr im Iran leben. Die, die bleiben, wissen auch, warum.

    Möglicherweise steht Mousavi und Karroubi jetzt die bittere Konsequenz bevor, gegen den Amstinhaber angetreten zu sein. Khatami, der noch zurückschreckte, als ob er kommen sah, was ihn erwartet, wird dasselbe Schicksal erleiden.

    Diktaturen zeigen ihr wahres Gesicht in der Krise.

    Fahad

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    in der Krise. Z.B. die USA: diese steht vor einer großen Identitäts- und Weltmachtkrise, der sie offenbar nur noch mit kriegerischen Rundumschlägen zu begegnen weiß.
    Wir bewegen uns hier auf dem gleichen Niveau.

    in der Krise. Z.B. die USA: diese steht vor einer großen Identitäts- und Weltmachtkrise, der sie offenbar nur noch mit kriegerischen Rundumschlägen zu begegnen weiß.
    Wir bewegen uns hier auf dem gleichen Niveau.

  5. Lieber "docaffi",

    wenn ich es nicht vor mir hier in der ZEIT läse, wäre ich der Überzeugung, dass ein solcher Mensch wie Sie vom Mars kommt oder ein allerletzter Rest längst vergangener, vielleicht niemals existierender, Zeiten ist:

    Wo in aller Welt gibt es das Phänomen, dass man gelobt wird ?

    Wo ist der Ort, wo diese bislang ausgestorben geglaubte Spezies ihre Heimstatt hat ?

    in other words: MILLE GRAZIE

    Ihr Publicola

  6. [entfernt wegen Doppelpostings. Die Redaktion/ew]

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  • Quelle DIE ZEIT, 30.12.2009 Nr. 01
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  • Schlagworte Iran | Mohammed Chatami | Saddam Hussein | Irak | Teheran
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