Varieté im Elsass Kirr Royal

Im elsässischen Dorf Kirrwiller hat sich ein Gastwirt seinen Traum erfüllt: Ein Varieté von Weltrang. Im Glitzerpalast neben den frei laufenden Hühnern schwingen Akrobaten über das Trapez, und Frauen zeigen ihre Brüste.

Warten auf die nächste Attraktion: Gäste im Royal Palace. 200.000 Besucher sehen jedes Jahr die Show. Die Künstler kommen vom Moskauer Staatszirkus, vom Moulin Rouge und von anderen berühmten Bühnen

Warten auf die nächste Attraktion: Gäste im Royal Palace. 200.000 Besucher sehen jedes Jahr die Show. Die Künstler kommen vom Moskauer Staatszirkus, vom Moulin Rouge und von anderen berühmten Bühnen

Kirrwiller ist ein kleiner, ruhiger Ort, 40 Kilometer nordwestlich von Straßburg. 520 überwiegend pensionierte Bürger leben hier in Fachwerkhäusern am Rande von Weinbergen. Es gibt eine Schreinerei, einen Keramikladen, einen Friseur und zwei Kirchen, in die kaum jemand geht. Was es nicht gibt: einen Lebensmittelladen, ein Hotel, ein Restaurant. Auf Gäste ist man nicht eingestellt. Obwohl doch so viele kommen.

In einem Bauernhaus am Dorfeingang, inmitten einer Wohnzimmerwelt aus Puppen und Plüsch, steht Madame Bonville an der Gardine. 50 Meter hinter ihrem Fenster, nur durch ein paar frei laufende Hühner getrennt, thront der Royal Palace, ein massiver weißer Klotz mit einer Goldkrone und funkelnden Lichterketten am Eingang. Es ist das drittgrößte Varieté-Theater Frankreichs. »Wir sind sehr stolz«, sagt Madame Bonville und lehnt sich auf ihrem Sessel zurück. Die pensionierte Krankenschwester liebt das goldflirrende, beinschwingende Spektakel, das jeden Abend vor ihrer Haustür stattfindet.

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Sie versteht nicht, warum viele Dorfbewohner nur in die Show gehen, wenn sie vom Veranstalter eingeladen werden. Vergangene Woche war Madame Bonville mit ihrem Mann dreimal im Royal Palace, und für die kommende Woche sind auch schon zwei Termine vorgesehen. Sie kann gar nicht sagen, was ihr dort am besten gefällt. Eigentlich findet sie »alles wunderbar«. Am wunderbarsten vielleicht diesen gut aussehenden Sänger mit der blonden Mähne, der sie immer zu Tränen rührt. Ihr Mann wiederum hege eine gewisse Präferenz für die Tänzerinnen. »Er schaut gern schöne Busen.«

Schon gegen Mittag fahren am Varieté die ersten Reisebusse vor. Rund tausend Menschen – Grenzgänger aus Deutschland, Familien aus Montpellier, Firmenausflügler und Rentner – strömen durch das Hauptportal über rote Teppiche, an golddurchwirkten Tapeten, schweren Lüstern und Samtsesseln vorbei in einen der beiden Speisesäle, die passend zum Veranstaltungsort Le Majestic und Le Versailles heißen.

Sie haben ein Paket gebucht, das, wie es sich in Frankreich gehört, mit einem guten Essen beginnt. Küchenchef Bruno Schlewitz, der im Pariser Ritz und bei Paul Bocuse gearbeitet hat, schwitzt schon seit dem frühen Morgen im Gewusel der riesigen Küche, deren Herz drei riesige stählerne Öfen sind. Er hat 180 Kilo Gänsestopfleber und 800 Kilo Rindfleisch für den Hauptgang kommen lassen, seine Köche beim Schnippeln der Gemüse überwacht, das Filetfleisch eine Viertelstunde hocherhitzt und dann sechs Stunden lang auf 64 Grad gegart. »Mit dem Niedrigtemperaturverfahren können wir große Speisemengen punktgenau liefern«, sagt er. Für 850 bestellte Menüs braucht seine Mannschaft exakt 25 Minuten. Oben in den Speisesälen machen sich die Gäste im Dreivierteltakt darüber her: Eine Tanzkapelle begleitet das Essen mit Walzern.

Zwei Musical-Berühmtheiten singen gegen einen Tenor der Mailänder Scala

Im Dorf tut sich zu diesem Zeitpunkt wenig. Beim Friseur ist Mittagspause, in der Schreinerei ist offenbar alles getan, und auch über dem Keramikladen liegt weihnachtliche Ruhe. Nur das langsame Herannahen des Eierwagens deutet auf etwas Geschäftigkeit hin. Hinter der Schule sitzt Bürgermeister Patrice Dietler in seinem schmalen Büro. An der Wand hängt das hölzerne Ortswappen, aus dem kleinen Fenster blickt man auf eine baufällige Mauer und eine Mülltonne. Der ehemalige Leiter einer Bankfiliale trägt einen Schnauzer und ein eingebundenes Seidentuch und verströmt jene Gemütlichkeit, die den Menschen in dieser Region zu eigen ist. Wenn er Kirrwiller beschreibt, sagt er: »Wir haben nur den Royal Palace zu bieten, nichts anderes!«

Am Anfang hat es Einwände gegeben, natürlich. Wie passen barbusige Tänzerinnen ins Dorfleben, wollten die Leute wissen. Inzwischen haben sie sich daran gewöhnt. Und genießen die Berühmtheit des Ortes sogar ein wenig. Auch Bürgermeister Dietler freut sich, wenn er im Urlaub auf das Varieté angesprochen wird, aber insgeheim würde er gern mehr daraus machen. Es könnten doch alle etwas davon haben, das Geld liege ja förmlich in der Luft. Er rede sehr viel mit seinen Nachbarn, sagt er. Warum nicht einen Lebensmittelladen eröffnen oder wenigstens Radwege anlegen? Nur interessierten sich die Dorfbewohner leider nicht für Touristen. Draußen läuten hell die Kirchenglocken, als der Bürgermeister sich einen Zigarillo ansteckt, auf die Straße tritt und sagt: »Man verliert viel Kraft dabei.«

Die erste Show beginnt um 16 Uhr. Dem Boden entsteigt im Kunstnebel ein Herr mit rotem Samtzylinder. Scheinwerferbatterien zaubern blinkende Sternenhimmel, in einer Orgie aus Licht und Farben schweben wohlgeformte Paradiesvögel auf die Bühne. In paillettenbesetzten Kostümen tanzen Mascha, Maria, Denewa und die anderen die Zuschauer ins Reich der Fantasie. Eine Melange aus Federboas und Brüsten, netzbestrumpften Frauenbeinen und muskulösen Männerkörpern. Zwei Musical-Berühmtheiten müssen gegen einen Tenor der Mailänder Scala ansingen, es wird gesteppt und jongliert und getanzt. Durch alle Stile und Zeiten. Cancan in Kirrwiller.

Die Künstler bewohnen Apartments im Hinterhof des Royal Palace. Sie leben in ihrer eigenen Welt. Um vier Uhr morgens, wenn die Ersten im Dorf aufstehen, gehen sie ins Bett. Wenn sie frühstücken, gegen 14 Uhr, nähern die meisten Dorfbewohner sich schon ihrem Nachmittagskaffee.

Die Tänzerin Audrée sitzt hin und wieder auch auf dem geblümten Sofa der Bonvilles, wenn sie auf ein Stück Kuchen eingeladen ist. »Eine große, schöne Person«, wie Herr Bonville mit leichtem Funkeln in den Augen bemerkt – und eine der wenigen Französinnen im Ensemble. Madame Bonville, die einen unruhigen Schlaf hat, hat es stets genossen, wenn in der Nacht nach der Show mehrsprachiges Stimmengewirr von der Dorfstraße hereindrang. Viele Schwärmereien und Eifersüchteleien waren da aufzuschnappen und vertrieben ihr die Zeit bis zum Morgen. Bis vor zwei Jahren hinter dem Palast ein großer Parkplatz entstand, der die Besucherströme umlenkte und ihr die Unterhaltung raubte. Auch die Ruhephase bis zur jeweils neuen Saison macht Madame Bonville und ihrem Mann stets zu schaffen. In diesen zwei Monaten fühlen sie sich in die Einsamkeit eines Dorfes zurückgestoßen, das ihnen ansonsten ja nicht viel zu bieten hat: »Wir vermissen dann jedes Mal etwas!«

»Haben Sie Angst?«, fragt Daniel ins Publikum. »Ich auch«

Um 23 Uhr beginnt die Abendshow. Ein Mann mit schwarz-rotem Lederanzug betritt die Bühne. Auf einem Podest in drei Metern Höhe stapelt Dany Daniel sieben mülleimergroße Metallrollen übereinander, zwei davon liegen quer. Dann legt er eine Wippe obendrauf und lässt sich von seiner Assistentin eine Leiter reichen, über die er auf die mehr als wacklige Konstruktion klettern wird. »Haben Sie Angst?«, fragt er ins Publikum. »Ich auch!« Er balanciert, richtet sich langsam auf und – gerät ins Trudeln. Der große Balanceur Dany Daniel verliert den Halt und seine Assistentin die Contenance. Sie sieht, wie er hinabstürzt, auf dem Bühnenboden liegt und sich die Hüfte hält. Dann erhebt er sich und steigt mit schmerzverzerrtem Gesicht ein zweites Mal hinauf. Dem Publikum stockt der Atem.

Als Daniel wenig später im Beifall badet, sitzt sein Chef Pierre Meyer schon hinten an der Bar, an seinem königsblauen Lieblingstisch, der aussieht wie mit Goldstaub besprenkelt. Der Unfall? Meyer winkt lachend ab. »Alles unter Kontrolle.« Ein inszenierter Sturz für das Filmteam vom elsässischen Fernsehen, die hatten sich eine dramatische Szene gewünscht. Dany Daniel, der seit einem Vierteljahrhundert auf den wichtigsten Bühnen der Welt zu Hause ist, fällt nur, wenn er es will. »Sonst wäre er ja nicht hier«, sagt Meyer.

Sicher, manchmal geht wirklich etwas schief. Meyer erinnert sich noch, wie vor vielen Jahren ein Zauberer aus sechs Metern Höhe stürzte und mit gebrochenen Knochen Meyers Frau »Cathy, ich liebe dich!« zurief. Das klang, als seien es seine letzten Worte. Aber bald ging es ihm besser, und er lernte aus dem Rollstuhl einen Ersatzzauberer an.

Kirrwiller hat zwei berühmte Söhne. Der eine ist Joseph Helfrich, der es unter anderem mit seiner Marke J.P. Chenet zum größten Weinexporteur Frankreichs gebracht hat, aber nicht mehr in seinem Heimatort wohnt. Der andere ist Pierre Meyer, den man wohl als besonders wohnhaft bezeichnen muss. Er leistet sich eine schlossartige Villa, die am Hang über dem Royal Palace liegt. Mit Swimmingpool, mehreren Sonnenterrassen und einem zwei Hektar großen, exotisch bepflanzten Garten. Pierre Meyer, 57, Impresario und mit 130 Angestellten wichtigster Steuerzahler der Gemeinde, sagt: »Ich habe alles, nur keine Zeit.« Seine Nächte gehen bis vier Uhr, um kurz nach neun sitzt er wieder im Büro.

Es hat eine Weile gebraucht, bis sich sein Lebenstraum vom Weltklassevarieté im Heimatdorf erfüllte. 1980 übernahm Meyer das Tanzlokal seiner Eltern, das in der Region eine gewisse Berühmtheit genoss. Heino trat hier auf, die Flippers und Tony Marshall. Aber Meyer wollte mehr. Er schaute sich in Paris um und kaufte dort fertige kleine Shows. Anfangs machte er noch selbst die Beleuchtung, sogar in der Küche half er aus. Als er 1989 zum ersten Mal eine eigene Produktion aufführen ließ, hatte das Lokal schon 600 Plätze, doppelt so viele wie ursprünglich. Nach einer Besprechung in der Libération rannten ihm auch die Fernsehsender das Haus ein, Meyer baute weiter aus. Alle wollten nun seine Show sehen, die billiger war als die Shows in Paris, aber nach Meinung vieler nicht schlechter. Er hat mittlerweile 200.000 Gäste im Jahr. Pierre Meyer, der die Bühne gern seinen Künstlern überlässt und sich selbst als »den kleinen Mann aus Kirrwiller« bezeichnet, sagt: »Wir verkaufen den Leuten Glück.«

Seine Geschäftsreisen führen Meyer durch die ganze Welt: Shows ansehen, Tänzerinnen verpflichten. Zwischen 1,73 und 1,80 Meter groß müssen sie sein, schlank und schön und mit diesem wattstarken Lächeln, das bis in die hintersten Reihen dringt. »Anfangs war ich sehr eifersüchtig«, gibt seine Frau zu. Wie soll man das nicht sein, wenn der eigene Mann ständig von mehr oder weniger nackten Frauen umgeben ist? »Wäre er ein Playboy, dann wäre ich natürlich verloren.« Aber zum Glück sei er das nicht. »Mein Mann ist sehr korrekt.« Cathy Meyer steht am Theateraufgang an der Empore in einem hoch geschlitzten schwarzen Kleid, das ihre langen Beine gut zur Geltung bringt. Die eine Hand liegt auf einem Goldtischchen, die andere deutet auf ein Wandgemälde, das ihren Mann mit einem Kaninchen in der Hand zeigt und sie selbst mit ihrem Pudel.

Cathy Meyer hat die Einrichtung des Royal Palace entworfen: die Bar in Karussellform, die als Chaiselongue verkleideten Bühnenlautsprecher, die gemalten Tiger, die mit glimmenden Augen von den Wänden grüßen. »Dekorieren ist meine Leidenschaft«, sagt sie mit knallrot geschminkten Lippen. »Das hat man, oder man hat es nicht.«

Gegen Mitternacht, als Kirrwiller bereits in tiefem Schlaf liegt, kommt das Publikum des Royal Palace bei der Abendshow in den Genuss einer ebenso vertrauensvollen Künstlerehe. Am Hochtrapez hängt Elena an ihrem Gatten Vadim, den sie vom Moskauer Staatszirkus kennt. Ein Bein hat sie an seinem linken Fuß eingehängt. Sollte er jetzt einen Krampf bekommen, würde dies das Ende ihrer Partnerschaft bedeuten. Sie arbeiten ohne Netz, »mit nichts unterm Arsch«, wie Elena später sagt. Sie verschlingen sich in luftiger Höhe ineinander und lösen sich, einander nur noch wie von ferne berührend. Eben noch getragen von Vadim, lässt sich Elena in die Tiefe fallen und wird im letzten Moment gefangen – um kurz darauf im Spagat auf Füßen Vadims zu ruhen.

»Vous nous avez fait rêver!«, sagen die Gäste am Ausgang zu Meyer und schütteln ihm die Hand. »Sie haben uns träumen lassen!« Dann treten sie hinaus in die Nacht, rauchen auf dem Weg zum Reisebus noch hastig eine Zigarette und verlassen dann einen Ort, den sie nie kennengelernt haben. Und Madame Bonville wird, wie immer, auf den neuen Parkplatz schimpfen und traurig sein, dass durch das offene Fenster so wenig Leben dringt.

Information Kirrwiller

Anreise: Mit dem Pkw auf der A5 Karlsruhe–Basel bis Baden-Baden. Weiter auf der B500 Richtung Iffezheim/Paris bis Beinheim, dann auf der A4 bis Mommenheim und den Schildern Richtung Kirrwiller folgen

Royal Palace: F-67330 Kirrwiller, Tel. 0033-388707181, www.royal-palace.com. Tickets für die Shows zwischen 20 und 37 Euro. Vor den Shows kann man zwischen acht Menüs wählen (Preise von 21 bis 47 Euro). Es gibt zwei Restaurants: das Le Majestic mit 800 Plätzen und das Le Versailles mit 150 Plätzen. Ermäßigung für Gruppen ab 30 Personen

Auskunft: L’Office de Tourisme du Pays de Hanau, Tel. 0033-388892345, www.tourisme-hanau-moder.fr

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. solche Varieté-Hochburg im wunderschönen Süden des Elsass. Nix wie hin. http://kallewestrich.blog...

  2. Sehr geehrter Herr Wenderoth,
    als Schwester von Pierre Meyer habe ich Ihren Artikel mit Freude und Amusement gelesen. Er trifft recht genau auf das Geschehen im Royal Palace und in Kirrwiller zu. Mein Bruder hatte viel Mut als er das Geschäft von unseren Eltern übernahm und es mit viel Fleiß und unternehmerischer Weitsicht zum heutigen Erfolg führte.
    Vielen Dank für den Bericht.
    Mit freundlichen Grüßen
    Marie-France Meyer

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